Die Liebsten – Unsere Allerengsten

Die Allerliebsten

Dem am Tisch sitzenden Arzt erschien Bertha Hoffmann wie ein riesiges Tier, unförmig, den Hals aufblasend wie ein seltsamer Frosch bei jedem Atemzug. Ihr hatte man hundertmal gesagt, sie müsse etwas gegen ihre Krankheit tun, dass das böse enden werde, doch sie wischte immer alles mit einer Handbewegung weg.

Operation? Sind Sie des Wahnsinns! Ich habe ja noch das Gartengrundstück, da wächst der Spargel soll der etwa im Regen versinken? Keine Zeit, Herr Doktor, schon gar nicht für ‘ne Operation! Und wohin soll ich überhaupt Annemarie stecken? Ja? Wohin?

Hier tauchte oft die robuste, gut gebaute Annemarie auf, meistens mit zwei Zöpfen, im Wollkleid oder in einem schlichten baumwollenen Sommerkleid, das hing immer vom Wetter ab, dazu Gummistiefel, die mal einem anderen Kind gehört hatten, oder ausgelatschte Halbschuhe. Anni stand still, sah auf den Boden, während Bertha mit ihrer Pranke Annemaries Schulter knetete.

Wohin mit ihr? Heim? Kommt gar nicht in Frage! Haben Sie schon probiert nie im Leben, lassen Sie das mal schön bleiben. Und drücken Sie mir hier keine Formulare rein, Herr Doktor. Ich unterschreibe gar nix, ich bin doch nicht auf den Kopf gefallen! Komm, Annemarie, wir haben was zu tun Wiedersehen, Herr Doktor! Und lass das, das ist nicht deins! Bertha schlug leicht nach Annemaries Hand, die nach der kleinen Porzellanfigur auf dem Schreibtisch griff, stöhnte sich vom Stuhl, ihre Hand schwer wie ein Teigklumpen mit knallroten Nägeln.

Der Tisch knarrte, irgendetwas knackte und draußen fiel die Tür ins Schloss, der Doktor atmete erst erleichtert durch, als Bertha wirklich verschwunden war. Warum hatten alle Angst vor Bertha Hoffmann? Ihr Auftreten hatte etwas Gewichtiges an sich.

Bertha stolzierte durch die Klinikflure wie eine Königin. Hinter ihr watschelte Annemarie, die Hand in der ihren reibend verletzt, aber kaum gekränkt. Gleichgültigkeit? Daran gewöhnt? Ein dickes Fell? Das blieb Annemaries Geheimnis.

So, ich sags jetzt mal!, Bertha blieb abrupt stehen, biss sich auf die Unterlippe, die Augenbrauen zogen sich zusammen. Dann griff sie Anni an der Hand und flüsterte:

Hier, bring das mal zur Frau Doktor. Und richt ihr schöne Grüße von mir aus, für die Sorge, für die Mühe aber ich kann eben nicht unters Messer, ja? Kapiert? Also nicht rumtrödeln! Mach dich nützlich! Was hat mir der Himmel nur bloß für ein seltsames Kind geschickt! Mal wien Wirbelwind, mal wie erstarrt im Träumen.

Bertha drehte Annemarie entschieden zum Korridor und stupste sie an.

Anni tapste gehorsam zurück zum Examenszimmer.

Klopf an, Träumerle!, rief Bertha ihr nach, Was wird nur aus dem Kind? Wie sie aussieht! Egal wie oft ich ihr was erkläre

Sie ließ ihren Blick über den Wartebereich schweifen, Menschen machten bereitwillig für sie Platz.

Als Annemarie in das Sprechzimmer ging, schluckte Bertha und sank auf die Wachstuchbank, holte ihr Taschentuch heraus und tupfte ihre glänzende Stirn ab. Ihre Lippen zuckten, das Herz hämmerte wie ein Amboss, dumpf und schwer, der Schmerz zog bis in die Schläfen.

Widerwillen rief Bertha kein Ekel hervor. Sie war eben massig, kleidete sich in wallende Sachen, die Beine dick wie Säulen, aber nie abstoßend. Sie duftete, die Kleidung war sauber, gepflegt, auch wenn ihre Schuhe an den Spitzen abgewetzt waren, blitzten sie immer noch.

Schlechte Füße halt, erklärte sie, wenn neugierige Blicke an ihren festgebundenen Stiefeln für den Sommer hängen blieben. Was soll ich denn anziehen, mit so krummen Knochen? Ich war ja krank zur Welt gekommen! Aber ich habs allen gezeigt!

Bertha ballte die Faust und grinste trotzig, schob ihr Kinn vor.

Hab getanzt, gesungen, alles mögliche! Bloß die Augen, und wahrscheinlich die Schilddrüse, plötzlich tat sie sich selbst leid, schniefte, wischte sich das Gesicht und schimpfte wieder drauflos:

Sie wollen mir doch tatsächlich das Sterben einreden! Wie sie in meinen Krankheiten bohren! Gehen Sie doch selbst zum Arzt! Ich hab keine Zeit, mit meinen Leiden. Ich hab Annemarie. Erstmal großziehen, Bertha reckte wurstförmige Finger, dann lernen lassen, das ist zwei. Dann gut verheiraten, das ist drei! Und Sie reden mir hier von Operation! Ach, Quatsch!

Der Zuhörer war verstört, Bertha aber stolzierte stets als Siegerin davon.

Heute aber musste Bertha warten auf Annemarie, die partout nicht aus dem Sprechzimmer kam.

Was macht die da drin! Annemarie! Ab nach Hause!, donnerte Bertha, die ganze Warteschlange zuckte zusammen; sogar die Putzfrau mit der Bonbondose spähte erschrocken hervor.

Pssst! Das ist eine Klinik!, fauchte eine Stimme schon war sie wieder verstummt bei Berthas Blick.

Währenddessen stand Annemarie unruhig bei Frau Doktor Lene Schäfer, die mitleidig zu ihr hinunter sah.

Danke das ist von Frau Hoffmann, für Ihre Mühe! Aber sie kann nicht ins Krankenhaus. Der Spargel im Garten sonst klauens die Nachbarn. Morgen fahren wir raus.

Lene blickte mit Entsetzen auf Anni.

Du solltest lesen, lernen, nicht Kartoffeln ausbuddeln! Sag, Kind, was ist Frau Hoffmann für dich? Nimm doch eine Praline, ich darf ja nichts Süßes, für ein Kind aber allemal Lene schob die Schachtel zu Anni, aber die schüttelte nur den Kopf.

Darf ich nicht. Oma Bertha schimpft sonst, erklärte Anni. Und Frau Bertha ist halt einfach Oma Bertha, was soll daran unklar sein?

Hmmm Du heißt Annemarie, richtig? Hübscher Name. Und, behandelt Oma dich gut? Schlägt sie dich?, hakte Lene vorsichtig nach.

Sie? Och, ab und zu., Annes Miene wurde nachdenklich, wie wenn sie alte Erinnerungen abwog Handerhebungen, aber immer mit Grund, betonte sie. Oma Bertha ist eigentlich ganz gut, nur macht sie sich zu viel Sorgen, dann schreit sie halt. Und was das mit dem Schlagen angeht das hab ich mir wohl ausgedacht. Sie kramte nachdenklich. Schreiben Sie mir einfach auf, was ich machen muss, vielleicht zum Gutachten oder so Sie sind ja jetzt die Neue, vorher war Herr Baumgartner der kam mit Oma immer gut aus. Machen Sie sich keinen Kopf. Oma hat halt ein schweres Leben. Ich geh dann mal, danke, auf Wiedersehen.

Und Anni ging, Lene blieb in grüblerischer Ratlosigkeit zurück. Wie sollte man mit so einer Frau reden? Aber Bertha war eine erwachsene, eigenständige Frau, das musste sie schon selbst wissen.

Was hat so lange gedauert? Hat sie was von der OP erzählt?, fuhr Bertha los, griff Anni am Arm.

Wenn die Doktorin das dem Kind eingeredet hätte, würde Annemarie einfach nicht locker lassen! Die wäre wie ein weiblicher Dr. Sauerbruch! Und sie selbst sei dann bloß noch ein Patient! Wie ein Hund, den sie auf Diät setzt.

Sie hat nichts erzählt. Hat bloß gefragt, wie du zu mir bist. Komm, wir müssen Wäsche machen!, schnappte Anni und stopfte die Zettel in die Kleidertasche, schwang Berthas Einkaufskorb wie einen Rucksack über die Schultern und marschierte voraus.

Wie ich zu dir bin? Wie ich zu dir bin!, Bertha polterte hinterher, die Wangen aufgebläht, Tritte dröhnten auf dem Linoleumboden. Stehenbleiben! Was hast du gesagt? Los, gib die Tasche her!

Sie schnappte sich das Mädchen unten am Treppenabsatz, packte sie an den Schultern, schaute tief in ihre Augen.

Was hast du gesa Sag schon!

Hab schon gesagt: Nichts Besonderes. Lass mich in Ruhe! Immer gleich vernehmen! Ach, Oma, es ist doch egal! Wem kümmert das?, Anni riss die Tür zur Poliklinik auf. Komm, pass auf die Stufen auf. Schade, dass Herr Baumgartner in Rente ist

Bertha wuchtete sich mürrisch aus dem Krankenhausport, beobachtete finster die Gedanken an die drohende Wartezeit auf die nächste Straßenbahn. Weil eine Schwester meinte, sie behandle Annemarie schlecht!

Kaum will jemand helfen, aber überall ihre Nase reinstecken das können sie!

Die ganze Rückfahrt war Bertha außer sich. Abends aber lag sie in Annemaries Armbeuge, sang mit dem Mädchen Ach, Flüßlein, rausch so munter, Bertha weinte, das Kind seufzte. So fließt das Leben dahin: ihr eigener Lebensstrom, unaufhaltsam, und Annemaries kleines Bächlein, quirlig, braucht Schutz, doch wird die Kraft reichen?

Die ganze Nacht wälzte sich Bertha umher, stand auf, trank Wasser, runzelte die Stirn nein, sie müsste doch einmal auf sich selbst achten! Wenn Annemarie die achte Klasse schafft

Früh am Morgen fuhren sie zum Kleingarten, um vor dem Schwarm der Wochenendgärtner ihre Kartoffeln auszugraben.

Vorwärts jetzt, Anni! Die schlafen auch nicht auf der faulen Haut, zack zack!, schallte Bertha aus dem Gemeinschaftsflur, ohne sich darum zu scheren, dass es noch früh am Sonntagmorgen war.

Oma, ich bin ja schon dabei!, jammerte Annemarie irgendwo in der Wohnung.

So ein Skandal! Schlafen wollen sie nicht lassen! Und das Kind kriegt noch nicht mal Frühstück! Dein Ende naht, Bertha Hoffmann!, schrie Frau Ingrid Zimmermann aus der Nachbarwohnung mit Lockenwicklern, Meine Geduld ist am Ende. Die Zeiten ändern sich!

Kopfschüttelnd stellte Bertha das Gepäck in den Flur.

Wenn es wieder Kartoffeln gibt, dann stehen Sie vor meiner Tür! Und der Sohnemann ist ja auch plötzlich fort, vergessen Sie nicht!, rief sie durch Ingrids Tür, die gleich wieder ins Schloss fiel, und Bertha grinste schief.

Anni, selbst umarmt, lauschte dem Streit durch die Wand. Ja, Furcht Aber mit Oma war alles sicher wie an einer massiven Felswand.

Ingrid verschluckte sich fast an ihrer Wut.

Raus aus meiner Wohnung, du Besetzerin! Heute geh ich zur Hausverwaltung, es ist vorbei! Dein Gemüse brauch ich nicht mehr. Da gibts besseres aufm Markt!, polterte sie, die Füße schlidderten, fast fiel sie im Alter droht Schenkelhalsbruch, und dann ist es vorbei mit dem Zimmer.

Und du, alter Dreckspatz, misch dich bloß nicht wieder ein!, keifte Bertha, spuckte auf die Nachbartür, stemmte das Kinn vor.

Anni, los, schneller!, rief sie.

Im Regionalzug überkam Bertha die Sorge: Wenn die wirklich zur Hausverwaltung geht, das neue Management verlieren wir noch das Zimmer, und du pennst! Dein Schicksal entscheidet sich hier und jetzt!

Annemarie schlummerte eingeklemmt zwischen Fenster und Omas warmem Körper, wurde erst wach, als Bertha sie am Knie schubste. Draußen flogen die Felder vorbei, über dem Rheintal lag dicker gelber Nebel, ein Hund bellte auf eine träge Kuh, die Schwanz wedelnd in die Sonne blinzelte.

Na? Fieber?, Bertha prüfte ihre Stirn mit der rauen, warmen Hand, die nach Brot und Bratkartoffeln roch warum, wusste Anni nicht, aber sie seufzte bei diesem Geruch immer

Kein Fieber. Hunger? Och, klar! Schlafen immer gleich, aber für Brote bist du nie zuständig! Bertha nestelte, holte eingewickelte Schnittchen aus der Tasche.

Hier. Iss. Milch hab ich vergessen dieser Zimmermann!, schimpfte sie weiter, während Annemarie genüßlich kaute.

Junge Leute, immer hungrig. Lass dir den Hals vollwerden, Anni! Ich döse jetzt

Nun lehnte sich Bertha, satt, an Anni, stellte sich bequem und schlief sofort, gleichmäßig atmend. Anni legte den Kopf auf Omas weiches Haar, schloss die Augen. Die Gedanken drifteten zu Frau Zimmermanns böse Blick im schwankenden Sonnenband, dann tauchte alles in dicken weißen Nebel und sie schlief ein

Bertha träumte von einem riesigen Büro, in schwerem roten Teppich versunken, mit tiefgrüner Tuchdecke auf dem Tisch und glänzenden Nussholzstühlen. Menschen saßen um den Tisch, berieten Annemaries Schicksal; Annemarie versteckte sich mit fünf Jahren hinter Bertha, hielt ihre schwitzige kleine Hand in ihrer Faust.

Nur keine Angst, nicht heulen!, keifte Bertha nervös, dann schaute sie hoch zur Kommission die würden nun entscheiden, ob Bertha Hoffmann, Waisenkind und alleinstehende Frau, das Nachbarsmädchen Annemarie zu sich nehmen durfte, deren Mutter seit über einem Jahr verschwunden war.

Sie sind nicht verwandt!, sagte der Vorsitzende.

Aber nach dem Herzen! Hier kennt sie jeden Teller, jeden Keks. Ich pass auf die Kleine auf, wirklich!, Bertha plädierte, schilderte die Liebe zu Annemaries Lieblingspudding.

Aufpassen kann man auf einen Hund! Das ist ein Kind. Dokumente, Erlaubnisse! Ich übernehme hier keine Haftung!

Bertha weinte, Annemarie quietschte auf

Angeklagt wurde niemand. Bertha fand Argumente, schmiedete Kontakte, bekam schließlich das Sorgerecht für Annemarie. Ihr kleiner Triumph.

Sie wurde davon wach, erschöpft, als der Zug in Bad Nauheim hielt.

Was für Kartoffeln! Was für ein Segen!, jubelte Bertha auf dem Feld wie zu Hungerzeiten, man weiß nie, ob der Boden etwas hergibt, das fühlte sich wie Reichtum an.

Anni! Wer stochert denn so! Alles kaputt! Hierher, die Blätter wegräumen, rief sie.

Da schuftet mal wieder die Annemarie, kein Wunder!, tuschelten Nachbarn.

So jung, muss sie schon ran, das Leben ist kein Zuckerschlecken, nickte ein alter Herr. Vielleicht sollte ich mir auch so ein Enkelkind besorgen. Bist du dabei, Mandy?, zwinkerte er zur Nachbarin im Beet.

Spinnst du, Opa Franz! Bertha kann sich noch wund weinen mit dem Kind, heute werden die Jungen immer verrückter. Hoffentlich endet das gut, brummelte Maria in die Erde.

Die Sonne stieg, Tautropfen glitzerten, der Nebel sank zum Bach.

Bertha wühlte klug in der Erde, sortierte die Beute.

Was steht an? Anni, wie viele Säcke? Die beiden für uns, der für Ingrid als Schweigegeld, zwei verkaufe ich. Aufsitzen, los, Pause! Annemarie, ich rede mit dir! Hinsetzen, still sein schon wieder mit den Stiefeln im Dreck, das machst du selber sauber!, schimpfte Bertha.

Aber Annemarie jagte lieber Heupferdchen, die quer übers Beet sprangen.

Fang nur, fang dann gibts abends Heuschreckenbraten!, murrte Bertha, der Rücken schmerzte, sie wollte heim.

Im Zug musterten Mitreisende Bertha mit Abscheu, Annemarie mit Mitleid.

Das Kind muss den Kartoffelsack schleppen unmöglich!, flüsterte eine, arme Kleine, und wie ruppig die ist!

Anni ließ alles an sich abprallen, kippte auf die Bank, legte den Kartoffelsack zwischen die Beine; bald schlief sie an Omas Schulter ein.

Drei Haltestellen vor der Stadt wurde Bertha ganz schlecht, sackte seitlich fort.

Oma, was ist? Oma!, Annemarie rüttelte an ihrer Hand, doch Bertha erwachte nicht

Wer sind Sie für sie? Haben Sie Papiere?, bohrte der junge Notarzt wieder und wieder, mit dem Stift nervös tippend.

Oma! Wo sind die Unterlagen? Zuhause Ich weiß nicht, stöhnte Anni.

Schlecht!, sagte der Arzt knapp.

Hofmeister! Quäl das Mädchen nicht! Willst du was trinken, Annemarie? Ich hab noch Mohnstrudel., bot Krankenschwester Jutta an.

Nein danke, ich muss die Kartoffeln Ingrid bringen, sonst gibts Ärger Können wir bitte gehen? Oma mag kein Krankenhaus, das weiß hier jeder. Können wir nach Hause?, flehte Anni.

Geht nicht. Hoffmann bleibt das Herz, wissen Sie doch? Holen kann dich jemand?, Hofmeister gähnte hinter der Maske.

Wie lange? Eine Woche mindestens. Jutta bringt dich dann was zum Essen.

Anni dachte kurz nach.

Okay Aber ich hab kein Geld, ich brings dann später. Geht das?, fragte sie kleinlaut.

Quatsch! Kinder füttere ich gratis. Komm.

Sie öffnete die klirrende Glastür mit dem ausgefransten Linoleum, Anni seufzte und tappte hinterher, bereit für neue Formulare.

Die Nacht im Schwesternzimmer, das Frühstück, dann sagte Jutta: Deine Oma ist wach, sucht dich und fragt nach den Kartoffeln. Magst du? In Zimmer zehn. Nicht erschrecken, die ist grob, weil sie krank ist

Anni nickte, aß fertig, räumte auf, dann zögernd zur Oma.

Kaum war sie eingetreten, schimpfte Bertha los: Wo warst du? Was ist mit den Kartoffeln? Mach die Jacke zu alles hängt raus! Wenn der Ertrag weg ist, hagelt es Dresden, Annemarie!

So eine alte Ziege!, empörten sich die Mitpatienten, Was fällt Ihnen ein, das Kind so zu behandeln? Holen Sie die Chefärztin!

Die ist nicht da, die sucht Fördergelder, murmelte die Putzfrau.

Dann warten wir! Wir erzählen ihr alles!, beschloss eine am Fenster.

Annemarie beugte sich zu Bertha, reichte ihr das Essen. Oma, magst du essen?, flüsterte sie.

Wie fummelst du denn herum! Alles läuft runter! Und was ist das überhaupt?, Bertha nörgelte an allem am Brei, an den Bewegungen von Annemarie, am Knirschen des Bettes.

Geh schon!, blaffte sie, als Annemarie versehentlich das Teewasser auf die Decke goss. Annemarie räumte das Geschirr weg.

Dieser Frosch! Was eine Person, tuschelte Jutta, wie kann man nur so mit einem Kind wo sind die Eltern? Aber lass dich nicht unterkriegen, wir helfen dir, wenn deine Oma wieder auf den Beinen

Plötzlich straffte sich Annemarie, stemmte die Hände in die Hüften. Ernst, wie eine Erwachsene, sah sie Jutta an.

Meine Oma Bertha ist mein einziger, allerliebster Mensch. Sagen Sie nie etwas Böses über sie! Sie wissen nichts. Und urteilen trotzdem. Das ist nicht recht!

Jutta war perplex. Und womit verdient sie das? Dass du Kartoffeln schleppen musst, dass sie dich anmeckert wie eine Hexe?

Anni lächelte.

Oma Bertha hat Angst, schwach zu sein. Weil ich dann ins Heim käme ich hab doch niemanden sonst. Mein Vater war nie da, meine Mutter ging, als ich fünf war.

Einfach gegangen?, entgegnete Jutta.

Ja, sie hat mich nicht gebraucht, nur das Geld. Oma Bertha hat alles gegeben, um mich zu behalten Schmuck verkauft, die Ämter bestochen, mir ein Zuhause gemacht. Du weißt nicht, wie sie ist! Ich liebe sie. Als ich zur Schule kam, hoffte ich auf meine Mutter aber nur Oma hat mir ein Schneekleid genäht, und mit mir geweint. Wegen sowas darf Oma nicht schwach sein. Sonst kann ich auch nicht. Verstehst du? Sie ist kein Frosch! Sie ist der beste Mensch der Welt. Und du kennst sie nicht also sag nichts!

Annis Stimme kappte, sie umklammerte sich selbst weinen sollte sie nicht, das verbat Oma immer, aber sie konnte es nicht stoppen.

Jutta entschuldigte sich, wischte sich die Augen.

Was für ein merkwürdiges Mädchen! Noch ein Kind, aber mit Gedanken, die Erwachsenen gehören. Sie vergibt Kleines für das Große, das Eigentliche

Fünf Tage später wurde Bertha entlassen. Herr Hofmeister brachte sie nach Hause, den Kartoffelsack im Kofferraum, Jutta packte noch Kräuterbrot mit dazu.

Nicht nötig, wirklich!, wehrte Anni ab, stets mit einem Auge auf ihre blasse Oma.

Doch! Zuhause Tee kochen und ausruhen, Jutta drückte ihr noch einen Zettel in die Hand: Wenn ihr Hilfe braucht, klingel an! Danke, Bertha, für Annemarie. Sie sind ein herzensguter Mensch!

Bertha sah Anni grimmig an, verzog die Lippen.

Wieder alles ausgeplaudert? Jetzt wärs noch Radio wert gewesen! Immer bringst du mich in Verlegenheit, Mädel!

Doch dann trat sie zu Jutta, umarmte sie. Ach! Ist doch nichts Besonderes. Hauptsache, ich krieg das Mädchen groß.

Wieder im Auto saß Bertha, in Gedanken schon bei den restlichen Kartoffelsäcken im Schuppen, dem neuen Theater von Ingrid, und ob sie Annemarie die Eislaufschuhe kaufen sollte, die die Nachbarin günstig abgab genau die weißen, die Annemarie so wollte.

Alles in Ordnung, Oma?, tätschelte Anni besorgt.

Bertha schwieg ungewöhnlich lange, dann zuckte sie: Jetzt hab ich den Faden verloren wo war ich? Ach, Annemarie, hauchte sie, küsste sie auf die Stirn. Hör auf zu heulen, Kind! Jetzt ist mein Pulli ganz nass! Unmögliches, aber mein allerliebstes Mädchen! Herr im Himmel

Sie redete und redete, Annemarie kuschelte sich an den festen, duftenden Oma-Arm. Nichts war mehr schlimm solange sie zusammen waren, war alles gut, und im Brotpapier roch es nach Himbeeren, draußen glitten Dörfer vorbei, schon wurden die Gedanken schläfrig

Annemarie lehnte den Kopf an Berthas Schulter, schloss die Augen. Bertha lächelte, glücklich, jemandes Ein und Alles zu sein. Gut, dass sie Annemarie damals verteidigt und durchgekämpft hatte! Es gab noch viele Sorgen, aber für Annemarie lohnte sich jeder Kampf. Vielleicht sollte sie wirklich noch mal bei Frau Doktor Schäfer vorbeischauen. VielleichtKurz vor der Haltestelle drehte sich Bertha schwerfällig zum Fenster, betrachtete das erste Gold in den Bäumen. Weißt du, ich hab manchmal gedacht, ich schaff das nicht mehr. Aber wenn ich dich anschaue Sie verstummte, fuhr mit der warmen, schwieligen Hand über Annemaries Haar. Da weiß ich, dass wir zwei alles bewältigen können. Mehr brauchts nicht, Annemarie wirklich nicht.

Anni blickte zu ihr auf, mit einem Lächeln, das so plötzlich und hell war, dass es Berthas altes Herz für einen Moment ganz leicht machte. Draußen sang irgendwo eine Amsel. Bertha atmete tief ein.

Die Tür öffnete sich, die Geräusche der Stadt strömten herein. Hand in Hand stiegen die beiden aus, der Kartoffelsack schlenkernd zwischen ihnen, Schritt für Schritt dem Haus entgegen, das sie daheim nannten auch wenn es oft schief hing, auch wenn Nachbarn schimpften oder Sorgen den Flur blockierten.

Und während Annemarie pfeifend voranschritt, die Sorge wie eine alte Jacke von den Schultern streifend, wusste sie: In Omas Nähe war sie nicht mehr allein, nie mehr das Kind, das übersehen wurde. Und Bertha, groß und brummig, doch innen voller Angst, war plötzlich sicher: Was kommen mochte, sie hatte alles, was zählte.

Im Treppenhaus lachten sie beide laut einfach so, aus Freude. Und über ihnen, fast unbemerkt, hüpfte ein Sonnenstrahl durchs Fenster.

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Homy
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