Vergebung verdienen
Sebastian zog seine Mütze tief ins Gesicht, schob die Hände vor den eisigen Wind und stapfte mit leicht gebeugten Knien Richtung Haus. Doch er kam nicht an.
Irgendwann merkte er plötzlich, dass er sich verlaufen hatte… Der Junge blickte verwirrt umher und hatte keine Ahnung, wo er war.
*****
Die Eltern wollten gleich noch schnell beim REWE ein paar Sachen fürs Abendessen holen. Oma saß im Wohnzimmer und strickte Socken, warf immer wieder einen Blick auf den großen Flatscreen, wo die Silvestergala aus Berlin übertragen wurde.
Sebastian beobachtete mit dunkler Miene aus dem Fenster hinaus, sah, wie Schnee vom Himmel fiel und …
… wie die Jungs unten auf dem Hof Fußball spielten.
Mancher würde sagen, bei diesem Wetter Fußball zu spielen sei totaler Unsinn, aber die Jungs dachten da ganz anders. Ihnen gefiel das einfach.
Irgendwie musste man ja die Zeit totschlagen, solange die Erwachsenen “wichtige Sachen” in der Küche machten.
Durch den Schnee zu rennen war alles andere als leicht, und mit den dicken Winterstiefeln war es noch schwieriger, der Ball rollte kaum über den Hof. Doch das störte sie kein bisschen.
“Nur Angsthasen spielen im Winter keinen Fußball!” so lautete ihr Motto.
“Tooooor!” rief Felix, der im zweiten Stock wohnt, als der Ball am Schneemann vorbeiflog, der als improvisierter Torwart zwischen zwei Linden stand.
Sebastian knallte frustriert mit der Faust auf die Fensterbank. “Wäre ich jetzt im Tor gewesen das hätte ich nicht zugelassen!”
Aber er war eben nicht im Tor, sondern hockte am Fenster seines Zimmers. Im Hof fehlten Spieler besonders ein richtiger Torwart.
Die Jungs hatten deshalb den Schneemann als Torhüter eingesetzt. Besser als gar nichts, fanden sie. Sebastian konnte dem Kerl aus Schnee allerdings überhaupt nicht viel abgewinnen.
“Was sollen diese krummen Äste als Arme schon machen den Ball abfangen oder gar halten? Niemals”, seufzte er schwer.
Hin und wieder konnte der Schneemann mit seinem gelben Plastikeimer auf dem Kopf einen Treffer verhindern aber eben nur manchmal. Der Spielstand war bereits 8:3.
“Das wird nix ohne mich gewinnen die nie…”, dachte Sebastian überzeugt. “Ich muss da was machen!”
Er öffnete die Zimmertür, ließ Wohnzimmer und Flur hinter sich und rief im Flur:
“Mama, darf ich raus?”
“Du weißt doch, du bist noch bestraft! Rausgehen kommt gar nicht in Frage!”
“Mama, ich hab’s kapiert, ich geb’s zu, es tut mir leid und ich verspreche hoch und heilig, dass ich Tabea nie wieder was tue, ehrlich!”
Ja, Sebastian war wegen Tabea vom dritten Stock bestraft worden. Das Mädchen hatte ihm schlicht gar keine Beachtung geschenkt.
Er schrieb ihr Gedichte, zeichnete Herzchen in sein Hausaufgabenheft und versteckte ihr Milka-Schokolade im Ranzen. Alles nach Lehrbuch so, wie man es in Büchern über die Liebe liest.
Aber sie sah ihn nicht mal mit dem Hintern an.
Wenn sie ihm über den Weg lief, verzog sie das Gesicht demonstrativ und drehte sich sofort weg. “Wie eine uneinnehmbare Burg!”, ärgerte sich Sebastian.
Er hatte sogar im Internet recherchiert, wie man so eine “Burg” einnimmt.
Da gabs Tipps: Frontalangriff oder lieber eine lange Belagerung. Aber Tabea frontal anzugreifen zu riskant. Sie zu zermürben das würde ewig dauern. Er würde vorher alt werden, bevor Tabea “fiel”.
Natürlich hatte er es trotzdem versucht aber ohne Erfolg.
Es gelang ihm einfach nicht, das “Eisherz” der September-Neuen im Klassenzimmer zum Schmelzen zu bringen. Seit ihrem ersten Tag ging sie ihm nicht mehr aus dem Kopf.
Sein Vater erklärte, dass das in dem Alter mit elf Jahren gar keine Liebe sein könne und alles nicht so ernst genommen werden sollte. Aber Sebastian dachte anders.
“Und wenn das keine Liebe ist, was dann? Wenn ich nachts nicht schlafen kann, weil Tabea mir nicht aus dem Kopf geht?”
Wenn etwas nie gelingt, verliert man irgendwann die Hoffnung, und auch die Gefühle schwinden. Genau so ging es Sebastian.
Beim letzten Pausengong zerrte er Tabea aus Frust heftig am Zopf. Vermutlich, um die vergeudete Zeit irgendwie wieder wettzumachen.
Sie schrie laut auf, dann weinte sie lange, umringt von ihren Freundinnen.
Und Sebastian…
Er hielt immer noch das orangefarbene Haargummi in der Faust und musste plötzlich lächeln.
Wie sollte er auch nicht lächeln? Schließlich hatte er es endlich geschafft, irgendeine Emotion aus Tabea herauszulocken.
Die Klassenlehrerin fand das allerdings alles andere als amüsant. Sie rief seine Eltern an und die wiederum schworen feierlich, dass sie während der ganzen Weihnachtsferien ihrem Sohn Erziehungsgespräche zum Thema “Was ist gut und was ist schlecht?” halten würden.
In Wirklichkeit verboten ihm die Eltern einfach den Computer und das Rausgehen.
“Wie in einem Straflager! beschwerte sich ihr Sohn. Wir leben doch im 21. Jahrhundert!”
Und trotzdem gab Sebastian die Hoffnung auf Gnade nicht auf.
“Mama, bitteeee…”, bettelte Sebastian und setzte die gute alte Überredungstaktik ein.
Die Mutter sagte nichts.
“Hör mal, vielleicht machen wir ausnahmsweise wegen Silvester eine Ausnahme und lassen ihn zu den Jungs raus?” schlug der Vater vor. “Er hat schließlich ehrlich bereut, stimmts?”
“Ja, ich bereue es wirklich!” nickte Sebastian sofort.
Die Mutter dachte lange nach und…
… zeigte Erbarmen.
“Aber nicht lange! Sobald wir vom Einkauf zurück sind, kommst du SOFORT nach Hause, verstanden?”
“Okay, Mama, danke!”
Sie gingen alle gemeinsam die Treppe hinunter. Die Eltern bogen Richtung DISKA ab, Sebastian lief im Laufschritt in Richtung Bolzplatz, wo die Jungs im Schnee dem Ball hinterherjagten.
Er warf seine Jacke auf den gefrorenen Boden, schubste den Schneemann aus dem Tor und stellte sich selbst auf den Posten.
Die Mannschaft, jetzt wieder zu dritt, stürmte begeistert los und rief: “Jaaa!” es war alles wie früher.
Der Wind heulte, dann legte er sich, dicke Flocken tanzten unaufhörlich vom Himmel; die Wettervorhersage hatte Sturm angekündigt. Sie mussten unbedingt noch aufholen.
Sebastian hielt alles, was nur ging, im Kasten. Seine Freunde kämpften sich zurück und holten die Führung.
Immerhin ein Tor Vorsprung ist besser als nichts, sie waren vorn, das freute alle.
Und dann ganz plötzlich, mitten im Spiel tauchte da ein Kätzchen auf. Ein winziges, rotes Kätzchen, das erst versuchte, die Jungs zu fangen, die dem Ball nachjagten. Dann kam es eindeutig erschöpft zu Sebastian getigert und miaute jämmerlich, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen.
“WAS willst DU?!”, blaffte Sebastian ungehalten. “Siehst du nicht, ich hab jetzt keine Zeit?”
Er fuchtelte wild in der Luft, dann stampfte er ein paar Mal, damit die Katze verschwand.
Aber das Kätzchen war kein Feigling. Es miaute und schmiegte sich an Sebastians Stiefel, ließ sich einfach nicht verscheuchen.
Währenddessen näherte sich Felix aus dem zweiten Stock dem Tor. Er stolperte zwar immer mal wieder im Schnee, aber er ging zielstrebig auf den Kasten zu.
Und dann…
“TOOOR!” brüllte Felix über den Hof.
Sebastian stand wie versteinert zwischen den Linden und ärgerte sich maßlos. Über sich, weil er das Tor kassiert hatte aber noch mehr über das Kätzchen.
“Alles deine Schuld! Wegen dir! Hau ab!”
Das Kätzchen warf dem Jungen einen traurigen Blick zu und trottete davon. Wo es hinlief, sah Sebastian nicht mehr.
Sein ganzer Fokus galt wieder einzig und allein dem Ball, der hin und her wechselte.
“Jetzt schieße ICH ein Tor!”, rief Felix. Im allerletzten Augenblick stolperte er der Ball flog meilenweit am Tor vorbei.
“Hey, ihr Rowdys! Was soll das?!”, schimpfte Frau Krug, als sie mit den vollen Müllsäcken Richtung Mülleimer ging und vom Ball fast getroffen wurde. “Ihr wollt mich noch umbringen?!”
“Entschuldigung, Frau Krug! Können Sie uns bitte den Ball rüberschießen?”, rief einer der Jungs.
“Habt ihr sonst nix zu tun!” schnaufte Frau Krug, dachte kurz nach und trat dann doch gegen den Ball.
Der prallte am Baum ab, flog auf die Straße und rollte direkt vor das Rad eines anfahrenden VW Golfs. Der Knall war so laut, dass Sebastian die Ohren schmerzten.
“Super, das wars dann wohl mit dem Spiel…”, murmelte er niedergeschlagen.
Auch die anderen waren enttäuscht, schickten ein stilles Danke an Frau Krug und beschlossen, dass sie ihr Spiel auf den nächsten Ferientag verschieben würden. Vielleicht hatte Felix dann einen neuen Ball.
Nachdem sie sich verabschiedet hatten, liefen alle nach Hause zum heißen Tee und zum Aufwärmen an der Heizung.
Sebastian wollte jetzt auch nach Hause. Er bückte sich nach seiner Jacke und erstarrte. Im Ärmel steckte doch tatsächlich das kleine, rote Kätzchen.
“Was machst du denn da?”
“Miau…” antwortete das Kätzchen kläglich. Es zitterte vor Kälte und blickte Sebastian mit großen, hoffnungsvollen Augen an.
“Vergiss es. Bleib draußen!”
Sebastian schüttelte das Tier aus dem Ärmel, zog seine Jacke an und stapfte Richtung Hauseingang.
Das Kätzchen blieb einfach da sitzen, einsam im Schnee, starrte Sebastian immer noch mit traurigen Augen nach, hob dann eine Pfote in die Luft.
Im gleichen Moment frischte der Wind unbarmherzig auf, fegte durch Sebastians Ohren, die dicken Flocken klatschten ihm schmerzhaft ins Gesicht und setzten sich in die Wimpern.
Sebastian drehte den Jackenkragen hoch, zog die Mütze noch tiefer und kämpfte sich mit gebücktem Rücken gegen den Wind vor. Plötzlich merkte er: Er hatte sich verlaufen. In seinem eigenen Hof! Das würde ihm keiner glauben aber zum Lachen war ihm nicht zumute. Panisch guckte er sich um, vollkommen orientierungslos.
“Nicht stehenbleiben, nicht stehenbleiben…”, murmelte Sebastian. Er musste kämpfen, den Tränen nahe.
Und mitten im Wind hörte er das klägliche Miauen, irgendwo hinter sich. Das Kätzchen…
Am Ende blieb er an irgendetwas hängen, klammerte sich im Sturm daran fest, es war ein Baumstamm und schrie so laut er konnte:
“Mama! Papa! Hilfeeeee!”
“Sebastian, was machst du denn da?”, hörte er plötzlich die staunende Stimme seiner Mutter hinter sich, machte die Augen auf und drehte sich um.
Die Flocken wirbelten sanft vom Himmel, der Wind heulte gar nicht mehr, von Sturm war überhaupt keine Rede nur ein harmloser Laternenmast wars, den er für einen Baum gehalten hatte.
“Warum umarmst du denn die Laterne?” prustete der Vater.
Sebastian blickte verwirrt zwischen seinen Eltern hin und her, als sähe er sie zum ersten Mal, dann antwortete er trockener als zuvor:
“Ich wollte sie eben mal umarmen warum auch nicht?”
“Schluss jetzt! Sofort nach Hause, dein Gesicht ist ja ganz rot vor Kälte”, kommandierte seine Mutter. “Ich will nicht, dass du noch krank wirst!”
Er nickte, schlurfte Richtung Haustür und sah hinter der Ecke das Kätzchen. Es blickte ihm so vorwurfsvoll entgegen, wie seine Mathelehrerin, wenn er mal wieder die Hausaufgaben vergessen hatte.
In dem Moment wusste Sebastian, was geschehen war Er hatte das Kätzchen gekränkt und der “Bumerang” war zurückgekommen.
Oma hatte ihn ja gewarnt…
Zuhause warf Sebastian Schuhe und Jacke in den Flur und rannte ins Wohnzimmer, wo Oma weiter Socken strickte und die Silvestergala verfolgte.
“Oma, erinnerst du dich, du hast mal gesagt, dass man kleine Kätzchen nie, nie ärgern darf?”
“Natürlich, Sebastian. Man darf Kätzchen niemals ärgern der Bumerang kommt sofort zurück. Und von jemandem, der das tut, wendet sich auch das Glück ab.”
“Und… wenn es doch mal passiert?”
Oma legte ihre Stricknadeln zur Seite und sah ihren Enkel an.
“Dann musst du alles tun, um es wieder gutzumachen. Und zwar so schnell wie möglich.”
“Alles tun?”
“Ja, Sebastian. Du musst dir vergeben lassen. Sonst kannst du dich auf Unheil gefasst machen.”
“Alles tun… Vergebung verdienen… Aber, Oma, wie denn? Kannst du nicht wenigstens einen Tipp geben, bevor’s ganz dunkel wird?”
“Hör auf dein Herz, mein Junge. Es wird dir schon sagen, was richtig ist.”
Oma griff wieder zu den Nadeln, Sebastian stürmte in sein Zimmer, suchte im Internet nach Rat.
“Was tun, wenn man ein Kätzchen geärgert hat?” schrieb er schnell ins Suchfeld und las die Forenbeiträge.
“Beten!”
“Du kannst eh nichts mehr machen, bereite dich aufs Schlimmste vor…”
“Um Verzeihung bitten!”
“Kauf ihm Wurst!”
“Hau ab, ändern die Identität!”
Einen Ausweis hatte Sebastian noch nicht, für Wurst war kein Geld da. Beten konnte er nicht, um Verzeihung bitten… vielleicht das.
“Wert, versuch ich.” dachte Sebastian, schlich sich an der Mutter vorbei, zog sich an und verschwand nach draußen.
Er wusste, dass Mama toben würde, wenn sie merkte, dass ihr Sohn, der ja eigentlich seine Strafe absitzen sollte, einfach abhauen war. Aber schlimmer war es, unversöhnt zu bleiben.
Draußen suchte er überall nach dem Kätzchen. Am Hauseck, quer über den Hof, beim Müllcontainer, nirgends war es.
“Wo bist du nur hin?!”
“Denk nach, Sebastian, denk nach! Nicht wie eine Salzsäule stehen bleiben!”
Er erinnerte sich an Omas Worte und hörte in sich hinein. “Bumm, bumm, bumm” klopfte sein Herz. “Bumm, bumm, bumm” doch sagte auch nichts. Oder doch?
Noch einmal guckte Sebastian herum, dann rannte er zum Bolzplatz: Der einzige Ort, den er noch nicht abgesucht hatte. Da war das Kätzchen klitschnass und zitternd im Schnee, da, wo Sebastian es zurückgelassen hatte.
“Hey, Kleiner… erinnerst du dich an mich?”, kniete Sebastian sich zu dem Kätzchen. “Es tut mir leid. Ich war blöd, dass ich dich angeschrien habe. Wir haben Fußball gespielt aber das zählt jetzt nicht. Bitte sei nicht böse auf mich, okay?”
“Miau…” murmelte das Kätzchen.
“Hast du mir verziehen? Wirklich? Dann kann das Glück doch wieder zurückkommen, oder?”
“Miau…” antwortete das Kätzchen.
Sebastian stand auf, klopfte sich den Schnee ab und lachte befreit. Um Verzeihung bitten war doch gar nicht so schwer.
Erleichtert machte er sich auf den Heimweg, blieb plötzlich stehen. “Der Kleine kann doch nicht die ganze Nacht draußen bleiben!” schoss es ihm durch den Kopf.
Sebastian blickte aufs Fenster seines Zimmers, dann zum Kätzchen. “Und was sagt Mama wohl dazu?”
Er hatte doch hoch und heilig versprochen, keine Überraschungen mehr zu liefern Heißt das jetzt noch mehr Stubenarrest?
“Egal! Wenigstens rette ich das Kätzchen!”, entschied Sebastian und kehrte zu dem frierenden Bündel im Schnee zurück.
“Du kommst mit. Hier bleibst du jedenfalls nicht!”
Er öffnete die Jacke, stopfte das Kätzchen vorsichtig hinein, drückte es an sich wie einen Sack voller Schokobons und zog stolz mit seinem neuen Familienmitglied los.
“He, Hoffmann! Moment mal!”
Sebastian erstarrte und suchte nach der Person, die ihn bei seinem Nachnamen gerufen hatte. Es war Tabea.
“Gerade du hast mir noch gefehlt…”, flüsterte er.
“Jetzt sieht sie mich mit dem Kätzchen lacht mich aus, dann weiß das morgen alles in der Klasse. Aber egal… Sollen sie ruhig wissen, für wen ich mich entschieden hab!”
“Was willst du?”, blaffte Sebastian, als sie fast auf gleicher Höhe waren.
“Ich hab dich aus dem Fenster gesehen… Alle sind schon daheim, nur du rennst hier draußen rum. Da wollte ich mal nachschauen, was bei dir los ist. Und wieso bist du ohne Jacke?”
“Weil mir nicht kalt ist…”
“Ach ja? Mein Thermometer zeigt minus zehn Grad. Da erfriert man ja fast. Bist doch kein Pinguin!”
“Ist doch egal, ob ich krank werde. Muss schließlich sowieso über die Ferien zu Hause hocken.”
“Moment mal”, Tabea trat ganz nah an ihn heran, Sebastian spürte ihren warmen Atem auf seinen Wangen. “Ist das… ein Kätzchen?”
“Kätzchen…”
“Zeig mal!”
Sebastian erwartete alles mögliche nur kein Lächeln.
“Oh, wie niedlich! Der ist ja süß”, strahlte Tabea. “Aber er friert ganz fürchterlich.”
“Deswegen nehm ich ihn ja mit nach Hause. Da kann ich ihn wärmen.”
“Kann ich mitkommen? Meine Eltern haben mir auch eine Stunde rausgehen erlaubt, aber alleine ists langweilig. Ich kann dir außerdem zeigen, wie man sich richtig um so ein Kätzchen kümmert.”
“Woher weißt du das?”
“Ich hab auch so einen zu Hause. Meine Mama hat mir extra ein Buch gekauft, da steht alles drin.”
“Mhm, okay, komm mit…”, murmelte Sebastian. Er war sich nicht sicher, was ihn mehr überraschte: Dass Tabea Kätzchen mochte oder dass sie ausgerechnet zu ihm nach Hause wollte.
Sebastians Mutter, als sie ihren Sohn ohne Jacke und mit Tabea an der Tür sah, griff sich gleich ans Herz; sie befürchtete das Schlimmste.
Doch als Sebastian erklärte, dass Tabea einfach so zu Besuch war, entspannte sie sich und lächelte:
“Komm rein, Tabea! Fühl dich wie zu Hause. Ich mache euch gleich Tee und hole Schokolade!”
“Mama, aber… wir sind nicht allein” presste Sebastian hervor.
“Noch mehr Gäste? Kein Problem, Süßigkeiten hab ich genug!”
“Nein, es ist nur… Ich hab ein Kätzchen mitgebracht, weil es draußen so gefroren hat.”
Er zog das rote Bündel aus der Jacke.
“Darf ich es behalten?”
Genau wie erwartet, schaute die Mutter überrascht.
“Ich kümmere mich drum, und Tabea hilft mir, sie kennt sich aus”, redete Sebastian hastig weiter, hoffte, das Herz der Mutter zu erreichen.
Vielleicht hätte sie sonst gezögert, aber dass ihr Sohn mit Tabea wieder reden konnte… das war genug.
“Na dann, behalt es eben! Vielleicht bringt dich das Kätzchen ja noch auf den richtigen Weg!”, schmunzelte sie und verschwand in die Küche.
Wenig später kam der Vater, reichte Sebastian die Hand.
“Das hast du richtig gemacht! Bist ein echter Kerl!”
Und die Oma brachte eine selbstgestrickte Decke für das Kätzchen, rief Sebastian zu sich:
“Du hast alles richtig gemacht. Jetzt wird in deinem Leben alles gut…”




