Entschuldige, aber unser Lebensweg führt in verschiedene Richtungen…

Entschuldige, aber unsere Wege trennen sich hier

Nachdem ich von meiner Frau eine lange Liste an Einkäufen für Silvester bekommen hatte, verließ ich das Haus, setzte mich in meinen betagten Opel Kadett und ließ den Motor warmlaufen.

Draußen waren es eisige minus zehn Grad, deshalb musste ich den Wagen unbedingt ordentlich warmlaufen lassen, bevor ich losfuhr.

Um mir die Zeit zu vertreiben, überlegte ich mir im Kopf die beste Strecke erst zum Wochenmarkt und danach zum Supermarkt am Marktplatz. Dabei ging ich Möglichkeiten durch, was ich als Nachtisch mitbringen könnte.

Am Ende der Liste hatte meine Frau nämlich einfach nur aufgeschrieben: Irgendwas Leckeres zum Tee. Kein Wort mehr dazu! Nun lag es an mir, dieses Rätsel zu lösen und zwar richtig. Es sollte ja schließlich nicht sein, dass meine liebe Gisela nachher sagt, das wäre gar nicht das gewesen, was sie wollte, und ich nochmal los müsste…

Ungefähr fünf Minuten später, als der Motor warm genug war und ich eigentlich losfahren wollte, bemerkte ich plötzlich, wie aus dem Nachbarhaus eine junge Frau stürmte Sofia.

Während sie aus der Tür hastete, versuchte sie im Gehen, die oberen Knöpfe ihres Mantels zu schließen und rückte ständig die kleine Sporttasche auf ihrer Schulter zurecht, die ihr immer wieder herunterrutschte.

Es war auf den ersten Blick klar, dass sie ziemlich unter Zeitdruck stand.

Ob sie wohl verreist zu Silvester? fragte ich mich und beobachtete sie weiter durch die Windschutzscheibe.

Ihre Finger schienen sich vor Kälte kaum noch zu bewegen, weshalb die Knöpfe nicht so recht wollten.

Gleichzeitig huschte ihr Blick suchend durch den Innenhof, als würde sie jemanden erwarten, und immer wieder checkte sie ihr Handy.

Sofia wohnte erst seit kurzem im Haus. Erst vor etwa einem Monat war sie eingezogen, sie mietete die Wohnung von Frau Waltraud, einer Freundin meiner Frau.

Vor zwei Wochen hatte Waltraud mich dann am späten Nachmittag angerufen und gebeten, bei ihr in der Wohnung mal nach dem Küchenhahn zu schauen.

Meine Mieterin hat angerufen, meint, der Wasserhahn schließt nicht mehr, Wasser läuft dauernd. Kannst du mal nachschauen? Ich bin gerade nicht in der Stadt und selbst wenn, was soll ich da machen! Wenn der Hahn ausgetauscht werden muss, mach es bitte gleich. Ich geb dir dann das Geld zurück, okay?

Klar, gar kein Problem, Waltraud. Ich schau jetzt gleich nach. Ist die Mieterin daheim?

Ja, ja, die ist zuhause. Aber ich ruf sie zur Sicherheit nochmal an, damit sie nicht weggeht. Danke, Paul.

Gern, entgegnete ich und machte mich zum schnellen Einsatz fertig.

Als Rentner freute ich mich immer, wenn ich was zu tun hatte war mal was los im Alltag.

Vom Beruf war ich Bauingenieur, war mein Leben lang auf Baustellen unterwegs gewesen, deshalb war ein tropfender Hahn kein Thema. Übrigens: Geld habe ich dafür noch nie angenommen.

Nicht, weil die Arbeit meist in wenigen Minuten erledigt ist, sondern einfach, weil ich gern half.

Vielleicht war das der Grund, weshalb Waltraud sich immer auf mich verließ oder, weil sie mir vertraute.

Wie auch immer in der Wohnung, die sie von ihrem verstorbenen Mann geerbt und nun vermietete, war ich in den letzten vier Jahren schon recht oft gewesen mal, um eine Steckdose zu reparieren, mal den Spiegel im Bad zu wechseln, manchmal auch für kleinere Sachen.

Mit dem Hahn war es schnell erledigt: Er war nicht mehr zu retten. Also fuhr ich zum Baumarkt, besorgte einen neuen, hochwertigen und zuverlässigen Wasserhahn und installierte ihn gleich selbst.

Mit dem gibts garantiert keine Probleme mehr, Sofia, grinste ich, während ich mit dem Gabelschlüssel die Mutter festzog. Sagen Sie mal, bleiben Sie eigentlich länger hier in unserem Stadtteil oder ist das nur vorübergehend?

Ich weiß es noch nicht, meinte Sofia. Vielleicht bleibe ich, vielleicht ziehe ich wieder weg je nachdem, ob ich bald einen reichen Freund finde.

Sie sind doch eine attraktive junge Frau da werden sich sicher einige finden, entgegnete ich leicht schmunzelnd.

Danke. Wollen wirs hoffen.

Sie mögen offenbar auch Tiere? meinte ich und warf einen Blick auf das graue Kätzchen, das neugierig umherlief.

Ach, nicht besonders. Eigentlich hat mir eine Kollegin gebeten, ihn zu nehmen. Sie meinte, Katzen würden Glück bringen.

Tun sie, lachte ich leise. Glück, Liebe, einfach alles Gute! Meine Frau und ich hatten auch mal eine Katze sie hieß Helene. Fast zwanzig Jahre war sie Teil der Familie. Vor einem halben Jahr ist sie dann leider über die Regenbogenbrücke gegangen Es gab in unserem Leben manches schwere Kapitel, manchmal wollte ich selbst aufgeben, aber dann kam unsere Helene, sprang mir auf den Schoß oder in die Arme, schnurrte ein bisschen und gleich war alles leichter.

Nun ja, Felix macht mir ehrlich gesagt vor allem Arbeit, meinte Sofia leicht genervt. Der schläft nachts überhaupt nicht, jagt durch die Wohnung Und ich muss früh raus.

Seien Sie unbesorgt das gibt sich, sobald er älter ist.

Nachdem alles erledigt war und ich den Wasserhahn getestet hatte, verabschiedete ich mich. Zuhause erzählte ich Gisela von der neuen Nachbarin.

Scheint eine nette junge Frau zu sein, und ihr Kätzchen so neugierig wie unsere Helene früher. Erinnerst du dich, wie sie dir damals die Ohrstecker geklaut und unter das Bett versteckt hat? Wir haben die drei Tage gesucht!

Klar erinnere ich mich, lachte Gisela. Damals dachte ich ja erst, du hättest sie genommen weil wir wenig Geld hatten. Oder, sie deiner Freundin geschenkt! Ich war damals wirklich sauer Gut, dass Helene sie wieder zurückgebracht hat.

Das war ein Glück!

Wir schwelgten noch lange in Erinnerungen an unsere geliebte Katze, lachten und weinten zugleich in zwanzig Jahren gibt es viele Geschichten.

Nun, als ich Sofia beobachtete, beschloss ich, doch mal nachzufragen, ob ich helfen könnte vielleicht musste sie irgendwohin, dann würde ich sie gern mitnehmen, Hauptsache, es lag auf dem Weg.

Sofia, guten Morgen! rief ich, ließ das Fenster runter und beugte mich vor.

Guten Morgen, sagte sie überrascht, doch nach kurzem Zögern lächelte sie freundlich.

Ist alles in Ordnung? Soll ich Sie irgendwohin bringen? Meine Frau schickt mich gerade einkaufen.

Ich hatte ein Taxi gerufen, aber es kam keines klagte sie und rückte die Tasche zurecht.

Nach kurzem Überlegen kam sie dann tatsächlich zu meinem Kadett hinüber, immer noch in ihrem offenen Mantel, und ging vorsichtig über den rutschigen, schlecht geräumten Weg.

Paul, in welche Richtung fahren Sie denn eigentlich? fragte sie, als sie fast am Wagen war.

Ich fahre Richtung Innenstadt, erst zum Wochenmarkt, dann zum Supermarkt in der Friedrichstraße. Und Sie?

Ach schade Sofia seufzte. Ich muss nämlich genau in die andere Richtung.

Wohin denn?

Zur… Gewerbestraße, sagte sie nach kurzem Zögern. Aber dahin gibts keinen Bus, nur das Taxi. Und das kommt ja einfach nicht. Ich habe schon mehrfach angerufen, immer heißt es, keine Fahrer verfügbar.

Das ist ja fast am Stadtrand. Haben Sie eilige Termine dort?

Ja gewissermaßen, murmelte Sofia und sah verlegen zu Boden.

Irgendwie verhielt sie sich merkwürdig, ich konnte nicht so recht einordnen, warum.

Also gut, wenns dringend ist und das Taxi nicht fährt, bring ich Sie dorthin!

Wirklich?! Vielen lieben Dank, Paul! Sie retten mir den Tag.

Setzen Sie sich gern hinten rein, grinste ich. Ihre Tasche kann ich sonst auch in den Kofferraum werfen.

Ach nein, lieber nicht, sie setzte sich auf die Rückbank, drückte die Tasche an sich und schaffte es erst beim zweiten Versuch, die Tür zu schließen. Ich halte sie lieber fest Könnten Sie mich nachher auch wieder zurückbringen? Nur kurz zu einer Freundin etwas abgeben dann wäre ich schon fertig. Mein Handy geht auch gleich aus und Taxi weiß ja nie!

Klar, ich bring Sie auch zurück.

Das stand zwar nicht auf meinem Plan, aber ich wollte der jungen Frau einfach helfen.

*****

Eine halbe Stunde später hielt ich auf der Gewerbestraße und sah zu Sofia.

Hier richtig?

Ja, genau, meinte sie und lächelte. Ich treffe nur schnell meine Freundin, dann komme ich zurück.

Alles klar, ich warte, entgegnete ich grinsend.

Ich wartete, bis sie um die Hausecke verschwunden war, stieg dann aus, um mir die Beine zu vertreten und ein bisschen frische Luft zu schnappen.

Ich lief die Straße langsam auf und ab, schaute auf die Uhr sieben Minuten schon, aber keine Spur von Sofia.

Da ich nichts zu tun hatte, entschied ich mich, mal um die Ecke zu sehen vielleicht hatte sie beim Tragen Hilfe gebraucht, vielleicht rief sie noch nach mir.

Und tatsächlich ich lugte um die Ecke und sah, wie Sofia neben einer Mülltonne stand und verzweifelt versuchte, etwas aus ihrer Sporttasche zu schütteln. Doch dieses Etwas wollte einfach nicht heraus.

Im ersten Moment verstand ich gar nicht, was los war, aber als ich näher kam, sah ich: In der Tasche war das kleine graue Kätzchen, das ich schon bei ihr in der Wohnung gesehen hatte.

Warum hältst du dich so an die Tasche fest?! schrie Sofia, ohne mich zu bemerken. Ich brauche dich nicht! Nur Ärger machst du!

Felix klammerte sich angstvoll am Stoff fest und miaute jämmerlich als würde er sagen, dass er die warme Wohnung nicht gegen die kalte Straße tauschen will.

Als Sofia dann aufgab, packte sie ihn kurzerhand, zerrte den Kater heraus und warf ihn in den Schnee.

Schnell zog sie den Reißverschluss der Tasche zu, drehte sich um und wollte gerade gehen, als sie meinen Blick traf sie erstarrte.

Was machen Sie da, Sofia?! fuhr ich sie wütend an. Wieso bringen Sie Felix hierher und lassen ihn einfach zurück?

Sie sagte nichts, wechselte den Blick zwischen Felix und mir und wusste nicht, was sie sagen sollte.

Plötzlich sprudelte sie los: Das Kätzchen koste sie nur Nerven, hätte ihre neuen Schuhe ruiniert, hätte ihr das Leben schwer gemacht! Sie hätte heute Abend doch ein Date gehabt!

Nein, das verstehe ich nicht Ich verstehe nicht, wie man ein Kätzchen bei Kälte einfach aussetzen kann, noch dazu hier, wo mehr herrenlose Hunde als Menschen unterwegs sind!

Der treibt mich in den Wahnsinn… erwiderte Sofia leise.

Sie lassen ihn doch mit ziemlicher Sicherheit sterben. Wissen Sie was, Sofia? Wenn Ihnen das Tier lästig ist, geben Sie es doch der Kollegin zurück, bringen Sie es ins Tierheim, stellen Sie ein Inserat online. Oder wenigstens bieten Sie ihn mir an.

Zu Ihnen? spottete Sofia. In Ihrem Alter, mit all Ihren Zipperlein? Was wollen Sie noch mit so einem Katerchen?

Natürlich hätte ich! Aber Sie, Sofia Sie wollten ihn einfach loswerden wie einen alten Koffer. Und wollten dann auch noch mich zu Ihrem Komplizen machen!

Ich kniete neben Felix, streichelte ihn kurz am Kopf, nahm ihn auf den Arm und ging wortlos zurück zum Auto.

Sofia folgte, immer noch verwirrt.

Erst, als ich die Fahrertür aufschloss, sah ich sie an und sagte:

Es tut mir leid, Sofia, aber nach dem, was Sie gerade getan haben nein, unsere Wege trennen sich hier. Den Rückweg müssen Sie zu Fuß machen.

Wie bitte?! Sie wollen mich hier stehen lassen, Paul? Das soll ein Witz sein?

Mit Leuten wie Ihnen kann ich nicht anders, entgegnete ich, setzte Felix auf den Beifahrersitz. Bleiben Sie ein Weilchen in der Kälte und überlegen Sie mal, was Sie getan haben. Die nächste Bushaltestelle ist ein paar Blocks entfernt. Oder Sie rufen ein Taxi Hauptsache, halten Sie sich von den Hunden fern

Ich stieg ein, startete den Motor, drehte das Radio leiser, und fuhr über die glatte Straße Richtung Innenstadt zurück.

Ich achtete auf die Straße, ab und zu auf Felix, der neugierig aus dem Fenster blinzelte, aber in den Spiegel habe ich kein einziges Mal geschaut.

Für Sofia, die da noch auf dem Gehweg stand, empfand ich nichts als Verachtung.

*****

So, jetzt noch was Süßes für Gisela zum Tee, murmelte ich, während ich durch die Regale mit Leckereien schlenderte.

Felix saß inzwischen auf meinem Arm ich wollte ihn auf keinen Fall allein im Auto lassen und studierte mit mir gemeinsam das Sortiment.

Plötzlich miaute er laut und tippte mit dem Pfötchen auf einen schön verpackten Kuchen.

Ach, meinst du, ich soll einen Kuchen kaufen? lachte ich. Das klingt nach einer echten Idee!

Wieder zu Hause, erzählte ich meiner Frau von allem: wie ich der Nachbarin helfen wollte, wie sie das Kätzchen loswerden wollte und dass ich sie am Stadtrand stehen ließ.

Vielleicht war das nicht ganz korrekt von mir, aber ich konnte in dem Moment nicht anders, sagte ich zu Gisela, während sie Felix auf dem Arm hielt und mit ihm schmuste.

Du hast absolut richtig gehandelt, Paul, lächelte sie. Kaum auszudenken, was sonst mit Felix passiert wäre. Und unsere Ex-Nachbarin findet selbst den Weg heim, da bin ich sicher. Ist ja kein kleines Kind mehr!

Jedes Mal, wenn ich nach diesem Vorfall Sofia auf der Straße begegnete, drehte sie demonstrativ weg, um zu signalisieren, sie wolle von mir weder sehen noch hören.

Ich habe das nicht weiter kommentiert.

Was mich wirklich traurig machte: Sie hat offenbar nicht verstanden, was falsch war. Zumindest hat sie sich nie entschuldigt sonst hätte sie es wohl getan. Einen Monat später ist sie dann ganz ausgezogen. Waltraud hat inzwischen schon neue Mieter.

Wohin ist deine alte Mieterin eigentlich verschwunden? fragte ich Waltraud später mal. Hats ihr bei dir nicht gefallen?

Ach, das Mädel winkte sie ab. Wollte eigentlich längere Zeit mieten, war aber nach kaum mehr als zwei Monaten schon wieder weg. Meinte, ihre Stelle sei gestrichen worden, sie könne jetzt die Miete nicht mehr zahlen. Angeblich habe sie auch keinen reichen Mann gefunden. Sie sei zurück zur Mutter aufs Dorf na, wer weiß

Was aus Sofia geworden ist, weiß ich nicht und Sie wollen das sicher auch nicht wissen.

Das Entscheidende ist: Felix geht es bestens. Er hat jetzt ein sicheres Zuhause.

Meiner Frau und mir ist im Rentenalltag nicht mehr langweilig im Gegenteil, wir sind jetzt sogar richtig glücklich! Seit Felix bei uns ist, fühlen wir uns um zwanzig Jahre jünger.

So ist das Leben.

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Homy
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