Dein Platz ist zu meinen Füßen, Dienstmagd!, pflegte die Schwiegermutter zu sagen. Nach ihrem Schlaganfall engagierte ich eine Pflegerin für sie eine Frau, die sie ihr ganzes Leben lang gehasst hatte.
Hast du wieder meine Pfanne verstellt, Katja?
Die Stimme der Schwiegermutter, Valentina Sergejewna, schnitt durch die Luft wie eine Klinge. Sie fraß sich in die Küchenwände, drang in das Holz der Arbeitsplatte ein, und selbst das Muster der Fliesen schien unter ihrem Ton zu verblassen.
Katja drehte sich langsam vom Spülbecken um und wischte sich die Hände an der Schürze ab. Die Pfanne schwer, aus Gusseisen, ein Relikt der Schwiegermutter stand auf der hintersten Herdplatte, genau dort, wo Valentina Sergejewna sie am Morgen hingesetzt hatte. An ihren Platz, den einzig richtigen, wie sie fand.
Ich habe sie nicht angerührt, Valentina Sergejewna.
Nicht angerührt, sagst du. Wer dann? Der Hauskobold? Die Schwiegermutter verzog die Lippen zu einem Lächeln, ihr durchdringender Blick glitt durch die Küche. Durch Katjas einst geliebte Küche, die längst zu einem Schlachtfeld geworden war, auf dem sie Niederlage um Niederlage erlitt.
Überall spürte man eine fremde, aufdringliche Ordnung. Die Vorratsgläser standen nicht, wie Katja es bevorzugte, nach Alphabet, sondern nach Größe wie Soldaten auf dem Exerzierplatz. Die Handtücher hingen nicht an den Haken, sondern waren über den Ofengriff geworfen, was Katja stumm verzweifeln ließ. Ein kleines, erstickendes Chaos, das sich als makellose Perfektion tarnte.
Ich habe nur gefragt, sagte Valentina Sergejewna und biss demonstrativ laut in eine Gurke. In meinem eigenen Haus darf ich das wohl.
In meinem eigenen Haus. Diesen Satz hörte Katja zehnmal am Tag. Dabei gehörte die Wohnung Oleg, ihrem Mann. Ihrer und Katjas Wohnung. Doch die Schwiegermutter benahm sich, als wäre es ihr Familiensitz, und sie und ihr Sohn nur vorübergehende Gäste.
Katja schwieg. Mit ihr zu streiten war, als schlüge man den Kopf gegen eine Mauer. Sie drehte sich zurück zum Abwasch. Das Wasser plätscherte leise, spülte den Seifenschaum und ihre unvergossenen Tränen hinunter.
Am Abend kam Oleg. Der Ehemann. Der Sohn. Er küsste seine Mutter auf die Wange, dann streifte er flüchtig, fast pflichtbewusst, Katjas Haar mit den Lippen.
Erschöpft wie ein Hund. Was gibts zum Abendessen?
Kartoffeln mit Hühnchen, antwortete Katja, ohne sich vom Herd abzuwenden.
Schon wieder? fuhr Valentina Sergejewna sofort von ihrem Posten auf dem Hocker dazwischen. Oleg, mein Söhnchen, ich habe dir doch gesagt du brauchst richtiges Fleisch. Und sie füttert dich nur mit diesem faden Zeug, bald bist du durchsichtig.
Oleg seufzte müde und ging ins Wohnzimmer. Er mischte sich nie ein. Seine Haltung war einfach und bequem: Das sind eure Frauensachen, regelt das unter euch. Er sah keinen Krieg. Nur kleine Alltagsscharmützel zweier Frauen, die er angeblich gleichermaßen liebte.
Später, als sie allein in der Küche waren, trat Valentina Sergejewna dicht an Katja heran. Sie roch nach teurem Parfüm und etwas anderem, Schwerem, Machtvollen.
Hör mir zu, Mädchen, zischte sie, leise genug, dass Oleg es nicht hören konnte. Du bist hier niemand. Nur ein Anhängsel meines Sohnes. Ein Brutkasten für meine zukünftigen Enkel, weiter nichts.
Sie griff nach einer Serviette und wischte verächtlich einen unsichtbaren Fleck weg.
Vergiss das nie: Dein Platz ist zu meinen Füßen. Du bist eine Magd, nichts weiter.
In genau diesem Moment verzog sich ihr Gesicht seltsam. Der rechte Mundwinkel sackte herab, die Hand mit der Serviette fiel kraftlos herab. Valentina Sergejewna schwankte und glitt langsam zu Boden.
Im Krankenhausflur roch es nach Sterilität und fremdem Leid. Oleg saß da, den Kopf in den Händen.
Ein Schlaganfall Der Arzt sagt, sie braucht nun dauerhafte Pflege. Die rechte Seite ist gelähmt.
Er hob die geröteten Augen zu Katja. Sie zeigten keinen Schmerz nur Ärger und kühle Berechnung.
Katja, ich kann das nicht. Die Arbeit, du weißt schon. Das liegt nun ganz bei dir. Du bist die Ehefrau das ist deine Pflicht.
Er sagte es, als übergäbe er ihr ein Staffelholz in einem Rennen, aus dem er selbst gerade ausgestiegen war.
Er würde vorbeikommen. Besuchen. Kontrollieren. Die ganze schmutzige, tägliche Arbeit jedoch würde an ihr hängen bleiben.
Katja sah ihn an und spürte zum ersten Mal seit Jahren nichts. Kein Mitleid, keine Kränkung. Nur Leere. Ein abgebranntes Feld.
Sie nickte.
Zuhause, in der leeren, nun verlassenen Küche, trat Katja ans Fenster. Auf dem Hof spielte Veronika, die Nachbarin aus dem fünften Stock, mit ihrer kleinen Tochter.
Jung, laut, von Valentina Sergejewna mit unverhohlener Wut gehasst für ihr lautes Lachen, die zu kurzen Röcke und das freche Auftreten.
Katja beobachtete sie lange, ohne wegzusehen. Dann reifte in ihrem Kopf ein Plan. Kalt, präzise, grausam. Sie griff zum Telefon und suchte ihre Nummer.
Veronika? Guten Tag. Ich brauche eine Pflegerin für meine Schwiegermutter.
Valentina Sergejewna wurde eine Woche später gebracht. Sie saß im Rollstuhl, in eine Decke gehüllt. Die rechte Seite gehorchte ihr nicht, ihre Worte waren unverständliches Gemurmel, doch ihre Augen
Die Augen waren dieselben geblieben. Herrschaftlich, stechend, voll unverbrauchter Bosheit.
Als Veronika das Zimmer betrat, flammte in diesen Augen ein Feuer auf, das die Vorhänge hätte entzünden können. Sie hatte sie erkannt.
Guten Tag, Valentina Sergejewna, lächelte Veronika ihr entwaffnendstes Lächeln. Ich bin Veronika, ich werde mich nun um Sie kümmern.
Die Schwiegermutter stieß ein kehliges, grollendes Geräusch aus. Ihre linke, gesunde Hand ballte sich zur Faust.
Katja, geh bitte, bat Veronika sanft. Ich muss meine Patientin kennenlernen.
Katja verließ schweigend den Raum und schloss die Tür. Sie horchte nicht. Es genügte ihr, sich vorzustellen, was in diesem Zimmer geschah.
Veronika war das perfekte Werkzeug. Sie besaß eine seltene Gabe absolute Immunität gegen fremden Hass.
Zuerst öffnete sie weit das Fenster:
Oh, wie frische Luft! Lass uns dein Gefängnis ein wenig lüften.
Dann schaltete sie das Radio ein. Fröhliche Popmusik, die die Schwiegermutter verächtlich als Geklimper bezeichnet hatte. Valentina Sergejewna murrte und rollte wütend die Augen. Veronika, die mit einem Teller pürierter Suppe zurückkam, nickte verständnisvoll:
Gefällts dir? Ich liebe dieses Lied auch. Es macht die Arbeit so viel leichter!
Sie fütterte sie mit dem Löffel, unbeeindruckt von den Versuchen der Schwiegermutter, das Essen wegzustoßen. Die Suppe lief ihr über das Kinn, beschmutzte das teure Nachthemd.
Ach, wie ein kleines Kind, tadelte Veronika ohne Bosheit. Wenn du nicht artig bist, wirds halt unangenehm. Und wenn du dich dreckig machst, zieh ich dich um. Mir macht das nichts.
Oleg kam am Abend. Valentina Sergejewna verwandelte sich vor seinem Eintreffen. In ihren Augen schwamm kosmisches Elend. Sie streckte ihm die gesunde Hand entgegen, murmelte, deutete auf Veronika.
Mama, reg dich nicht auf, strich Oleg über ihre Hand, ohne Veronika anzusehen. Veronika ist ein gutes Mädchen. Sie wird sich um dich kümmern.
Er brachte Orangen, blieb eine halbe Stunde und ging, sichtlich erleichtert, als er die Wohnung verließ.
Katja beobachtete alles aus der Ferne. Sie betrat das Zimmer der Schwiegermutter kaum noch. Sie gab Veronika einfach Geld und kurze Anweisungen:
Du kannst heute die Fotos auf ihrem Kommoden vertauschen. Und stell eine Vase mit Blumen hin. Sie hasst den Geruch von Lilien.
Veronika führte die Aufgaben mit Begeisterung aus. Sie rückte Möbel, las laut aus Romanen vor. Einmal brachte Veronika ihre Tochter Swetlana mit. Das Mädchen lachte, rannte durchs Zimmer, berührte die Porzellanelefanten die heilige Sammlung der Schwiegermutter.
Valentina Sergejewna erstarrte in stummem Schrei. Tränen der Ohnmacht rollten ihre Wangen hinab. Sie sah Katja an, die in den Raum spähte, und in ihrem Blick lag eine Bitte. Zum ersten Mal im Leben flehte sie ihre Schwiegertochter um etwas an.
Katja blickte kalt und ruhig auf sie. Sie wandte sich um, schloss leise die Tür und ging in die Küche. Dort setzte sie Wasser für den Tee auf, als wäre nichts geschehen. Die Uhr tickte. Irgendwo weinte ein Kind. Katja nahm eine Tasse aus dem Schrank die mit dem blauen Rand, ihre Lieblingstasse und stellte sie in den Schrank zurück. Heute würde sie aus der anderen trinken. Aus der, die Valentina Sergejewna immer verboten hatte.





