Scherben

Scherben

Verkaufen Sie? Na Judith-Michaela zog den Saum ihres langen Faltenrocks zurecht, schüttelte skeptisch den Kopf, warf einen flüchtigen Blick nach links und rechts, setzte sachte den Fuß über eine Pfütze auf dem Gartenweg und stieg die windige Holztreppe zur Veranda hinauf. Oben angekommen, wischte sie auf dem selbst geknüpften Flurläufer den Matsch von ihren Stiefeletten und schauerte leicht. Gerade erst hatte der Regen aufgehört, die Bäume im Garten tropften noch. Die von gelb-braunen, eingerollten Blättern bestreute Erde dampfte unter den ersten Sonnenstrahlen des Tages. Die Sonne selbst, frech verspielt wie eine pubertierende Göre, flackerte zwischen den schwarzen Johannisbeersträuchern, tanzte auf kahlen Kirschzweigen. Im alten Weinfass vor dem Haus spiegelte sich das typisch deutsche Herbstblau des Himmels, darüber zogen bauschige Wattewölkchen gemächlich dahin.

Lieselotte, Lieselotte Andrea, für Nachbarn und Verwandte stets Lieschen, für den Sohn Mama, für den Ehemann Lottchen eine stille, beinah durchsichtige Frau, mit Ärmchen zerbrechlich wie Kirschzweige, winzigen Füßen und dem Porzellangesicht einer Puppe, blass und fast durchsichtig, auf dem links und rechts zwei unpassend rote Flecken glühten nickte traurig. Sie verkauft wirklich. Ihr Wochenendhäuschen, das Familiendomizil schlechthin.

Warum ist die Bruchbude denn bitte so teuer?, verzog Judith-Michaela das Gesicht und betonte teuer wie eine Verkäuferin am Wühltisch. Sie war vom Typ her eher geizig, verhandelte auf dem Markt um jeden Cent, im Supermarkt las sie Kleingedrucktes und rechnete Rabatte gegen. So war das aber nicht immer gewesen: Die Lebensschule der 90er brachte das mit sich; als schöne, junge Frau wollte sie mehr, doch das Gehalt blieb aus. Judith und ihr Ehemann, damals noch junger Hüpfer und verliebt bis über beide Ohren Ingo eröffneten ein kleines Atelier, flickten und nähten für die Bürger von Eichenfeld. Doch woher gute Stoffe und Zubehör nehmen? Man will ja nicht als graue Maus dastehen. Sie schummelten, suchten Schleichwege, tricksten und schoben ab und zu auch mal ein Auge zu. Das Leben sollte eben mehr bieten als Erbsen aus der Dose, man wollte importierte Fernseher und Stereoanlagen, in der Hausbar standen importierte Whiskys und Gins, natürlich mit Tonic. Ehre und Gewissen? Ach, später, jetzt wird erst mal Geschäft gemacht!

So wurde Judith hart, fast schon rücksichtslos, wies jeden ab, der ihr im Weg stand, und schmierte die, die mächtig waren. Ingo wusste das, schwieg aber. Wenn’s dir nicht passt, geh halt! Damit erklärte Judith ihre Kompromisslosigkeit. Ingo entschied, dass ihm alles recht sei, wirklich alles, und blieb Judith viele Jahre treu zumindest offiziell, denn Herz und Leber gehörten zum Teil auch einer anderen: der heimlichen Geliebten Zoë, von ihm liebevoll Häschen genannt. In Zoë fand er Leidenschaft und Zärtlichkeit, in Judith das Geld. Kombiniert ergab das für ihn ein fast perfektes Leben. Wusste Judith vom Häschen? Nein. Hatte sie eine Ahnung? Sicher. Aber verjagen wollte sie den Gatten nicht

Die Käuferin wischte mit dem Handschuh über das Geländer, schüttelte dabei Moosröllchen ab.

Könnten Sie das Haus wenigstens ordentlich herrichten! Ingo! Ingo, was stehst du da rum? schnauzte sie ihren Mann an, der am silbergrauen Ford lehnte, rauchte und dabei den Kragen der Jacke hochzog. Ingo, komm sofort. Muss ich wieder alles selber machen?

Pflichtbewusst warf der Mann die Kippe weg, stemmte sich durch das Gartentörchen, aber das klemmte.

Mensch, bist du doof? Geht nach außen auf! blaffte Judith und befahl, das Haus aufzuschließen und zu zeigen.

Das Vorzimmer: liebevoll mit Holz verkleidet, blitzblank, mit einem Platz für Feuerholz, Haken an der Wand und einer DIY-Schuhablage. Ein großes, leicht blasses ovales Spiegelbildete mit dunklem Holzrahmen den Empfang.

Was soll das eigentlich mit den Teppichen und Läufern bei euch? Das ist unhygienisch, darunter ist doch bloß Dreck! Modern lebt ihr nicht, oder? keifte Judith. Fast wie bei den Neandertalern!

Die hat meine Oma gemacht. Handarbeit. Schauen Sie, solche bekommt man gar nicht zu kaufen, sagte Lieselotte sanft.

Mit Oma hatte Lieschen die Stoffstreifen geschnitten, die Muster selber gelegt, alte Kleider verarbeitet. Für sie war das Erinnerung an Omas ruppige Hände, an die Mutter, die Singende mit den feinen Füßen, tanzend auf eben diesen Läufern Es war Erinnerung an Kirill, als er noch auf allen Vieren herumkroch und die Teppichmuster zur Landkarte umphantasierte.

Und heute, heute verkauft Lieschen das alles. Für Geld. An so eine nörgelnde Frau, die die Läufer eh rausschmeißen oder verbrennen wird. Sie braucht sie ja nicht.

Das ist doch alles für die Tonne. Aber gut, führen Sie mal weiter. Ich habe noch andere Termine! fauchte Judith, und irgendwie gefiel ihr ihre heutige Schroffheit.

“Sie sieht ja ihrem Vater verblüffend ähnlich,” dachte Judith, während sie dem Schatten der Hausherrin folgte. “Der war auch so ein Hempfling, staksig, mit komischen Zügen, der alle zum Lachen brachte und dann doch eiskalt war. Lieschen ist bestimmt genauso: außen Lamm, innen Wolf!”

Hier das Wohnzimmer könnte auch Gästezimmer sein; dort die Küche, mit Blick in den Garten, erklärte Lieselotte.

Gästezimmer, das ich nicht lache! Bei der Größe?! Verkaufen sollte man schon ehrlich!

Na, gehen Sie doch selbst mal rein, sagte Lieschen geduldig.

Judith winkte ab.

Was gibts sonst noch zu sehen?

Kammer für Vorräte, separater Ausgang zum Garten, und die Heizung funktioniert. Rechts das Arbeitszimmer meines Vaters, die Sachen sind noch nicht geräumt, aber das machen wir noch.”

Ach, Arbeitszimmer, wie aufregend. Judith rollte gespielt mit den Augen und trat ein. Massiver Eichenschreibtisch, grün Abdeckung, Blätter und Flecken sofort sichtbar. Kunstvoll verzierte Briefablage mit Miniatur-Jägern das war wohl der Höhepunkt jedes kollektiven männlichen Ehrgeizes. Und überall Bücher, Lexika, Fachliteratur.

War Ihr Vater Professor?, fragte Judith, während sie sich über die eingerahmten Familienbilder beugte.

Ja. Er war Dozent am Institut, hat Geschichte unterrichtet. Aber inzwischen ist er in Rente, kann kaum noch sehen.

Wenn sie im Winter nicht aufs Land gefahren waren, weil der Vater Arbeit hatte und die Mutter krank war, fuhren Oma und Lieschen trotzdem hinaus. Schneemate, zitternde Gartentür, Eiseskälte. Oma stapfte voraus, jammerte über Mäuse, die alles zerfressen, andächtig ein Käsebrot und eine Tasse Tee. Die Stube wurde nicht geheizt, sonst würden die Wände weinen.

Vor dem Heimweg wurde das Häuschen immer bekreuzigt, “damit Gott das Nest bewahrt”. Lieschen war kein bisschen religiös, aber Omas Flüstern beruhigte sie immer, wie das feine Rascheln der Bäume im Sommer. Und dann mit vollem Anlauf einen Schneeball in die Apfelbaumkrone und die Schneelawine polterte hinunter, während Oma wieder ein Kreuz schlug. Das Haus, mit seinen dunklen Fensterläden und vernagelter Tür, schien seufzend und eingeschneit auf den Frühling zu warten

Und, liest er noch immer? fragte Judith schnippisch, während sie zur Treppe in den ersten Stock ging.

Nein, er ist fast blind inzwischen. Oben sind noch drei kleine, aber gemütliche Zimmer.

Hast du gehört, Ingo? Der Hausherr ist blind. Hat ihn wohl der liebe Gott gestraft?, warf sie sarkastisch rüber. Ingo zuckte. Im Grunde war es ihm vollkommen egal, warum Judith diese alte Bude überhaupt kaufen wollte. Es gab eindeutig bessere Lagen und Alternativen

Während der Fahrt hatte Judith keck bemerkt: Für einen Irren sind sieben Kilometer kein Umweg!

Und wer ist der Irre? fragte Ingo ahnungslos.

Fahr einfach!

Die bequeme Holztreppe führte nach oben. Auch dort wieder Läufer Judith rollte die Augen.

Da hilft nur das Grab! Warum ist es hier so dunkel? Drücken Sie Schalter, Frau Andrea! Oder wollen Sie mir Schimmel und Ungeziefer verheimlichen?

Da! Einsames Licht im Flur, drei Türen, ein weiterer Glasschrank, diesmal Porzellanskulpturen: Füchse, Wölfe, Eulen, winzige Tänzerinnen, gutmütige Schäfer und Hirten, nackte Nymphen und rosige Kinder, ein Soldat mit Akkordeon, eine Japanerin mit Fächer

Wow! Für diese Sammlung kriegen Sie mehr als für das ganze Haus! Ingo klebte an der Vitrine.

Die sind nicht zu verkaufen. Die gehören Papa.

Vater war ein leidenschaftlicher Figurensammler, spazierte über Flohmärkte, zahlte ohne zu feilschen, notfalls auf Kredit. Die feinbemalten Kerlchen mochte er lieber als Aktien. Mutter und Oma waren dagegen: So ein Unsinn, Geld verschwendet, das war doch für einen Mantel oder Schuhe für Lieschen gedacht!

Ihr habt keine Ahnung, das ist Kunst! Die Welt geht unter und ihr spart auf Mäntel! Damit verzog er sich maulend ins Arbeitszimmer.

Die Figurensammlung wanderte irgendwann in die obere Etage. Als Kirill klein war, schlich er einem Porzellanmatrosen nach und spielte heimlich unter der Bettdecke damit. Es gab ein großes Donnerwetter, als der Verlust auffiel und am Ende, ironischerweise, den ersten Schlaganfall des Vaters. Lieselotte wich in der Notaufnahme nicht von seiner Seite, während das Plakat über Gesundes Spazierengehen im Wartebereich sie höhnisch anstrahlte.

“Und, welche sind die wichtigsten Stücke? Jeder Sammler hat so ein Highlight”, forschte Judith.

Der Skifahrer. Und die Ballerina. Und die Schwimmerin dort

Sie erinnerte sich noch genau, wie Papa die nachhause brachte, wie er die Schachteln vorsichtig aus seinem Lederranzen zog. Sie wollte sie berühren, aber durfte nicht. Das sind keine Spielzeuge, Lotti! Nie anfassen, hast du verstanden?

Wie kann man so einen Kitsch sammeln?, rief Judith plötzlich, warf die Schwimmerin wütend zu Boden, dann auch Ballerina und Skifahrer. Da! Die wolltest du doch am liebsten, oder, Onkel Andreas?! Verflucht sollst du sein!

Judith, bist du verrückt? keuchte Ingo, fiel auf die Knie, sammelte hektisch Scherben zusammen. Entschuldigen Sie, Frau Andrea! Meine Frau

Lieselotte starrte fassungslos ihre Gäste an.

Wer sind Sie überhaupt?! Warum nennen Sie meinen Vater Onkel Andreas? Und benehmen sich, als wären Sie hier aufgewachsen?! Das ist unser Haus meins, Omas, Papas, von meinem Sohn

Nicht mehr, wie ich höre. Sie brauchen das Geld, weil der Sohn Mist gebaut hat, stimmt’s? All die Erinnerungen, und jetzt solls verkauft werden … Der Weihnachtsbaum, den Andreas selbst geschlagen und mühsam am Geländer festgebunden hat. Die alten Glaskugeln War das nicht immer unten im Flur? Mit der schiefen Tanne? Und Andreas hat sich als Weihnachtsmann verkleidet, dich Lotti überrascht du hast’s längst gewusst, warst aber verzaubert, oder? Die Sommerfeste unter den alten Kirschbäumen Die sind jetzt wahrscheinlich eh tot. Ich hätte sie ohnehin gefällt!

Lieselotte klammerte sich ans Treppengeländer.

Setzen wir uns?, flehte Ingo, Lassen Sie uns doch reden, ja? Streit zwischen Frauen, das war ihm immer ein Graus gewesen schon von zu Hause kannte er das.

Mach, Ingo. Oder ich zünd das Häuschen gleich an. Lieselotte, hast du Streichhölzer?

Judith, reiß dich zusammen! Wir fahren heim, du trinkst Tee mit Honig und beruhigst dich endlich, verstanden? Ingo zog an ihrem Ärmel, Judith riss sich los.

Wir unterhalten uns jetzt. Lieselotte, nur mal unter uns: Sie verkaufen wegen des Sohnes? Na, dann trinken wir einen Tee drauf.

Judith-Michaela marschierte in die Küche und ließ den Wasserkocher klappern.

Setzen Sie sich. Wo sind die Tassen?

Oben, im Schrank die vorn ist meiner Mutter, die mit dem Pferd von meinem Sohn, die kobaltblaue mit Goldnetz wohl von Oma. Und dann

Und wo ist die wichtigste? Die von Andreas?, forschte Judith, inspizierte das Schranksortiment. Ach herrje, das da?! Ein armseliger Becher! Mama hat ihm doch mal die schwarze mit den goldenen Schnörkeln geschenkt. Hat er Ihnen nie gezeigt? Peinlich, vermutlich Das hier kann in den Müll!

Bevor sie losschmettern konnte, hielt Ingo sie fest.

Der Pfeifkessel pfiff wie ein Schiedsrichter, der eine Runde abbrechen will, in der Lieselotte einstecken musste.

Sie kennen meinen Vater? flüsterte Lieselotte. Ingo reichte ihr Tee, doch sie rührte ihn nicht an als fürchtete sie Gift.

Allzu gut. Sie hielten ihn für einen Heilgen, oder? Idealvater, Musteropa Nun, er hatte seine Geheimnisse meine Mutter hätte Ihre Schwester werden können. Ihr Vater kannte meine Mutter von einer Puppenbörse. Sie sammelte auch. Er kam, brachte Blumen und Charme, schenkte mir eine Puppe. Manchmal blieb er über Nacht, ich musste zur Nachbarin furchtbar, weil die mich immer geschnauzt hat. Aber für Mama hab ich’s ertragen sie war so glücklich mit ihm Einmal fuhren wir gemeinsam raus, Luft schnappen. Ich dachte, er heiratet sie! Bis ich im Haus deine Spielsachen gefunden habe. Da wusste ich: Es gibt jemand anderen.

Das hab ich auch gespürt, murmelte Lieselotte. Als wär da jemand gewesen

Siehst du. Er erzählte uns alles, von Weihnachten und Sommerfesten bei euch … Ich träumte schon von gemeinsamer Zeit. Dann, eines Frühjahrs, kam Andreas mit Geld, nahm Mamas Figuren, sagte, das müsse für einen Abbruch reichen und zum Weiterleben. Aber Mama wollte kein weiteres Kind. Wie denn auch, zu zweit in einer kleinen Wohnung? Sie starb innerlich, schluckte Pillen, schaffte es noch zu meinem Abi. Erst weinte sie jede Nacht, dann wurde sie ganz still, lebte nur noch danebenher. Dein Vater hat sie zerstört, wie einen armen Welpen überfahren Was heulst du jetzt? Tut weh, so was zu hören, ja? Das soll es auch! Ich will, dass du leidest wie wir. Ihr hattet alles, ich habe mit achtzehn meine Mutter beerdigt. Ich hab studiert, und wer saß da vorne im Hörsaal? Dein Vater. Andreas. Er hat mich nicht erkannt. Ich hab den Studiengang gewechselt, mich ins Geschäft gestürzt. Neulich erzählt mir dein Sohn auf Betriebsfeier, ganz stolz, von diesem Haus von Weihnachten, der Treppe, der Katze und den Teppichen

Mein Gott, Kirill. Er hat nie seinen Mund gehalten,

Judith grinste traurig, wischte sich Strähnen aus der Stirn.

Kirill hat bei uns im Büro was verbockt, Geld ist verschwunden Warst du das? fragte Lieselotte leise.

Nein. Er selbst. Ihr verkauft jetzt das Haus, um das Loch zu stopfen. Aber ich helfe gern: Ich kaufe das Haus, du gibst das Geld Kirill, der zahlt es mir zurück, und fertig. Dann habe ich endlich ein eigenes Landhaus mit Treppe, Tannenbaum, Arbeitszimmer, Picknicks. Ich hätte Kirill anzeigen können. Mache ich aber nicht! Ab jetzt dreht sich das Glück für mich. Dein Vater hat mir meine Mutter genommen. Du hast mit ihm auf dem Podest gestanden. Nun bin ich dran. Du sagst, er ist blind? Recht so!

Judith sprang auf, verschloss sich in sich selbst.

Ingo, Zigarette!”

Judith, lass das , er hob warnend den Zeigefinger.

Gib. Mir. Die. Zigarette! zischte sie.

Er wühlte in der Jacke: Mist, draußen im Auto liegen lassen. Ich hol schnell … und verschwand mit Fluch durch die Tür in den abendlichen Garten. Modriger Geruch und Rauch gelangten herein.

Judith, das ist keine Lösung, sagte Lieselotte, trat auf sie zu, nahm sie sanft bei den Schultern. Rache bringt dir nichts. Dein Leid ist furchtbar, ja. Aber wenn du alles nimmst, dieses Haus, die Erinnerungen, was bleibt dir dann? Immer nur Vergleich, immer nur Kränkung. Du zerstörst dich selbst.

Doch, ich nehme, was mir zusteht! Mama wollte das so! weinte Judith. Lass lass mich!

Du wirst dich zerfleischen. Bau dir lieber ein eigenes Leben auf. Eigene Traditionen, eigene Erinnerungen. Du bist stark genug, schaffst das! Hart? Vielleicht. Aber: Hast du und Ingo Kinder?

Nein. War nicht mein Ding. Wir sind eher Kollegen als Ehepaar.

Eine Pause, beide sahen raus.

Du hast es dir nie erlaubt, glücklich zu sein, stellte Lieselotte fest. Nur weil Mama Pech hatte, wolltest du es auch so? Sie hat gehofft, dass dus mal besser hast! Eltern wünschen immer das Beste Dieses Haus ist doch schon lange nicht mehr das Entscheidende.

Judith wandte sich ab. Sich selbst Glück zugestehen? Vielleicht würde Mama sagen: Mach, Kind! Für uns beide!

Liselottes Handy vibrierte auf dem Küchentisch.

Ma! Hast du schon unterschrieben? Die Frau war doch da! Pass auf, unterschreib bloß noch nichts ein Typ aus Niedersachsen hat angerufen, das Geld ist auf dem Firmenkonto wieder aufgetaucht, alles erledigt, ich schulde nichts mehr! Sag der Frau, die kann gehen!

Die Stimme ihres Sohnes schallte durchs Haus. Judith verdrehte die Augen.

Ruhig, mein Junge. Sie ist hier. Wir klären das. Ich liebe dich!

Als er aufgelegt hatte, schaute Lieselotte verunsichert zu Judith.

Ich geh dann mal, sagte Judith wortlos, kritzelte ihre Nummer auf einen alten Rezeptblock und verschwand über den Gartenweg. Der Ford röhrte, Reifen drehten durch dann Stille.

So, als hätte man nicht Keramik, sondern Lieselottes Leben zertrümmert alles, was Licht, Wärme, Glaube an Vater, Glaube an Elternliebe und unbeschwerte Kindheit war, versank im Abgrund. Und jetzt? Keine Ahnung.

Da schlich sich nasser, voller Gras-Samen der Kater Theo herein, schob Köpfchen an Lieschens Bein und miaute leise. Katzen verstehen alles, nehmen die Schmerzen ihrer Menschen auf.

Na, mein Freund, lass dich abtrocknen Du bist doch kein Verräter? Ich weiß, du bist ein Guter. Theo, Theolein Sie kuschelte den Kater auf den Schoß, rubbelte ihn trocken, schaute gedankenverloren in den Garten.

Judith, ihre Mutter, die deutsche Puppe, die Porzellanfiguren, Papas Betrug alles kreiste im Kopf, wirr und drückend. In der Nacht fand Lieselotte keinen Schlaf mehr. Nebenan klapperte das kippende Fenster, Theo spielte mit der Teppichfransen.

Im Bademantel ging sie ins Arbeitszimmer des Vaters, setzte sich in seinen Sessel. Wie jetzt umgehen den Schein bewahren, alles ansprechen? Papas Gedächtnis war mittlerweile wie ein löchriger Schweizer Käse

Die sonst so behagliche, bürgerlich-gemütliche Stube war plötzlich kalt und klamm. Lieselotte trottete in die Küche, goss Tee ein.

Nein, so geht das nicht! Das darf einfach nicht so enden! Sie knallte die Teetasse auf den Tisch. Draußen dämmerten erste Sonnenstrahlen, Tropfen platschten von der Dachrinne in die Regentonne, auf deren Oberfläche ein buntes, gezacktes Ahornblatt tanzte.

Um zehn Uhr versuchte sie Judith anzurufen. Keine Antwort.

Fahr vorbei, zweiter Versuch, tippte Judith auf ihr Handy, schlang sich an den noch schlafenden Ingo und seufzte.

Am nächsten Morgen, direkt am Tor, noch bevor eine Begrüßung möglich war, legte Judith los: Das ist ein Fehler, Lieselotte. Ich kann einfach niemandem vertrauen, weil ich immer den Verrat fürchte Sie trug heute einen schlichten Trainingsanzug, die Haare im Pferdeschwanz, kein knalliges Make-Up, keine Arroganz, nur Unsicherheit.

Lieselotte lächelte und bat sie ins Haus. Jetzt wollte sie wissen, wie Judith wirklich ist, was sie mag, was sie bewegt. Sie war definitiv kein armes Würstchen. Sie war stark, einfach unglücklich und auf ihre Art schön so jemanden hätte sie gern zur Freundin.

Aber du bist gekommen. Es ist nie zu spät, mit jemandem ehrlich zu sein und sich auf ein bisschen Glück einzulassen, meinte Lieselotte und fing an, den Tisch zu decken. Wo ist denn dein Ingo? Ruf ihn, essen wir zusammen!

Der tappt da draußen rum, traut sich nicht rein, aus Angst, wir prügeln uns. Ingo! Komm rein, es wird keinen Streit geben! Der mag Frauenkrach nicht Ingo, bring bitte die Melone!

Der verschreckte Ingo schleppte die riesige Wassermelone ins Haus, rutschte fast auf der Treppe, aber die beiden retteten ihn an den Ellenbogen.

Kaufen wir jetzt das Haus, Lieschen? flüsterte er nervös ihr zu.

Nein.

Oh, Gott sei Dank! Ich kann Gärtnern und Teiche schippen nicht leiden. Danke, Judith!

Judith sah überrascht. Ingo bedankte sich so gut wie nie. Auch eine neue Erfahrung

Danke

Lieselotte saß einfach da, Hände auf den Knien, und fragte sich, wo zum Kuckuck sie an Silvester jetzt alle unterbringen soll. Offenbar doch in diesem Haus aber jetzt reicht der Platz hinten und vorne nicht Aber Judith muss einfach ein Neujahrsfest auf dem Land bekommen, mit Tannenbaum, gut festgebunden am Geländer, und Geschenken darunter! Nunja, eins nach dem anderen. Glücklich werden muss man schließlich langsam.

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Homy
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