Die Verrückten

Die Schrulligen

Du, Maike, bist genauso verrückt wie eh und je! Warum zum Teufel lädst du dir immer den Kummer anderer auf? Hast du nicht selbst genug Sorgen? Reicht das nicht?!

Stefanie tobte, während sie die für ihre Schwester gekauften Sachen aus ihrer Tasche auf das Sofa pfefferte. Für sich selbst kauft sie nie was. Spart, als wäre der Euro morgen nichts mehr wert! Wozu nur? Und wenn man sie fragt, sagt sie auch nichts. Keine Kinder, keine Peitschen! War mal verheiratet, aber das war eine überstürzte, total überflüssige Ehe, die endete, bevor sie richtig anfing. Eine Woche, nachdem ihr Mann verschwunden war, schleppte Maike schon wieder einen neuen Kater in die Wohnung und war zufrieden. Sie wusste genau, dass ihre Schwester sie jetzt erst recht nicht aus den Augen lassen würde.

Der Ex-Mann hatte seine Siebensachen gepackt, während Maike arbeiten war, und ist spurlos verschwunden! Und als ob das nicht reichte, hat er noch ihre goldenen Ohrringe eingesteckt. Die Oma hatte sie per Testament vermacht! Die hätte Maike besser Stefanie gegeben dann wären sie wenigstens noch da!

Warum glotzt du so und sagst nichts?! Himmelskind! Los, anziehen! Wer weiß, vielleicht hab ich die falsche Größe erwischt.

Die knallbunten Oberteile und der neue Rock wollten Maike so gar nicht gefallen. Bunte Farben und wilde Muster waren nie ihr Ding. Stefanie dagegen liebte genau sowas. Heute trug sie einen rock in Augenweh-Grün (manche nennen es Salatgrün) und ein Oberteil mit Leoparddruck absoluter Modetrend gerade!

Guck, endlich siehst du mal aus wie ein Mensch! Stefanie verzog das Gesicht, als Maike an dem etwas zu kurzen Pulli zupfte. Stell dich nicht so an! Sieht gut aus! Vielleicht reichts ja noch für einen netten Herrn im besten Alter. Wird Zeit! Ich bin ja nicht ewig da, Maike Auf wen soll ich dich sonst lassen?

Stefanies Stimme bekam einen unerwartet sanften Klang, und Maike spitzte sofort die Ohren. Sie ging zu ihrer Schwester, lehnte sich an ihre beeindruckende Oberweite und umarmte sie.

Was hast du denn, Schatz? Stefanie drückte sie fest an sich und strich ihr übers schon silbrige, bestickte Haar. Ich hab dich lieb, du verrücktes Huhn. Und das weißt du.

Weiß ich schon…

So, jetzt sag: Was hast du dieses Mal wieder angestellt?

Maike schaute von unten zu ihrer Schwester und grinste.

Die korpulente, laute Stefanie war ihr der wichtigste Mensch auf der Welt. Seit Mama fehlte, war Stefanie für Maike beides gewesen, Mama und Papa. Damals war Maike gerade mal dreizehn. Stefanie, damals gerade zwanzig, packte es an, warf was sie beim Studium gelernt hatte über Bord, legte das Leben auf Pause und suchte sich einen Job. Sie mussten ja irgendwie zurechtkommen. Ihr Vater hatte die Familie verlassen, da war Maike erst drei Monate alt, und ließ nie wieder was von sich hören. Aber ihre Mutter war bewundernswert gewesen eine, die mit Herz und Verstand alles im Griff hatte, für alle sorgte Nur hatte ihr eigenes Herz zu viel gelitten und gab schließlich auf.

Also übernahm Stefanie Verantwortung und wie!

Dabei war Maike immer eine unkomplizierte Schwester gewesen. Keine wilden Teenagerkapriolen, keine Skandale. Manchmal brachte sie von der Straße einen verwahrlosten Kater mit oder kümmerte sich um die Oma aus dem Nachbarhaus, auch wenn dabei das Fensterputzen und die Hausaufgaben auf der Strecke blieben.

Maikes Herz war definitiv weicher und wärmer als Stefanies, das wusste jeder.

Ganz die Mama schüttelte Stefanie immer den Kopf, wenn Maike von ihrer Kätzchen-Rettungsaktion erzählte. Die hatte auch immer Herz für jeden, Mensch wie Tier. Aber pass auf, Maike, das Herz hat auch nur begrenzte Kapazität! Wie soll ich allein ohne dich klarkommen?!

Gar nicht! lachte Maike, mit diesen blauen Augen, so weich und klar wie der Himmel im Mai.

Wenn man da hineinschaute, wollte man automatisch leben. Da war alles: Freude, Liebe, all das, was die Seele braucht.

Natürlich bekam Maike auch ab und zu ihr Fett weg von Stefanie. Aus Sorge. Sie wusste, dass das Leben für Menschen wie Maike ziemlich rau werden kann. Leuten, die ihre letzte Bluse verschenken, alles geben, nur damit es anderen ein wenig besser geht. Konstruktive Mittelwege kannten die nicht. Die brauchts auch nicht, würden sie sagen. Denn Gerechtigkeit entsteht ja gerade auf der Kippe zwischen Gut und Böse und das Böse ist einfach massig im Übergewicht.

Als Maike, gerade 18, strahlend schön wie der Sonnenaufgang, verkündete, sie sei verliebt, stockte Stefanie das Herz.

Sie wird sich wieder vollkommen verschenken! Und an wen? Verdient dieser Kerl ein solches Geschenk?

Natürlich nicht.

Paul gefiel Stefanie von Anfang an nicht. Schlau, irgendwie schäbig, schielte zu Maike wie ein Kind auf Schokolade sabbernd, aber noch nicht bereit zuzugreifen. Erst später verstand Stefanie, warum Paul wartete. Er wollte, dass Maike ihm ganz und gar ausgeliefert war.

Was Paul daheim mit ihrer Schwester trieb, erfuhr Stefanie erst spät. Paul verbot ihr den Besuch, was Stefanie stutzig machte. Vielleicht denkt er, sie will sich als Schwiegermutter einmischen? Naja

Aber dass Maike gar nicht mehr auftauchte, das konnte sie nicht akzeptieren. Einmal erwischte sie Paul am Hauseingang:

Wo ist Maike?

Warum? Geht dich nichts an! Paul, kleiner Hungerhaken, reichte Stefanie kaum bis zur Schulter. Er schielte und grinste böse.

Da wusste Stefanie: Es läuft gefährlich schief. Sie hätte Maike nie allein mit Paul lassen dürfen!

Paul samt Schlüssel und Seele an die Wand zu drücken, war für Stefanie ein Klacks. Sie beugte sich zu Paul runter: Halt die Klappe. Und erschreck hier nicht die Nachbarn.

Paul muckte nicht mal mehr auf. Stefanie war halt das genaue Gegenteil von Maike.

Das, was Stefanie zu Hause bei Maike sah ein blaues Auge haute sie völlig aus der Bahn. Niemals hätte sie für möglich gehalten, dass jemand auf so ein liebes Wesen einschlagen könnte.

Unvorstellbar!

Warum hast du nichts gesagt? umarmte Stefanie ihre Schwester, die jetzt hemmungslos schluchzte.

Ich hatte Angst Ich wusste, du verschonst ihn nicht

Um ihn hast DU Angst?! Stefanie schob Maike beiseite, um nicht selbst die Kontrolle zu verlieren.

Um dich! Maike wischt sich die Nase ab und klammert sich an Stefanie, den einzigen Menschen, dem wirklich an ihr etwas liegt.

Heiraten wollte Maike danach nie wieder. Dabei mangelte es ihr wahrlich nicht an Angeboten, auch Jahre später nicht. Wer konnte diesem schmalen, birkenstammzarten, blauäugigen Sonnenschein schon widerstehen? Ein Charakter wie aus dem Bilderbuch freundlich, kein Gezänk, kein Neid, kein Frust auf diese chaotische Welt. Maike war einfach, wie frisches Quellwasser klar und, ehrlich, lebensnotwendig. Klar, ohne sie gehts irgendwie, aber aus dem Sumpf will keiner trinken.

Stefanie versuchte anfangs noch, ihre Schwester zu motivieren, das Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen, doch irgendwann begriff sie: Maike hat Panik. Panische Angst, dass wieder ein Paul ins Leben schneit und noch mehr Dreck auf ihre Seele wirft. Und für Maike war das Vertrauen in das Gute heilig.

Also gab Stefanie die Heiratspläne für die Schwester auf und widmete sich ihrer eigenen kleinen Familie. Ihr Ex-Schulfreund, mindestens genauso massiv und tapsig wie sie selbst, hatte sich nie unterkriegen lassen, und nach der gefühlt ewigen Wartezeit heirateten sie. Er hatte Stefanie schon seit der fünften Klasse geliebt, schon fast nicht mehr damit gerechnet, dass daraus noch was wird.

Maike liebte Stefanies Kinder den quirligen Jakob und die ruhige Jule als wären sie ihr eigen Fleisch und Blut.

Maike, willst du nicht auch ein Kind? Brauchst keinen Ehemann! Wir sind doch da! Kriegen wir alles hin, das schwör ich! versuchte Stefanie sie immer wieder zu überzeugen, wenn sie sah, wie Maike ihre Kinder anschaut.

Nein, Steffi. Ich hab Angst

Wovor nur?

Ob ich eine gute Mutter sein könnte? Ob ich überhaupt wüsste, wie Du sagst doch selbst, Hirn hab ich nicht genug davon. Wie soll ichs dem Kind beibringen? Ach Steffi, ich bleib bei deinen beiden, das reicht mir. Die sind mir näher als alles auf der Welt. Hoffentlich reicht meine Liebe für sie.

Stefanie verstand, dass sie Maike nicht umstimmen würde, und schlug ihr vor, wenigstens mal den Job zu wechseln.

Kindergarten ist ja nett und so, Maike. Aber wäre es nicht besser, wo zu arbeiten, wo dein Herz noch mehr gefragt ist?

Und wo soll das sein?

Mensch, z. B. im Kinderheim! Im Kindergarten haben die kleinen Racker ja Eltern, die sie lieben. Aber im Heim? Da fehlen die. Was sagst du?

Maike dachte nicht lange nach sie tat es einfach. Zwei Wochen später fing sie in einem Internat an. Sie war überzeugt: Die, die nie einen Schutzengel hatten, brauchten Liebe am dringendsten.

Schließlich, wie soll man durchs Leben gehen, ohne Liebe je kennengelernt zu haben? Wie den eigenen Weg finden, wenn nie jemand gezeigt hat, was es heißt, gebraucht zu werden…

Und so begann für Maike ein neues Kapitel ihres Lebens. Die Seiten füllten sich langsam, dicht beschrieben mit Namen von Jungen und Mädchen, die durch Maikes Herz erfuhren, dass auf der Welt nicht jedem alles egal ist.

Sie lebte einfach. Atmete für ihre Kinder. Jedes, das ihr anvertraut war, wurde ein kleines Stück besser und nahm etwas von Maikes Wärme an. Sie konnte keine Wunder vollbringen, doch sie half, begleitete die Kinder durch den Start im Internat und kümmerte sich später weiter. Half beim Einzug in die erste eigene Wohnung, kaufte Teller, Bettwäsche, brachte Kochen oder Waschen bei Dinge, die ihnen nie jemand beigebracht hatte.

Anfangs nervte es die Jungs, wenn Maike sie Spatz, Kätzchen, Goldfisch nannte, aber selbst die größten Rabauken schmunzelten irgendwann, wenn sie Maike auf der Straße ansprach:

Na, mein Goldfisch, warum hast du letzten Monat das Gas nicht bezahlt? Die drehen dir noch ab!

Mach ich, Mama-Maike!

Und was ist das für eine Rotznase an deiner Jacke? Wie oft hab ich gesagt, dass Mädchen keine Schmutzfinken mögen! Wenn dich deine Anni verlässt, bist du selber schuld!

Niemals! Wir heiraten nächsten Monat!

Und du sagst nix?!

Sie bastelt gerade die Einladungskarten für Sie! Ich durfte nix verraten jetzt ists raus.

Na siehst du! Müsli, grüß deine Anni ganz herzlich! Und sag ihr, wir gehen am Wochenende mit Stefanie in den Schrebergarten, Kirschen pflücken. Wenn sie Marmelade kochen will, soll sie mitkommen. Bring uns vom Bus mit den Eimern abholen und schreib Genni auch eine Nachricht. Der bekommt auch noch Kirschen zum Knödelmachen, aber die schleppe ich nicht allein quer durch die Stadt!

Die Wege trennten sich, aber das Band zwischen ihnen hielt, webte sich fein wie ein Spinnfaden durch die Stadt, verband alle, die durch Maikes Hände und Herz gegangen waren, zu einer großen, fast familiären Gemeinschaft.

Natürlich gabs auch welche, die Maikes Güte ausnutzen wollten. Manche bestahlen sie im Flur verschwand mal das Portemonnaie, mal etwas Kleingeld oder ein Trödelteil. Doch das war alles ein Klacks gegenüber denen, die Maike für ihre Offenheit verurteilten.

Sie können nichts ändern! Die bleiben alle so, wie sie sind. Abfall, keine Menschen! Verschwenden Sie doch nicht Ihre Zeit kümmern Sie sich lieber um sich selbst!

Maike hörte einfach nicht hin. Sie bedauerte nur, dass so viele im Herzen so leer waren, und sagte zu Stefanie:

Wie sollen die gut leben, wenn sie nie Liebe erfahren haben? Man kann nichts weitergeben, was man selbst nie bekommen hat. Das geht einfach nicht

Doch das Leben bleibt tückisch. Es traf Maike, als sie längst fest überzeugt war, dass sie den richtigen Weg für sich gefunden hatte.

Auf dem Heimweg von der Arbeit, es war schon fast Mitternacht, kam sie nach einem Abstecher bei der Schwester am Haus an. Noch bevor sie zur Tür kam, schlug man sie nieder, prügelte sie erbarmungslos, fast, als wolle man sich jeden Funken Menschlichkeit selbst austreiben.

Der Nachbar, leicht über den Durst, fand Maike im Hausflur und war schlagartig wieder nüchtern:

Ihr Unmenschen! Wie schafft ihrs, dass euch die Erde trägt?! Maike, Mäuschen, mach die Augen auf!

Als sie nicht reagierte, rief er sofort den Notarzt.

Stefanie stürmte mit Mann und Kindern ins Krankenhaus.

Überlebt sie?! befragte sie jeden Arzt, der nur in die Nähe kam.

Antworten bekam sie keine. Entweder wurde sie ignoriert oder höflich weggeschoben. Gegen Mittag kam endlich Nachricht: Maike lebt und sie wird wieder gesund! Die Ärzte hatten alles Menschenmögliche getan.

Stefanie weinte hemmungslos Erleichterung heraus und bemerkte dann erst, wie aus allen Ecken der Stadt Menschen ins Krankenhaus geströmt waren, die Maike längst Mama nannten. Der Warteraum war gerappelt voll. Menschen, die weinten, beteten und einfach fassungslos hofften, dass Maike schnell wieder auf die Beine kommt.

Erst jetzt kapierte Stefanie so richtig, was für eine Schwester sie da eigentlich hat. Nicht einfach nur ihre Maike mit all den kleinen Fehlern und Marotten, sondern DIE Maike, für die fremde und doch so vertraute Menschen vor Sorge nicht schlafen konnten.

Ach Mausi… Was machen wir bloß ohne dich?

Und es schien, als höre Maike genau jetzt die ganze Anteilnahme. Die Ärzte atmeten auf, als sie die Augen öffnete und nach Stefanie fragte.

Ihre Stefanie ist hier sie wartet unten. Wir lassen Sie zu ihr, sobald es geht. Bis dahin: ausruhen!

Die Täter wurden noch am selben Tag gefasst. Es kostete den Behörden einige Mühe, sie vor der Wut der Kinder zu schützen. Die Motive blieben schleierhaft und auch irgendwie unwichtig. Maike sah die Beschuldigten im Gericht an Menschen, denen sie einst wie eigenen Kindern begegnet war und wandte sich wortlos ab. Das traf sie härter als jedes Urteil. Später schickte nur einer eine Entschuldigung, Maike schrieb tatsächlich zurück, etwas krakelig wegen des gebrochenen Handgelenks, und bat Stefanie, ihr beim Verkauf ihrer kleinen Einzimmerwohnung zu helfen.

Wie bitte, Maike? Wieso das denn?

Ich will einen Neuanfang. Außerdem soll nicht jeder wissen, wo ich bin.

Okay, Stefanie verstand. Ist ja zentral, finden wir bestimmt einen Käufer. Und dann suchen wir dir was Kleineres, ruhig gelegen Mehr ist gerade nicht drin.

Passt schon.

Doch dann mischten sich Maikes Kinder ein. Einer suchte Wohnungen, ein anderer kümmerte sich um alles Bürokratische. Sie fanden eine günstige Zweizimmerwohnung mitten in der Stadt renovierungsbedürftig, aber die ehemaligen Besitzer wollten schnell nach Australien auswandern. Hinziehen durfte Maike sofort noch nicht.

Geduld, Mama-Maike! Wir bringen erstmal alles in Ordnung, dann kannst du umziehen. Gib uns zwei Monate!

Als Maike schließlich hinüberzog, verschlug es ihr die Sprache:

Das ist ja schöner als im Schloss!

Klar, kein Prunk. Aber die glänzenden Augen derer, die mit Herz renovierten und Möbel schleppten, waren für Maike wertvoller als jede Schatztruhe. Jeder einzelne Nagel, jeder Pinselstrich gab ihr den Glauben an Menschen zurück. Ihre Augen waren wieder so himmelblau wie nie.

Sie hatte jetzt mehr Platz für ihre geliebten Katzen und für die, die ihr nach wie vor am Herzen lagen. Stefanie schimpfte natürlich, weil Maike ständig wieder einen ehemaligen Schützling aufnahm, der noch keine eigene Wohnung hatte, und rannte zu Anwälten, um dafür zu sorgen, dass das mit rechten Dingen ablief.

Stefanie schreckte vor gar nichts zurück. Büros und Behörden öffneten sich ihr nur widerwillig zur Not auch mit einem Lieblingsspruch: Sagen Sie mal, haben Sie eigentlich ein Gewissen? Es braucht keine besondere Intelligenz, um Waisenkinder zu benachteiligen! Ich rechne jede verdammte Münze nach

Und dann nannte sie den nächsten Namen aus Maikes Wohnungsgästeliste.

Mit Stefanie hatte keiner so richtig Lust auf Ärger. Sie holte die Presse ins Boot, überzeugte jeden Amtsschimmel, dass er für Bewegung im lahmen System sorgen musste. Noch nie war sie daran gescheitert, die zähsten Fälle durchzukriegen.

Die Kinder bekamen nach und nach, was ihnen zustand. Zogen aus, und Stefanie konnte kurz durchatmen und wusste schon: Bald rannte sie wieder Ämtern hinterher. In der Stadt waren Stefanie und Maike längst als die Schrulligen bekannt. War ihnen aber egal. Sie fanden, dass sie das einzig Richtige tun: Maike hilft den Kindern, Stefanie hilft Maike. Punkt. So ists gerecht.

Was gibts da groß zu überlegen? An die Arbeit!

Und, was ist es diesmal, Maike? fragt Stefanie wieder mit funkelnden Augen.

Ein Mädchen, Steffi. Keine Familie, kein Zuhause aber ein Baby auf dem Arm.

Moment, wie alt?

Neunzehn.

Aha. Mann dazu?

Keinen. Sie ist ganz allein.

Ja klar, jetzt hat sie DICH, grinst Stefanie und mustert die Schwester in ihrem neuen Outfit. Übrigens: Grün steht dir echt nicht

Steffi!

Ach was. Kriegen wir schon hin. Ist noch Zeit. Wir denken nach!

Und wieder leuchteten Maikes Augen. Stefanie seufzte leise und dankte dem Schicksal für das größte Geschenk: Eine, die wusste, was Liebe heißt egal in welcher Gestalt sie ins Leben kommt. Hauptsache sie ist da! Und wenn sie dich dafür verrückt nennen dann ist das halt so.

Na und?!

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Homy
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Die Verrückten
Konnte nicht lieben – Mädchen, gesteht mal ehrlich, wer von euch ist Lilia? – fragte die junge Frau mit einem verschmitzten Blick und musterte mich und meine Freundin neugierig. – Ich bin Lilia. Und warum? – entgegnete ich irritiert. – Hier, Lilia. Ein Brief von Wladimir. – Die Fremde zog einen zerknitterten Umschlag aus der Tasche ihres Arbeitskittels und reichte ihn mir. – Von Wladimir? Wo ist er denn selbst? – wunderte ich mich. – Er wurde in ein Wohnheim für Erwachsene verlegt. Er hat auf dich gewartet, Lilia, wie auf den ersten Sonnenstrahl nach einem langen Winter. Er hat mir den Brief zum Lesen gegeben, damit ich die Fehler kontrolliere. Wladimir wollte sich vor dir nicht blamieren. Nun muss ich weiter, gleich gibt es Mittagessen. Ich arbeite hier als Erzieherin. – Sie warf mir einen tadelnden Blick zu, seufzte und verschwand. …Damals schlenderten meine Freundin und ich während der Sommerferien zufällig auf das Gelände eines fremden Hauses. Wir waren sechzehn, genossen die freien Tage und suchten Abenteuer. Svetlana und ich ließen uns auf eine bequeme Bank nieder, plauderten und lachten. Plötzlich kamen zwei junge Männer auf uns zu. – Hallo Mädels! Langweilt ihr euch? Dürfen wir uns vorstellen? – sagte einer und reichte mir die Hand, – Wladimir. Ich erwiderte: – Lilia. Das ist meine Freundin Svetlana. Und wie heißt dein schweigsamer Freund? – Leonid, – entgegnete der Zweite leise. Die Jungs wirkten sehr brav und etwas altmodisch. Wladimir musterte uns streng: – Mädels, warum tragt ihr so kurze Röcke? Svetlana, dein Ausschnitt ist aber ziemlich gewagt. – Na, Jungs, dann schaut doch einfach nicht hin. Sonst „wandern“ eure Blicke noch in unterschiedliche Richtungen, – scherzten wir. – Schwer, nicht hinzuschauen. Schließlich sind wir Männer. Raucht ihr etwa auch? – fragte Wladimir weiter neugierig. – Natürlich – aber wir inhalieren nicht, – lachten wir. Erst jetzt bemerkten wir, dass mit den Beinen der beiden etwas nicht stimmte. Wladimir bewegte sich schwerfällig, Leonid hinkte auf einem Bein. – Seid ihr hier zur Behandlung? – fragte ich. – Ja. Motorradunfall bei mir. Leonid hat sich beim Sprung von einer Klippe verletzt, – sagte Wladimir wie auswendig gelernt. – Bald werden wir entlassen. Wir glaubten die „Legenden“ der Jungs. Damals ahnten wir nicht, dass Wladimir und Leonid von Kindheit an behindert waren und lange im Heim leben mussten. Für sie bedeuteten wir ein Stück Freiheit. Sie lebten und lernten in einem Heim, abgeschottet von der Außenwelt. Jeder hatte sich eine Ausrede für seine Behinderung zurechtgelegt: ein angeblicher Unfall, ein Sturz, eine Schlägerei … Wladimir und Leonid waren klug und belesen, mit einer Reife, die über ihr Alter hinausging. Svetlana und ich besuchten die beiden nun jede Woche. Einerseits taten sie uns leid, wir wollten ihnen Freude bereiten; anderseits konnte man von ihnen viel lernen. Unsere kurzen Treffen wurden zur Gewohnheit. Wladimir schenkte mir Blumen von der nächsten Rabatte, Leonid brachte jedes Mal Origami für Svetlana, das er selbst gebastelt hatte. Wir saßen dann zu viert auf der Bank: Wladimir neben mir, Leonid mit dem Rücken zu uns, stets Svetlana im Blick. Sie war verlegen, wurde rot, aber mochte die Gesellschaft des zurückhaltenden Leonid. Wir redeten über Gott und die Welt. Der warme Sommer verging im Flug. Es kam ein nasser Herbst, die Ferien waren vorbei und die Abschlussklasse begann. Wir vergaßen Wladimir und Leonid vollkommen. …Die Prüfungen, das letzte Klingeln, der Abschlussball waren geschafft. Mit Hoffnungen im Gepäck stand der Sommer bevor. Wir besuchten erneut das Heim, warteten dort vergebens stundenlang auf Wladimir und Leonid. Plötzlich kam eine junge Frau aus dem Haus und gab mir Wladimirs Brief. Ich öffnete den Umschlag: „Meine geliebte Lilia! Du bist mein duftender Blumenstrauß! Mein unerreichbarer Stern! Vielleicht hast du nicht gemerkt, wie ich mich augenblicklich in dich verliebt habe. Unsere Treffen waren für mich wie Atemluft, wie Leben. Seit einem halben Jahr sitze ich am Fenster und warte auf dich. Du hast mich vergessen. Wie schade! Unsere Wege trennen sich. Aber ich bin dir dankbar, denn ich habe echte Liebe kennengelernt. Ich erinnere mich an deine samtige Stimme, dein lockendes Lächeln, deine zarten Hände. Wie schlecht es mir ohne dich geht, Lilia! Dich noch einmal sehen zu dürfen! Ich möchte atmen, doch mir fehlt die Luft … Leonid und ich sind jetzt achtzehn. Bald werden wir in ein anderes Heim verlegt. Wir werden uns wohl kaum wiedersehen. Meine Seele ist in Fetzen! Hoffentlich werde ich irgendwann über dich hinwegkommen und gesund werden. Leb wohl, meine Schöne!“ Dein immerwährender Wladimir. Im Umschlag lag eine getrocknete Blume. Ich schämte mich sehr. Mein Herz krampfte, weil sich nichts mehr ändern ließ. Mir schossen die Worte durch den Kopf: „Wir sind verantwortlich für die, die wir zähmen.“ Ich hatte keine Ahnung, was für Gefühle in Wladimir brannten. Aber ich hätte sie nicht erwidern können. Zu Wladimir hatte ich nie große Gefühle, nur freundliche Zuneigung und Neugier auf kluge Gespräche – nicht mehr. Ja, ich habe ein wenig geflirtet, ihn geneckt – wohl unwissentlich das Feuer seiner Liebe geschürt. …Viele Jahre sind vergangen. Wladimirs Brief ist vergilbt, die Blume zu Staub geworden. Doch ich erinnere mich an unsere unschuldigen Treffen, die sorglosen Gespräche, das ausgelassene Lachen über seine Späße. Diese Geschichte hat eine Fortsetzung: Svetlana war tief berührt von Leonids Schicksal. Seine Eltern hatten ihn wegen seiner „Andersartigkeit“ verstoßen – ein Bein war von Geburt an viel kürzer. Svetlana machte ihren Abschluss als Pädagogin und arbeitet heute im Heim für Menschen mit Behinderung. Leonid ist ihr geliebter Ehemann. Sie haben zwei erwachsene Söhne. Wladimir hingegen, erzählte Leonid, lebte lange allein. Mit vierzig kam seine Mutter, sah den einsamen Sohn, brach in Tränen aus, entdeckte die alte Liebe neu und nahm ihn mit ins Dorf. Was dann geschah, verliert sich im Dunkel der Zeit …