Siegerin ohne Liebe

Die Siegerin ohne Liebe

So, Johannes, das war’s dann wohl, sagte meine Mutter, Frau Gertrud Weber, als sie die Teetasse mit einem leichten, für sie feierlichen Klick auf die Untertasse stellte. Jetzt kann das Leben weitergehen.

Mama, du sprichst, als hättest du das Finale eines Schachturniers gewonnen.

Ist das denn nicht so?

Ich schaute aus dem Fenster. Draußen war März, nass und grau wie ein alter Lappen. Auch meine Mutter, Frau Weber, verfolgte meinen Blick fand draußen allerdings rein gar nichts Bemerkenswertes.

Johannes, ich frag dich: Ist das nicht so?

Mama, sie ist einfach gegangen. Mit einem Koffer. Was gibt’s denn da zu feiern.

Zu feiern gibt’s, dass sie gegangen ist. Mit einem Koffer. Sie kam mit leeren Händen, sie geht mit leeren Händen. Das ist doch gerecht.

Endlich drehte ich mich zu ihr um. Meine Mutter erwartete irgendeine Regung: Groll, Zorn, vielleicht etwas Erschöpfung. In meinen Augen lag aber etwas Anderes. Etwas, das sie lieber nicht näher betrachtete.

Sabine hat doch Geld in diese Wohnung gesteckt, sagte ich ruhig. Ihr eigenes Geld.

Die Wohnung läuft auf meinen Namen. Ich habe sie dir geschenkt. Nicht ihr.

Ich weiß, wie sie eingetragen ist.

Also wozu die Diskussion?

Ich stand auf, nahm die Jacke von der Garderobe. Sie bemerkte, dass ich den Apfelkuchen nicht aufgegessen hatte, den sie frühmorgens extra gebacken hatte. Die Hälfte lag noch da.

Ich geh dann mal, sagte ich.

Wohin?

Irgendwohin.

Die Tür schloss sich ganz leise. Nicht klappend, sondern bedacht. So, als hätte ich mein Leben lang darauf geachtet, nichts kaputtzumachen, nichts aufzuschrecken, keinen Lärm zu verursachen. Frau Weber betrachtete den Kuchen, nahm sich dann eine Gabel und aß mein Stück auf. Die Äpfel waren etwas säuerlich, aber gerade richtig. Selbstgemacht eben.

Sie saß in der Küche ihrer Wohnung, in der sie nun schon siebenunddreißig Jahre wohnte, und glaubte: Jetzt wird alles gut.

Frau Weber war inzwischen zweiundsechzig. Sie war eine klein gewachsene, ordentliche Frau mit stets zum Dutt gestecktem, grauem Haar. Ihre Rente war, für Bamberger Verhältnisse, nicht schlecht. Sie hatte vierzig Jahre als Buchhalterin gearbeitet mit Zahlen konnte sie umgehen. Als ich vor fünf Jahren Sabine mit nach Hause brachte, durchblickte sie meine Freundin augenblicklich.

Sabine kam aus einem kleinen Ort südlich von Regensburg, drei Stunden Fahrt. Sie war zum Studium nach Bamberg, arbeitete mittlerweile in einem Architekturbüro und hatte zunächst ein Zimmer im Wohnheim. Schlicht, zurückhaltend, mit einem Zopf fast bis zu den Schulterblättern und der Angewohnheit, beim Sprechen etwas am Gesprächspartner vorbeizusehen. Meine Mutter durchleuchtete Menschen schnell. Sabine las sie schon beim ersten Abendessen: Das Mädchen will an die Wohnung.

Ich hingegen sprach von Liebe. Ich sprach ohnehin nicht oft, und das, was ich sagte, filterte meine Mutter durch ihre eigene Sicht der richtige Schluss kam immer dabei heraus: ihr Schluss.

Drei Jahre lebten wir in der Wohnung, die Frau Weber mir an meinem achtundzwanzigsten Geburtstag offiziell schenkte. Ein alter Bekannter, Rechtsanwalt, hatte ihr geraten: Bei Scheidung bleibt so ein Geschenk unangetastet, wenn das Eigentum zuvor vergeben wurde. Daran wollte sie damals nicht ernsthaft denken sie dachte an Vorsicht. Sie dachte immer an Vorsicht.

Sabine hing neue Vorhänge auf. Meine Mutter nannte das unverschämt. Sabine ersetzte das Geschirr. Der alte Service gefiel meiner Mutter besser. Sabine kochte zweimal wöchentlich ein Abendessen und lud Frau Weber ein; diese kam, aß, bedankte sich beherrscht und ging mit diesem Gefühl von Unstimmigkeit, das sie nicht genau benennen konnte.

Später renovierte Sabine die Küche. Mit eigenem Geld das hatte sie im Ehegespräch klargestellt, aber nicht meiner Mutter gegenüber. Frau Weber erfuhr es, als alles fertig war neue, gestreifte Tapete, weiße Schränkchen. Der Blick und das Pressen der Lippen sagten alles.

Gefällt Ihnen das nicht, Frau Weber? fragte Sabine offen. Offene Fragen mochte meine Mutter nicht.

Aber, mein Liebes, antwortete sie damals. Sehr nett.

“Nett”. Dieses Wort brachte sie mit einer Betonung, die es zur Beleidigung machte beide Frauen verstanden das. Sabine ignorierte es einfach. Schweigen war ihre Stärke da, wo meine Mutter eigentlich Krach erwartete, auf den sie wiederum gerechtes Eingreifen hätte begründen können.

Die Scheidung kam im vierten Jahr. Viele Gründe, kein einziger war der allein wahre. Jeder war wahr, aber keiner war der eine Grund. Ich zog mich zurück. Immer mehr. Sabine fragte, erklärte, bat. Ich nickte ihr zu und verzog mich vor den Fernseher. Meiner Mutter, der ich alle zwei Tage anrief und klagte, wie es lief, sagte sie irgendwann klar: Jetzt reicht’s. Wenn Klartext nötig war, konnte sie das.

Johannes, so kannst du nicht leben. Du nicht, sie nicht.

Vielleicht wird es besser.

Es wird nur schlimmer.

Dann kam der Anwalt. Dann die Unterschriften. Dann diese Szene in der Küche, Apfelkuchen, Märzwetter. Sabine verließ das Haus mit einem kleinen, grauen Rollkoffer. Sie stieg ins Taxi, ohne sich umzudrehen.

Meine Mutter dachte damals: Da geht eine, die verloren hat. Und ihr wurde es leicht ums Herz, wie nach einer langen Krankheit, wenn endlich das Fieber sinkt.

Mir, Johannes Weber, Sohn von Gertrud Weber, war damals vierunddreißig. Ich arbeitete als Bauingenieur, verdient zufriedenstellend, sprach nie als Erster über Geld. Meine Mutter war stolz auf mich mit einer Mischung aus Liebe, Besitzdenken und etwas Unbenennbarem, das mehr war. Nach dem frühen Weggang meines Vaters, ich war acht, waren wir immer zu zweit. Sie wurde überzeugt, das sei das richtige Weltbild.

Mit neunzehn wusste ich, wie man allein sein kann. Nicht im guten Sinne: Ich konnte mich nie durchsetzen, nie fordern, nie laut werden ich konnte immer nur zustimmen oder schweigen. Meine Mutter nannte das “gute Erziehung” und war damit zufrieden.

Nach der Scheidung lebte ich einen Monat allein. Dann rief ich sie an und sagte, dass ich Heike kennengelernt hätte.

Wo denn?

Beim Betriebsausflug.

Und was ist das für eine Heike?

Eine feine Frau. Möchtest du sie kennenlernen?

Meine Mutter willigte ein. Das Treffen fand im Café statt, nicht zu Hause. Das fiel ihr auf, begriff sie aber nicht. Heike war sieben Jahre jünger als ich, also siebenundzwanzig, arbeitete im Marketing, trug modische Kleidung und wusste genau, was sie vom Kellner, von der Speisekarte und wohl auch vom Leben wollte.

Frau Weber, sagte Heike und reichte die Hand quer über den Tisch, als hätte sie eingeladen. Habe schon einiges von Ihnen gehört.

Von Johannes?

Von Johannes.

Hoffentlich Gutes, antwortete meine Mutter mit ihrer typischen Lächel-Maske.

Unterschiedliches, entgegnete Heike gelassen und blätterte im Menü.

Etwas stach ihr in die Rippen sie schob es auf einen Luftzug von der Eingangstür.

Heike war schön, aber nicht zurückhaltend und ein wenig schüchtern wie Sabine, sondern offen und frei, wie Frauen, die das wissen. Dunkles Haar, schwarze Augen, Lippenstift makellos. Auch sie konnte schweigen, jedoch anders: Heikes Schweigen war Urteil, Sabines Schweigen war Geduld.

Nach vier Monaten heirateten wir. Meine Mutter erfuhr es telefonisch, an einem Mittwochabend nach der Tagesschau.

Wir haben geheiratet, sagte ich. Heute.

Heute?

Ja. Mama, nimms uns nicht übel. Wir wollten kein großes Aufheben machen.

Ich nehms euch nicht übel. Herzlichen Glückwunsch.

Sie legte auf, verharrte zehn Minuten in der Stille, begoss dann die Blumen am Küchenfenster und ging schlafen. Am Morgen war alles wieder gewohnt normal.

Heike zog eine Woche später bei mir ein. Sie brachte trotz ihrer schlanken Gestalt einen Haufen Sachen mit es stapelten sich Kisten. Am nächsten Tag beim Besuch entdeckte meine Mutter, dass die Vorhänge, die Sabine ausgesucht hatte, schon weg waren. Dafür schwere, dunkelgrüne, die das Zimmer wie ein Büro wirken ließen.

Wohin mit den alten?

Zum Müll, rief Heike aus der Küche.

Aber die waren doch fast neu.

Frau Weber, sie waren nicht mein Stil.

Damit war alles gesagt. Meine Mutter schwieg. Zum ersten Mal ehrlich ohne den inneren Nachsatz: “Ich werd mein Wort noch sprechen”.

In den ersten Monaten kam sie oft vorbei. Heike schickte sie nicht weg, ließ aber den Besuch so wirken, dass man selber wieder gehen wollte. Sie verließ beim Eintreffen ihrer Schwiegermutter das Zimmer nicht, setzte auch keinen Tee auf, klappte den Laptop nicht zu und antwortete reserviert. Frau Weber fühlte sich wie eine lästige Besucherin in der Wohnung, die sie ihrem Sohn geschenkt hatte.

Das war ein neues, unangenehmes Gefühl.

Ich wurde noch ruhiger als sonst, füllte Tee ein, bot Plätzchen an, nickte zu ihren Erzählungen und warf Heike seitliche Blicke zu. Mit einer Vorsicht, die meine Mutter bemerkte aber nicht benannte. Das richtige Wort war “Angst”, aber sie sprach es nicht aus.

Im Oktober wechselte Heike die Schlösser einfach so. Ich rief meine Mutter an und sagte:

Mama, wir haben die Schlösser ausgetauscht. Wenn du kommen willst, sag bitte vorher Bescheid.

Warum?

Heike meint, das ist sicherer so.

Sicherer wovor?

Pause. Sehr lang, unangenehm lang meine Mutter las daraus mehr, als ich sagen konnte.

Mama, das macht man jetzt eben so, erklärte ich schließlich.

Zwanzig Jahre lang hatte sie den Schlüssel zu dieser Wohnung gehabt: zuerst als Besitzerin, dann als Mutter mit Zutritt. Der Schlüssel hing an ihrem Bund, zwischen Haustürschlüssel und dem winzigen für den Briefkasten. Sie machte ihn noch am gleichen Abend ab und legte ihn in die Kommode. Da liegt er bis heute.

An Silvester wurde immer bei ihr gefeiert zwanzig Jahre lang. Sie bereitete Salate zu, briet Fisch, stellte den Baum in die Ecke wie einst ihre eigene Mutter. Das war Tradition.

Im November brachte ich die Nachricht, übermittelt von Heike: Dieses Jahr feiern wir bei Heikes Eltern in München.

In München?

Ja. Ihre ganze Familie ist da.

Und ich?

Mama, du verstehst das doch. Man kann sich nicht zerreißen.

Meine Mutter feierte allein. Sie deckte den Tisch für sich, öffnete um halb zwölf einen Sekt, schaute die Ansprache im Fernsehen, trank ein Glas, räumte ab. Dann legte sie sich schlafen kurz nach Mitternacht, weil es sonst nichts zu tun gab.

Morgens rief sie mich an. Ich nahm nach dem dritten Klingeln ab, klang verschlafen und zufrieden.

Frohes neues Jahr, Mama.

Dir auch, Johannes. Wie wars?

Schön. War lustig. Mama, ich rufe dich später nochmal an, ja? Heike schläft noch.

Natürlich.

Ihr “Natürlich” klang wie ein “Nie”. Aber ich hatte schon aufgelegt.

Im Februar kam Heike das erste Mal zu meiner Mutter unangekündigt, schick angezogen, hohe Schuhe. Meine Mutter öffnete, überlegte kurz, was sie sagen sollte.

Komm rein, sagte sie schließlich. Tee?

Gern.

Sie saßen in der Küche. Heike musterte den Raum wie jemand, der ihn vielleicht bald umgestalten will. Meine Mutter brachte Tassen, schnitt Zitrone.

Frau Weber, ich sage es offen: Johannes ruft Sie jeden Tag an.

Er ist mein Sohn.

Ich verstehe das. Aber jeden Tag, eine Stunde lang, das ist viel. Das beeinflusst unsere Abende, unsere Zeit. Vielleicht ginge es auch seltener.

Meine Mutter goss Wasser ein, die Hände ganz ruhig. Sie kontrollierte das.

Heike, sagte sie langsam, Johannes ist erwachsen. Er entscheidet selber, wann und wen er anruft.

Natürlich. Aber ein Erwachsener lebt zuallererst für seine Familie.

Ich bin auch Familie.

Sie sind seine Mutter. Das ist was anderes.

Sie blickten sich durch den Tisch an. Der Tee kühlte ab. Meine Mutter dachte, wäre das Sabine gewesen, hätte sie längst die Augen gesenkt. Heike tat das nicht.

Ich hab dich verstanden, sagte meine Mutter.

Gut, sagte Heike und trank aus, als hätten sie gerade das Wetter besprochen.

Nach dem Besuch stand meine Mutter lange am Fenster. Draußen taute es, ein Resthaufen Schnee schmolz, im Wasser spiegelte sich der graue Himmel. Sie dachte an Sabine daran, dass Sabine nie so direkt eingefallen wäre. Sie hatte manchmal Dinge falsch gemacht, aber nie so, nie kalt und direkt.

Diese Erkenntnis schob sie ganz weit weg.

Meine Anrufe wurden seltener. Erst alle zwei, dann alle drei Tage. Meine Mutter merkte es; sagte aber nichts. Sie begann selbst seltener anzurufen denn jedes Mal klang ich gehetzt: “Mama, wir haben Gäste”, oder “Mama, wir gehen gleich”, und sie hörte im Hintergrund Heikes klare, sichere Stimme.

Heike, die viel verdiente, kaufte Technik, Kleidung, reiste zu Tagungen. Sie war ein Mensch der Tat, der mein Leben enger machte: immer weniger Platz für alles andere.

Im Frühling besuchte meine Mutter mich unangekündigt. Ich öffnete, und mein Gesicht verriet ihr wohl schon alles.

Mama, du weißt doch, ruf lieber vorher an.

Ich war gerade in der Nähe, dachte, ich schau vorbei.

In der Nähe?

Ich wohne zehn Minuten entfernt.

Heike arbeitet heute. Zu Hause. Sie soll nicht gestört werden.

Ich bin nicht wegen Heike hier. Sondern wegen dir.

Ich ließ sie rein. Wir saßen in der Küche. Heike kam kein einziges Mal aus dem Arbeitszimmer. Nach einer halben Stunde verabschiedete sich meine Mutter. Auf dem Hausflur, vor dem Aufzug, wusste sie: Das war das letzte Mal, dass sie spontan vorbei kam. Nicht, weil ich das wollte. Sondern weil sie meinen Gesichtsausdruck nicht wieder sehen wollte.

Der Sommer verlief ruhig. Meine Mutter fuhr zum Schrebergarten, zog Tomaten und Gurken, nahm die Enkel der Nachbarin mit an die Ostsee. Eigene Enkel gab es nicht. Heike meinte: Zu früh, die Karriere sei noch dran, das kommt schon noch. Meine Mutter widersprach nicht. Sie hatte gelernt, nicht mehr gegen das Unveränderbare anzugehen.

Im September passierte dann, was sie für einen “Zufall” hielt, auch wenn es in einer Stadt wie Bamberg kaum Zufälle gibt.

Sie kam schwer bepackt aus dem Supermarkt, langsam, blickte zu Boden und sah Sabine.

Sabine stand vor einem Büro-Eingang, telefonierte, trug einen eleganten, dunkelblauen Mantel, den meine Mutter nie gesehen hatte. Kürzere Haare, kein Zopf mehr, sie lachte, aber nicht so wie früher: nicht verhalten, sondern ganz entspannt.

Meine Mutter verharrte mit ihren Taschen, wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Einfach vorbei gehen? Aber sie blieb stehen.

Sabine bemerkte sie zuerst, verabschiedete sich am Telefon, kam herüber.

Frau Weber.

Sabinchen, sagte meine Mutter und staunte selbst über dieses Wort, das sie nie zuvor benutzt hatte.

Sie sehen gut aus, sagte Sabine. Höfliche Floskel, wenn man nichts bemerkt, das man loben kann. Das wusste meine Mutter nur zu gut.

Und du siehst wirklich gut aus, antwortete sie. Und das war diesmal ehrlich.

Sabine war anders als früher. Nicht nur besser, sondern einfach anders. Das Selbstverständnis, wie sie stand kein Zögern, kein Blick zur Seite.

Arbeitest du hier? fragte meine Mutter und deutete auf das Büro.

Ich leite den Laden eigenes Geschäft, seit einem halben Jahr. Innenarchitektur.

Dein eigenes?

Ja.

Woher das Geld? fragte Frau Weber und wusste sofort, sie hätte es lassen sollen.

Sabine nahm es ihr nicht übel, zumindest ließ sie es sich nicht anmerken.

Drei Jahre Doppelschichten, tagsüber im Büro, abends private Aufträge. Gespart. Letztes Jahr eine Eigentumswohnung gekauft. Klein, aber mein.

Es wurde ihr plötzlich schwerer, die Taschen zu tragen. Richtig schwer, als wöge die Vergangenheit jetzt extra.

Wohnung gekauft?

Eine Einzimmerwohnung in der Nürnberger Straße. Es reicht.

Du wohnst alleine?

Ja. Und ich mag es so.

Eine Weile schwiegen sie. Autos fuhren vorbei. Hinterm Eck lachten Kinder.

Sabinchen, begann meine Mutter, wusste aber nicht, wie fortsetzen. Sie hatte so ein Gespräch nie geplant.

Frau Weber, unterbrach Sabine sanft, ich muss zu einem Termin.

Ja, klar.

Alles Gute für Sie.

Für dich auch.

Sabine ging zum Büro zurück. An der Tür schaute sie noch einmal kurz her meine Mutter sah ihr Gesicht. Es war ruhig, einfach ruhig. Kein Groll, keine Bitterkeit, einfach Ruhe.

Zu Hause stellte sie die Taschen in die Küche, räumte ein, wusch sich die Hände, kochte Suppe, aß, spülte ab, setzte sich ans Fenster.

Wohnung gekauft. Einzimmerwohnung in der Nürnberger Straße. Ihr Geschäft. Zwei Jahre. Nicht auf einmal, sondern Schritt für Schritt.

Sie dachte daran, dass sie gewonnen hatte. Die Wohnung war geblieben. Der Sohn war geblieben. Sabine war mit nichts gegangen.

Und dennoch: Ihr Sohn rufte jetzt nur noch wöchentlich an manchmal seltener. Und Silvester würde schon wieder bei Heikes Eltern in München gefeiert werden, weil Heike das schon entschieden hatte.

Sabine hat nun ihr eigenes Apartment in der Nürnberger Straße.

Sie ging ins Wohnzimmer, legte sich aufs Sofa, schloss die Augen. Schlaf kam nicht. Draußen wurde es dunkel und sie zündete kein Licht an.

Im Oktober sagte Heike, sie wolle nach München ziehen. In Bamberg sei es ihr zu eng, sie bekäme ein Top-Angebot in der Zentrale in München. Karrierechance, man müsse es ergreifen.

Am Sonntag nach Mittag rief ich an.

Mama, wir müssen reden.

Sag.

Wir ziehen eventuell nach München.

Wann?

Noch nicht klar. Wir diskutieren noch. Ich wollte, dass dus vorher weißt.

Danke fürs Bescheid sagen.

Mama, sei doch nicht so

Wie so?

So kalt.

Johannes, ich bin nicht kalt ich höre dir einfach zu.

Wieder Schweigen.

Mama, wir könnten die Wohnung ja erstmal vermieten. Du könntest nach dem Rechten sehen, das wäre praktisch, du bist ja gleich um die Ecke.

“Nach dem Rechten sehen” hieß: in die Wohnung gehen, aus der sie endgültig verdrängt war. Auf die Fremden aufpassen, die dort leben würden, wo sie keinen Schlüssel mehr hat.

Ich überlege es mir, sagte sie.

Gut. Mach dir keine Sorgen. München ist nicht weit zwei Stunden im ICE. Wir kommen sicher vorbei.

Natürlich.

“Natürlich”, wieder wie “nie” ausgesprochen aber das fiel mir gar nicht auf.

Im November kam der Winter früh; Frau Weber ging schon in der ersten Woche im Mantel zum Markt und begegnete dort Frau Strecker, ihrer alten Kollegin. Beide bestellten einen Tee im Fischhallen-Café und saßen eine Stunde zusammen.

Während Frau Strecker von den Enkeln, der Gartenarbeit, und dem kranken Mann im Sanatorium berichtete, fragte sie schließlich:

Und bei dir? Wie läuft’s? Hat sich die Junge eingelebt?

Angesiedelt, sagte meine Mutter. Zieht wohl nach München.

Och. Nimmst du auch Abschied?

Nein.

Kopfschütteln. Frau Strecker konnte so schweigen, dass alles gesagt war.

Gertrud, bereust du nichts?

Was denn?

Mit Sabine das war ein nettes Mädchen.

Nett, ja. Aber hat doch bloß auf die Wohnung geschielt.

Glaubst du das wirklich?

Frau Weber stellte die Tasse ab.

Ich habe sie letzte Woche gesehen.

Und?

Hat jetzt eine eigene Wohnung. Geschäft eröffnet. Es geht ihr gut.

Strecker sah ihr lange an freundlich, wertungsfrei. Meine Mutter wich ihrem Blick aus.

Dann wars wohl nicht die Wohnung, sagte Strecker leise.

Ach, hör auf.

Ich sag ja nichts. Ich stell nur fest.

Du weißt nichts. Mochtest du sie nur, weil du sie nie gesehen hast, wie sie bei uns war.

Mag sein. Ich weiß nur, dass du heute allein auf dem Markt deine Vorräte holst. Und dein Sohn bald in München lebt.

Auf dem Heimweg lief meine Mutter lieber zu Fuß statt mit dem Bus. Sie musste einfach gehen, in Bewegung bleiben: Die Straße hielt die Illusion aufrecht, man wäre unterwegs.

Dezember brachte den ersten Schnee. Frau Weber schmückte den Weihnachtsbaum allein. Kramte alte Kugeln vom Dachboden, hängte Girlanden auf, schaltete die Lichterkette ein. Der Baum war wie immer schön.

Zwei Tage vor Silvester rief ich an: Wir kommen am 31., aber nur kurz am Vormittag dann gehts zu Heikes Eltern.

Verstehe, sagte sie.

Mama, sei nicht so

Johannes, ich freu mich, dass ihr kommt. Es gibt Apfelkuchen.

Wir kamen um elf. Heike trug einen schicken Mantel, brachte Sekt und Pralinen mit. Ich umarmte meine Mutter. Wir tranken Tee. Heike hing am Handy, nicht unhöflich, sondern geschäftsmäßig.

Heike, Apfelkuchen?

Danke, nein. Ich esse kein Mehl.

Johannes?

Natürlich, Mama.

Ich aß ein Stück. Ein zweites. Meine Mutter sah mich an und dachte, das könnte einer der letzten Nachmittage in dieser Küche sein. Wegen München, wegen Heike, weil das Leben nicht den eigenen Plänen folgt.

Kurz nach Mittag gingen wir. Heike hielt an der Tür plötzlich inne und sah meine Mutter lang an. Was in diesem Blick lag, konnte sie nicht deuten. Vielleicht gar nichts. Vielleicht alles.

Frau Weber, sagte Heike, sie sind eine gute Gastgeberin. Der Kuchen war gut.

Danke.

Dann ging Heike. Ich küsste meine Mutter auf die Wange.

Tschüß, Mama.

Mach’s gut, mein Junge.

Tür zu. Mutter räumt ab. Wickelt den Kuchen ein, spült die Tassen, schaltet den Fernseher ein. Sie schaut nicht wirklich hin.

Auch das neue Jahr beginnt sie allein. Sekt um Mitternacht, Prost mit dem Fernseher, ein einsames Glas. Der Baum glimmt still und ohne besonderen Anlass.

Im Januar informierte ich sie: Wir ziehen im März weg. Die Wohnung wird nicht vermietet, bleibt stehen, gelegentlich kommen wir mal vorbei. Ihre Reaktion blieb ein Nicken ins Telefon.

An den Februar erinnert sie sich kaum. Alltag: Einkaufen, Küche, Fernsehen, gelegentlich ein Schwätzchen mit Frau Strecker. Einmal Friseur, der Dutt bleibt wie er ist. Einmal zur Nachbarin aufs Land, den Keller ausräumen helfen.

Anfang März, der Schnee lag noch stellenweise, rief sie Sabine an.

Die Nummer hatte sie nie vergessen, so wie Zahlen generell.

Das Klingeln dauerte lang. Schon wollte sie auflegen. Dann:

Hallo?

Sabinchen. Hier ist Frau Weber.

Pause. Nicht feindlich, aber Pause.

Guten Abend, Frau Weber.

Guten Abend. Magst du dich mal treffen?

Pause. Frau Weber stand am Fenster und sah auf die Märzstraße, wo Schneereste tauen.

Wozu? fragte Sabine. Nicht schroff, sondern klar. Sie fragte immer klar.

Ich wollte mit dir reden. Es gibt da etwas kann ich nur persönlich sagen.

Wieder Pause so lang, dass Frau Weber dachte, gleich kommt die Absage. Und sie hätte sie verdient.

Gut, sagte Sabine schließlich. Samstag wäre möglich. Das Café an der Luitpoldstraße kennen Sies?

Ich finde es.

Zwölf Uhr mittags.

Zwölf. Danke, Sabinchen.

Ja, sagte Sabine. Das war’s.

Am Samstag kam meine Mutter eine Viertelstunde früher, wählte einen Tisch am Fenster, bestellte Tee, schaute auf die belebte Straße. Der Frühling näherte sich, die Leute liefen ohne Mütze draußen herum die Zeit schien schneller zu vergehen.

Sabine kam pünktlich derselbe dunkelblaue Mantel, die kurzen Haare kräuselten sich im feuchten Wind, sie nickte, setzte sich.

Guten Tag.

Hallo, Sabinchen. Danke, dass du gekommen bist.

Was wollten Sie sagen?

Meine Mutter hob die Tasse an, stellte sie wieder ab.

Ich wollte sagen, dass ich dir Unrecht getan habe, brachte sie hervor. Bei vielem. Nicht allem, aber viel.

Sabine schaute sie ruhig an.

Ich habe dir von Anfang an nichts zugetraut. Ich hielt dich für berechnend noch ehe du etwas getan oder nicht getan hattest. Das war nicht fair.

Sabine schwieg.

Ich dachte, du wolltest nur die Wohnung. Dachte, du liebst Johannes nicht, sondern nutzt ihn aus. Alles Berechnung.

Und heute?

Nein, sagte meine Mutter, langsam wie ein Geständnis. Nein. Seit ich dich im September gesehen habe, weiß ich: Du warst einfach ein Mensch, der eine Familie wollte. Ein Zuhause. Wie alle anderen auch.

Sabine schaute kurz zur Seite. Draußen watete eine Taube durch eine Pfütze.

Frau Weber, sagte sie leise, es ist richtig und gut, dass Sie das sagen. Aber ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.

Du sollst auch nichts. Ich musste es loswerden für mich, nicht für dich.

Sabine sah sie an, ohne Mitleid, ohne Stolz. Mit etwas, für das meine Mutter kein Wort hatte.

Wie geht es Johannes? fragte Sabine.

Sie ziehen nach München. Die Frau arbeitet jetzt dort.

Verstehe.

Sie ist ganz anders als du. Nicht besser, nicht schlechter anders.

Ist das nun gut oder schlecht?

Ich weiß es nicht, sagte meine Mutter wahrheitsgemäß. Es war vermutlich die ehrlichste Antwort der letzten Jahre.

Sabine lächelte ein bisschen nur mit einem Mundwinkel. Kein Sarkasmus, sondern einfach ein Lächeln.

Möchten Sie jetzt noch etwas? Also konkret etwas von mir Hilfe oder so?

Nein. Ich wollte nur es aussprechen.

Gut, sagte Sabine. Ich muss gehen, in zwanzig Minuten ist ein Kundentermin.

Natürlich.

Sabine stand auf, zog den Mantel an, griff nach ihrem Portemonnaie.

Ich zahle, sagte meine Mutter.

Nicht nötig.

Bitte.

Sabine sah sie kurz an, steckte das Portemonnaie wieder ein.

Also gut.

Sie hob die Tasche auf, blieb einen Moment stehen.

Frau Weber, mir tut es nicht mehr weh. Seit langem nicht mehr. Das wollte ich, dass Sie das wissen.

Das freut mich.

Es ist nicht für Sie. Sondern für mich. Ich trage keinen Groll mehr nicht, weil Sie Recht hatten, sondern weil es mir so besser geht. Für mich.

Meine Mutter nickte. Ihr fehlten die Worte. Das erste Mal seit langer Zeit.

Alles Gute für Sie, sagte Sabine.

Dir auch, mein Kind.

Sabine ging. Draußen vor dem Café sah meine Mutter, wie sie die Straße entlangging ruhig, mit geradem Schritt, im blauen Mantel. An der Ecke hielt sie kurz an, schrieb oder las auf dem Handy, steckte es weg und bog aus dem Sichtfeld.

Meine Mutter zahlte, zog sich an, trat hinaus. Draußen roch es nach März und tauendem Schnee ein Geruch, den sie schon immer gemocht hatte. März roch nach Möglichkeiten. So kam es ihr immer vor.

Sie spazierte die Luitpoldstraße entlang und dachte darüber nach, was sie damals getan hatte, als Sabine mit dem kleinen Koffer das Haus verließ. Sie stand am Fenster, blickte ihr nach das Gefühl: triumphiert.

Doch Sabine ging erhobenen Hauptes. Ohne Hast. Ohne sich umzudrehen. Damals hielt Frau Weber das für Anstand einer Besiegten, der alles vergeblich war.

Zu Hause angekommen, stieg sie in den dritten Stock, schloss die Tür mit ihrem Schlüssel auf, trat in die vertraute, gewohnte Stille, die sie immer empfing jeden Freitag, an jedem Feiertag. Diese Stille war nur ihre, immer ihre gewesen.

Den Mantel aufhängen. Ab in die Küche. Wasserkocher anstellen.

Draußen schmolz der März. Der alte Schneehaufen beim Eingang der lag schon seit November , löste sich und gab einen Besen frei, den jemand im Herbst vergessen hatte. Sie schaute auf diesen Besen hinaus und dachte. Einfach so.

Der Wasserkocher klickte. Sie goss sich Tee ein, hielt die Tasse mit beiden Händen. Die Wärme drang durch das Porzellan direkt in die Handflächen.

Das war alles, was von ihrem Sieg geblieben war: Die Wohnung, der Sohn jetzt in München, die zweite Schwiegertochter nahm die Traditionen mit den Koffern, die erste Schwiegertochter ging mit nichts und hat heute ihr eigenes Leben lacht ins Handy draußen auf der Straße.

Gertrud Weber war nicht dumm. Sie war klug, berechnend, aufmerksam. Vierzig Jahre Buchhaltung lehrten sie, auf das Endergebnis zu schauen.

Und im Endergebnis saß sie jetzt allein in ihrer Küche. Nicht, weil niemand anrufte. Strecker war noch da, die Nachbarin auch, auch der Sohn, nur weit weg. Allein war sie deshalb, weil diese Stille im Haus normal wurde und weil sie kaum mehr wusste, wann zuletzt jemand einfach so vorbeikam.

Sabine war einfach so gekommen. Sie hatte Küchlein aus der Bäckerei am Markt mitgebracht die gibt es schon seit zwei Jahren nicht mehr. Nie hatte jemand darum gebeten; sie brachte sie einfach mit, stellte sie hin und sagte: “Frau Weber, die sind mit Kohl, Sie mögen das doch”. Frau Weber aß und dachte an Berechnung.

Sie trank den Tee aus, spülte die Tasse, trocknete die Hände am Handtuch mit gesticktem Hahnmuster, das sie vor Jahren mal von einem Volksfest mitgebracht hatte.

Schließlich griff sie zum Telefon, rief ihren Sohn an. Nicht, weil es nötig war. Sondern einfach so.

Mama? Alles okay?

Ja, Johannes. Wie läuft es bei euch?

Stressig. Kartons packen. Und bei dir?

Ganz gut. Wollte nur hören, wie es dir geht.

Ach so. Wir sind gerade beschäftigt. Ich ruf nachher nochmal an, ja?

Klar, klar. Pack ruhig.

Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?

Es ist alles gut, Johannes.

Dann ist ja gut. Bis dann.

Tschüss.

Sie legte auf. Draußen März. Der Besen ragt aus dem Schnee. Es war still.

Sie ging ins Wohnzimmer, zog aus der Kommode das alte Fotoalbum. Blätterte blind auf.

Achtjähriger Johannes am See, hält einen Angelhaken, blickt ernst in die Kamera als ginge es um alles. Neben ihm ich, jung, lachend. Damals konnte ich noch wirklich lachen. Irgendwann verlernte ich es ich weiß nicht, wann.

Nächste Seite. Erwachsener Johannes, etwa achtundzwanzig, steht neben Sabine. Beide schauen aus dem Bild, nicht in die Kamera. Sabine hält Johannes an der Hand. Das Foto hatte ich gemacht damals dachte ich, dass sie ihn so festhielt, bloß damit er nicht verschwindet.

Jetzt sah das ganz anders aus: Zwei Menschen, die nebeneinanderstanden und Händchen hielten. Nicht fest. Einfach so.

Sie schloss das Album und legte es zurück.

Im Zimmer war es dämmerig geworden, die Sonne hinter dem Haus verschwunden, das Licht blieb aus. Sie saß im Halbdunkel und hörte der Stille zu.

“Mir tut es nicht mehr weh. Schon lange nicht mehr. Ich trage keinen Groll mehr nicht, weil Sie recht hatten. Sondern damit es mir besser geht. Für mich selbst.”

Genau das war der Unterschied. Sabine tat es für sich. Gertrud Weber immer für den Sohn. Und so lebte der Sohn jetzt in München und sie saß im Dunkeln, nur mit dem Fotoalbum.

Meine Mutter weinte nicht. Sie war nie eine, die einsam weint. Sie hatte lange nicht geweint. Zuletzt beim Weggang meines Vaters, drei Tage lang, dann nahm sie mich an die Hand, ging mit mir ins Kino, und seitdem nicht mehr.

Sie stand auf, machte das Licht an, ging in die Küche, nahm den letzten Apfelkuchen, stellte ihn auf den Tisch, schnitt ein Stück ab.

Draußen war es mittlerweile ganz dunkel. Die Laterne vor dem Haus strahlte orangenes Licht und der Märznachmittag schien plötzlich fast gemütlich. Fast.

Sie aß Kuchen und blickte ins Dunkel. Überlegte, ob sie Samstag Frau Strecker anrufen und gemeinsam ins Café oder in den Park gehen sollte. Vielleicht einfach so, wie früher.

Dann dachte sie ans Frühjahr der Schrebergarten sollte gemacht werden, Tomatenpflanzen ziehen, alles wieder herrichten. Die Parzelle war klein, aber die Beete gut. Sogar die Nachbarn wollten Ableger.

Schließlich dachte sie an gar nichts mehr. Aß Kuchen, schaute zum Licht der Laterne.

Das Telefon blieb still. Kein Rückruf abends. Sicher vergessen. Packerei, Umzug, viel zu tun. Sie griff nicht noch einmal zum Hörer. Nicht aus Groll. Einfach nicht.

Die Nachbarskatze maunzte durch die Wand etwas aus, dann verstummte sie. Die Heizung klopfte. Alltag eben.

Vielleicht kaufte sie morgen Samen auf dem Wochenmarkt. Vielleicht war es noch zu früh.

Sie spülte den Teller, machte das Licht aus, ging ins Wohnzimmer.

Abends las sie immer noch ein wenig. Ein Krimi lag halb gelesen, das Lesezeichen auf halber Strecke. Sie schlug die richtige Seite auf, las zwanzig Minuten dreimal die gleiche Seite, ohne den Inhalt zu behalten.

Legte das Buch weg, machte das Licht aus. Lag im Dunkeln.

Sabine ging im blauen Mantel über den Gehsteig. Ruhig, ohne Hast.

Vor drei Jahren ging sie mit dem Koffer. Auch ruhig. Ohne Hast. Damals stand meine Mutter am Fenster und dachte, das ist die Haltung einer Verliererin.

Heute lag sie im Dunkeln und wusste: Vielleicht wusste Sabine damals längst etwas, das ihr selbst verborgen geblieben war. Vielleicht dachte Sabine weniger daran, was sie verlor, sondern mehr daran, wohin ihr Weg führte.

Gertrud Weber konnte nie nach vorne schauen. Immer nur zurück: Was hatte sie bewahrt, was verteidigt, was war geblieben? Der Endsaldo.

Der Saldo war jetzt: Wohnung da. Sohn da. Das Leben geht weiter.

Nur ist es sehr still geworden.

Sie drehte sich auf die Seite, schloss die Augen.

Draußen wurde der März langsam Nacht. Bis zum Morgen würde der restliche Schnee weiter schmelzen. Vielleicht war er im April ganz weg. Frühling kommt immer. Ob man will, oder nicht.

Sie dachte: Vielleicht geh ich mal wieder an diesem Büro auf der Luitpoldstraße vorbei. Nicht extra, nur so, falls es sich ergibt. Mal sehen, wie es läuft dort. Bestimmt läuft es gut Sabine war nie eine, die etwas anfängt und nicht zu Ende bringt.

Das konnte sie immer: arbeiten, durchhalten, fertig machen.

Meine Mutter hatte es früher nie so benannt. Vielleicht hat sie es damals sogar für etwas anderes gehalten.

Sie lag in ihrem Bett, lauschte lange der Stille der eigenen Wohnung dreiunddreißig Jahre Stille , hörte die Nachbarskatze wieder, dann nichts mehr.

Sie dachte ans morgige Marktbesuch. An Frau Strecker, an den Sohn, der im März endgültig wegziehen wird. Vielleicht fährt sie mal mit dem Zug nach München, drei Stunden sind es, das geht.

Und wenn sie das nächste Mal Sabine auf der Luitpoldstraße trifft, wird sie etwas anderes sagen. Etwas Echtes.

Oder vielleicht sieht sie Sabine nie wieder. Selbst Bamberg ist eine kleine Stadt.

So kreisten ihre Gedanken, wurden immer stiller, langsamer, wie ein Nachtzug vor dem Bahnhof. In dieser Langsamkeit war etwas beinahe Friedliches. Nicht gut, nicht schlecht einfach so, wie es ist, wenn alles bereits geschehen ist und man irgendwie weiterleben muss.

Und weiterleben, das konnte sie. Das konnte ihr niemand nehmen.

Morgen steht sie, wie immer, um sieben auf. Schaltet den Wasserkocher an. Schaut aus dem Fenster. Der März taut.

Und irgendwo, am anderen Ende der Stadt, im Apartment an der Nürnberger Straße, steht Sabine vielleicht auch auf. Vielleicht früher, vielleicht später. Kocht Tee in ihrer eigenen Küche. Blickt aus ihrem Fenster.

Beide schauen sie auf denselben März. Dasselbe schmelzende Weiß, denselben Himmel, der immer heller wird.

Nur eben aus verschiedenen Fenstern.

Meine Mutter schloss endlich richtig die Augen.

Draußen lag eine stille Märznacht.

Und ich weiß jetzt: Wer immer nur kämpft um nicht zu verlieren, wird nie genießen, was es bedeutet, einfach gemeinsam zu leben. Manchmal bedeutet Siegen, allein zu bleiben und das ist keine Kunst. Aber zu vergeben, loszulassen und mit sich selbst im Reinen zu sein das ist vielleicht der wichtigste Sieg von allen.

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Homy
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