Mein Geheimnis
Auf dem kalten, elastischen Schnee zu liegen hart geworden, weil gestern viel geschmolzen und heute erst begonnen hatte, wieder zu frieren , empfand ich fast als angenehm. In mir brannte es heiß, mein Puls pochte wild in den Schläfen, die Brust zog, das Gesicht glühte, und der Mund war ausgetrocknet.
Mit zitternder Hand schöpfte ich eine Handvoll Schnee, öffnete die Zähne mit letzter Kraft und schob das kühle, nasse Weiß in meinen Mund. Es prickelte auf der Zunge, doch da war dieser metallische Geschmack Blut, das langsam aus aufgeplatztem Zahnfleisch sickerte, mich zum Husten brachte. Ich hatte nicht einmal mehr die Kraft, mich zu drehen und auszuspucken.
Der Schnee dämpfte meinen Schmerz, und ich war ihm dankbar, als wäre er eine kostenlose Betäubung, ein Segen. Doch die Kälte nahm den Schmerz nie ganz. Sie schob ihn nur fort, irgendwohin, hinter den Horizont, wo die rote Kugel der Sonne im Westen versank. Selbst das Licht des Sonnenuntergangs tat schließlich weh, als würde es meine Augen verbrennen.
Als ich die Lider schloss, blieb von der Sonne nur noch ein fahler, schwammiger, graugelber Fleck vor meinem inneren Auge.
Wenn ich nur irgendwohin kriechen könnte in eine Mulde, einen Graben, ein Gebüsch , mich zusammenrollen, verstecken, mich selbst wärmen, winseln vielleicht, zittern wie ein geprügelter Hund Aber dafür hatte ich keine Kraft. Meine Beine lagen wie zwei nutzlose Baumstämme auf dem Schnee, und manchmal zuckte ein Krampf hindurch.
Ich versuchte, mich auf die Seite zu rollen, stützte mich mit dem rechten Arm ab, doch dieser war gefühllos, ein stechender Schmerz durchzog die Schulter.
Na gut Dann eben anders!, murmelte ich mit zusammengebissenen Zähnen. Mein krächzender, heiserer Ton erschreckte mich selbst.
Links schien alles heil, irgendwann gelang es mir, mich hochzuziehen und halbwegs hinzusetzen, doch die Hand versank im Schnee, mein Körper lag wieder auf der eisigen Fläche.
Sterben. Einfach hier und jetzt sterben, damit alles vorbei ist. Was dann mit mir geschieht, war mir gleich. Ich hatte mich übernommen, verrannt in Dinge, die zu groß für mich waren. Selbst Schuld. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.
Morgen werden sie meinen Körper suchen. Sie hatten es versprochen. Oder Vielleicht kommen zuerst die Wölfe? Sie müssen schließlich auch fressen Dann werde ich wenigstens über meine Feinde lachen. Es bleiben ihnen nur Knochen.
Es wurde rasch dunkel. Die Müdigkeit übermannte mich. Ich trieb hinüber ins Schwarz, fühlte mich wie ein Fisch, den Krebsklauen gepackt halten, und selbst das war seltsam angenehm. Doch dann kam der Schmerz zurück, lodert rot auf, floss heiß in die Adern, zuckte mir durch die Muskeln, ließ mich mit den Zähnen knirschen. Aus dieser Ohnmacht stieg Wut auf, hilflose, flügellahme Wut, leer und doch wild. Wie ein unbewaffneter Irrer auf den Feind loszugehen das erschreckt ihn vielleicht, auch wenn man schwach ist. Ich wollte Rache. Doch ich konnte keine Frau schlagen. Nie. Also blieb auch die Rache unerfüllt
Meine Wut trieb mein Gehirn an, brachte es zum Knirschen und Quietschen, ließ es weiterarbeiten, wenn auch langsam.
Und von irgendwo tief im Bauch stieg Angst auf, eine urtümliche Todesangst. Sie bewahrte mich davor, abzuschalten.
Links aus dem Wald hörte ich einen Wolf heulen. Ich verzog das Gesicht: Nein, Freunde! So leicht bekommt niemand von euch mich! Ihr seid alle Wölfe, ob auf zwei Beinen oder auf vier aber meine Knochen kriegt ihr nicht!
Ich musste mich bewegen. Wohin egal. Wie egal. Auf allen Vieren, kriechend, Hauptsache fort von diesem Punkt, dem Punkt meiner völligen Bedeutungslosigkeit.
Mama Sie tat mir leid. Sie wartete, machte sich Sorgen. Wie wird es ihr gehen? Ich habe nicht gesagt, wo ich bin, sie wird nie erfahren, wie es ausging Vielleicht erfährt sie es doch, sicher wird es ihr jemand erzählen. Sie wird weinen. Und an ihren Tränen bin ich schuld. Mein Vater wird mich verfluchen. Zu Recht
Mir wurde übel, Tränen rannen über Wangen, gefroren auf halbem Weg zur zerschlissenen Jacke.
Ich kroch. Tappte unbeholfen mit der gesunden Hand, zerrte meine Beine über den Schnee, hinterließ rote Spuren und schleppte mich langsam weg vom heulenden Hunger des Waldes.
Dann kippte ich ins Nichts. Es war fast beglückend leicht. Ich fühlte nichts, dachte nichts. Nullpunkt. Wenn das hier die Hölle ist, dann gefällt es mir. Ich will bleiben. Hey, Dämonen, nehmt mich, ich habe gesündigt, holt mich. Mein Körper ist sowieso nur noch Schrott, den braucht niemand mehr
Doch selbst in der Hölle war ich fehl am Platz. Ein stechend gelbes Licht blendete mich, eisiges Wasser floss mir in den Mund.
Na los! Hust! Hust gefälligst, dann ist der ganze Dreck draußen!, trommelte eine Stimme auf meine Wange, grob, schmerzhaft in mein geschundenes Zahnfleisch.
Uuu…, stöhnte ich vor Schmerz, drehte mich weg, spuckte die blutige Brühe in den Schnee.
Lebst du noch? Schön! Dann schlepp ich dich jetzt nach Hause. Mein Haus ist nicht weit. Los, drauf auf die Decke, ich ziehe dich, stell dich nicht an! Ich leg dich schon selbst. Starke Hände hoben mich, betteten mich auf einen nach Schaf riechenden Lodenmantel. Oh Mann, die haben dich ganz schön zugerichtet. Ich hab Motorenlärm gehört, rausgeschaut, gesehen, wie wieder jemand übers Feld fährt als wärs ein Friedhof für euch Idioten, murmelte der Fremde, während er mich zurechtrückte. Komm, wir verarzten dich erstmal. Und dann sehen wir weiter.
Ich lallte etwas von Wölfen und Feinden, dann wurde mir warm und ich verlor das Bewusstsein
Du bist so lieb, so zärtlich! lachte Anneliese, ließ zu, dass ich ihre weichen, runden Schultern küsste. Ein Kälbchen, ja? Bist du mein kleiner Bulle? Sie fasste mein Gesicht, drückte ihre Lippen auf meine, hielt inne, um meinen heißen Atem zu spüren. Dann stieß sie mich plötzlich von sich, sprang auf, zog sich einen Morgenmantel über und band den Gürtel hastig. Geh. Es wird Zeit!
Liesl, reckte ich mich wohlig auf dem knisternden, gestärkten Leintuch. Ich will schlafen Es ist zu früh, schau doch auf die Uhr! Vertrieb mich nicht schon wieder
Ich übernachtete jetzt oft bei Anneliese. Sie gab mir Abendessen, schickte mich duschen, bezog das Bett frisch. Sie legte alles blitzsauber, gebügelt, das Licht aus und wartete auf mich. Die Nächte vergingen wie im Flug. Gerade aus der Bundeswehr zurück, ausgehungert nach weiblicher Nähe, war für mich ihre Wohnung das Paradies. Liesl war wunderschön, zärtlich, viel besser als all die flüchtigen Bekanntschaften aus der Kaserne
Ich sah oft im Spiegel, wie sie sich hinter einem Paravent Strümpfe über ihre hellen, sanften Beine zog, wie sie Unterwäsche und Kleid anlegte.
Im Spiegel war sie golden, leuchtend, fast unirdisch und so begehrenswert.
Raus mit dir!, sagte sie leise, mach mir bitte den Reißverschluss zu, dann geh. Max, das wird sonst schwierig Komm morgen wieder! Versprichs!
Wir küssten uns noch, dann warf sie mir die Kleider zu und ging.
Ich hörte, wie sie in der Küche die Herdplatte anmachte, Kaffee mahlte. Der Duft zog scharf und leicht verbrannt durch die Wohnung. Ihr Mann, Heinrich, liebte sehr kräftigen Kaffee, würzte ihn mit Pfeffer und schwörte, so sei er göttlich. Liesl saß dann ihm schräg gegenüber, lächelte schüchtern und nickte. Wie eine Henne zog sie die Beine an, setzte sie auf die Querstange, immer achtsam, bloß nicht versehentlich Heinrich mit dem falschen Namen anzusprechen
Ich blieb gelangweilt zurück, ging ins Bad, wusch mich ausgiebig, zog Hemd und Hose an, lehnte im Türrahmen zur Küche. Liesls Morgenmantel leuchtete im Sonnenlicht, die Konturen ihres Körpers schimmerten darunter verführerisch.
Sie war fünfzehn Jahre älter als ich, doch das störte mich nicht. Im Gegenteil, ich war sogar stolz, dass eine so reife, großartige Frau gerade mich unter allen Jünglingen auserwählt hatte.
Anneliese Sie war erfahren, nachsichtig mit meinen unbeholfenen Annäherungen, lachte melodisch, küsste mit einer Hingabe, die mich schwinden ließ. Sie ließ mich in ihrer herrlichen Altbauwohnung nächtigen, mit stuckverzierten Decken, Kristallleuchtern, poliertem Parkett, Porzellanservice. Sie bewirtete mich, mich, den ewigen Hungerleider, sah zu, wie ich gierig am Bratkartoffelpfännchen schmauste, während ich mit der Gabel an einem Schnitzel herumstocherte, das Schnapsglas überforderte Sie mochte es, mit mir Brüderschaft zu trinken, dann lachten wir zusammen und ich küsste ihre feine, weiße Kehle.
Sie wollte nicht, dass wir uns näher kamen, aber ich bestand darauf.
Im Münchner U-Bahnhof entdeckte ich sie zum ersten Mal ich drängte mich durch die Menschenmenge zu der Frau, die mich so faszinierte. Ich war betrunken, ausgelassen, mein Kumpel Jonas war da, aber bald verloren wir uns. Ich wollte Liesl kennenlernen, sie nach Hause bringen, doch sie wiegelte verlegen ab.
Trotzdem begleitete ich sie bis zum Haus. An der Haustür wies sie mich ab. Ich tat, als ging ich, versteckte mich aber im Torbogen, beobachtete, welches Fenster bald Licht zeigte.
Erstes Stockwerk. Ihre Fenster lagen zu meiner Seite. Ich konnte sie drinnen sehen, hinter dem Vorhang, als sie sich umzog. Ich war wie erstarrt vor Bewunderung, erst als der Hausmeister mich mit dem Besen verjagte, ging ich.
Jeden Abend stand ich bald da draußen, es war wie eine Sucht. Meiner Mutter sagte ich, ich gehe spazieren in Wahrheit hielt ich vor Liesls Fenstern Wache.
Ich sah auch ihren Mann. Die Küche ging zum Hof hinaus. Liesls Gatte lief im Unterhemd und ausgebeulten, schlabbrigen Hosen durch die Wohnung. Dünn, knochig, gebückt, zuckte immer mit dem Kopf. Warum sie ausgerechnet DEN geheiratet hat?, fragte ich mich, War sie in ihn verliebt?
Heinrich blätterte langsam, gedankenverloren in der Zeitung, Liesl servierte ihm Kuchen und Tee. Ich beobachtete. Einmal drehte der Mann sich abrupt um, als hätte er meinen Blick gespürt, zog die Vorhänge zu. Zwei Schatten verschmolzen, mir wurde schlecht. Wie, meine Liesl mit diesem Schwächling!?
Diese Blicke hielten wir lange durch, dann wurde es mir zu dumm ich kletterte einfach durchs Fenster, direkt ins Schlafzimmer. Ihr Mann war verreist ich hatte ihn mit Koffern abreisen sehen, keine Gefahr. Zeit für Abenteuer!
Liesl war erschrocken, als sie mich beim Couchtisch erwischte, wollte schreien, doch ich presste ihr den Mund zu. Dann küsste ich sie.
Oh, was sie für einen Duft hatte! Ihr Haar, ihre Lippen, das leichte Sommerkleid alles roch nach ihr.
Meine Mutter hatte nie Parfums. Von ihr roch es immer entweder nach schwerer, billiger Arbeit, oder nach Tabak. Sie rauchte diese beißenden Zigaretten, rauchte viel, ihre Zähne waren davon gelb. Sie lächelte nie mit offenem Mund. Aber Liesls Zähne waren gerade, weiß wie in Modeprospekten. Meine Mutter zog sich selten schick an. Früher fiel mir das nicht auf jetzt begann ich zu vergleichen, schämte mich beinahe für sie. Ich sollte ihr mal was Schönes kaufen, doch ich geizte plötzlich. Lieber brachte ich Liesl Blumen. Ihr Mann beschenkte sie nie damit. Er wirkte für mich sowieso wie ein Versager. Klar, sie hatten eine tolle Wohnung, Möbel aus edlem Holz, Ölbilder an den Wänden, nicht wie bei uns im Plattenbau. Ihre Teller hätten sogar Könige benutzen können, und ihr Schmuck war einer Kaiserin würdig. Aber all das hatte sie wohl nur geerbt. Ihr Mann schnitt nur die Früchte von Liesls Familie. Ein Fuchs!
Ich wollte Liesl einfach nur als Mensch, nicht wegen des Wohlstands. Klar, gutes Essen und weiche Laken machten das Zusammensein noch schöner aber ich hätte sie auch auf dem Heuboden begehrt.
Sie duftete nach etwas Eleganten, Französischem oder Italienischem vielleicht ich kannte mich nicht aus, sog einfach ihren Geruch auf. Aus ihrem Haar, von ihrer Haut, aus der weichen Mulde am Hals
Ich war stolz auf diese Frau. Ja so nannte ich sie in Gedanken: Meine Frau. Ich hatte sie erobert, natürlich.
Liesl tat alles mit einer anmutigen Ruhe Essen, Umkleiden, Rauchen. Alles an ihr war harmonisch, elegant wie der Klang einer Gitarre, deren Kurven sich in ihrer Figur spiegelten. Eine Göttin! Meine Göttin.
Unsere erste Nacht werde ich nie vergessen. Sie war zärtlich, ehrlich, ganz sie selbst. Sie schmiegte sich an, ich brannte vor Kraft. Am Morgen wusste ich plötzlich: Sie liebt mich. Mit ihm dem Gatten verbringt sie nur Zeit, weil sie muss. Mit mir lebte sie, atmete, glühte. In ihren Adern pochte das Blut heiß, wild, süß.
Ja, leider musste ich morgens oft eilig weg.
Steh auf, Liebling, aufstehen, küsste sie mich nach unserer dritten Nacht, er kommt gleich zurück, aus Hamburg, ist eine Woche da, dann wieder fort. Max, du musst eine Weile abtauchen.
Vielleicht rede ich mal Klartext mit ihm?, lachte ich, männlich unter Männern. Ich will, dass du nur mir gehörst, Liesl! Ich will dich als meine Frau!
Sie lachte, überschlug den Kopf. Ihr dunkles Haar quoll wie Lava über die Schultern. Ich sprang auf, umarmte sie, küsste sie gierig.
Meine! Nur meine, hörst du? Du glaubst doch nicht, dass ich an deinem Heinrich scheitere?
Ich weiß nichts, mein Schatz. Sie befreite sich aus meiner Umarmung. Ich will, dass alles so bleibt wie jetzt du bist mein Geheimnis, und ich deins. Es gibt Dinge, Max, die solltest du lieber lassen. Und jetzt geh. Ich will noch aufräumen.
Ich war gekränkt. Sie wollte nicht meine Frau werden?! Wirklich?
Aber bevor ich ging, zog sie mich an sich, küsste meine Lippen. Das traf mich tief. Nicht ständig, nicht für immer aber trotzdem meine Frau. Sie wird an mich denken, wenn sie abends ins Bett geht, mich erinnern, wenn sie Heinrich Frühstück macht, vergleichen und ich werde gewinnen. Sie ist meine, und er, dieser Heinrich, ist ein Dackel…
Nach Max Weggang begann Liesl hektisch zu putzen. Ihr Ehemann hatte spät aus Hamburg angerufen, kam früher als geplant nach Hause. Ein gebildeter, kluger Mann! Er wollte ihr keine schwierige Szene bereiten. Liesl war nervös, lief rot an, riss die Fenster auf, damit Heinrich keinen fremden Duft roch. Doch er spürte sofort etwas.
Hier stinkts, Liesl!, rief er, schleuderte den Koffer auf den Boden.
Wonach denn?, fragte sie bedrückt, zog den Mantel fester um die Schultern.
Nach was Ekligem, Liesl. Hast du etwa mit einem anderen? Er sah sie von unten an, als er Schuhe auszog, richtete sich dann ruckartig auf. Liesl war das Atmen schwer, aber sie lächelte.
Ach was! Das war das Hähnchen, das ich im Ofen hatte war schlecht, kannst du dir denken. Geh du, wasch dich, ich deck schon. Kaffee steht bereit, Frikadellen sind da, soll ich warm machen? Mach schon, ich liebe dich, hab dich vermisst, krächzte sie zu fröhlich.
Heinrich packte sie an den Haaren, zog sie zu sich ran, sah ihr lange in die Augen, dann ließ er los und grinste.
Hab dir was mitgebracht. Probiers an! Aus seiner Jackentasche zog er ein in ein Taschentuch gewickeltes Geschenk. Ohrhänger, schwer, blutrot glänzend, ein wenig angelaufen Zieh an!, bellte er, als Liesl zögerte. Sie drehte den Schmuck, blickte ihn an.
Was ist das da dran, Heinrich? Das Das Sie legte das Geschenk aufs Regal, wischte sich die Hände am Kleid ab.
Dummchen! Bildest dir was ein. Los, anziehen. Jetzt Frühstück! Liesl, aber zack!
Gehorsam nahm sie die alten Muttererbstücke ab, zog die neuen an, drehte sich zu ihrem Mann. Er nickte zufrieden. Er mochte es, sie wie eine Puppe auszustaffieren: teure Kleider, Schuhe, Taschen, Schmuck. Manchmal zwang er sie, in schweren Goldketten zu schlafen, die Haut war morgens zerkratzt er fand das amüsant…
Ich bleib fünf Tage, geh dann wieder. Die Geschäfte laufen gut. Aber wo ist das Hähnchen, Liesl?, knurrte er plötzlich und sah sie scharf an.
Was meinst du? Liesls Hand zuckte, Kaffee tropfte auf die Tischdecke. Heinrich hasste Flecken, sie ekelten ihn an. Er war mit einer alkoholkranken Mutter im Modrigen groß geworden, musste früh lernen, dass niemand ihm half. Dünn geblieben war er zeitlebens. Er stahl Essen, träumte vom besseren Leben, von Schönheit, dass einem vor Glück die Tränen kommen. Deshalb musste Liesl die Beste sein. Sie hatte einen Bräutigam gehabt, einen jungen Physiker, aber der starb nachts bei einem Raubüberfall Ein Zufall.
Liesl wollte damals alles beenden, doch da war Heinrich da. Er sprach süße Worte, wie eine Spinne webte er sein Netz. Er faszinierte Liesls Mutter, half mit Geld. Als Liesls Vater fast ins Gefängnis kam, half Heinrich und plötzlich saß bei der Hochzeit Liesl neben ihm und lächelte; er hatte es so befohlen. So läuft das auf Hochzeiten
Auch jetzt lächelte sie, deckte den Kaffeefleck schnell mit einer Serviette zu.
Das Hähnchen, das du gekocht hast. Im Müll ist es nicht, bohrte Heinrich.
Aber bitte! Ich habs gleich rausgetragen, winkte Liesl ab. So was will man ja nicht im Haus haben!
Ihr Mann grinste, gab sich zufrieden. Der alte Fuchs hatte alles verstanden
Kaum war ihr Mann weg, rief Liesl mich an. Sie erwischte mich in der Fabrik, ich stand an den Kälteanlagen, in denen Speiseeis produziert wurde. Liesl liebte Milcheis in der Waffel. Ich brachte ihr immer eines mit, fütterte sie, küsste die süßen, krümeligen Lippen.
Ich ließ mich krankmelden, fuhr nach dem Mittag zu ihr. Gott, wie hatte ich sie vermisst! Ich konnte mich nicht sattlieben an ihr. Liesl war flammend, feurig, unbändig. Schon den dritten Tag schlief ich nicht zu Hause, hatte daheim nicht angerufen. Ja und? Ich war jung, ich brauchte das.
Dass meine Mutter im Krankenhaus lag, erfuhr ich morgens von meinem Vater am Werktor. Er stand da, dünn, grau, wie ein Schatten.
Papa, was machst du hier?, knurrte ich.
Mama ist in der Nacht eingeliefert worden. Magen wieder. Besuch sie mal, hm? flüsterte er, zerdrückte seine alte Schiebermütze in der Hand. Er trug sie immer, egal zu welcher Jahreszeit.
Welches Krankenhaus? Ärgerlich, weil alles mich von Liesl ablenkte, fragte ich.
Er sagte die Adresse. Ich versprach, vorbei zu kommen, verabschiedete mich. Mein Vater nickte, er weinte ich sah es, aber es war mir egal. Mutter war oft genug im Krankenhaus, halb so wild
Liesl ließ mich widerwillig zu ihr gehen, packte etwas zu essen ein. Meine gute Liesl, die Seele! Ein Engel
Mama lag im Flur auf einer harten Bahre, auf der Station war kein Platz. Ihr war ständig übel, die Schwester schimpfte, ich solle meine Mutter abholen.
Wohin denn? Sie braucht Behandlung!, protestierte ich. Und halten Sie Ihr Maul! Beleidigen Sie meine Mutter nicht mal im Traum, verstanden?
Mutter hielt mein Handgelenk fest, beruhigte mich, ich war weiterhin wütend. Was ist das für ein Krankenhaus, das nicht einmal für solche Fälle sorgt? Warum vergeude ich meine Zeit mit diesem Blödsinn? Ich hatte mein eigenes Leben, Mutter lag ständig irgendwo krank, war daran gewöhnt.
Sie aß langsam Suppe von Liesl geschickt , sagte, sie schmecke gut. Ich saß neben ihr, Ärzte und Pfleger drängten vorbei, schoben ihre Betten, ich wurde immer ungeduldiger, sah ständig auf die Uhr. Noch zwei Wochen, dann kommt Heinrich wieder! Und ich muss Liesl schon wieder verlassen
Mama, kannst du alleine weiteressen?, sprang ich auf. Ich stellte ihr die Tasche mit Essen hin.
Beeilst du dich, mein Junge? Schon gut. Mach dir keine Sorgen, Papa besucht mich auch. Komm einfach morgen nicht, Max, hörst du? Fahr heim, streichelte sie meine Hand.
Ich nickte und ging. Dass das Essen eh weggeschmissen würde, weil Mutter es nicht herunterschlucken konnte, dass sie da weiter im zugigen Flur lag, vom Reinigungspersonal angebrüllt Das wusste ich damals nicht. Ich dachte nur an mein Liesl
Ich kam heim, sah Liesl auf dem Boden hocken, weinend.
Was ist los? stand ich ratlos in der Tür. Was denn nun?
Sie zitterte und zeigte auf irgendeinen Haufen Schmuck auf dem Teppich.
Heinrich hat mir Ohrringe geschenkt, bei seinem letzten Besuch. Ich wollte sie putzen, die Patina geht ja ab und dabei Sie sind schmutzig, Max! Schmutzig! Ich fürchte mich vor ihnen! Bring sie hinaus, wirf sie weg!
Sie wickelte den Schmuck in einen Lappen, drückte ihn mir in die Hand.
Los raus, Max! Ich hab solche Angst! Was wird jetzt?, flüsterte sie mit verschmierten Wangen.
Komm schon Ich wasch sie. Sonst fragt dein Heinrich doch nach ihnen. Na, was ist denn drauf? Aber ich wusste es bereits. Ihr Mann hatte wieder einmal Schmuck angeschleppt, der sicher nicht von legalen Quellen stammte. Die schwarzen, sich ablösenden Flecken sahen aus, wie die Spuren, die auf Haut nach einer Wunde bleiben. Einer tödlichen Wunde
Mir wurde speiübel, als hätte ich mich im Dreck gewälzt.
Anneliese! Wir sollten das der Polizei melden. Das ist Doch ich schwieg. Liesl würde ihren Mann nie anschwärzen.
Gehorsam trug ich das Bündel hinaus, warf es über die Mauer des nahen Druckereigebäudes. Dass im Gebüsch ein hagerer Mann verharrte, bemerkte ich nicht hätte ich aber sollen. Er beobachtete uns schon lange
Heinrich kam in der Nacht mit zwei Schlägern. Wir waren eben eingeschlafen, angetrunken, hörten nicht, wie der Schlüssel drehte, die Schuhe über Parkett glitten.
Ich wurde vom Schlag geweckt. In stockdunkler Nacht traktierte mich jemand mit Fäusten, Liesl schrie, dann verstummte sie.
Ich versuchte, mich zu wehren, mein Kopf. Richtig, der Schmerz Blut im Mund, ich schlug wild um mich, doch es gelang nicht, ich hatte zu viel getrunken
Plötzlich ging das Licht an. Heinrich saß im Sessel, Liesl stand mit geschlossenen Augen daneben.
Entschuldigen Sie die Störung, sprach er leise. Ich muss nur etwas holen. Liebling, komm, küsst mich, dein Mann ist zurück.
Er zerrte an ihrem Arm, sie beugte sich, seine Lippen pressten sich in ihr Gesicht.
Heinrich Du verstehst doch, wisperte Liesl.
Nein, schüttelte er den Kopf, winkte ab, und wieder schlugen sie auf mich ein. Ich wollte kontern, aber meine Kräfte waren schon vom Rotwein und den Liebkosungen am Abend verbraucht
So, mein Schatz, pack bitte all deinen Schmuck zusammen. Ich brauch das jetzt, sagte Heinrich mit erschütternd kalter Stimme.
Er trat auf mich zu. Ich sah ihn kaum noch, meine Augen waren zugeschwollen und das Atmen fiel schwer, vermutlich hatte man mir die Rippen gebrochen.
Und du, Wurm, auf die Knie! Kriech!, befahl er.
Heinrich, versuchte seine Frau zu beschwichtigen, fass ihn nicht an. Du hast doch selbst Es war doch deine Erlaubnis Wir waren uns einig Warum tust du das?
Weil er zur verbotenen Frucht wollte. Außerdem mag ich ihn nicht. Weißt du das? Daheim hat der seine Mutter im Krankenhaus, beinahe am Sterben und er liegt hier auf deinen Laken. Auf UNSEREN!, trat er gegen mich. Die eigene Mutter soll man ehren. Ich hasste meine, aber sie bekam trotzdem ehrenvolle Begräbnis. Der Junge nur verabscheut sie und ist bei dir
Woher, schnappte ich hechelnd.
Man weiß halt, was im eigenen Revier passiert, Maxl. Der ganze Ort steht unter meiner Kontrolle. Hat Liesl dir das nicht erzählt? Warum bindest du so einen Jungen ans Unglück, Liesl der nächste schon Ich habe viele ertragen, aber der hier gefällt mir nicht!
Langsam hob ich den Kopf, sah zu Liesl. Mutter, der Krankenhausflur, irgendwo am Ende ein alter Mann, Suppe, das Gebrüll der Schwester, unsere Liebesnacht all das war ein Wirrwarr. Dann waren nur noch Heinrichs eiskalte, hellblaue Augen da, die sich zu mir herabbeugten.
Falsch, deine Mutter zu verraten. Ihr werdet euch nicht mehr wiedersehen!, raunte er. Ich wimmerte, bekam Angst. Ich war nichts, ein erbärmlicher Mensch, und ich würde bald sterben.
Warum ich ihn decken sollte, riss sich Liesl zusammen, stopfte Sachen in eine Tasche. Er kam selbst, ich hab ihn nicht gerufen. Er ist schon erwachsen. Hier sind die Sachen, mein Lieber. Sie reichte die schwere Tasche.
Heinrich nahm sie, blickte hinein, nickte.
Und jetzt zieh die Ohrringe an, die ich zuletzt brachte, befahl er.
Passt nicht zum Mantel, Heinrich! Später, später!, flehte sie.
Was hast du nicht verstanden?!, brüllte er, schoss in meine Richtung. Die Kugel traf in den Parkett, knapp an meinem Fuß vorbei.
Liesl stellte sich blöde, wühlt in den Schubladen, sind nicht da! Hier liegen sie nicht! Leer! Sie warf mir einen bösen Blick zu. Du!, trat sie mich hart, ich fiel um. Du hast gestohlen! Wie konntest du nur?! Ich habe deiner armen Mutter Brühe gekocht, und du bestiehlst mich?! Heinrich, bitte, schmeiß diesen Kerl raus! O Gott, und meine Uhr ist auch weg! Die goldene, die von meiner Urgroßmutter! Weg! Max Du bist verdorben, und ich hielt dich für unschuldig
Die Uhr hatte Liesl dem Arzt als Bezahlung für eine Abtreibung gegeben. Mit Max hätte sie ein Kind haben können, sie wollte aber nicht. Heinrich hätte es, trotz allem, nie erlaubt, hätte sie gezwungen, das Kind auszutragen Liesl bezahlte das Geheimnis mit einer Uhr und schob alles auf Max
Heinrich ließ mich aufrichten. Den Rest erinnere ich kaum. Ich habe nur noch Anneliese im Sinn schön, begehrenswert, hinter ihrem Mann, der mich langsam zerlegte
Ich hasse es, wenn jemand mich bestiehlt, Max, sagte er draußen im Schnee. Liebe, Tollheit, meine Frau alles kann ich verzeihen. Glaube ja nicht, ich sei ihr treu Ich hab in jedem Dorf eine. Aber Diebstahl verzeihe ich nie. Was meins ist, bleibt meins
Und so lag ich mit meinem heißen Dummschädel im kalten Schnee, hörte, wie das Auto davonfuhr, wie der Wind mir eisige Flocken ins Gesicht peitschte. Dann war nur noch ein Hämmern im Kopf und die Erkenntnis, dass mich meine Liebste verraten hatte Mein Herz kühlte ab. Es wurde geheilt.
Was weiter passierte, wisst ihr
Tage lang lag ich in der Hütte des Jägers. Er holte einen Arzt, sie bastelten an meinen gebrochenen Rippen herum, die Beine waren zum Glück unverletzt. Sie, diese beiden Fremden, flickten mich zusammen. Ich dankte nur noch durch die Zähne, sie grinsten.
Wird schon, Kumpel. Bald stehst du wieder auf beiden Beinen, sagte der Jäger.
Nach fast drei Wochen stand ich draußen auf meinen Füßen. Die Sonne vergoss ihr Licht über das Feld wie flüssigen Stahl oder Rührei in die Pfanne, alles brannte schier. Der Schnee reflektierte, es tat weh, ich konnte kaum sehen. Der Jäger gab mir eine Sonnenbrille.
So, jetzt verschwinde. Und nimm dir nie wieder, was nicht dir gehört, Junge. Das nächste Mal gehts schlechter aus
Während ich mich an den Stiefeln abmühte, hörte ich, wie die beiden darüber sprachen, wieviel Heinrich jedem von ihnen für meine Rettung gezahlt hatte. Ich erstarrte, fiel gegen die Wand.
Was habt ihr gerade gesagt? flüsterte ich.
Nichts, zuckten sie mit den Schultern. Heinrich ist ein netter Mensch. Aber verdammt geizig. Übrigens, seine Frau ist die eigentliche Schlange. Sie verkauft seinen Schmuck heimlich, hofft, irgendwann zu gehen. Wird sie erwischt, lässt sie solche Burschen wie dich die Prügel kassieren. Du bist nicht der erste und nicht der letzte. Tja Reiche haben ihre Spleens. Greif halt nach dem, was für dich bestimmt ist. Geh, Max. Es wird Zeit, klopften sie mir auf die Schulter und lächelten.
Ich schaffte es am Abend bis in die Stadt. Lief sofort ins Krankenhaus vielleicht sah ich Mutter doch noch?
Den Namen haben wir nicht, knallte die Stationssekretärin das Fenster zu. Ich sah wohl schlimm aus.
Bitte! Suchen Sie nochmal!, hämmerte ich an die Scheibe, dann ging ich nach Hause.
Der Himmel glühte wieder rot, wie damals draußen. Ich bekam Angst.
In unserem Fenster brannte Licht. Erleichtert hinkte ich zur Tür, drückte immer wieder die Klingel und dann, als sie endlich aufging, stand meine Mutter da. Klein, abgemagert, ängstlich blickend. Ich stürzte sie in die Arme, sah meinen Vater und fing an zu heulen
Wir haben uns solche Sorgen gemacht, mein Junge, sagte Mutter und lud mir und lud mir Bratkartoffeln auf, immer mehr. Aber dann rief Heinrich an, er sagte, du seist in eine schlimme Sache geraten, würdest aber bald wieder nach Hause kommen. Ich solle dich erst nicht in der Stadt zeigen lassen, sonst drohe Gefahr
Heinrich?, fiel mir die Gabel aus der Hand.
Ja, ein Herr vom Gesundheitsministerium. Er hat mich im Krankenhaus besucht, sogar ein Privatbett arrangiert. Danke, Max, dass du ihn gebeten hast, uns zu helfen! Ohne ihn hätte ich nicht überlebt
Sie redete weiter, weinte, strich mir über das kurzgeschorene Haar, während Vater schweigend auf mich starrte. Ich hielt seinem Blick nicht stand, wandte mich ab
Viele Jahre später, als ich schon mit meiner Frau Hanna verheiratet war, liefen wir über den Christkindlmarkt, auf der Suche nach einem halbwegs ordentlichen Weihnachtsbaum. Bald war Neujahr, Hanna liebte den Harzduft, die stachligen Nadeln auf dem Parkett, den Stamm mit glänzenden Harztropfen.
Die Weihnachtsbaumstände waren voll, doch keiner gefiel uns.
Komm, lass uns noch da hineinschauen, meinte Hanna, deutete auf einen Bretterverschlag, spärlich erleuchtet. Verwaiste Baumgerippe, Zweige alles lag kreuz und quer.
Wir traten ein Hanna betastete Zweige, da krächzte eine rauchige Stimme aus der Dunkelheit: Erst kaufen, dann anfassen! Hände weg!
Eine Frau in wattiertem Mantel, in Filzstiefeln und mit Wolltuch um den Kopf trat ins schummrige Licht. Ihr Gesicht, schmucklos, von grimmiger Traurigkeit gezeichnet, durchbohrte mich. In den Augen lag Bitterkeit.
Ich erkannte sie. Meine Anneliese Meine erste große Liebe, die Frau, deren Spuren auf meiner Haut blieben. Manchmal fragte Hanna, woher dieser oder jener Schnitt stammte. Ich erfand dann Geschichten. Ich log, weil ich Hanna liebte, weil ich wollte, sie bliebe ruhig. Hanna war echt, aus Fleisch und Blut, ehrlich, herzlich, mein sicherer Hafen. Sie war mir von Gott in die Rippe geschrieben. Ihr sollte nichts wehtun dürfen.
Anneliese musterte mich, spuckte auf den Boden. Sie hatte mich erkannt
Heinrich zwang sie jetzt, hier im Kalten Tannen zu verkaufen, während er sich im Restaurant mit Sekt vergnügte. Er schlug sie nicht mehr, schimpfte nicht. Er war nur wieder einmal klüger gewesen. Sie hatte alles verloren. Und der nächste Junge, der sie hätte retten können, kam nie mehr. Die Jugend, die Schönheit, war längst dahin
Komm, Hanna, lass uns gehen, nahm ich meine Frau sanft bei der Hand. Die Bäume hier gefallen mir nicht. Auf dem Land gehen wir selbst schlagen das freut dich doch?
Hanna lächelte. Sie vertraute mir. Sie liebte mich wirklich, und ich konnte es kaum glauben, dass ich das verdiente
Und sollte ich, für dieses Glück, wirklich Heinrich danken? Dafür, dass er damals seine Jungs nicht losschickte, mich umzubringen? Der hagere, bucklige Heinrich hatte mich gebrochen und zum ewigen Schuldner gemacht. Zu RechtDoch als wir zwischen den Buden hinaustraten und die Lichter hinter uns verblassten, blickte ich noch einmal zurück. Anneliese stand stumm, inmitten zerzauster Zweige, ihr Schatten fiel lang auf den schmutzigen Schnee. Das Leben hatte sie ausgespuckt, und sie sah mich anohne Vorwurf, ohne Hoffnung, aber mit einem Funken Stolz in den müden Augen. Irgendwo in mir regte sich Mitgefühl, doch es war zu spät für Bedauern, zu spät für Rettung.
Hanna zog mich sanft weiter, das Weihnachtsläuten hallte durch die Dämmerung, und ich spürte, wie ihre Hand meine hielt, fest, voller Wärme. Ich wusste, dass ich das Richtige tat, indem ich jetzt geradeausging und nicht zurück.
In jener Nacht, während Hanna neben mir schlief, hörte ich im Halbschlaf das ferne Knirschen von Schritten im Schnee, glaubte, Liesls rauhe Stimme zu vernehmen, ein letztes, ungelebtes Lachen. Ich erinnerte mich an hitzige Wintertage, an verbotene Küsse, an zerschlagene Uhrenund wusste: Nichts war umsonst gewesen. Aus Schuld hatte ich Mitgefühl gelernt, aus Verrat den Wert der Treue, und aus dem Schmerz die Kraft, mich zu lösen.
Als der Tag graute, trat ich ans Fenster. Im Hof stand unser Christbaum, dicht und kräftig, bereit, geschmückt zu werden. Ich atmete tief die kalte Luft ein.
Was von all dem blieb? Eine Narbe auf der Seele, vielleicht, und ein leises, dankbares Staunen: Dass ich, trotz aller Fehler, hier war. Dass ich jetzt ein Leben führte, das wirklich mir gehörte. Und dass das größte Geheimnis nicht die verborgene Sünde istsondern die Fähigkeit, neu anzufangen, wenn man glaubt, alles verloren zu haben.





