Die steinerne Frau

Die steinerne Frau

Gerda Feldmann wurde vom Notarzt gebracht sie hatten sie mitten auf einer matschigen, eisigen Straße aufgelesen. Hingefallen, keine Kraft mehr aufzustehen, saß sie wie ein nasser Sack zwischen den zerfurchten Pfützen Berlins. Zwei kräftige Sanitäter hievten die schlaffe Gerda wie einen verdrossenen Umzugs-Karton auf die Trage, kutschierten sie ins Empfangszimmer der Charité.

Groß, wuchtig, im Hosenanzug, Stiefeletten mit abenteuerlichen Absätzen, Makeup in gemäßigtem Maß, das ihre hervortretenden Augen und markanten Lippen betonte, schwere Statement-Ohrringe, die fast bis zur Schulter reichten so rollte Gerda, die Ledertasche auf dem Schoß und die Mähne frisch geföhnt, im Rollstuhl ein. Liegen? Auf keinen Fall! Kaum hatte sie ihre Sprache wieder, machte sie sich über den Fahrer her, weil dessen Atem angeblich nach einer Berliner Eckkneipe roch, tadelte die diensthabende Notfallschwester für ihr langsames Tempo und untersagte dem Assistenzpraktikanten, auch nur ein Haar an ihr zu krümmen.

Hab auch gar keinen Bock!, murmelte dieser schmollend.

Schwätzen Se nicht, mein Jung’, sonst sehn wir gleich mal, wer hier wen anfasst!, zischte Gerda Feldmann, so grantig wie eine Eule. Sie zog die Tasche noch dichter unters Kinn, krümmte sich in dem Rollstuhl zusammen, musterte das Krankenhaus mit der Strenge einer unerwarteten Hygiene-Kontrolleurin. Ihre scharf gezupften Brauen zogen sich zusammen auf diesem seltsam aus Granit gehauenen Gesicht. Ihre Haut war durchzogen mit feinen Äderchen, verborgen unter Schichten von Make-up, das mittlerweile unvorteilhaft in den Runzeln steckte.

Schneller jetzt! Ich kann hier nicht warten zieht!, befahl sie mit skeptischem Seitenblick auf den zugigen, vollgestopften Korridor.

Hinterm Tresen zog die Empfangsdame die Augenbraue, riss die Unterlagen an sich und erklärte, ab hier sei Frau Feldmann ganz ihr Problem. Der Rettungswagen dürfe abziehen.

Hypertensive Krise, kollabiert auf der Straße, kein Trauma… Blutdruck jetzt …, stammelte der junge Praktikant in blauer Uniform.

Schon gut, Roman. Du kannst gehen wir haben heut eh keinen Platz, tätschelte ihn die Krankenschwester. Die Ähnlichkeit ließ sich nicht leugnen, eindeutig Mutter und Sohn.

Immer die Verwandtschaft unterbringen…, dachte Gerda musternd. Ihr Kopf schmerzte grell, die Arme rutschten immer wieder von den Oberschenkeln, die Tasche, stolz mit dem goldenen Markenemblem, drohte jeden Moment zum Boden zu kullern und sie? Käme niemals mehr hoch.

Sogar das Reden fiel schwer. Die Zunge dick und pelzig, klebte gegen den Gaumen sie wollte nur trinken.

Ein Glas Wasser. Bitte. Jemand?, forderte Gerda mit der Autorität einer Stadtratsvorsitzenden, und doch verhallte ihre Stimme.

Rundherum summte und schwirrte es. Angehörige bugsieren Bahre um Bahre ins Sichtfeld, Ärzte murren, herausgezogen aus ihrem eigenen Bermuda-Dreieck aus Papieren, Stethoskopen und Diagnosen, Schwestern im Dauerstress, der sie kaum betraf.

Wo ist Behrens? Wer ist Behrens? rief irgendwann eine Schwester.

Hier! Ich bin hier!, rief Gerda. Ich!

Hier, das Behältnis, Toilette dort, dann Blutabnahme. Ziehen Se endlich Ihre Pelzmütze aus, Madame wir sind nicht am Nordpol!

Gerda realisierte entrüstet, dass sie tatsächlich den Mützen-Wisch der Filmheldin aus Drei Haselnüsse für Aschenbrödel trug. Kein Wunder, dass der Schweiß in Bächen lief.

Mit Nachdruck quetschte sie die Pelzmütze in die eh schon vollgestopfte Ledertasche. Italienisch sollte sie sein, behauptete jedenfalls das Etikett. Doch lange wollte sie hier ohnehin nicht bleiben schließlich hatte sie als Geschäftsführerin von Fensterblick GmbH schon genug zu tun an diesem Tag.

Die Schwester platzierte die Pipi-Becherprobe auf Gerdas Oberschenkel.

Gerda Feldmann: immer schon von der opulenten Sorte. Dickes Baby, großes Kind, stämmiges Mädchen, monumentale Frau. Ach, was für eine Wuchtbrumme!, raunte man der Mutter beim Arzt zu. Ui, Größe 43!, staunten die Schuhverkäuferin, als Gerda aus ihren Kinderschuhen rauswuchs.

Neben ihrer Mutter wirkte sie immer wie Gulliver bei den Lilliputanern. Die väterlichen Gene, Trümmer hinterlassend, packten hart zu. Der Vater war groß, das Leben kurz gestorben an Krebs, als Gerda acht war.

Gerda war immer befangen mit sich selbst. Mitten im Kindergarten glotzten die anderen Kinder, als sei sie ein Etagenbett auf zwei Füßen. In der Schule das Gleiche glücklich nur im Sport, wo die Mutter sie dank eines Flirts mit dem Trainer hingeschickt hatte. Diskuswerfen, Kugelstoßen Himmel, da passte sie hin! Verletzungen gehörten dazu, die Schulter ziepte jedes Mal im Berliner Frühling, aber im Kern war Gerda zufrieden: Sie war erfolgreich.

Bis zu jener bitteren Lektion, als sie das männliche Interesse für Liebe hielt. Schmerzhafte Fehler, Erwachsenwerden, Mutter begraben, und dann formte sie sich zu dieser Sorte Frau, bei der alle die Köpfe wenden, aber kein Wort zu sagen wagen.

Im Wohnungsamt begann Gerdas Karriere: sie schob Handwerker und Reparaturteams durch sanierte Plattenbauten, dann die Wende, der Firmen-Boom jeder machte jetzt Export, Management und Consulting. Gerda mit ihren Jungs baute weiter Häuser, wurde regelmäßig mit einem Bauarbeiter verwechselt. Hatte sich immerhin Respekt verschafft keine war so durchsetzungsstark, so selten in Weiberabenden, kein Smalltalk, reine Zweckgemeinschaft.

So blieb Gerda: wenig Freude, viel Stein.

Unsere Wandscheibe, tuschelte man im Büro.

Später gründete sie ihre eigene Firma, Fensterblick. Sie wuchs zur Chefin der Doppeltverglasung, fuchste sich durch jedes Detail, wurde geschätzt.

Mit Angestellten war sie alles andere als zärtlich, aber sie standen loyal zu ihr, wie zu einer Festungsmauer. Personalgespräche waren schonungslos, aber halfen letztlich immer. Weihnachtsgeschenke gönnte sie jedem, doch niemals hätte sie als Weihnachtsengel posiert fand sie, mit ihren Ausmaßen, einfach lächerlich.

Gerda wusste alles, schneller als ihre eigene Sekretärin den Schwangerschaftstest hatte Tanja noch gar nicht gekauft, da rief Gerda schon in der besten Berliner Frauenklinik an.

Sie kannte die Familienstreitereien, die misslungenen Abi-Versuche der Mitarbeitersöhne, die spontan eingefallenen Verwandten aus Buxtehude sie regelte alles, von Bewerbungen bis Fleischwurst im Kühlschrank. Sie verstand: Wer sich nicht selbst verteidigt, ist verloren also verteidigte sie gleich die ganze Truppe.

Freundinnen? Fehlanzeige. Zu aufwendig, zu gefährlich: Am Ende sagt noch eine im Vertrauen Steinberg, unser Klotz, und alles ist dahin.

Wandscheibe knackte nie, kein Zögern, kein Drumherumreden, sie brachte die Dinge immer auf den Punkt, auch beim Rauswurf, wo sie schon parallel Headhunterkontakte knüpfte.

War sie ein Tyrann? Eher ein ICE, der unaufhaltsam aufs Ziel gleitet. Und wehe, jemand stellte sich vor ihren Zug der wird überrollt, ohne einen Pfiff. Für den kleinen Waggon am Ende, ihren Sohn Sebastian, machte sie das alles.

Wer’s nicht aushielt, ging die meisten blieben, denn in Zeiten von Jobängsten war loyalty gefragt. Der harte Kern um Gerda hielt eisern.

Die Hoffnung während Gerda im Krankenhaus lag ruhte nun auf ihnen.

“…Was soll das? Die Becherprobe mach ich nicht! Ich bin hypertensiv, legen will ich mich! Hat einer von euch lesen gelernt?”, keifte Gerda, den Gefäßbecher schnippend.

Reg dich ab, Süße!, meldete sich ein Typ auf der Bank, augenscheinlich ein Berliner Kind mit Kopftuch und Mütze. Er griff den Becher auf, studierte ihn wie einen Architekturpreis. Kannst du alles an mich abgeben, Schätzchen aber den Hut geb ich dafür nicht gratis, das muss schon klar sein!

Hilf dir lieber selbst!, konterte Gerda, stieß sich ab und drückte mit ihren Rollstuhlarmen zwei tiefe Dellen in den Putz.

Frau, jetzt nicht noch die Wand demolieren! Gerade frisch gestrichen!, knurrte eine Frau vom Putzdienst. Svenja, wem gehört die?

Ich? Mir selber. Ich geh eh. Wo ist der Ausgang? Ich bestell ein Taxi. Handy…, murrte Gerda, schwerfällig aufstehend.

Jetzt machen Sie mal langsam mit Taxi! Bleiben Sie, jetzt kommt gleich der Arzt. Legen Sie sich erstmal hin, dann reden wir weiter!, beschwichtigte die Empfangsfrau.

Da hatte Gerda längst das Handy gezückt: Sebastian? Jana, gib mir Sebastian! Sofort. Ja, es ist wichtig. Ja, ich liege in der Klinik.

Sie schrie nie, das konnte sie wenn nötig, aber bislang war das nicht nötig. Jeder ihrer Sätze führte direkt ins Zentrum der Sache und signalisierte höchste Dringlichkeit.

Jana, die Schwiegertochter, klopfte im Bad. Sebastian duschte, brüllte: Was ist los?

Deine Mutter ist im Krankenhaus!

Hm… Später, in zehn Minuten, Jana!, brummte Sebastian, ließ das Wasser wieder laufen.

Ob er es nicht wollte oder nicht hörte, spielte keine Rolle. Lebte die Mutter, atmete sie dann sind zehn Minuten auf jeden Fall noch drin. So war das schon immer zwischen den beiden.

Sebastian hatte gewartet, immer. Im Kindergarten, in der Schule, bei Oma, immer wartete er, bis Mutter endlich kam, von der Arbeit, aus dem Büro, von Fensterblick, das sie mittlerweile zum mittelständischen Berliner Betrieb ausgebaut hatte. Sie hatte, quasi als Charity, die Fenster in Sebastians Schule renovieren lassen, kümmerte sich um Heizkörper in Kindergärten, um Reparaturen in Freundeskreisen, irgendwie war das alles ein Spinnennetz aus Kontakten und Verpflichtungen. Nur eine kleine Fischlein, wie Sebastian sich nannte, schwamm immer im anderen Eimer.

Nie schlug Mutter ihn, nie gab es Brüllerei. Kam sie heim, prüfte sie wortlos die Hausaufgaben, nickte bei Erfolg, korrigierte Fehler mit roter Miene und schickte ihn ins Zimmer, um von vorne zu beginnen. Bis es passt!, war ihr Satz, der wie ein Gütesiegel klang.

Nie wirklich nie flüsterte sie, dass er der Beste oder Schönste war. Sie sagte nicht, dass sie ihn liebte, weil er ihr Sohn war. Sie schwieg es fort.

Sie liebt mich gar nicht! das dachte Sebastian mit 19. Klar, ihre Beziehungen halfen bei Prüfungen, beim Studienplatz, auch musste er nicht jobben, weil sie alles abdeckte aber dafür ist sie doch die Mutter?! Muss einen doch auf Linie bringen, wenn sie einem das Leben schenkt! Was bilde sie sich eigentlich ein?

Die Info über Mutter im Krankenhaus wurde mit einem müden Sie ruft zurück quittiert.

Frau Feldmann, was ist denn los? Kann ich irgendwas tun? fragte Jana höflich durchs Telefon.

Gerda legte wortlos auf. Nun, auf die Frage der Verwaltung zu wem gehören Sie eigentlich? konnte sie nun wahrheitsgemäß antworten: Zu niemandem. Ich bin meine eigene.

Wieder der Versuch aufzustehen. Gerda stützte sich an der Wand, der Rollstuhl rollte weg, und sie sackte wie ein nasser Sack nieder. Bald kullerte das Behältnis für die Urinprobe übers Klinikparkett, während die teure Tasche zerschellend den Inhalt preisgab mitten auf dem Kachelboden neben ihr schützend die Pelzmütze.

Jetzt mach aber…, rief der Mann von der Bank, eilte zu ihr, half hoch. Und während er anpackte, verschwanden Gerda Feldmanns Portemonnaie und ihr Bernsteinschmuckstück in seinen Taschen.

Er erinnerte Gerda schwach an jemanden. Aber an wen?

Sie spürte nichts, atmete röchelnd, den Kopf schief. Immer wieder hallte in ihren Ohren die monotone Ansage aus der U-Bahn: Bitte rechts stehen, rechts stehen…

Gerda fuhr meist nicht selbst. Sie setzte lieber auf ihren Dienstfahrer Rüdiger Gabriel, der jeden Morgen um halb acht vorfuhr, ihr die Tür aufhielt und klassisches Radio anschaltete. Alles Routine, seit Jahren. Rüdiger war zufrieden, seine Frau bekam dank Gerda Medikamente, seine Kinder kleine Weihnachtsprämien und er selbst Sonderurlaub im Übermaß.

Doch heute Morgen hatte Rüdiger Pech, denn sein Mercedes wurde von einem wild ausholenden Müllwagen zerlegt.

Feldmann, wir nehmen besser ein Taxi!, jammerte Rüdiger.

Lass mal, ich fahr U-Bahn, entschied Gerda, Pelzmütze zurechtrückend, während sie sich schon mäßig wohl fühlte. Dass sie erschrak beim Knall? Sicher. Schlimm? Nein. Sie kannte schlimmere Krisen Geld regelt vieles.

So trottete sie wie eine wandernde Bergkette Richtung U-Bahn. Die Passanten machten respektvoll Platz Gerda verströmte die Aura eines Denkmalspfostens. Im U-Bahnhof war es wie immer stickig, alle hielten sich brav rechts, und sie, die große Gerda, hielt sich stramm an diese Regel.

Später nach Messungen, Piepsen, Spritzen lag sie endlich in einer Krankenhauscouch, eingehüllt in ein Laken, und lauschte im Halbdämmer noch immer diesem Bitte rechts stehen…

Es roch nach Vanille, Tabletten und Graubrot, nach Krankenhausatmosphäre und Vanillezwieback ihre kleine Schwäche, meist verdrängt.

Zimmer im dritten Stock, Blick nicht auf den belebten Kudamm, sondern ins trübe Ungewisse.

Oh, wie sie sich erinnerte an die bunt leuchtende Lichterkette aus dem KaDeWe, damals mit Sebastian im Kindergarten. Da saß er allein auf der Bank, die Erzieherin schon in Mütze und Mantel.

Na siehste, Sebastian, Mutti kommt immer, trällerte sie mit ihrer sonoren Stimme.

Sebastian wischte sich verstohlen die Tränen, schlüpfte in den knallroten Overall machte einen auf cool, nur zum Trotz. Besonders, wenn sie einfach dastand, nie half, nie kritisierte, nie umarmte.

Was hastn da in der Tüte?, fragte er endlich.

Das wird unser Weihnachtsbaum-Glanzstück! Lichterkette! Alles blinkt!, erklärte sie plötzlich warm, und Sebastian staunte über diese kindliche Begeisterung.

Den ganzen Heimweg sah er die bunten Lichter schon wachsen. Morgen würde er den anderen davon erzählen!

Tja Abends, als sie die Kette anstöpselten, blieb alles dunkel. Festtagsstimmung ausgeschaltet. Gerda wickelte das Ding wieder ein. Essen! Ich hab noch Wäsche. Zwei Tage später erstrahlte sie dank der Handwerker doch noch, aber da war Sebastian schon krank geworden und ging nicht mehr in die Kita.

Jetzt zog jemand irgendwo eine Blinkerlichterkette über die Berliner Straßen, steckte sie durch jedes Herz, ließ sie leuchten nur Gerdas eigenes Licht war irgendwie durchgebrannt. Reparatur nötig.

Die Tür ging auf. Eine kleine Schwester im pinkfarbenen Kittel schlich herein.

Augen zu lassen, bitte, ich mach die Mascara ab! Sonst wird’s brennig, murmelte sie, wischte vorsichtig mit Watte übers Gesicht.

Gerda schmolz. Angenehm… Herrje, wie angenehm!, dachte sie. Die Erinnerung an ihre Mutter, wie sie damals, in Kindertagen, das Gesicht kühlte so fest verankert und doch so fern.

“Nicht nötig. Ich schaff das gleich selber”, versuchte Gerda abzuwehren, aber die Schwester lachte nur.

Jetzt ist alles frisch. Haare noch eben…, murmelte sie, sortierte mit Wurstfingern die Haarnadeln heraus.

Gerda tastete nach dem Portemonnaie nichts. Die alten Wunden brachen auf. Damals, vor Jahren, beim U-Bahnfahren, war ihr schon mal der Geldbeutel abhanden gekommen samt Foto von Sebastian und einer Glücksmünze. Nicht das Geld tat weh, sondern das Gefühl von Verlust. Die teure Lederhandtasche hatte einen Schnitt außen wie innen eine Narbe, für immer.

Auch jetzt grämte sie sich vermutlich wieder der Mann von eben. Das brauch ich nicht. Ich hol mir gleich den Blutdruckmesser, tröstete die Schwester, aber Gerda driftete in einen schläfrigen, zuckrigen Traum.

Sebastian längst aus der Dusche, längst vergessen, was Mutter wollte. Jana nervte und rief an, aber Gerda nahm nicht ab. Die hat immer alles geregelt. Sogar ein Reservelüfter für Notfälle lass mal, brummte Sebastian und zappte in die Fußballübertragung.

Jana seufzte, überlegte, die Schwiegermutter doch im Krankenhaus zu besuchen. Irgendwie fremdelten sie beide zu viel Pflicht, zu wenig Gefühl. Gerda hatte nie Zeit, wusste nicht wie. Sie liebte durch Taten: neue Fenster (logisch!), eine renovierte Nasszelle, Auto für Sebastian, Fitnessstudio-Mitgliedschaft für Jana (Rückenprobleme!), Bio-Wurst, Bettwäsche. Immer das Beste, nie aufgedrängt, aber immer präsent.

Anfangs war Jana irritiert, dann rechnete sie sich aus, dass man einfach später mal zurückzahlen musste. Gerdas Art zu lieben. Sebastian bekam nie selten irgendwas direkt, aber alles indirekt Hockey, Spielzeug, Musikbox, Ferienfreizeit. Sie brachte neue Heizkörper in den Kindergarten, bastelte an der Schule mit dem Schweißgerät am Ende war sie überall die Chefin, die den Handwerkern erklärte, wie mans macht.

Als Sebastian sagte, er wolle heiraten, stutzte Gerda. Eben noch Tretroller gekauft, und jetzt schon Hochzeitsanzug? Die Feier war schick, das Kleid für Jana ausgesucht natürlich das Beste im besten Berliner Laden. Jana bemühte sich, der Schwiegermutter näher zu rücken, aber Gerda blieb wie der Alex: monumental, kühl, beschäftigt.

Wieder ein Anruf aus der Klinik. Diesmal meldete sich tatsächlich jemand. Jana notierte alles, sollte am nächsten Tag Hygienesachen bringen.

Sebastian blockierte alle Sorge Wozu? Die hat eh alles unter Kontrolle. Wahrscheinlich hat sie sogar einen Privat-Notarzt in der Hinterhand.

Am nächsten Morgen erwachte Gerda früh, im Schlafsaal schepperten Kaffeetassen, jemand nieste.

So, wer ist Feldmann? Sie?

Gerda setzte sich schwerfällig auf, versuchte einen Zopf zu binden. Ich. Feldmann.

Im Krankenhauskittel, Bluse, Hosen, Pelzschal und Mütze sorgfältig verpackt, die Stöckelschuhe unter dem Bett. Die Bluse, oben aufgeknöpft, ließ das zarte Spitzen-BH durchblitzen hochwertig und teuer, musste sie immer im Ausland bestellen.

Die Zimmernachbarin beobachtete sie neugierig. Gerda zog, ein wenig beschämt, das Laken höher.

Bitte, Blutabnahme einmal Arm geben, liebe Feldmann.

Die Schwester traf zielsicher, das Handy bimmelte.

Entschuldigung, das ist geschäftlich, murmelte Gerda, schnappte ihr Smartphone und verschwand auf den Flur.

So ging das hin Zahlen, Angebote, ein Berg von To-Dos, als wäre sie nie erkrankt. Endlich zog sie einen harten Schlussstrich: Sie sei krank, ab jetzt ist der Stellvertreter verantwortlich.

Prompt wurde am anderen Ende geschimpft.

Gerda sackte zusammen, die Schultern erschlafften. Statt eiserner Gestalt nur noch ein Häuflein Kummer.

Sie zog den gestellten Nachthemdkittel an, betrachtete sich im Spiegel: Mascara-Flecken unterm Auge, Haare ein wildes Chaos. Beim Sturz waren drei Fingernägel gebrochen. Auch das noch.

Gehen Sie in Ihr Zimmer. Gleich Arzt und Frühstück, klärte die Schwester auf immer dieselbe vom Vortag. “Ihre Tochter hat angerufen. Jana. Sie kommt heute.” Jana ist meine Schwiegertochter, nicht meine Tochter, korrigierte Gerda, und ob sie überhaupt…

Doch, sie kommt. Und sag mal, kennst du mich nicht wieder? Die Frau trat näher. Ich bin Katrin. Wir lagen früher schon mal zusammen in Lichtenberg. Damals, als Gerda noch jung war, schwanger von einem, der sie für ein Kuriosum hielt, dann verschwand und sie mit dem Gefühl zurückließ, gar kein Recht auf Liebe zu haben. Katrin wusste alles, war die einzige, die verstand. Katrin… stimmt. Du bist’s!, erwiderte Gerda gerührt, Und du arbeitest hier?

Na klar! Hast du Kinder? Ich hab zwei Mädchen… Enkelkinder… Mann? Katrin stockte.

Gab nie einen Mann. War auch nie nötig. Ich dachte immer, mein Sohn schützt mich irgendwann. Braucht mich gar nicht. Ich beschütze mich selbst seit jeher…

Katrin wollte etwas sagen, da rückten schon die Ärzte an. Frühstück, Routine, alles wie am Fließband.

Im Aufenthaltsraum dann Vanillezwieback knurpsend Zina, die Sitznachbarin nervös, weil ihr Mann unten mit Schlaganfall lag. Sie müssen trinken, das ist sonst ungesund!, wies Gerda fachmännisch an, besorgte Tee.

Selbst hier im Speisesaal sah sie alles: den abgenutzten Linoleumboden, die altbackenen Geräte, die nicht ganz sauber schließenden Fenster. Alles markierte sie in Gedanken. Meister Döring müsste mal vorbei schauen…

Mit der großen Tasse Tee versorgte Gerda die Zimmerkollegin, regelte im Vorübergehen drei andere kleine Krisen. Da winkte plötzlich Jana mit einem blauen Schutzkittel, Gepäck bis unter das Kinn.

Na, hier ist die Feldmann! Ich bringe Klamotten, Pyjama, alles frisch von zuhause, sogar ein bisschen Schokolade…, rief sie gutgelaunt.

Gerda zog sich schnell um. Für einen Moment unsicher. Doch als sie die Sachen ordnete, merkte sie, dass etwas passierte. Ihr Leben klebte sich langsam wieder zusammen, nachdem sie zuvor stets über Splitter balancieren musste. Vielleicht war es auch gut, dass sie sich nie öffnen konnte doch Jana zu Besuch rührte sie. Vielleicht ging’s ihr nur ums Geld? Wer weiß, aber immerhin…, dachte Gerda sarkastisch.

Sebastian rief ein paar Mal an. Gerda ging nicht ran. Sie wusste nicht, was sagen.

Abends dann gab Jana noch zu, sie wolle sich eventuell trennen. Noch war nicht Zeit, dies der Schwiegermutter zu sagen.

In dieser Nacht lag Gerda und weinte leise, ohne zu wissen weshalb.

Am nächsten Tag brachten zwei Beamte die gestohlene Geldbörse und das Bernsteinklunker zurück Der Mann aus der Notaufnahme. Gestorben an Herzversagen. Name: Klaus Bornhöft.

Da fiel Gerda ein, wem er ähnelte: dem alten Sportkameraden vom Diskuswerfen. Der, der sie früher schön genannt hatte und log. Er tot, sie lebendig.

Und plötzlich war da keine Steinfrau mehr, sondern eine verletzliche, große, herzenswarme Gerda Feldmann.

Von nun an, das schwor sie sich, würde alles anders: Es gab Katrin. Es gab Zina. Es gab Jana, naiv und doch liebenswert. Die Arbeit, den Frühling, die Vergissmeinnicht, die noch ausgesät werden wollten, und einen kleinen Enkel auf Ultraschallfotos. Jana, versprich, sag ihm immer, dass du ihn liebst. Ich habs nie gemacht das war dumm, sagte Gerda einmal.

Jana nickte. Nein, Gerda Feldmann war keine steinerne Frau. Sie war groß, statuenhaft, oft erschöpft und im Innersten einfach nur menschlich.

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Homy
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Die steinerne Frau
– Lena, wie alt bist du? – fragte ihr Vater leise.