Hitzewelle. Katharina

Hitze. Katharina

Matthias und Johanna gaben sich erst zwei Jahre nach dem Kennenlernen das Ja-Wort.

Ihr Glück bauten sie vorsichtig auf, fast auf Zehenspitzen, abwägend jedes Wort, jeden Schritt. Kein Wunderzu oft hatten sie erfahren, wie trügerisch Gefühle sein konnten, dass Liebe selten plötzlich kam und noch seltener für immer blieb. Was hatte das Schicksal ihnen nach all dem Schmerz und den Verlusten zugedacht? Darf man sich auf ein neues, zartes Gefühl verlassen?

Auch Erika Schneider, Matthias Mutter, schwieg lieber. Sie wollte das neu gewonnene Glück ihres Sohnes nicht verschrecken den Sohn, der sich so verändert hatte. Seine Schultern strafften sich wieder, sein Blick funkelte, und zu den Treffen mit Johanna schien er sich so herauszuputzen, als stünde gleich eine standesamtliche Trauung bevor.

Matthias stellte seine Mutter Johanna fast sofort vor. Erika musterte Johanna besorgt, konnte aber nichts an ihr entdecken, das Matthias an seine Ex-Freundin erinnern könnte. Auch das Angebot, bei ihm einzuziehen, lehnte Johanna entschieden ab.

Nein, Matthias. Das wäre nicht richtig. Frau Bauer würde das nicht verstehen. Und ihre Meinung ist mir wichtig. Sie hat so viel für mich getan und braucht meine Hilfe, besonders mit ihrer Krankheit. Lass uns alles so lassen, wie es ist. Wozu die Eile?

Matthias akzeptierte diesen Wunsch. Die Beziehung litt darunter nicht, im Gegenteil: Die lange Kennenlernphase wurde für sie zur wertvollen Zeit, einander wirklich kennenzulernen.

Erst kurz vor der Hochzeit zog Johanna in Erikas Haus. Anlass war der traurigste überhaupt.

Frau Bauer, Johannas Ersatzmutter, verstarb.

Lange kämpfte sie mit Herzproblemen, Johanna begleitete sie zu Ärzten, nahm ihr die Hausarbeit ab, kümmerte sich. Das alles konnte das Unvermeidliche nur hinauszögern. Eines Abends kam Johanna nach Hause. Frau Bauer saß in ihrer geliebten Gartenlaubegebaut von ihren Söhnen und hielt einen Brief des Enkels in der Hand. Johanna ahnte noch nichts, rief ein paar Mal, doch Frau Bauer atmete nicht mehr.

Der Notarzt konnte nur noch den Tod feststellen.

Johanna rief Matthias und Frau Bauers Söhne an, setzte sich schluchzend in die Laube, erinnerte sich an Abende am See, an Marmelade kochend in der Sommerküche, daran, wie sie ohne Fragen, ohne Vorbehalte aufgenommen wurde, als Hilfe für sie so dringend und so fern war.

Danke wiederholte Johanna immer wieder, leise, im Andenken an die Frau, die ihr Herz geöffnet hatte.

Frau Bauers Söhne kamen am nächsten Tag samt Familien. Der Älteste bat Johanna nach der Beerdigung zu einem Gespräch.

Unsere Mutter wollte, dass ein Teil des Hauses dir überlassen wird. Niemand von uns will hier einziehen. Im Testament ist alles geregelt, und wir stehen hinter dem Wunsch. Ohne dich wäre Mama oft einsam gewesen. Wir danken dir.

Nein, schüttelte Johanna den Kopf, das ist euer Erbe. Ich kümmere mich gerne, aber das Erbe gehört euch. Eure Mutter hat euch geliebt!

So blieb es. Johanna fand bald Mieter, kümmerte sich weiterhin um Haus und Kontakt zur Familie, wenn sie im Sommer zu Besuch kamen.

Ein halbes Jahr nach der Hochzeit landete Johanna im KrankenhausDank einer Schwiegertochter Frau Bauers, einer Ärztin.

Eileiterschwangerschaft. Sie sollten mehr auf Ihre Gesundheit achten! Der Chirurg hob den Finger. Gut, dass Ihre Mutter da war, sonst

Sie ist eher meine Schwiegermutter. Aber ja

Sie hatten schon vorher Probleme?

Ja.

Wenn Sie Kinder wollen, müssen Sie dringend die Ursachen behandeln. Sonst bleibt Ihnen wohl nur eine künstliche Befruchtung.

Johanna weinte nicht. Sie hatte ihre Tränen für später aufgehoben. Jetzt galt es, herauszufinden, was zu tun war. Sie wollte Kinder mit Matthias, drohte fast, sich daran zu fixieren.

Erika, ihre Schwiegermutter, bemerkte dieses Ringen.

Johanna, darf ich mit dir sprechen? sagte sie eines Abends, als Matthias beruflich in München war.

Johanna und Matthias wohnten mittlerweile in ihrer eigenen Wohnungnicht groß, aber ihr eigenes Reich. Matthias konnte sich das nun leisten, und die Geschäfte liefen so gut, dass Erika sogar wieder mit dem Gedanken spielte, ein kleines Gästehaus zu kaufen.

Auch Johannas Eltern wollten unterstützen, doch Matthias lehnte ab.

Johanna, lass uns das alleine schaffen, ja? Ich achte deine Eltern sehr, aber mein Wunsch ist es, dich selbst mit einem eigenen Heim zu versorgen.

Johanna diskutierte nicht. Ihr Vater ergriff respektvoll Matthias’ Hand: Da kann deine Mutter stolz auf dich sein, Junge!

Erika nickte zustimmend. Sie freute sich auch, dass die beiden so bald Kinder wollten.

Aber Erika sah die Sorgenfalten auf Matthias’ Stirn und Johannas verzweifelte Arztbesuche. Sorge um das Glück ihres Sohnes ließ sie nicht schweigen.

Johanna, sei mir nicht böse, wenn ich frage Ich mache mir Sorgen um euch. Was belastet dich?

Es klappt einfach nicht, Mama, brach Johanna aus, Was, wenn ich keine Kinder bekommen kann? Dann muss ich Matthias verlassen! Ich kann ihn doch nicht an eine Frau binden, die nur Last und kein Licht ist

Ach, Johanna! Du weißt gar nicht, was du Matthias bedeutest. Dank dir hat er wieder Freude am Leben! Und Kinder sie sind etwas Wunderbares, das Schönste überhaupt. Aber sie sind längst nicht alles! Mein Mann und ich haben auch lange auf unseren Matthias gewartet; beinahe hätten wir uns damals überworfen. Ich dachte, er sei nur meinetwegen bei mir und eines Tages verließ er mich. Erst nach einem Jahr fanden wir wieder zueinander. Wir begriffen, dass eine Ehe viel mehr bedeutet als nur Eltern zu werden. Matthias ist seinem Vater sehr ähnlich

Ich glaube, ich verstehe

Zerstör das Gefühl nicht, das euch verbindet. Ihr gebt einander Sinn. Liebe wächst und hält viel aus, aber ihr müsst ihr Raum lassen.

Wie bist du am Ende Mutter geworden? Johanna lächelte schwach.

Wenn ich das wüsste! Erika schmunzelte unter Tränen. Erst als ich schon glaubte, meinen Körper verstanden zu haben, war ich plötzlich schwanger. Wir hatten längst Frieden gemacht und einfach unser Leben angenommen und dann überraschte uns das Schicksal!

Ich hoffe, mich überrascht das Leben auch noch

Warum fragst du nicht die Schwiegertochter von Frau Bauer? Sie ist doch Ärztin!

Johanna schlug sich vor die Stirn: Wie konnte ich das nur vergessen!

Eine Woche später reiste Johanna nach Hamburgdie Ärztin erwartete sie schon.

Ein Jahr darauf wurden Zwillinge geboren.

Das Glück fand zuverlässig seinen Weg in das Zuhause von Johanna und Matthias, schlug Wurzeln und kehrte nicht wieder um.

Nach den Zwillingen kamen noch ein kleines Mädchen zu ihnen, das sie adoptierten. Die Entscheidung reifte lange, doch als sich die Gelegenheit bot, zögerten sie nicht. Eine alte Schulfreundin Matthias, frisch Mutter geworden, war schwer erkrankt. Armin, die gemeinsame Bekanntschaft, brachte die Nachricht.

Die arme Carina Wir sammeln jetzt für sie, Matthias, wollen sie zur Behandlung nach Berlin schicken. Fast jeder hilft.

Ich überweise sofort

Matthias spendete eine stattliche Summe in Euro, und ein paar Tage später fuhr Carina nach Berlin. Erika begleitete sie, da Carina außer ihrer Großmutter niemanden hatte, der sie und das Kind unterstützte.

Leider blieb alles vergeblich. Die Ärzte konnten Carina nur noch Zeit geben, um sich von ihrem Baby zu verabschieden und seine Zukunft zu sichern.

Mit der Bitte, das Mädchen aufzunehmen, wandte sich Carina zuerst an Erika, dann an Johanna und Matthias. Sie sagten nicht nein.

So bekamen sie eine Tochter.

Die kleine Wohnung, in der alle lebten, wurde bald zu eng. Die Kinder wuchsen, die Familie brauchte mehr Raum.

Wieder half Erika.

Matthias, wir haben doch das Geld für das Gästehaus! Kauft euch mit Johanna etwas Größeres.

Mama, das war dein Traum!

Siehst du sie nicht? Erika drückte lachend die Enkelin an sich und zeigte auf die Zwillinge. Das hier das ist mein Traum! Für das Geschäft fehlt mir längst die Zeit. Ich will bei meinen Enkeln sein! Sehen, wie sie aufwachsen und euch helfen. Sucht eine Wohnung diesmal reicht der Platz für alle!

Und sie fanden eine. Groß, sonnendurchflutet, mit genug Zimmern. Die Kinder tobten durchs Haus, spielten Echo, und Johanna lachte, wenn die Jungen der Schwester beibrachten, laut Hallo! zu rufen.

Wir nehmen sie! beschloss Matthias ohne Umschweife.

Das einzige Problem war Katharina die Hausälteste. Sie war überzeugt, dass Familien mit vielen Kindern nie glücklich und immer ein Fall für das Jugendamt seien.

Da gehen ständig Leute ein und aus, die Kinder laufen barfuß durch das Haus! Die Kleine schläft immer, wenn Johanna mit ihr nach draußen geht. Seltsam!

Du übertreibst, Kathi, sagten die Nachbarinnen. Barfußlaufen ist gesund. Und dass sie Besuch haben na und? Sollen wir etwa nie Gäste empfangen?

Ja, ja! Aber so fängt es an Man denkt, alle sind nett, aber keiner weiß, was zu Hause passiert! Ich werde die Wahrheit herausfinden es gibt nicht nur Glück, das glaubt doch niemand!

Die anderen schwiegen, doch Katharina, selbst ein Kind strenger Parteieltern, blieb hartnäckig. Sie, die als Kind Nächte auf Knien in der Ecke verbrachte, getrieben von der Strenge ihrer Mutter, hatte nie Zuneigung kennengelernt und draußen hielten alle die Familie für vorbildlich. Schläge, Strafen, alles verborgen hinter perfekten Zöpfen und gebügelten Hemden.

Von zu Hause weg ging sie, sobald es möglich war, genau wie ihre Brüder. Seitdem brach sie alle Kontakte zu den Eltern ab; auch zu den Brüdern war das Verhältnis abgekühlt. All die Generationen voller Härte und Gleichgültigkeit taten der Seele weh.

Katharina selbst blieb kinderlos. Als ein Partner einmal nach einem kranken Hund schlug, packte sie ohne Zögern das Tier, verließ den Mann und zog zurück in die kleine Wohnung, die sie von der Großmutter geerbt hatte einer ebenso sturen Frau wie ihre Mutter.

Ihr Herz blieb verschlossen. Sie traute Menschen nicht mehr, glaubte längst, dass Gleichgültigkeit und Grausamkeit die Norm seien und wollte wenigsten ein bisschen etwas besser machen. Die Familie von Johanna und Matthias wurde ihr persönlicher Fall. In dem Haus gab es sonst keine große Familie.

Johanna, die oft mit ihren Söhnen auf dem Hof saß, bemerkte eines Tages die Zeit. Die Tochter würde bald aufwachen, und die Jungs mussten zum Sport. Sie würde beide Jungen im Herbst in den lokalen Kindergarten bringen, bis dahin besuchten sie das Familienzentrum und den Fußballverein.

Am Hauseingang wartete Katharina.

Die Kinder schon wieder barfuß? Ihr könnt euch wohl keine Schuhe leisten?

Johanna lächelte. Die Sportschuhe der Jungs kosteten mehr als Matthias beste Sneakers. Er bestand darauf die Jungs sollten unbeschwert kicken können, Verletzungen gehörten dazu.

Du lachst?! Was ist daran witzig? Man muss sich doch kümmern ernähren, einkleiden, umsorgen! Und du ?

Katharinas Wangen glühtenJohanna blieb ruhig. Ein Junge rief:

Mama, gib Tante Kathi Wasser!

Die Zwillinge reichten aus der Tasche eine Wasserflasche da wurde Katharina plötzlich schlecht. Ihr Blick verschwamm, ein hoher Ton surrte in den Ohren, und sie wäre von den Stufen gefallen, hätte Johanna sie nicht aufgefangen.

Der Krankenwagen kam schnell und brachte Katharina ins Krankenhaus. Als sie aufwachte, saß Johanna an ihrem Bett, hatte die Kinder bei Erika gelassen und eilte zu ihr.

Was ist los? Katharina rang nach Worten, doch ihre Sprache war noch schwach.

Ganz ruhig! Sie hatten einen Schlaganfall. Die Ärzte haben sofort eingegriffen. Diese Hitze! Ruhen Sie sich aus ich bleibe bei Ihnen.

Johanna hielt ihr Wort. Sie kümmerte sich um die einsame Nachbarin, von der die anderen schon längst wussten, wie allein sie war, wie sehr sie sich nach Bindung sehnte, nach einem warmen Zuhause.

Warum? hauchte Katharina eines Tages.

Weil es richtig ist. Kein Mensch sollte so alleine sein, das weiß ich genau.

Woher?

Weil ich die Einsamkeit kenne. Schlechte Gesellschaft! Aber jetzt brauchen Sie sich nicht mehr zu fürchten. Ich lasse Sie nicht allein.

Tränen rollten über Katharinas Wangen. Für Johanna war nur wichtig: Seit Katharina im Krankenhaus lag, hatte sie ihre frühere Strenge im Blick verloren. Sie war einfach eine alte Frau, so alt wie Johannas Mutter, und Johanna empfand aufrichtige Trauer. Diese Frau hätte Kinder, Enkel haben können, aber geblieben waren ihr nur die Rosen vor dem Hausdie schönsten Rosen, die Johanna je gesehen hatte. Wer solche Blumen ziehen konnte, musste auch eine gute Seele haben. Das wusste sie.

Zwei Jahre später.

Ach, Johanna! Wie schaffst du es nur mit deinen Kindern? Deine Tochter ist das ruhige Wasser, die Jungs reinster Sturm! Katharina, nun Oma für die Tochter Johannas, saß auf der Bank im Innenhof.

Ach, Kathi, das ist doch nichts! Armin hat vier Kinder! Wenn alle zusammen sind, möchte ich am liebsten fliehen. Seine Frau hofft, dass das fünfte kein Junge wird.

Schon wissen, was es wird?

Nein, versteckt sich noch. Johanna lachte. Armin nimmt es wies kommt.

Was für eine Hitze , stöhnte Katharina, schirmte die Augen ab und sah Johanna an. Sag mal, bist du glücklich?

Johanna überlegte.

Was macht Glück aus? Familie in der Nähe? Ja. Gesundheit? Gott sei Dank, alles gut. Glückliche Kinder? So weit, so gut. Also ja, sie war wirklich glücklich.

Ja!

Johanna lächelte, und Katharina musste wieder staunen, wie sehr ein Lächeln alles verändern konnte.

Sogar die drückende Sommerhitze, die die Stadt Wochen lang nicht losgelassen hatte, schien sich aufzulösen, als wehte plötzlich frische Luft durchs Viertel.

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Homy
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Hitzewelle. Katharina
Wie meine Schwiegermutter ihre Wohnung in Berlin verlor