Rechtzeitig
Annika, Sie sind bezaubernd! Einfach bezaubernd! Herr Maximilian Berger küsste galant Annikas Hand, die in einem feinen Spitzenhandschuh steckte.
Ach, das sind doch Sie! Im zweiten Akt habe ich mein Text völlig vergessen und wäre beinahe gestürzt, Sie haben es doch gesehen! Annika errötete unter dem Theater-Make-up. Wenn Sie Ihre Improvisationen nicht gemacht hätten Ich wünschte, ich könnte auch so spielen Leiden richtig leiden, fröhlich sein, als wäre es wirklich mein Leben, und nicht den Faden verlieren. Sie, Herr Berger, sind wirklich ein Talent!
Ach was, Annchen. Der Mann wischte gedankenverloren eine Staubfluse vom Tisch, rieb sich den Nacken. Das ist alles nur Grimassenschneiderei. Mit der Zeit wirst du dich auf der Bühne frei fühlen, entspannt und dann kommt das gewisse Etwas von ganz allein. Improvisation! Natürlich streng nach Text und Regie, sonst gibt Herr Schuster uns noch allen die Kündigung, kicherte Onkel Max, aber trotzdem, man muss lernen, auf der Bühne zu leben, nicht nur nach vorgegebenen Bahnen zu laufen.
Nein! Das ist eine Gabe. Die hat nicht jeder, Herr Berger! Annika schaute bewundernd zu dem Schauspieler auf. Nicht mehr jung, aber das Gesicht hatte noch immer seinen Charme, die Augen leuchteten. Vielleicht war sie längst verliebt in ihn, wollte es sich nur nicht eingestehen. Maximilian Berger war ein wahrer Kavalier: Er verstand zu scherzen, Komplimente zu machen, er lächelte immer ganz anders als Annikas Vater, der nur grantelte und nörgelte. Und dass seine Tochter auf die Bühne ging, hielt er sowieso für eine Schande, fast so übel wie eine anrüchige Profession.
Warum, Papa?!, brachte Annika ihren Vater immer wieder zur Verzweiflung. Es ist ein ganz normaler, ehrenwerter Beruf! Wir haben so viele berühmte Schauspieler in Deutschland! Die bekommen sogar Preise.
Ja, ja! Ich weiß schon, was ihr da im Backstage alle treibt! schimpfte Günter, ihr Vater. Er wusste ohnehin alles besser, hatte schwer gearbeitet, um Annika großzuziehen, die Mutter früh verloren. Und nun, ausgerechnet sie, entschied sich für das Theater, wollte Clown spielen. Verstoßen konnte er sie nicht, was würden die Nachbarn sagen Jetzt bedauern sie ihn ein Mann allein, hat die Tochter großgezogen, die Frau zu Grabe getragen, keine Träne gezeigt, war stets stark. Und jetzt? Annika macht ihr Ding, steht vorm Publikum im Rampenlicht, wie er seinen Freunden immer wieder schildert. Peinlich! Und doch tut er ihr irgendwie leid.
Maximilian Berger entdeckte Annika auf einer eher unscheinbaren, lokalen Veranstaltung, einem studentischen Fest an der TU München. Sein Sohn, Andi, ein ziemlicher Lebenskünstler, studierte dort. Schon öfter musste Berger deswegen ins Dekanat, angeblich für Gespräche, aber meist flirtete er mit Frau Prof. Reimann, dem Dekan, brachte Theaterkarten mit, und jedes Mal wurde Andi die ein oder andere Pause verziehen.
Bei diesem Studentenfest, im größten Hörsaal, wurde Berger auf die junge Annika aufmerksam. Sie spielte mit einer Leichtigkeit, einer Ungezwungenheit, die ihn faszinierte. Da war etwas mehr…
Eine Seele!, dachte Berger. Ihre Seele klingt!
So beschrieb er es immer mit blumigen Worten. Die Seele klingt…
Bald darauf lud er sie ein, bei ihm am Theater in München mitzumachen. Natürlich durfte sie ihre Freundinnen mitbringen, für die Statisten brauchte man ohnehin immer junge Damen Erfahrung sammeln!
Das Theater war zwar nicht das Residenztheater oder das Schiller-Theater, aber doch bekannt, mit gutem Publikum Kenner klassischer Schauspielkunst. Annika gefiel das. Einmal war sie bei einem modernen Stück nackte Bühne, abgedrehte Kostüme, viel Schatten und wenig Text.
Voll verärgert suchte sie Berger auf.
Ist das wirklich die Zukunft des Theaters, Herr Berger? fragte sie seufzend. Ich will das nicht. Ich kann das nicht!
Ach Annika, reg dich nicht auf! Die Zukunft ist ein großes Feld. Es wird vieles geben, das dir gefällt, manches aber auch nicht. Und wenn du echte Schauspielerin bist, dann heißt es mitmachen, solange bis du berühmt bist, dann kannst du auswählen, was du spielen willst, mit Recht die Nase rümpfen.
Solche Ausnahmen gibt es nur ganz wenige! murrte Annika, stellte irgendwas am Schminktisch um, öffnete ein Döschen und nieste.
Berger wurde da plötzlich ernst. Schlug mit der Faust auf den Tisch, das Gesicht zog scharfe Falten.
Dann bist du hier wohl falsch, Annchen! Dann geh in die Bibliothek zum Kartensortieren!
Annika zuckte zusammen, presste die Hände an die Brust und entschuldigte sich.
Für Berger hieß das einen Anstoß geben. Warum nicht? Schöne Frauen sollen ruhig wissen, dass sie sich anstrengen müssen. Die Künstler sind verwöhnt, ein bisschen Ansage muss sein!
Annika rannte damals die Treppe runter, schrammte fast die Kostümbildnerin Frau Engelhardt um, verzog sich in eine dunkle Ecke und dachte lange nach.
Delikates wird mit gutem Wein serviert Und Annika müsste lernen, dieser Jahrgangswein zu sein, das aus jedem Stück etwas Besonderes machen kann. Sonst… Sonst hat sie auf der Bühne nichts verloren.
Sie wusste noch, wie stolz sie war, als sie frisch von der Schauspielschule ihr Diplom bei Theaterdirektor Herrn Wirth abgab. Sie bekam einen Vertrag, Gratulationen dann wurde sie weggeschickt: Für große Reden ist keine Zeit hier.
Onkel Max wartete schon unten mit einem Strauß gelb-grüner, fast frühlingshafter Rosen und schleppte sie in ein Bistro.
Herr Berger, das ist doch unpassend! Was sagt Frau Mila? Annika wollte sich losreißen.
Mila will auch gratulieren! Denk doch nicht, dass Mila mich wegen dir eifersüchtig ist! wieherte Berger. Mein Gott, Annika! Mila ist keine Eifersüchtige… Er lachte Tränen. So vergnügt hatte sie ihn noch nie gesehen.
Maxims Frau Mila keine Michaela, nicht Milena, einfach Mila, Milchen war selbst früher Schauspielerin, sehr schön und begabt. Doch der Stimme wegen musste sie zu früh aufhören.
Pass auf deine Stimme auf, Annika! Die ist dein schärfstes Schwert. Mit der Stimme kannst du alles erreichen. Ich habe sie nicht geschont tu du es! riet Mila immer, eingekuschelt in ihre dicke Schale, hustend, mit schwacher Stimme, aber mit starkem Herzen.
Mila mochte Annika gleich. Mit ihr konnte sie über alles reden, nicht so wie mit dem Chaoten Andi, Maxims Sohn. Der spielte nur im Leben, nicht auf der Bühne.
Annika war das Gegenteil: voller Energie, aufrichtig, enthusiastisch selbst im Kleinsten. Sie konnte lachen, weinen, improvisieren, mit Leben füllen, worüber die anderen nur lächelten.
Du bist ein Glühwürmchen, Annika. Hoffentlich erlischt du nie, sagte Mila oft. In deiner Nähe ist es warm.
Wahrscheinlich waren Mila und Maxim die einzigen, die Annika sagten, dass sie als Mensch, nicht als Schauspielerin, gut war. Von ihrem Vater bekam sie weder Zärtlichkeit noch Zuspruch dafür war keine Zeit, keine Notwendigkeit. Der Rest der Verwandtschaft wohnte weit weg und fand ihren Schritt, auf die Schauspielschule zu gehen, sowieso verrückt.
Warum mit den Röcken wackeln, statt einen vernünftigen Beruf zu lernen! Nicht jeder wird in Deutschland ein Gustaf Gründgens, Annika! Du willst mit deinem Körper Geld verdienen! so die Tanten bei seltenen Familientreffen.
Meist lief Annika dann einfach davon, ließ ihren Vater und die Tanten alleine singen und trinken. Sie streifte mit Freundinnen durch München, beobachtete Menschen auf Parkbänken wie ein Hund, saugte Impressionen auf. Das muss ich spielen… Das auch… Aber das, das nicht!”
Und irgendwann führte sie ihr Weg unweigerlich zum alten, stuckverzierten Haus, in dem die Bergers wohnten.
Annika, wollen Sie Tee? Ich sehe, Sie brauchen einen Tee und ein wenig Ruhe! Mila führte Annika zum runden Tisch.
Im Haus der Bergers roch es immer nach Vanille und frischem Gebäck. Mila regierte das Haus, Max witzelte, er wäre nur der Lakei. Zu dritt tranken sie Tee, sprachen über das Leben, Maxim spielte Gitarre, die Frauen sangen. Mila musste immer früher aufhören zu singen, überließ Annika die Bühne im Wohnzimmer.
Ach Annika! Du glaubst es nicht Maxim ruft im Schlaf! Mein Max ruft Textzeilen im Schlaf, ich kann kaum schlafen und wandere dann die ganze Nacht herum! klagte Mila zuletzt oft.
Alles bestens im Theater! meinte Annika. Herr Berger ist großartig. Wie immer.
Und wieder Blumen, Verehrerinnen, und kleine Liebesbriefe! Ich fürchte, Maxim hat wieder einen Flirt! schlug Mila die Hände über dem Kopf zusammen.
Ach was! pflichtete Annika bei, beide wussten, dass Maxim seiner Frau nie untreu war.
Ich fand mein Meisterwerk am Hauptbahnhof!, erzählte Maxim gerne wie er Mila kennenlernte. Ihr Koffer ging kaputt, ihren Sachen kullerten auf den Bahnsteig, die Menge stieg einfach drüber, Mila weinte. Maxim half ihr, tröstete sie, kaufte sofort einen neuen Koffer, war fünf Monate lang ihr Verehrer und heiratete sie.
Ich habe mein Meisterwerk gefunden. Reproduktionen interessieren mich nicht!
Doch um ihn schwirrten stets Verehrerinnen, die Blumen und Zettelchen vor die Haustür legten, manchmal selbst in der Garderobe warteten. Maxim tat stets höflich, riet ihnen weiterzuziehen zu leutseligeren Männern.
Mila fand das amüsant. Ihr Mann war beliebt ein Beweis für ihren guten Geschmack! Nur gelegentlich beschwerte sie sich über die penetranten Anrufe und Zettel in den Sträußen. Mit der Zeit, im Alter, wurde das lästig.
Warum bist du so geworden, Maxim?! So viel Sehnsucht auf der Welt, alles wegen dir…
Maxim seufzte, legte den Arm liebevoll um Mila, küsste sie sacht am Scheitel. Für ihn war Mila eine Göttin, er ihr Diener alles, was sie wollte, tat er.
Nun war Annika eine richtige Schauspielerin. Abend für Abend bejubeltes Publikum, Blumen, Applaus, ein Meer von Sträußen. Alle Frauen wollten ihre Blumen Berger schenken, er verteilte sie aber an die Kolleginnen, küsste die Hände, spielte mit den Augen, war der Star der Truppe, das Herz ihres Spiels. Manche beneideten, manche bewunderten ihn doch Berger war immer ein Mann des Ausgleichs, unaufdringlich, aber selbstbewusst. Die Auszeichnung als Verdienter fehlte noch, aber sie sollte bald kommen.
Annika, gehst du mit? klopfte jemand an Bergers Garderobe. Wir warten!
Annika wurde verlegen.
Die Mädels. Wir wollten noch feiern erklärte sie.
Maxim zuckte die Schultern, begann, das Make-up zu entfernen.
Geh ruhig! Lass sie nicht warten. Und hab immer Vertrauen zu dir! Du hast mal vergessen, mal vertan Na und? Was solls? Spiel mit Herz! Er zwinkerte ihrem Spiegelbild zu.
Annika nickte, öffnete die Tür, drehte sich noch einmal um.
Bis morgen, Herr Berger, flüsterte sie leise.
Leb wohl, mein Kind! Maxim winkte theatralisch.
Kaum war sie draußen, wich das Lächeln von seinem Gesicht. Berger riss sich die Perücke herunter, fuhr sich müde durchs Haar, seufzte schwer. Der Karaffe war leer Nicht schlimm… Zuhause wartet genug. Er verharrte kurz mit geschlossenen Augen, dann ordnete er sich, als müsse er sich wieder aufrichten…
Annika vergaß, dass morgen spielfrei war. Theater geschlossen es wurde renoviert. Sie beachtete auch das “Leb wohl” nicht weiter.
Beim nächsten Besuch im Theater grüßte sie Portierin, Kostümbildnerin und die Choreografin, spürte aber sofort: Etwas lag in der Luft.
Unheilvoll? Traurig? Hoffnungslos? Sie wusste es nicht, aber sie spürte: So wie früher bleibt es hier nicht mehr.
Weißt dus schon?! stürmte Pola, Annikas Freundin, ins Buffet.
Was ist denn? Annika trank ihren Kaffee.
Na, du schlemmst hier, während unser Berger dramatische Pause, große Augen.
Was?! Annika fuhr vom Stuhl hoch.
Unser Herr Berger Pola seufzte theatralisch. Hat gekündigt. Einfach so! Mitten in der Saison, Annika! Habt ihr was miteinander?
Pola liebte Klatsch und Tratsch, sammelte Gerüchte, teilte sie gerne in der Kantine.
Wie weg?! Warum? Er hat mir nichts gesagt! Und was soll diese Unterstellung, Pola? Annika stürmte aus dem Buffet, ergriff ihren Mantel.
Und die Probe? rief ihr Pola noch hämisch nach. Wenn der Regisseur sauer wurde, vielleicht bekam sie ja die Rolle. Toll!
Annika lief über die Straße. Gedanken hämmerten in ihrem Kopf. Nicht möglich! Berger darf das Theater nicht verlassen! Was wird jetzt? Er war doch noch vorgestern so fröhlich
Lange klingelte sie an Milas Tür, dann klopfte sie voller Verzweiflung gegen das Holz.
Was machen Sie da, junge Frau! kam eine ältere Dame aus der Nebenwohnung heraus, mit Dutt und Katze. Die Katze blickte Annika so vorwurfsvoll an wie die Frau. Schon wieder eine Verehrerin? Es reicht! Die Berger sind weg, kapiert?
Weg? Wohin denn? japste Annika. Ihr Herz schien ihr aus der Brust zu springen.
Alle drei, auf Kur. Andi ist wohl auch mit. Nun beruhigen Sie sich, die Leute wollen ihre Ruhe! knallte die Nachbarin die Tür zu. Die Katze fauchte, irgendetwas fiel krachend runter.
Das war Annikas Herz…
Und wann kommen sie zurück? Wann? rief sie verzweifelt durch das geschlossene Leder. Niemand antwortete.
Annika fühlte sich wie ein Kind, das man vor einem Geschäft sitzen lässt und dann einfach vergisst. Was wird nun mit dem Theater? Mit ihr?
Günter verstand nicht, warum Annika plötzlich so traurig war und ständig weinte.
Bist du etwa schwanger? Vom Schauspieler?! Er sagte es extra grob, alles Weibliche, das Thema Kind, nervte ihn. Und jetzt noch mit einem Theatermenschen! Er sah schon Horrorvisionen vor sich eine uneheliche Schwangerschaft! Arztbesuche, Geld bezahlen, alles nur Ärger…
Annika sprang auf, wischte sich die Tränen fort und verschwand in ihr Zimmer.
Und? Der Vater trat ein, sah den gepackten Koffer. Wohin?
Weg von dir, Papa. Von deiner Grobheit, deiner Kälte. Ich zieh ins Wohnheim, da krieg ich ein Zimmer, flüsterte Annika.
Und ich?! Was sagt das Dorf, wenn du schwanger auf die Bühne gehst!? Günter wurde ganz panisch.
Was hat das damit zu tun? Welcher Bauch? Warum denkst du immer nur Schlechtes über mich? Ich bin deine Tochter! Von Mama und dir, aber du redest von mir wie von einem Köter!
Sie ging, trotz seiner Versuche sie festzuhalten.
Es war dumm, jetzt auf der Straße herumzulaufen und ihre tauben Ohren am Kragen zu wärmen Aber das war alles, was Annika jetzt konnte.
Annika, du? rief plötzlich jemand.
Andi kam über die Straße, sprang sie locker an, mit langen, viel zu dünnen Beinen.
Was treibst du? Im Rollenstudium? Gib mir den Koffer, Madame! Er griff ihr Gepäck. Komm, du frierst ja!
Wenig später saß Annika in Milas Pyjama in Bergers Küche, trank warme Milch und seufzte.
Was jetzt? Warum seufzt du? Wie bist du überhaupt auf der Straße gelandet? Andi war genervt.
Was meinst du? fragte Annika leise.
Eure Gefühle, Seufzer, Blicke und so brummelte Andi. Damit kann ich nichts anfangen. Da bist du bei meinem Vater besser aufgehoben und der ist verreist.
Ich bin von Zuhause geflohen. Vater denkt, ich sei schwanger von einem Theaterschauspieler. Er traut mir überhaupt nichts Gutes zu. Und ich versteh nur nicht, warum dein Vater das Theater verlassen hat Die Leute liebten ihn, das Publikum er war mein Vorbild
Und die Verehrerinnen erst! zwinkerte Andi.
Das ist nicht so, wie du denkst! Er ist einfach mein Idol, mein Lehrer! ärgerte sich Annika. Also, warum ist er gegangen?
Warum gehen Menschen wohl in seinem Alter? Willst du ein Wurstbrot? Andi hielt ihr eins hin.
Annika nickte.
Er ist in Rente, Annika! Will nicht auf der Bühne sterben, das ist alles. Erst letztens musste wieder der Notarzt nachts kommen, wegen Herz. Er ist nach jedem Auftritt völlig ausgebrannt. Jetzt reichts! erklärte Andi. Will jetzt mit dem Sohn Schach spielen, sich einen Hund zulegen
So plötzlich Aber er sah doch so gesund aus murmelte Annika. Berger tanzte und sprang auf der Bühne aber auch das war offenbar nur gespielt.
Wie gehts ihm jetzt ohne Bühne? fragte sie schüchtern.
Himmel! Du mit deiner Bühne! Ihr macht alles Drama draus. Ich les lieber Bücher für mich ist Theater einfach nur ein Job. Ihr idealisiert euch selbst, als ob ihr was Besonderes seid.
Er drehte sich um, der Teller flog.
Bist du böse auf deinen Vater? fragte Annika. Sie war ja selbst auf den eigenen grantig.
Böse? Nein. Seine Bekanntheit macht unser Leben leichter. Im Haus duftet es immer wie ein Blumenladen, so viele Sträuße! Und die ganzen hübschen Frauen vor dem Fenster! Eigentlich hätte ich einen normalen Vater gewollt, Fußball, Skifahren, am Wochenende auf der Couch Rummaulen, ein ganz normales Leben
So einen hab ich. Ich kann dir meinen abgeben, zuckte Annika die Schultern. Der legt sich am Wochenende aufs Sofa, flucht über alles, ist immer unzufrieden.
Stille.
Väter sucht man sich nicht aus… Wir nehmen, was wir kriegen, brummte Andi. Du übernachtest im Wohnzimmer, ich mach die Tür zu. Mein Papa kommt morgen zurück, dann klärt ihr alles.
So bald? Annika war erleichtert. Man sucht sie! Sie war verloren, aber jetzt wird sie gefunden.
Mal dies, mal das… Ich geh lernen. Machs dir gemütlich.
Andi verschwand, Annika dachte über seine Worte nach. Sind wirklich alle Künstler schlechte Familienväter? Kann man einfach so aus dem Theater abtreten…?
Max Berger kam gegen Mittag. Er sang laut eine Opernarie, erstarrte, als er Annika sah.
Annika! Hätte dich nicht erwartet Andi, war das deine Idee? rief er.
Ich bin von zu Hause weg, Ihr Sohn hat mich reingelassen Ich gehe auch gleich, bekomme ein Zimmer im Wohnheim. Aber Herr Berger Sie haben aufgehört
Ach, gleich so vorwurfsvoll? Ja, Annika, ich bin gegangen! Und jetzt schaffe ich mir einen Hund an, einen Mischling, stell ein Aquarium auf, spiele mit Andi Schach und gehe zu Fußballspielen. Annika, du glaubst nicht, wie schön es ist, mal nicht arbeiten zu müssen! Und ich bin tierisch hungrig! Du kochst mir sicher was, oder?
Sie nickte und deckte auf.
Sie sind doch kein alter Mann! platzte sie heraus, während Berger Platz nahm.
Doch, Annika! Und ob ich alt bin! meinte er. Hör zu, geh immer auf dem Höhepunkt. Nicht diese Romantik von “bis zum letzten Atemzug auf die Bühne; das ist Kitsch. Solange ich noch kann, gehe ich erhobenen Hauptes weg, bevor die Leute tuscheln, Der Alte kanns nicht mehr. Ich möchte in Erinnerung bleiben als Star, nicht als Witzfigur. Nach dem letzten Akt sitze ich manchmal da und habe Mühe, nicht einfach umzufallen. Früher half ein Glas Cognac, jetzt nicht mehr. Das ist Alter, Annika. Aber das Leben wartet noch! Ich will Orchideen züchten so ist das.
Berger wusste selbst nicht, ob er Annika oder sich überreden musste, aber an seinem Entschluss zweifelte er nicht. Die Leute sollen ihn glorreich im Kopf behalten!
Vielleicht wäre ein offizieller Abschied schön? Wie es üblich ist… murmelte Annika.
Spinnst du? Mit Tschingderassabum verabschieden könnt ihr mich woanders! schnaubte Berger.
Und wie geht es weiter im Theater? fragte er beim Essen.
Annika zuckte die Achseln. Nichts Besonderes Rollen werden neu besetzt, Stücke laufen, das Publikum klatscht, neue Talente wachsen.
Siehst du, meinte Berger. Die Welt dreht sich weiter. Aber meine hat neue Farben bekommen!
Annika nickte zustimmend, bedauerte im Herzen, dass dieser unglaublich talentierte Mensch das Theater verlässt. So einfach, als wäre es nur eine Fabrik.
Berger hielt Wort, schaffte sich einen zotteligen Hund, Mischling, an, besorgte ein Aquarium, spielte abends mit Andi Schach, las Zeitung, sonnte sich auf dem Balkon. Mila scheuchte ihn wegen des unanständigen Outfits, aber nun war er öffentlich privat alles war ihm erlaubt.
Ins Theater ging er nicht mehr, behauptete, er wolle nicht. Gelogen: Er wollte sehr, doch er fürchtete, nicht widerstehen zu können und wäre wieder mitten drin, auf der Bühne
Für das Publikum blieb er der gutaussehende Held, der Schwarm der Frauen, stets charmant, ein Ritter. Nur Mila kannte die Schattenseiten: Falten, Altersflecken, trübe Augen, schlaffe Haut, schwerer Atem, zitternde Hände, gebückte Gestalt das alles blieb hinter den Kulissen, wie er es gewünscht hatte.
Aber Annika, später Andis Frau (wer hätte es gedacht!), war immer oft bei den Bergers, eine von uns. Sie sah den ganzen Weg des Schauspielers vom gefeierten Debüt bis zum Alter.
Und du, Annika, geh auch nur dann, solange du leuchtest nicht, wenn du schon im Sturzflug bist! sagte Berger manchmal, legte seine raue Hand auf ihre. Geh mit Würde. So bleibt alles rechtzeitig…
Annika nickte. Sie würde alles behalten wollen, was er ihr lehrte. Noch lag der lange Weg vor ihr mit Tränen und Glück, mit Hoffnung und Niederschlägen. Aber hinter ihr stand immer Maxim.
Improvisiere, Annika! Lebe einfach! würde sie sein Flüstern hören. Und lächeln. Sie hatte einen guten Lehrer gehabt schade nur, dass er zu früh ging. Oder war sie einfach zu spät geboren?
Am Ende habe ich gelernt, das Leben und den richtigen Zeitpunkt zu schätzen für alles gibt es seine Zeit, und manchmal ist es am schönsten, loszulassen, bevor man gezwungen wird zu gehen.





