Echtes Leben
Wohin willst du denn? Sie kommen doch gleich! Paulina! Bleib stehen, das ist doch peinlich! Unsere Gäste, rief Gertrud ihrer davonlaufenden Tochter nach und schüttelte den Kopf. Mit der Paulina war einfach kein Durchkommen, immer macht sie alles anders, immer dagegen. Was ist denn schon dabei? Sie haben am Wochenende Bekannte eingeladen, die könnten jeden Moment kommen, und man sollte sie begrüßen, zeigen, wie gut und gastfreundlich die Schneiders sind. Immerhin würde auch Julian, der Sohn der eingeladenen Familie, dabei sein vielleicht lernen sich die beiden ja kennen
Paulina, ich habs dir gesagt, komm zurück und zieh dich um! Warte auf die Gäste, zieh das Kleid an, es liegt auf dem Bett, und binde dir die Haare zusammen. Und die Schuhe! Hast du die Schuhe, die wir gekauft haben? Wo sind die?
Lasst mich doch alle in Ruhe! Mit langen Schritten sprintete das eckige, hochgewachsene Mädchen die Treppe der Veranda hinunter und rannte zum Gartentor. Ihr dunkles, aschblondes Haar, ganz wie das vom Vater, flog in feinen Strähnen um ihr Gesicht, vom Wind durcheinandergewirbelt, sie blies es weg, war ganz rot im Gesicht und verärgert. Ich mache, was ich will! Ihr habt diese Fischers eingeladen, also begrüßt sie selbst. Ich brauche eure Fischers nicht, kapiert ihr das? rief sie sich noch einmal umdrehend und schmetterte das Holztor zu, schlug den Feldweg ein, Richtung Gemeindeverwaltung, dann hinaus aufs gelb flirrende Feld, das an manchen Stellen im Schatten der Wolken wie rostig wirkte.
Die Ähren, eine wie die andere, mit feinen Härchen, ganz wie Katzenhaare, wiegten sich, verneigten sich vor dem vorbeirennenden Mädchen, doch Paulina bemerkte nichts davon. Ihr entging, wie der Mäusebussard, gestört von ihrem Auftauchen, hoch in den Himmel schoss, zu einem kleinen schwarzen Punkt wurde. Sie sah nicht, wie eine graue, dickliche Feldmaus, wohlgenährt im Sommer, panisch hinab in ihren Bau flitzte, bibbernd dort verharrte. Nicht mal die neugierigen, nachdenklichen Augen der Kühe auf der Nachbarweide beachtete sie, noch den Pfiff des Kuhhirten, Onkel Willi, als er sie vorbeihetzen sah. Ihr roter Hosenrock huschte zwischen den Reihen der Kornfeldern, das blaue Trägershirt leuchtete wie eine riesige Kornblume und wurde immer kleiner.
Na, hoffentlich fällt sie nicht, die reißt sich ja noch die Knie auf, brummelte er, schob die Schirmmütze in den Nacken und strich mit der Hand über den ergrauten, dichten Schnurrbart. Nur ein paar dunkle Haare erinnerten daran, dass Willi mal jung und stark war, der beste Traktorist in der Genossenschaft, ein echter Bursche, breite Brust, Hände wie Greifzangen, dem keiner was vormachen konnte. Früher stoppte er auch mal einen wilden Bullen mit bloßen Händen und presste dessen Kopf so fest, dass dem die Augen verdrehten. Ein Kraftprotz, auch wenn er jetzt alt geworden ist.
Willi lebt schon immer hier, in Oberfeld, seit ihn seine Oma Helga im Stall auf dem duftenden Heu in die Welt holte die Mutter hatte die Geburt kaum mehr ins Haus geschafft, alles ging zu früh los. Und so wuchs Willi im großen alten Fachwerkhaus auf, voller Leute, Tag und Nacht. Die ganze Sippe, Nachbarn, Freunde immer war das Haus voll. Der lange schiefe Tisch, umstellt von niedrigen Bänken, bot kaum genug Platz für alle. Beim Abendessen saß Willi immer bei irgendwem auf dem Schoß. Einen Vater gab es nicht, die Mutter Martha zog ihn allein groß. Und alle anderen halfen mit die Onkel, ihre Frauen, Marthas Schwestern. Laut war es, immer ein Kichern, während die jungen Tanten nähten und Lieder sangen, Willi verstand nie, warum sie sich zublinzelten und mit den Augenbrauen zuckten.
Abends kamen die Onkel von der Arbeit, riefen ihre Frauen in die Küche Essen! dann wurde der Schmortopf aus dem Ofen geholt, der Dampf zog über den Tisch, es gab große Brotscheiben, Zwiebeln und gekochte Eier, wie in einem Vogelnest.
Der älteste, der informelle Familienchef, Onkel Egon, nahm Willi auf den Schoß, strich ihm über den Kopf, steckte die Nase ins haarige Blond. Egon und seine Frau Dorothea hatten keine eigenen Kinder bekommen, nisteten sich dafür ganz bei Willi ein. Martha wars recht, denn hier waren alle wie Familie, so wie Willi für alle der eigene war.
Als Martha, schwer erkältet, ins Krankenhaus kam, wurde ihr bewusst, wie anders das Leben der anderen war. Nicht zu verstehen, wieso jede ihre Vorräte verstecken musste, wieso man heimlich, unter der Bettdecke, das eigene Brot aß. So wollte Martha nie leben.
So ist das, Martha: Stadtleben hier die Wand, da die Wand, und was dahinter ist, erfährst du nicht. Nachbarn sind wie Fremde, jeder schützt seinen eigenen Kram. Endlich hat man sein eigenes Reich, Privatsphäre Das ist nicht gut oder schlecht, das ist einfach so, erklärte ihre Bettnachbarin in der Klinik, Tante Anna, eine runde, schnaufende Frau mit roten Fingern und einem leichten Oberlippenbart.
Bedienen Sie sich, ich hab frische Himbeeren mitgebracht, ganz lecker! Mein Willi hat sie im Wald gesammelt. Der findet die besten Stellen!
Dein Sohn?, Anna betrachtete die Beere in ihrer Hand.
Dunkel und voller Saft, fast platzend, mit feinem Flaum auf jeder Perle im Lehrbuch hieße das Steinfrucht strahlte die Beere, als hätte sie das ganze Sommerlicht aufgesogen, mit einem Hauch Fichtenduft. Willi hatte sie nahe beim alten Wassergraben gesammelt, wo, wie man erzählte, im Krieg die Partisanen gefallen waren. Er und die Jungs hatten dort ein schlichtes Denkmal mit Stern aufgestellt, Onkel Egon hatte geholfen.
Dort waren die Beeren zuckersüß, es war still auf die Art, wie nur Wälder still sein können. Ein Frieden, weit wie das Feld, hoch wie der Himmel, niemandem gehörend.
Fast zu schade zu essen, Martha! Was für hübsche Beeren Mein Mann war Maler, wissen Sie. Für so ein Beerenbild hätte er alles gegeben bis zur letzten Mark. Und so haben wir uns am Ende auch getrennt, sagte Anna leise.
Martha hörte still zu. Dieses andere Leben, das Stadtleben, erschien ihr vollkommen fremd, fast unwirklich. Und doch, hier war es vor ihr! Die Frauen dort hatten ihre Geschichten, gehörten irgendwie zusammen. Martha dagegen ein Fremdkörper.
Mach dir nichts draus, Kleines, sagte Anna, und wie als hätte sie Marthas Gedanken gelesen, du wirst gesund und zurück zu deinem Sohn gehen. Nach Hause Jeder hat seinen eigenen Ort, an dem sein Herz schlägt.
Sie kam heim in der Stube tobte es, Egons Geburtstag wurde gefeiert. Die Frauen kneteten Teig, Mehl lag wie Staub in der Luft, Sonnenstrahlen fielen wie Fäden hindurch.
Martha! Mutter! wurde von allen Seiten gerufen.
Willis Äuglein waren verstohlen auf sie gerichtet, von Sehnsucht und Weinen gerötet. Niemand, auch nicht die liebsten Verwandten, konnten die Mutter ersetzen keiner!
Willi lächelte über diese Erinnerungen.
Wenn er das erzählte, meinten die Leute: Wie eng war das denn wohl? Hattest du überhaupt einen eigenen Platz?
Hatte ich nicht. Aber wofür braucht man den, wenn draußen solche Weiten sind? Wenns einem schlecht geht, rennt man raus aufs Feld, schreit, lässt den Frust heraus, das Korn und die Gerste vertragen das. Ist man glücklich, tanzt man im Sommerregen, wirbelt durch die Wiese, schaut dem Wolkenzug nach, als wären sie ein endloser Zug aus Watte und Vögeln.
Doch einen eigenen Platz hatte Willi trotzdem der Dachboden, wo die Mutter und Verwandten nie hinkletterten. Dort unter dem dicken, nach Harz riechenden Balken, bewahrte er seine Schätze: das Foto vom Vater, den blitzblanken Uniformgürtel, Bonbonpapier vom Silvester, Steine, Schachteln, ein im Wald gefundenes Zigarettenetui, ein Taschenmesser, ein Stück Spiegel, eine Lupe vom Lehrer Herr Baumann…
Wozu das alles? Die Mutter hatte auch alte Kleider und Notizen im Truhenschrank. Willi begriff vage das sind Bruchstücke von Leben, Erinnertes, das man manchmal herauskramt, betrachtet, dann wieder versteckt, damit die warme Erinnerung nicht verloren geht…
Seit langem war Willi nicht mehr dort oben gewesen, die Mäuse werden schon alles geplündert haben. Doch das Foto vom Vater hängt jetzt in der Stube, neben dem Bild von der Mutter. Daneben eines von Willi und seiner Frau Elisabeth, Schwarz-Weiß, aus dem Fotostudio.
Ob die Eltern je verheiratet waren, wusste Willi nicht. Alle Standesamtsunterlagen waren im Krieg verbrannt; die Mutter und ihre Schwestern sagten kaum je ein Wort über Paul, Willis Vater. Im wie behauptet wurde um einige Jahre jüngeren Pass der Mutter stand kein Vermerk zu einer Ehe.
Frag doch nicht, Willi, du bist noch zu klein! wurde er abgewimmelt. Und als er dann groß war, verging das Interesse. Für Willi blieb Paul immer der freundliche, listige Mann mit dem Lockenkopf vom Foto, gutherzig und tapfer, wie er als Kind immer geträumt hatte…
So lebte die ganze Großfamilie, bis alle irgendwann wegzogen, die Onkel und Tanten alt wurden, ihre Kinder studierten und in die Stadt gingen, ihre Eltern später nachholten.
Nur Willi blieb. Als seine Schulzeit zu Ende war, wurde Martha schwer krank, und Willi blieb bis zum Schluss. Nach Marthas Tod, nach der dunklen Erde am frischen Grab, nach dem Krächzen der Raben und den leisen Tränen der Verwandten, wusste Willi: Ich muss nicht weg. Alles, was zählt, ist hier Mutter, Haus, Hof. Für einen jungen kräftigen Mann fand sich Arbeit, er bekam einen nagelneuen Traktor. Im Windschutz an der Kabinentür steckte das Foto der Mutter. So fuhr Willi durchs weite Land, die Mutter lächelte ihn dabei an.
Die Schneiders wohnten am anderen Ende des Dorfes. Paulinas Mutter, Gertrud, stammte aus einer Familie, die zu Kriegszeiten wegen Verdiensten aus Hamburg aufs Land zwangsumgesiedelt wurde. Ihre große Mietwohnung in der Stadt wurde neu belegt.
Paulinas Urgroßvater, Oskar, und seine Frau Friederike, eine sehr stolze, etwas hochmütige Frau, saß gern im Vorgarten auf der Bank und sprach manchmal sogar mit ihrem Mann auf Französisch, was bei den Nachbarinnen Missfallen erregte.
Was tuscheln die da wieder? Wer weiß, was sie vorhaben, tuschelten die Frauen; die Männer tauschten nur Blicke: Oskar war ein Großstädter, völlig ungeschickt bei der Feldarbeit, fürchtete sich förmlich vor den Kühen, erschrak beim Traktor, wischte seine schmutzigen Hände an einem Lavendeldufttüchlein statt an der Arbeitsjacke. Wie wollte der Mann da das Überleben sichern?
Willi erinnerte sich die Leute aus dem Dorf hatten den Schneiders oft frisches Obst und Gemüse gebracht, was sie im Garten selbst zogen. Stolz wurden die Geschenke abgelehnt: Sie würden alles kaufen! Bald nahm der Stolz ab, und man dankte freundlich.
Manche Leute schwimmen eben nicht in ihrem Element, sagte der Vereinsvorsitzende, zündete sich eine Zigarette an und blickte über die kleinen Häuser hinweg auf die weiten Felder, wo Himmel und Erde ineinander übergehen.
Jahre später zogen die Schneiders wieder zurück in die Stadt. Willi erinnerte sich noch, wie Gertrud als Heulsuse und zanksüchtiges Mädchen fortging, als er selbst etwa zwölf war.
Erst viel später kam sie als erwachsene Frau mit Mann und Tochter, um das ererbte Haus zu übernehmen.
Sie beschlossen, es nicht zu verkaufen, renovierten, legten Blumenbeete im Stil einer Professorenvilla an, bauten einen künstlichen Teich im Garten. Sie kamen im Sommer zum Ausspannen, ließen die Nachbarn aber auf Abstand.
Und auch jetzt: Gertrud gießt den Garten, schneidet die Rosen, ihr Mann Martin schnitzt Holz, scheinbar soll gegrillt werden. Die Tore stehen offen, da werden sicher wieder viele Autos kommen und die Musik bis in den Morgen.
Gertrud hatte eine schöne, tiefe Stimme, so wie man sie vielleicht bei Sinti und Roma kennt. Sie kannte viele Balladen und setzte sich abends auf die Veranda, wickelte sich in ein buntes Tuch, verscheuchte die Mücken und sang. Martin spielte Gitarre. Die Gäste applaudierten, baten um weitere Lieder, aber Gertrud hatte meist keine Lust sie sehnte sich nach Hamburg zurück, wollte endlich ihre Ruhe und dem lauernden Blick der Nachbarschaft entfliehen
Die Gäste hier passten immer zur Familie: gepflegte Damen in flatternden Kleidern, Herren in Leinenhosen und Sommerhemden; die Frauen saßen unter Sonnenschirmen, die Männer tranken Cocktails nach Gertruds Rezepten. Martin war mehrmals im Ausland gewesen und hatte Rezepte mitgebracht, um Eindruck zu machen.
Paulina wurde stets in der Stadt gehalten, daheim ob mit Kindermädchen oder Nachbarin, man wusste es kaum.
Und wo ist denn Ihre Kleine? Hier? Gertrud, soll ich ihr frische Milch bringen? Direkt von meiner Gisela, noch warm!, rief Nachbarin Frau Köhler rasch über den Zaun. Das tut ihr gut!
Paulina ist nicht hier, zuckte Gertrud die Schultern. Und Milch trinkt sie sowieso nicht. Lassen Sie es gut sein, Frau Köhler.
Gertrud ließ ihre Tochter nicht aufs Land. Es könnten ja Mücken stechen, Bienen, sie könnte ihr teures Kleid aus dem Kaufhaus ruinieren oder, was noch schlimmer, mit den Dorfkindern spielen diese wilde Bande. Das sollte ihr fremd bleiben, damit sie keinen Schaden nimmt.
Und überhaupt, Paulina machte immer zu viel Lärm, rannte, schrie, erfand was. Das anstrengte Gertrud, also ließ sie das Kind beim Kindermädchen.
Heute war Paulina allerdings da und gleich gabs Krach. Sich schick anziehen und die liebe Tochter vorzeigen? Keine Chance.
Was für ein unausstehliches Kind!, seufzte Gertrud, schloss die Augen, atmete schwer durch.
Gertrud tat nie etwas einfach so, niemals nur des Gesprächs wegen. Immer war ein Ziel dahinter, alles wurde durchgeplant, das Menü ausgetüftelt, die richtigen Brettspiele auf den Schrank gelegt, die Spielkarten möglichst versteckt, um den Ruf nicht zu gefährden, der Sekt vorgekühlt, der Schinken aufgeschnitten.
Die Hilfe in der Küche stammte von Elisabeth, Paulinas Kindermädchen und Helferin, die am liebsten durch das offene Fenster witzelte und schon mit dem nächsten Soßenlöffel ankam.
Ach, lass das Mädchen doch laufen! Es wird ihr guttun, sie ist ja ganz blass! Komm lieber probieren, ob die Sauce gelingt, Gertrud! rief sie durchs Fenster.
Gertrud winkte ab: Hören Sie auf damit, Elisabeth! Und Sie haben Paulina viel zu sehr verwöhnt, sie nutzt das schamlos aus! Sie verschwand auf die Terrasse, um nach dem gedeckten Tisch zu sehen.
Plötzlich wehte ein Hauch von Mist herüber. Gertrud zuckte zusammen.
Nein, Martin, wir hätten dieses Grundstück wirklich verkaufen und ein schönes, helles Stück Land ohne Schweinestall und Hahnengeschrei kaufen sollen
Martin lachte: Ach, komm! Schließlich stammen wir alle von Bauern ab. Da steckt doch Romantik drin, findest du nicht? Nichts geht über frisches Heu!
Schluss damit! Oh Gott, sie kommen schon. Martin, die Fischers! Ich geh mich umziehen, du empfängst sie. Elisabeth! Den Zitronensaft, schnell!
Die Gäste wie es sich gehört zu begrüßen, einen guten Eindruck machen all das kann Gertrud. Wenn die Fischers den Tag genießen, vielleicht verschafft Herr Dr. Fischer Martin eine Stelle im Labor, eine Promotionsthematik Nur nicht blamieren!
Schon versaut: Die Kühe hatten vorhin den Weg passiert und frische Fladen zurückgelassen. Prompt hält Fischers Auto genau davor, Sohn Julian springt heraus, tritt voll hinein, flucht.
Gertrud wird rot, schaut Martin vorwurfsvoll an.
Doch der Vorfall lockert plötzlich die Stimmung. Herr Dr. Fischer lacht schallend, parkt neu, steigt aus und dehnt genüsslich den Bauch.
Herrlich! Martin, ab ins Wasser! Gibts hier einen Bach? ruft er mit breitem Grinsen.
Was tun? Gertrud hatte nichts über Baden festgelegt. Ist das hier überhaupt sauber, ist das nicht zu riskant Martin wusste es nicht.
Kommen Sie erstmal rein, Essen steht bereit!, öffnete Gertrud die Arme. Frau Fischer, Sie sehen blass aus! Die Landstraßen, schlimm, was? Wie oft sage ich: Verkauf das alte Haus, wir könnten zwischen den Professorenvillen wohnen Ich bringe Ihnen Wasser.
Aus dem Fenster tauchte wieder Elisabeth auf, rotwangig und von der Herdhitze, reichte ein Glas Wasser.
Gertrud nickte dankbar. Wenigstens einer hier auf ihrer Seite; Martin träumt sich in den Tag, bereitet Angeln vor, Paulina, die doch mal Hausfrau sein wird, ist geflüchtet und nicht mal umgezogen. Alles liegt an Gertrud, die Traditionen dieses Hauses, der gesamte Schein
Als sie so an ihre Wichtigkeit dachte, wurde Gertrud wieder ruhiger. Schließlich hatte sie den Mann vorangebracht ohne sie wären sie hier verloren! Die Miststücke vorm Zaun waren Peanuts, die räumt Elisabeth weg.
Julian, der 15-jährige Junge, kaute inzwischen auf einem Grashalm, blinzelte in den weißen Sommerhimmel. Er genoss die Freiheit hier draußen, die vielen Geräusche und Gerüche, davon wurde einem ganz schwindlig.
Und wo ist Paulina? fragte er, als er Gertrud mit dem großen Fischkuchen Richtung Tisch gehen sah. Nicht da?
Doch, sie läuft irgendwo herum, murrte Gertrud.
Entschuldigen Sie, ertönte Willis Stimme hinterm Zaun. Ihre Tochter ist dort beim Wald. Sie sollten wirklich nach ihr sehen. Dort gibts herrliche Himbeeren, gleich hinter dem Feld. Vielleicht holen Sie sich was?
Danke, das erledigen wir schon selbst, antwortete Gertrud kühl. Durchs Gebüsch kriechen? Vielleicht schicke ich Elisabeth.
Wo denn genau? Ich geh hinterher!, Julian schnappte sich ein Paket, suchte eine kleine Schale für Himbeeren, fand keine, zuckte die Schultern.
Geh den Pfad entlang, du brauchst keine Angst haben, hier ist es friedlich, lächelte Willi. In ihm war etwas Vertrautes, vielleicht dieser freundliche freie Blick Von Gertrud wollte man einfach nur schnell weg.
Mama, ich geh mal! rief Julian, Mutter nickte ihm zu.
Das Essen wird kalt, murmelte Gertrud, alle haben Hunger.
Elisabeth stellte den Samowar auf, Martin und Herr Fischer wuschen sich am alten Waschbecken draußen, setzten sich im rustikal-ländlichen Stil, stießen an und schnupperten an frischem Schnittlauch
Julian spurtete barfuß über den Weg, stolperte über Steine. Hoch am Himmel sang eine Lerche, aus dem Nachbardorf auf dem Hügel krähte ein Hahn.
Er sah Paulina erst, als sie im Gras saß.
Paulina! Paauulina! rief er, schwenkte das Bündel.
Sie sprang auf, schirmte die Augen, wandte sich ab, wollte fliehen.
Also sind sie nun da Und natürlich hat ihre Mutter Julian geschickt, um sie zu holen. Aber sie ging jetzt nicht! All das langweilige, peinliche Getue zu Hause reichte ihr schon. Dann hockt die Mutter irgendwo, jammert, wie anstrengend alles sei Gäste, Gespräche, der alberne Kram.
Warum macht sie das alles eigentlich?, hatte Paulina mal gefragt.
Wieso? Tickets für gute Kurorte, dein späteres Studium, die besten Ärzte wegen Vaters Augen dafür braucht man Kontakte, Paulina. Von nichts kommt nichts! Verstehst du?
Sie verstand es. Aber Paulina beschloss, so wollte sie nicht leben. Obwohl, das gute Leben mochte sie schon Aber man kann doch ehrlich sein! Es geht bestimmt
Warte doch! Paulina! Bleib stehen!, Julian hatte sie eingeholt und blieb schnaufend stehen.
Was willst du? Ich geh nicht zurück, verstanden? Sollen die doch machen, was sie wollen. Ich sing auch nicht extra was vor! Und umziehen werde ich mich sicher nicht! Und warum seid ihr überhaupt hier?!
Julian war verdutzt, wollte etwas sagen, legte ihr dann aber einen Finger auf den Mund.
Was denn? Wenns dir nicht passt, dann geh doch! fauchte sie, doch Julian deutete hinter sie.
Ganz ruhig jetzt dreh dich langsam um, flüsterte er.
Paulina riss die Augen auf, als hätte sie einen Bären erwartet, aber hinter ihr stand ein junges Rehkitz, hellbraun, große Ohren, schlanke Beine. Es schnupperte an einer Birke, der Körper zuckte unsicher. Dann stieß es einen Laut aus.
Was ist mit dem? fragte Paulina erschrocken und trat einen Schritt zurück.
Der hat sich wohl verirrt. Ich war mal mit meinem Vater im Wildpark, da haben wir Jungtiere mit Karotten gefüttert, die schlecken sie dann aus der Hand. Die Mutter ist bestimmt nicht weit. Warts ab, gleich ruft sie!
Paulina musste grinsen Wildpark, Karotten, und Julians ruhige, freundliche Art taten ihr gut, sie hätte jubeln können vor Freude. Aber sie drückte nur seine Hand fest.
Das Kitz hatte die Kinder bemerkt, schnupperte, dann sprang es mit schnellen, ungelenken Sprüngen ins Dickicht.
Hier soll ein Himbeerfeld sein, hat mir ein älterer Herr gesagt, flüsterte Julian.
Na klar! Das ist Onkel Willi! Netter Kerl, wenn auch alt. Der kennt sich hier überall aus. Meine Mutter verbietet mir, mit den Dorfleuten zu reden, aber ich sneake immer raus. Himbeerfeld? Los, schauen wir! Frau Köhler hat erzählt, dass es dort ein Partisanendenkmal gibt. Opa Willi hat da geholfen, schon als Junge
Paulina und Julian kennen sich kaum, verstehen sich sofort, sammeln für sie prallrote Beeren, lachen und plaudern. Später halten sie am kleinen Gedenkstein. Julian seufzt sein Urgroßvater ist im Krieg verschollen, vielleicht liegt er hier. Wissen wird er es nie Paulina pflückt Blumen, legt sie nieder. Eine Meise trillert, der Specht klopft, der Wind spielt im Laub. Das Leben geht weiter
Sie laufen heimwärts, erzählen sich alles. Die Fischers offenbar ganz normale Leute, spielen abends Bingo, lassen Julian mit den Nachbarskindern toben, lieben frische Milch vom Bauern.
Was ist eigentlich im Paket? fragt Paulina.
Oh! Ein Drachen! Ich hab ihn selbst gebaut. Komm, wir probierens!
Sie rennen über den Dorfweg, Julian hält die Leine, der rote Drachen saust kreischend durch die Luft, verscheucht Mauersegler, flattert und tanzt.
Was ist das? Martin, ist das Paulina? Rennt wie ein Wildfang! Das ist doch nicht schicklich! Gertrud sprang auf, schüttelte den Kopf.
Da kommen sie. Und was für ein toller Drachen!, lachte Herr Dr. Fischer. Ihre Paulina hat Schwung, macht sie Sport?
Willi traf die Kinder am Straßenrand, nickte ihnen aufmunternd zu.
Danke für die Himbeeren, Onkel Willi, sagte Julian. Und für das Denkmal. Warst du das?
Wir alle. Geht nach Hause, es wird schon Abend. Ich bring später noch Pilze vorbei sollen die Mütter sie braten!
Elisabeth reichte den Kindern Plätzchen und machte ein Kreuzzeichen. Sie erinnerte das Paar an ihre eigenen Enkel vielleicht könnten die auch mal kommen
Machen sie, schau nicht so sehnsüchtig, meine Liebe, schloss Willi seine Frau in den Arm. Sie habens doch versprochen.
Gertrud saß auf der Veranda, schaute streng vor sich hin. Alle waren weg die Männer angeln, Frau Fischer sammelt Blumen, die Kinder spielen irgendwo im Schuppen. Paulina wird sicher wieder schmutzig, schwer abzukriegen
Wozu macht man sich bloß die Mühe, Elisabeth? Alles umsonst, die laufen doch eh weg … Man wills doch ordentlich, menschlich, klagte sie der alten Haushälterin.
Das Leben, Gertrud, läuft eben nicht immer so, wie mans plant”, zuckte Elisabeth die Schultern. Mach dich nicht lächerlich, spiel doch nicht Theater zeig einfach, wer du bist. Komm, singen wir was, ich hol die Gitarre.
Langsam schlurften Pantoffel über die Dielen, irgendwo klimperte die Gitarre. Gertrud seufzte. Vielleicht könnte sie wirklich mal das Korsett ablegen? Da ist ja Frau Köhler, freundlich wie immer, und Willi, der als Hirte arbeitet, bringt eine ganze Korb voll frischer Pilze, duftend nach Tannennadeln, wie Gertrud sie aus Kindertagen liebt.
Ja, auch sie hatte als Kind Gummistiefel an, zog mit dem Körbchen los, geführt von der rauen, sanften Hand der Oma. Diese simplen Momente, frei von allem Gehabe, waren die schönsten. Schade nur, dass sie so schnell vergehen
Morgen geh ich mit Paulina zum Bach, sagte sie mitten im Gesang. Und dann in den Wald. Schon schade, die Erdbeeren sind schon weg dafür solls hier beste Himbeeren geben. Das Kind braucht Vitamine
Elisabeth nickte. Allmählich taute ihre Gertrud auf, begann wieder zu atmen, nach all den Jahren in ihrem eisernen Panzer
Nein, es ist wirklich schön auf dem Land, die Freiheit, das Atmen fällt leicht, die Weite macht Lust aufs Leben, aufs Laufen, aufs Spüren der Weizenhalme und Düfte hier zu leben, zu genießen, und später daheim an Frau Köhler, Willi, das Kitz, das Denkmal im Wald, den Ofenrauch im Dorf zu denken. Und vielleicht sieht man dann alles ein wenig anders, entdeckt das Gute um einen herum und hat selber den Mut, gut zu sein, echt zu sein. So sollte es bleibenAm Abend saßen sie alle gemeinsam auf der Veranda, das letzte Licht hing golden auf den Wiesen, und Grillenzirpen mischte sich mit dem gedämpften Lachen der Gäste. Paulina, mit Grasflecken an den Knien, ruhte den Kopf an Elisabeths Schulter. Julian daneben, ein wenig verlegen, aber glücklich, weil jemand seinen Drachen bewundert hatte. Im Flur dufteten Pilze, der Geruch von Wald und Erde zog durchs Haus. Irgendwann sang Gertrud doch ein Lied, nicht perfekt, ein bisschen rau, aber mit einer Wärme, die auch ihr selbst überraschte; und alle ließen die Blicke schweifen in die dämmernde Landschaft.
Willi saß auf seinem alten Schemel, hielt Elisabeths Hand, und dachte daran, wie alles sich verändert hatte, und doch irgendwie gleich geblieben war. Die Gäste lachten inzwischen herzhaft über eine von Martins Geschichten, während Frau Köhler, glucksend vor Freude, noch eine Schale mit frischer Sahne herumreichte.
Paulina spürte, wie sich etwas in ihr ließ, als sie Gertrud singen hörte: Ein Zuhause entsteht nicht durch Pläne oder den perfekten Auftritt, sondern wenn man wagt, sich zu zeigenmit dreckigen Knien, mit offenem Lachen, mit Fehlern und Sehnsucht und allem Dazwischen. Im nächsten Sommer, so schwor sie sich, würde sie noch mehr sammeln: Himbeeren, Freundschaften, Freiheit. Vielleicht, dachte sie grinsend, würde sie bald sogar freiwillig ein Kleid anziehen vorausgesetzt, sie dürfte damit rennen.
Die Nacht senkte sich über Oberfeld. Glühwürmchen tanzten über den Teich. Im Haus wurde noch lange getuschelt, gesungen und geträumt. Niemand fragte nach Etikette, keiner achtete auf die Uhr. Später, als alle schliefen, öffnete sich leise eine Tür: Paulina schlich hinaus, barfuß übers Gras, und hörte den Wind durch die Ähren rauschen. Sie wusste, hier draußen pulste das echte Leben wild, ungezogen, manchmal widerspenstig, und immer voller Zauber. Und mitten hinein wuchs ihr Herz, kräftig und weit.
Vielleicht genügte das.





