Freies Glück
Warte, Paul! Halt doch mal an…
Pauls Schritt wurde langsamer, er drehte sich um.
Ihm folgte auf dem schmalen Pfad, der zum zweistöckigen Backsteinhaus führte, schnell Annemarie, ein sechzehnjähriges Mädchen mit hochgeschnürten Stiefeln, einem Faltenrock, weißem, kurzem Pelzmantel und einem Tuch über dem Kopf gebunden. Unter dem kratzigen Wolltuch lugten dunkelbraune Locken hervor eine Farbe, die wunderbar zu ihren grün-braunen, glänzenden Augen passte, als müsste sie gleich weinen. Das ließ Annemarie ein wenig verletzlich und zart wirken: Man wollte sie beschützen und behüten.
Immer wieder rutschte das Mädchen auf dem festgetretenen Weg aus, zuckte erschrocken zusammen, wurde aber nicht langsamer.
Anna, renn nicht! Es ist glatt! rief Paul streng. Wirklich, lauf nicht so. Obwohl Zu dir passt das Laufen. Die Wangen glühen ja ganz wunderbar. Schön siehst du aus! So warst du schon lange nicht mehr. Es geht also aufwärts mit dir!
Annemarie lächelte, kam näher heran. Paul streckte ihr die Hand entgegen, sie griff danach und zwinkerte ihm verschmitzt zu.
Was wolltest du denn? fragte Paul, während er sich verlegen umsah und sie schnell auf die Wange küsste. Deine Mutter hat uns das Zusammensein verboten und mir mit Prügel gedroht… seufzte er gespielt resigniert.
Annemaire schaute traurig zu Boden, nestelte am Henkel ihrer Schultasche. Dann lächelte sie wieder.
Mach dir nichts draus, die drohen doch nur. Sie machen dir gar nichts! Gehst du heute mit mir ins Kino? Ich habe schon Karten besorgt! Hier…
Das Mädchen zog den Fausthandschuh aus und öffnete die heiße, zarte Hand. Zwei Papiertickets lagen darin.
Paul legte seine kräftige Hand um Annemaries Finger, spürte, wie fiebrig heiß sie waren. Er fuhr sanft über ihre schmalen Pianistenhände.
Kino? Hm… Ich weiß nicht. Eigentlich habe ich zu tun, runzelte er die Stirn, als würde er sich besinnen. Anna zog beleidigt die Hand weg, schob sie zurück in den Fausthandschuh. Aber wenn du mich einlädst, dann gehen wir natürlich hin, nickte er und brummte: Was läuft denn? Wieder so ein Liebesfilm?
Nein, ein Kriegsfilm. Heinz war schon drin, fand ihn super! schüttelte Annemarie schnell den Kopf. Aber alleine hab ich Angst, und meine Freundinnen wollen alle nicht.
Heinz? Der redet immer so viel… Geh doch mit ihm, der würde sich bestimmt freuen! Paul reckte stolz das Kinn. Wenn du schon auf ihn hörst…
Heinz war Annemaries Klassenkamerad, tüchtig, wissbegierig, aber einer, der sich nie prügelte oder auf den Bolzplatz ging immer fleißig, immer dabei, und verknallt in Annemarie. Paul war das lästig, aber als Konkurrent taugte Heinz kaum dazu war er zu blass, zu brav. Annemarie stand mehr auf Jungen wie Paul: lebhaft, neugierig, kräftig.
Schade nur, dass Paul jetzt Hausverbot bei Anna hatte, während Heinz immer freundlich begrüßt wurde Annas Mutter Mathilde legte ihm fast rote Teppiche aus.
Ich höre auf niemanden! schimpfte Annemarie. Ich will, dass du mitkommst. Also machst dus jetzt, ja?
Sie errötete leicht.
Paul fühlte sich geschmeichelt, nickte.
Na schön. Wir gehen. Ihr Frauen und eure Ängste… brummte er, zwinkerte frech. Und ich? Ich träume dann bestimmt heute Nacht vom Krieg und schreie, sodass meine Oma Liesbeth sich erschreckt!
Paul grinste matt, Annemarie kicherte und winkte ab.
Ach, du hast doch vor gar nichts Angst! Dann warte auf mich vor dem Kino um sieben, okay? Ich muss jetzt nach Hause. Mama will Kraut hobeln, die Küche ist voller Schüsseln. Bis nachher!
Behutsam drehte sich Annemarie um und trippelte Richtung Haus.
Sie wohnte mit ihren Eltern in der Nachbarschaft, zwei Häuser weiter. Mit Paul war sie aufgewachsen sie jagten zusammen Spatzen in den Hecken, kletterten auf den Kirschbaum und spuckten, wer die Kirschkerne am weitesten werfen kann, assen die herben Früchte, obwohl die Mutter es verboten hatte. Anna ging mit Paul zur Schule, er war zwei Jahre älter. Die anderen Mädchen beneideten sie um den kräftigen, hübschen Jungen, der sie fast auf Händen trug, aber Annemarie wusste gar nicht, was daran so besonders war. Paul gehörte einfach seit jeher zu ihrem Leben also war es ja nur natürlich, dass er sich für sie interessierte.
Im vergangenen Winter, beim Skilaufen, war Anna plötzlich schwindelig geworden schwarze Punkte flimmerten vor ihren Augen. Ein Sturz, der Oberschenkel gebrochen. Sie lag zitternd vor Kälte und Schmerz im Schnee, ihr Herz raste, alles tat gleichzeitig weh Bein, Brust, als läge ein enger Gürtel um ihren Körper. Anna hatte immer Angst vor Schmerzen gehabt, schon als Kind. Damals war Paul bei ihr, immer war er da. Er trug sie nach Hause; auf dem Weg dahin schwoll das verletzte Bein an, sie mussten den Stiefel aufschneiden. Anna drückte sich vor Schmerz in Pauls Schulter, die Nägel hinterließen Spuren auf seiner Haut, aber er beschwerte sich kein bisschen. Anna war ihm wichtiger.
Ein Notarzt kam, Annemarie wurde ins Krankenhaus gebracht. Das Bein, sagten die Ärzte, sei nicht schlimm ihr Herz hingegen krank. In die Akte kamen viele lateinische Namen, Wochenlang ruhte sie in einer Krankenhausstube. Endlich nach Hause. Draußen schmolz schon der letzte Schnee, erst jetzt lebte Anna langsam wieder auf.
Das Bein heilte schlecht, es juckte unter dem Gips. Anna war launisch, stritt mit ihrer Mutter über alles aber sobald Paul kam, war die Welt wieder bunt. Er hatte immer eine Idee: Sie spielten gemeinsam Weltreise auf einer großen Landkarte, die Paul aus dem Geografieatlas gerissen hatte, fuhren mit einer Holzkarre durch Indien, tranken nach fünf Minuten schon Tee an einer Hütte hinter den Alpen; bauten Modelle, bastelten Wandzeitungen.
Wenn der Gips runterkommt, sagte Paul immer, fahren wir mal irgendwo hin. Wohin möchtest du denn?
Anna zuckte nur die Schultern.
In den Garten, das reicht mir. Aber Mama will das nicht. Sie sagt, ich soll mich schonen, weil das Herz zu schwach ist. Ich glaube, ich kann schon gar nicht mehr laufen…
Quatsch, winkte Paul ab. Man musss üben! Mein Opa war fast kriegsinvalide, als er aus Schlesien wiederkam. Ein berühmter Professor hat ihm gezeigt, wie er wieder laufen lernt, hat ihn fast verknotet, hieß es immer und nach einem Jahr war Opa wieder auf dem Feld. Die Medizin bleibt nicht stehen, Anna! Für dich findet sich auch ein Weg. Kopf hoch und beweg dich! Du bist keine Schnecke!
Er neckte sie, stibitzte ihre Puppe. Anna kam klappernd mit den Krücken nach, maulte, sie solle die Puppe zurückgeben.
Anna, bist doch schon groß. Wie die Frau Bärbel aus dem Laden. Die jammert auch immer nur! Kopf hoch, wir werden noch tanzen!
Anna! Leg dich hin, sofort! Paul, was tust du nur?! stürmte Annas Mutter, Mathilde, herein. Sie darf sich nicht aufregen!
Ach, Tante Mathilde, winkte Paul ab, aus ihr wird sonst noch ein Stück Trockenfisch! Man kann sie doch nicht ewig ans Bett fesseln, nur weil man in ihr was gefunden hat… Sie läuft ja keinen Marathon! Sie soll leben, einfach leben wie alle anderen!
Das haben wir zu entscheiden. Geh du lieber nach Hause, Paul. Heinz kommt gleich, hilft ihr bei den Hausaufgaben. Mathilde schüttelte traurig den Kopf. All das nur wegen…
Heinz? Der Bücherwurm? Na, dann! Vielleicht darf ich wenigstens zuhören? Paul blähte die Brust, bekam aber gleich einen Klaps von Annemarie.
Auf dem Treppenabsatz packte Mathilde ihn am Jackenkragen, drückte ihn an die Wand, bis ihm fast der Atem ausging.
Weißt du, was: Misch dich nicht ständig ein mit deinem Halbwissen! Anna ist schwer krank. Sie darf nicht einmal Kinder bekommen, die Ärzte sagen, das würde sie nicht überleben. Ich will meine Tochter lebend, hast du das verstanden? Und kein Wort davon zu Anna: Sie träumt von einer Familie, einem vollen Haus mit Kindern… Aber jetzt…
Mathilde verzog schmerzlich das Gesicht, ließ Paul los und winkte Richtung Gartentor.
Paul merkte erst auf dem Heimweg, wie entsetzlich ernst das war: Anna ein Mensch auf Zeit, weil ihr Herz so krank ist.
Stirbt… durchzuckte es ihn. Was wenn sie heute Nacht schon stirbt?
Oma Liesbeth stand auf der Veranda und sah, wie ihr Enkel Mantel und Hemd auszog und sich eiskaltes Wasser aus dem Fass über den Rücken goss.
Paul! Was machst du? Hör auf, du erkältest dich noch! rief sie, lief mit dem Handtuch herbei.
Paul atmete tief durch, schüttelte sich. Seine Gedanken beruhigten sich langsam.
Das darf nicht sein! Sie wird leben, ich schwöre es! Glücklich leben!
Die Oma konnte nicht verstehen, was er brummte.
Paul, warum machst du so einen Lärm? Geh zu Bett, mein Junge, es ist spät, du bist sicher müde! flüsterte sie.
Gleich, Oma. Ich trinke noch einen Tee. Schlaf du gut!
Die beiden lebten allein. Was die Eltern betraf, wusste Paul wenig: Angeblich verschollen, gestorben? Oma Liesbeth sprach nur ungern darüber, murmelte etwas Unklares. Sie wollte nicht, dass Paul wusste, dass seine Mutter ihn im Stich gelassen hatte und vom Vater niemand jemals etwas wusste.
Anna wurde regelmäßig zu Ärzten gebracht. Ihre Mutter versorgte sie immer herzlich mit Obstkuchen und Marmelade, nur damit irgendjemand sagte, die Tochter könne geheilt werden. Aber Wunder geschahen nie.
Da können wir leider derzeit nichts machen, sagte der Arzt, vielleicht hilft in ein paar Jahren die Wissenschaft weiter, zurzeit jedoch nur Schonung und Ruhe, keine Aufregung. Daran stirbt niemand, zehntausende leben so, machen Sie doch kein Drama daraus!
Ja, ja… Heinz, Annas Freund, kümmert sich auch um sie, achtet darauf, dass sie viel liest und sich bewegt, schwärmte Mathilde.
Mama! Anna ist es peinlich, ihre Mutter redet zu viel.
Was denn, Mama! lachte der Arzt. Ein anständiger junger Mann, Anna, den solltest du schätzen! Er wäre ein guter Ehemann…
So lebte Anna jetzt: Jeder Schritt eine Hürde, die Mutter pass auf, sie friere nicht, schwitze nicht, renne nicht…
Im Kino war es stickig und roch nach Zigaretten. Anna klammerte sich an Pauls Arm, weinte irgendwann leise an seiner Schulter.
Anna, komm, das ist nur ein Film. Alles wird gut! flüsterte Paul und streichelte sie. Doch von allen Seiten wurden sie schon ermahnt, still zu sein.
Paul, mir ist schlecht. Lass uns rausgehen bat Anna.
Natürlich, na los.
Zwei Schatten zogen über die Leinwand. Kurz fiel Licht ins Dunkel, dann standen sie in der hell erleuchteten Halle.
Setz dich. Ich hole Wasser! sagte Paul bestimmend.
Die Platzanweiserin schüttelte missbilligend den Kopf.
So jung noch Schon verlobt? Wo das wohl hinführt…
Wahrscheinlich hielt sie Anna für schwanger.
Nein, wir sind noch nicht verheiratet. Aber bald! Paul stand plötzlich neben Anna.
Wie bitte? Anna war erschrocken, ihr wurde schwindelig. Du machst Witze, oder?
Sie packte ihn am Arm, drehte ihn zu sich.
Darüber macht man keine Witze, sagte Paul ernst. Ich wollte später mal mit dir reden, aber Ich gehe zur Bundeswehr. Und wenn ich zurück bin, heiraten wir. Ich habe dir doch versprochen, dir die Welt zu zeigen? Gut, vielleicht nicht gleich, aber wenigstens Pinguine. Versprochen?
Sie nickte.
Dann halte ich mich dran, was die Leute auch sagen. Wir werden Ärzte finden, gute, die dich anschauen und helfen. Und dann bekommst du unser Kind! sagte er leidenschaftlich. Er wollte Anna küssen, gleich hier, aber die Platzanweiserin starrte sie an, als würde sie Lippen lesen. Das hätte peinlich werden können, das wollte Paul nicht.
Trink aus, dann gehen wir raus! drängte er, aber Anna löste sich behutsam aus seiner Umarmung.
Ich darf keine Kinder bekommen? fragte sie mit ernstem Blick.
Paul wurde verlegen. Mathilde hatte gebeten, Anna nichts zu sagen, aber jetzt…
Jetzt reden wir besser nicht darüber. Schritt für Schritt. Komm, lass uns spazieren.
Anna nickte schweigend, ließ sich von ihm aus dem Foyer führen, drehte sich ab, biss sich auf die Lippen. Sie fühlte sich plötzlich nur halb, unvollständig Wie sollte sie so Familie haben? Was nun?
Paul fand später eine Möglichkeit, Anna aufzuheitern. Er nahm sie mit zu seinem Freund Konstantin, der sie auf dem Motorrad mitnehmen ließ. Anna bekam einen Helm aufgesetzt, vorne vor Paul aufs Motorrad. Er versprach langsam zu fahren.
Sie spürte, wie Paul behutsam ihre Taille umfasste, spürte seinen Atem. Sie vergaß die Sorgen um Kinder, die schrecklichen Szenen aus dem Film. Jetzt zählten nur noch die Straße, Paul, seine Hände, das Dröhnen des Motors…
In der Nacht musste ein Arzt kommen, setzte eine Spritze.
Müssen Sie denn Ihre Tochter nicht besser schonen? Bald ist Abitur, und die Nerven liegen ohnehin blank! tadelte der Arzt.
Anna beteuerte, es sei nur der Film gewesen und das würde vergehen…
Warst du mit Paul unterwegs? fragte die Mutter scharf nach dem Arztbesuch.
Ja. Paul ist gut zu mir, er sagt mir immer die Wahrheit! Auch die, dass ich keine Kinder bekommen darf
Anna begann zu weinen.
Ich dreh Paul den Hals um! knurrte ihr Vater Franz, ballte die Fäuste.
Lass ihn, Papa! Paul ist der Beste! Besser als euer Heinz!
Ruhe jetzt! Franz knallte das Licht aus, schob Mathilde ins Schlafzimmer. Pauls Musterungsbescheid ist schon da, bald wird alles ruhiger
Mathilde ließ Paul nicht mehr ins Haus, warf ihm alles vor.
Ich bleibe trotzdem für sie da. Wir werden noch glücklich. Ich heile sie, seht ihr! Warum sperrt ihr sie ein? Sie ist jung! Paul kam kurz vor seiner Einberufung zu Annas Haus, aber Mathilde ließ ihn nicht ins Haus. Er wäre fast durchs Fenster gestiegen aus Sehnsucht.
Franz erschien auf der Veranda, das Jagdgewehr in der Hand.
Schießen Sie, Herr Müller? Nur zu! Niemand braucht mich, außer Oma Liesbeth. Also warum leben? Sagen Sie Anna, ich bin fort. Sie wird sich nicht sorgen.
Paul trat vor Franz, das Gewehr an seine Brust gerichtet. Mathilde stöhnte ängstlich.
Franz hielt inne, senkte dann den Lauf.
Dummkopf. Vielleicht lernst du in der Armee was Vernünftiges. Geh jetzt. Anna schläft, und das bleibt so. Geh für deine Oma, knurrte er.
Franz und Mathilde beschuldigten Paul für alles für Annas Krankheit, den Skiunfall, alles. Sollte er aus ihrem Leben verschwinden!
Mathilde, vielleicht gefällt es ihm ja beim Bund, bleibt da, vergisst Anna. Schau mal nach, ob sie alles gehört hat?
Mathilde tappte ins Zimmer nichts zu hören. Sie sah nicht, dass Anna am Fenster stand, barfuß, und Pauls Rücken hinterherblickte.
Komm, schau her! Schau doch!, schrie sie innerlich.
Er drehte sich um, tat, als würde er seine Mütze richten, winkte aber Anna, ganz heimlich. Und sie verstand alles…
… Paul kam erst nach vier Jahren zurück. Anna erfuhr es nicht von ihren Eltern Paul war in Afghanistan verschollen. Oma Liesbeth starb, ohne ihn je wiedergesehen zu haben. Anna durfte zur Beerdigung nicht, sollte lernen.
Die Briefe, die Anna an Pauls Kaserne schrieb, kamen nie an.
Antwortet er nicht? fragte die Postfrau Frau Bauer freundlich. Ach, er hat sicher viel zu tun. Oder… na, in dem Alter! Da vorne ist Heinz! Schau dir das an, ein richtiger Professor! Anna, er sucht dich wohl…
… Im Herbst kam Paul zurück. Das Haus, unbewohnt, roch nach feuchten Decken, Rußflecken an den Wänden, auf dem Sofa lag noch Omas Wollschal, bei ihrem Bett dunkle Heiligenbilder.
Paul setzte sich an den Tisch, schloss die Augen. Alles war gleich, und doch alles anders. Oder war er selbst einfach nicht mehr derselbe?
Die Nacht verbrachte er schlaflos, am Morgen ging er zu Annas Haus. Im Hof hängte Mathilde Wäsche auf.
Frau Müller, was für ein Glück, Sie sind noch wie früher! Paul warf die Zigarette weg.
Paul hatte das Gefühl, eine Ewigkeit sei vergangen.
Was? Wer ist da? blinzelte Mathilde.
Ich bins, Paul. Darf ich reinkommen?
Ohne zu warten, öffnete er das Gartentor, lief den Weg entlang, spähte zum Fenster von Annas Zimmer. Doch die Gardinen waren zugezogen, keine Blumenkästen mehr zu sehen.
Anna ist weg. Du bist also am Leben? Mathilde korrigierte ihr Kopftuch, sprach eher müde als böse. Du bist zurück, ja? In diesen Zeiten… Ja…
Wohin ist sie denn? Paul zog die Augenbrauen zusammen.
Nach München. Heinz hat dort sein Studium angefangen, da sind sie hingezogen.
Und Heinz?
Schon, ihr Mann eben. Anna wollte nicht hierbleiben, wir sagten doch, du bist gefallen. Sie entschied sich dann, mit Heinz zu gehen. Seine Familie wohnt dort, er hat sich um alles gekümmert. Anna war nach Omas Tod völlig am Boden, wir holten wieder Ärzte. Aber Heinz war da, half uns. Und weißt du, Paul… Mathilde berührte seine Schulter, sie war gealtert. Paul sah es jetzt ganz deutlich, wie eingefallen ihr Gesicht war. Weißt du, such sie lieber nicht. Lass die beiden ihr Glück versuchen…
Paul lächelte schief.
Anna hat Heinz nie geliebt!
Früher war das so. Doch als du nicht mehr da warst, ist sie besonnener geworden. Bei Heinz hat sie Ruhe, er behütet sie. Lass sie in Frieden.
Paul schwieg, drehte sich um und ging. Mathilde seufzte schwer, ging ins Haus. Ihr Mann saß am Tisch und las. Heinz hatte auch ihn zum Lesen gebracht.
Paul, nach einem Tag allein im leeren Haus, packte ein paar Sachen, nagelte die Fenster zu und schloss das Tor ab. Am Friedhof blieb er am Grab von Oma Liesbeth stehen, legte sein Kettchen ab.
Verzeih mir, Oma…
Dann zog er fort…
… Paul wurde zäh, kompromisslos, kannte keine Hemmungen mehr immer auf der Suche, kämpfte, betrieb Geschäfte, die nicht immer astrein waren, hielt Gelder in der Hand, die nicht immer ehrlich verdient waren. Und er suchte.
Anna zu finden, wäre ein Leichtes gewesen: München, Uni, Heinz der Streber solche bleiben nie unbemerkt. Aber nein, Paul suchte Möglichkeiten.
Nach acht Jahren Selbständigkeit (erst Kfz-Teile, dann Antiquitäten, Supermärkte, Rohstoffhandel) sprach Paul schließlich mit Herstellern von Medizingeräten, lernte die besten Ärzte weltweit kennen.
Warum interessiert dich das Thema Herzkrankheiten so sehr? fragte Dr. Stein, Kardiologe aus dem Berliner Herzzentrum. Wir haben hier die Spitze der Medizin. Was genau brauchst du?
Es geht um eine Bekannte. Sie ist zwei Jahre jünger als ich und seit der Jugend schwer herzkrank.
Wir brauchen die Akte, aktuelle Werte. Hast du die?
Ich besorg sie. Sagen Sie mir dann bitte, was in der Medizin heute möglich ist?
Klar, aber ohne aktuelle Befunde geht nichts.
Paul nickte, taxierte den Krankenhausflur. Draußen war alles still.
… Wohin fährst du? fragte Ulrike im Korridor, zog den Bademantel fest. Es war kalt in der Wohnung Paul bestand immer auf Frischluft. Fünf Uhr morgens?
Paul zuckte die Achseln.
Sorry, wollte dich nicht wecken. Muss weg, ein paar Tage. Bleib du ruhig. Und wenn jemand fragt, ich bin unbekannt abgereist. Und bring keinen Besuch mit, ja?
Ulrike hob die Hände, als ergäbe sie sich. Schickte Paul ein Luftküsschen.
Jawohl, mein Herr. Willst du wirklich nichts frühstücken?
Keine Zeit. Tut mir leid.
Er ging leise. Ulrike hörte seine schweren Schritte auf der Treppe.
Sie wusste, er liebte sie nicht. Aber es passte ein starker Mann, eine verlässliche Frau, und alles andere lässt man lieber, wie es ist…
… Herr Paulsen, wir sind Ihnen dankbar für die Techniklieferungen. Aber Patientenakten herauszugeben, das geht zu weit! Dr. Tillmann, ein schmaler, nervöser Mann, kaute an den Nägeln, dann ließ er die Hand auf den Tisch sinken. Sind Sie von der Polizei? Ich weiß von nichts. Anna Müller, nie gehört. Für Lieferungen wenden Sie sich ans Management!
Paul lachte ruhig.
Bleiben Sie locker, Herr Tillmann. Ich bin privat hier. Was wollen Sie für die Akte? Anna ist eine alte Freundin, ihr Mann hält sie nur in Schach, gibt ihr Tabletten, lässt sie jede Woche Blut abnehmen, sie arbeitet dabei voll. Für alles andere ist es zu aufregend. Sie lebt wie im Schatten. Er bekommt dank ihrer Krankheit ständig Sondervorsorge, macht Karriere auf ihre Kosten. Für Anna gibt es nur Busfahren, er fährt das Auto. Sie mussten trotzdem ein Kind bekommen, einen Sohn. Nun drillt Heinz den Jungen zum Geniekind. Der wächst auf wie ein Maulwurf und Heinz lebt wie im Paradies. Einfach widerlich.
Paul sprach langsam, fast leise, obwohl er hätte schreien wollen.
Sie sind ein schlimmer Mensch, Herr Paulsen, flüsterte Tillmann, machte sich noch kleiner. Sie reißen in fremde Leben ein, zerstören, was Ihnen nicht gehört!
Nein, das Vergehen ist, eine Kranke zu benutzen, um sich zu bereichern! Pauls Stimme zitterte, aber es wäre mangelhaft, jetzt laut zu werden. Nehmen Sie das Geld und geben Sie mir die Akte. Sie retten damit einen Menschen und sichern die Familie ab. Ihr Sohn will doch studieren?
Sie verließen das Restaurant, draußen fegte Regen durch die Straßen.
Wie viel? fragte Tillmann schließlich.
Paul nannte einen Betrag. Der Arzt zog Dokumente aus seiner Tasche; er hatte schon beim ersten Wort zugesagt. Paul lächelte, ließ einen Umschlag in den Aktenkoffer fallen.
Danke. Die erste Lieferung kommt in einer Woche.
… Anna Müller ging langsam durch einen lichten Hinterhof. Sie dachte an nichts, wirklich nichts. Morgen wieder Kontrolle beim Kardiologen, ungünstige Zeit, musste sich beurlauben lassen. Am Abend Elternversammlung in der Schule, Heinz hat keine Zeit. Nächste Woche kommt Heins Familie, ein Besuch beim Enkel. Immer etwas zu tun. Aber jetzt nur gehen und atmen das tut gut.
Ein Motorrad rauschte vorbei, das Mädchen hinten lachte, klammerte sich um den Jungen. Anna lächelte, dachte an ihre Jugend mit Paul, an Spritzer von den Reifen, das wilde Rasen, die Nachbarshäuser blitzten vorbei.
Anna! Sie hörte die Stimme, erstarrte. Anna, hey!
Sie drehte sich um. Paul
Wir müssen reden. Es ist wichtig! Paul zog sie energisch auf eine Bank. Komm, setz dich. Lass uns reden.
Paul Pauli… Paul! wisperte sie, strich über seine Schulter, sein Gesicht. Oma Liesbeth hätte es nie geglaubt…
Anna weinte, Paul hielt sie behutsam. Er, ihr Fels in der Brandung.
Wo reden wir? Vielleicht im Café? fragte er schließlich.
Zu uns nach Hause. Heinz und Valentin sind schon da. Valentin, unser Sohn, dann lernst du ihn kennen, sagte sie.
Ich kann nicht zu euch. Es betrifft nur dich.
Gut, die Mensa dort drüben hat Platz…
Sie setzten sich, Paul schwieg ewig, dann begann er.
Anna, du musst mitkommen. Aber dafür werden Dokumente, Genehmigungen nötig.
Wohin? Sie war ratlos.
Mein Freund, ein weltbekannter Arzt, hat einen Spezialisten gefunden, der deine Krankheit operiert. Das gibt dir ein neues Leben. Heinz sperrt dich doch nur ein, schikaniert dich mit Untersuchungen, und…
Er schikaniert mich nicht. Er sorgt sich eben, Anna schüttelte den Kopf, du kennst ihn falsch.
Ich weiß genug. Auch dass er mit deinem Auto fährt und… Anna, ich bezahle alles, du kommst mit. Die Ärzte sind hervorragend.
Erzähl von dir. Verheiratet? Was machst du? unterbrach sie Paul. Du hast dich verändert Aber es steht dir.
Wie? krächzte Paul.
So… Unnahbar, ein bisschen unheimlich. Du bist kein Verbrecher, oder?
War alles mal. Anfangs Drecksgeschäfte, dann besseres. Jetzt bin ich Versorger, lerne Englisch, vielleicht kommt man damit weiter.
Valentin lernt auch. Heinz hat ihm Nachhilfe besorgt. Warst du zu Hause? Wie sieht es aus?
Keine Ahnung. Das ist nicht der Punkt. Anna, alles ist vorbereitet, du musst nur unterschreiben. Nimm Urlaub. Ich kümmere mich.
Paul wirkte gehetzt, als fürchtete er, dass gleich etwas dazwischenkommt.
Anna? Valentin wartet, es ist Zeit fürs Abendessen und du sitzt noch in der Mensa? Heinz stand plötzlich da. Ich kam vom Institut, sah dich. Und das ist… Paul? Na sowas.
Heinz Gesicht wurde starr, er zog Anna mit.
Warte, Heinz. Paul hat mir etwas vorgeschlagen, aber…
Anna ahnte Unheil, erschrak.
Ab nach draußen! Anna, an die frische Luft, jetzt die Tablette! Heinz nahm aufgeregt ihre Hand. Paul folgte.
Daheim roch es nach Suppe, Valentin kam neugierig aus dem Zimmer.
Paul, sagte er, drückte die Hand des Gastes.
Valentin, iss heute bei dir. Wir müssen reden, sagte Heinz.
Anna brachte das Essen, küsste ihren Sohn.
Nun, was treibt dich? Was machst du? Heinz gab sich als Herr im Haus und machte es Paul unbequem.
Anna, bring ihm doch etwas zu essen. Bist du verheiratet? stopfte er Lauch in den Mund.
Nein. Ich habe für Anna eine Klinik im Ausland gefunden. Dort würden sie das Herz operieren, sehr fortschrittlich. Danach könnte Anna ganz normal leben, wie früher. Anna! Warum sagst du nichts? Pauls Augen leuchteten.
Anna, bring Valentin einen Tee.
Heinz wartete, dann sagte er leise:
Was will sie schon sagen? Du kommst von irgendwoher, lockst sie raus, Gott weiß wohin, wirfst sie unter das Messer. Und dann? Und wir? Wenn etwas passiert, bleibt sie da, wir hier? Uns geht es gut, Paul, wir brauchen keinen Retter!
Und Windeln wechseln konntest du auch im Krankenhaus nicht, als sie nach Valentins Geburt am Boden war! Ich weiß am besten, was für sie gut ist!
Willst dus mir auslegen? Paul stand auf, stemmte sich gegen Heinz. Lass Anna einen Versuch wirklich leben! Fahr du Auto, bald fährt sie selbst. Pfui, Heinz! Lass sie in Ruhe. Sie soll leben, nicht nur existieren!
Ich fahre nicht weg, Paul. Ich bleibe hier. Ich habe Angst, dass ich sterbe, und Valentin braucht mich. Ich komme zurecht, ehrlich.
Anna umarmte Paul von hinten.
Trinken wir Tee, ihr beiden. Es gibt Kuchen und Süßes. Danach, Paul, gehst du bitte nach Hause
Er wollte keinen Tee, griff nach seiner Jacke, ging. Ohne ein Wort zum Abschied.
Draußen stieß er Leute von der Schulter, rang nach Fassung. Wie kann man das bessere Leben ablehnen? Alles war bereit, er hatte so viel verkauft… Und alles vergebens?
So viele Kliniken besucht, gebettelt, diskutiert alles für nichts.
Du wolltest nur Heinz beweisen, dass du besser bist, dass Anna trotzdem zu dir gehört. Aber du hast dich geirrt. Versagt!, schoss es durch den Kopf, und dann blieb nur leere Bitterkeit…
… Ulrike wartete zu Hause, schlief nicht.
Hallo, sagte sie leise im Flur im Frotteemantel. Ich hab Suppe gemacht… Probier doch.
Sie kam schnell zu Paul, umarmte ihn fest.
Was ist denn los? fragte Paul irritiert.
Ich hatte Angst, du kommst nicht zurück. Dass du bei ihr bleibst…
Ulrike schluchzte, schmiegte sich fest.
Ach, Kleine! Wie soll ich denn ohne dich können? Plötzlich fühlte sich Paul leicht, als hätte er eine Tonne Last abgelegt. Er musste niemandem mehr etwas beweisen, konnte einfach leben, Ulrike lieben, sie heiraten, Kinder bekommen, eine Familie gründen… Das war jetzt sein Leben, ihre Familie. Und die anderen sollen sie leben, wie sie wollen.
Und manchmal ist es ganz einfach sich selbst das Glück zu erlauben!
Ulrike sah zu, wie Paul mit Appetit ihre Suppe löffelte. Sie lächelte, denn auch in ihrer Wohnung lebte jetzt eine kleine Familie. Daran hatte sie nie gezweifelt.





