Keine Paar
Ich weiß wirklich nicht, Alexander… Birgit Schulze zuckte ratlos mit den Schultern. Bis eben war der Tag sonnig und leuchtend gewesen, doch plötzlich wurde er grau, mit trüben kleinen Wolken. Und der Wind riss das Fenster auf, wirbelte über den Küchentisch, schüttelte die in einem Glas stehenden Servietten durcheinander.
Was weißt du nicht, Mama? Ich frage dich doch nicht, ob ich heiraten soll oder nicht. Ich sage dir nur, dass wir, Julia und ich, alles entschieden haben. Alexander schob enttäuscht seinen Suppenteller von sich.
Als Alexander nach Hause zu seinen Eltern kam, tischte seine Mutter ihm immer so viel auf, als käme er aus einem Hungergebiet. Die Größe der Portionen variierte je nachdem, wie abgemagert er ihr erschien.
So zeigte sie ihm ihre Liebe. Was sollte sie auch sonst machen? Alexander lebt schon lange allein, nimmt kein Geld, regelt alles selbst… Er “schiebt” Geschäfte, verdient nicht schlecht, bietet sogar seinem Vater manchmal Hilfe an, aber der lehnt ab. “Man nimmt doch nichts vom eigenen Kind”, sagt er, und Alexander, ein stattlicher, kräftiger Kerl, lacht nur. Er ist längst kein Kind mehr. Aber die Hausmannskost seiner Mutter genießt er trotzdem.
Ich habe ja nichts dagegen, mein Sohn. Schmeckt dir die Suppe nicht? Habe ich zu viel Salz genommen? Ich habe doch extra dem Vater gesagt, er soll anderes Salz kaufen, das ist so scharf, hörst du, Klaus? Klaus! rief sie.
Aus dem Wohnzimmer brummte Klaus etwas zurück. Er war gerade eingenickt und ließ nun verschreckt seine Brille auf den Teppich fallen.
Du hast nichts dagegen, aber…? hakte der Sohn nach. Komm schon, sag es einfach, warum redest du immer drumherum?
Na ja… Julia ist ein besonderes Mädchen, sie hat schon sehr hohe Ansprüche, finde ich. Ich erinnere mich noch an ihre Eltern damals in der Schule, sie kauften ihr immer nur das Teuerste, verwöhnten sie. Während die anderen Mädchen schlichte Kleider trugen, war Julia angezogen wie auf einem Ball. Und zum Abiball haben ihre Eltern ja darauf bestanden, dass ihr einen Limousinenservice nehmen solltet sonst wäre es ja kein richtiger Abiball, sondern nur eine Dorfparty. Ich mochte ihre Eltern ehrlich nie so recht. Alles nur Fassade, ehrlich. Naja… wenn du die Wahrheit wissen willst: Früher hat sich Julia auch nie für dich interessiert. Diese Meyers haben immer von oben herab auf uns geschaut, vor allem Julias Mutter. Es war unangenehm! Ihr habt die Schulzeit getrennt zu Ende gebracht und jetzt plötzlich soll sie dich lieben? Das glaube ich nicht, Alex, so etwas gibts nicht!
Birgit schwieg einen Moment, als überlegte sie, ob sie weitersprechen sollte. Dann füllte sie Alexander ein Glas Kompott nach, gab getrocknete Aprikosenstücke hinein, so wie er es mochte, setzte sich wieder und machte weiter:
Ist sie verlässlich? Sie wird dir das Leben schwer machen, gerade jetzt, wo du beruflich Fuß gefasst hast… Ob du das packst, eine Familie zu ernähren? Alex, überleg es dir nochmal Aber naja, du weißt es ja selbst am besten
Birgit sagte am Ende immer: “Du weißt es ja selbst!”, als würde sie in ihrem eigenen Haus nichts zählen, ihre Meinung wäre unwichtig, also sollen sie machen, was sie wollen.
“Manipulatorin!”, schimpfte Klaus oft und tat doch alles so, wie Birgit es wollte. Alexander war stur, auf so etwas reagierte er nicht.
Er runzelte die Stirn, sah seine Mutter ernst an.
Wie kannst du so etwas sagen, Mama? Ich bin längst erwachsen, warum glaubst du immer noch nicht an mich? Sag es geradeheraus!
Ach Alex! rief Birgit, sprang auf, räumte Töpfe auf dem Herd hin und her, drehte Wasser auf, stellte es wieder ab, setzte sich erneut.
Wie sollte sie ihm sagen, was sie wirklich dachte, dass ihm das nötige Gespür fehle, die Weisheit. Die heutige Jugend, die halten sich alle für so klug! Bei der Arbeit wird Alexander geschätzt, gelobt, er schwebt auf Wolken, und dann kommt seine Mutter und sagt ihm, dass Julia wohl zu viel für ihn ist, ein anderes Kaliber, eine Raubkatze…
Nein.
Es geht alles so schnell, irgendwie seltsam. Aber wenn du und Julia euch entschieden habt, euer Leben zu teilen, dann sind dein Vater und ich nicht dagegen. Es ist ja dein Leben, deine Zukunft, dein Glück. Wenn dein Herz es sagt, dann ist es gut… Willst du Lebkuchen? Ich habe gestern so leckere gekauft! Ich hole sie gleich!
Birgit raschelte mit Tüten und legte Alexander ein paar runde Lebkuchen mit weißer, rissiger Glasur auf einen Teller sie dufteten nach Minze.
Alexander seufzte, nahm einen, kaute und trank zum Kompott, zuckte mit den Schultern.
Es wird schon alles gut, Mama! Wirklich. Du hast recht das Herz entscheidet. Ich weiß einfach, dass Julia zu mir gehört. Wir werden glücklich wie ihr beide zusammen. Okay, ich fahre dann los, wir gehen heute Abend noch ins Kino.
Birgit nickte. Nun ging es also los… Noch vor kurzem hätte er bestimmt noch eine Stunde verweilt, Schach mit dem Vater gespielt, vielleicht wäre er zum Abendessen geblieben. Aber jetzt: “Ins Kino”, und Alexander ist weg. Man wird alt…
Was hast du denn erwartet, Birgit? sagte Klaus und streckte sich. Soll er etwa ewig bei dir bleiben? Lass ihn ruhig heiraten. Und wenn es nicht klappt, kann er immer noch die Scheidung einreichen! neckte Klaus und versuchte, Birgit aufzumuntern, aber sie war in Gedanken. Das war doch alles nicht richtig sie konnte nichts dagegen tun. Sie hatte Mitleid mit ihrem Sohn. Die Meyer, da war Birgit sicher, war eine verwöhnte, schwierige und oberflächliche Frau. Wovon sollten sie bloß reden, wenn Julia sie mal besuchen würde? Sie wusste es nicht…
Sie erinnerte sich, wie Frau Fröhlich, damals Alexanders Physiklehrerin, erzählte, Julia Meyer sei ein sehr auffälliges, “modernes” Mädchen, kenne sich mit Trends aus, wolle frei und unbeschwert leben, habe aber keine Freundinnen sie könne das einfach nicht, dieses Freundschaften führen.
“An sie kommt man nicht ran! Die schaut einen so an, als würde sie einen durchleuchten. Furchteinflößend!”, erzählte damals Frau Fröhlich.
Birgit und Klaus waren in die leerstehende Wohnung ihrer Mutter in Schwabing gezogen. Ein anderer Stadtteil ein anderes Leben. Und da tauchten die Meyers wieder auf. Bloß nicht mit denen verwandt werden…
Julia hatte Journalismus studiert, angeblich sogar mit Auszeichnung, obwohl sie wenig lernte; ihre Texte schrieb sie wie nebenbei. Sie schwänzte viele Vorlesungen, war aber nie wirklich schlecht. Das schrieb man ihrer guten Auffassungsgabe zu (Fröhlich meinte, sie hätte eben Glück gehabt), vielleicht auch ihrem einflussreichen Vater, Geschäftsmann oder Diplomat, je nach Gerücht.
Darüber sprach Julia nicht gern, und mit ihm schon gar nicht. Sie lebten in derselben Wohnung, aber in ganz unterschiedlichen Welten, getrennt durch Julias Zimmertür.
… Du willst deine Eltern nicht zur Hochzeit einladen? Alexander war etwas überrascht. In seinem Kopf spielte er eine klassische Hochzeit ab, mit Festsaal, DJ, Torte, Toasts.
Ich will eigentlich überhaupt niemanden einladen. Dann wird doch wieder nur geredet wie teuer das Kleid war, wie das Essen schmeckte… Die Blumen, Geldgeschenke, langweilige Sprüche nein danke! Ich würde am liebsten wegfahren ans Meer. Eine Freundin arbeitet im Reisebüro, die kann alles organisieren. Hochzeitszimmer, Rosenblätter… Was meinst du? Julia blickte ihn an. Oder, wenn du willst, mieten wir eben einen Saal, essen die üblichen Häppchen, hören Elternreden über Enkelkinder. Aber weißt du, ich will diese hoffentlich einzige Hochzeit weit weg von allen feiern. Vor allem ohne meinen Vater. Oder bist du dagegen? Sie zog die Brauen zusammen.
Alexander hatte ihren Vater nur ein, zwei Mal gesehen, wirklich vorstellen wollte Julia sie ihm nicht. Was da los war, warum sie ihn mied, wusste er nicht.
Nein! Ich kann das verstehen. Wir machen es, wie du willst! antwortete er leise. Wegfahren klingt gut; danach können wir ja immer noch mit der Familie feiern.
Julia nickte zufrieden.
Weshalb liebte Alexander sie? Er wusste es nicht einmal genau. Er bewunderte ihre Schönheit, ihre eigenwillige, beinahe übermütige Art die für ihn zugänglich war. Er mochte ihre freien Gedanken und ihren Willen, gegen den Strom zu schwimmen. Das hätte er sich selbst manchmal gewünscht. Er liebte ihre Verrücktheit, etwa wenn sie nach zwei Gläsern Wein plötzlich über die Hausdächer spazierte oder beim Karaoke sang, als hätte sie keine Hemmungen. Sie gewann mit Charme, faszinierte; und manchmal, wenn sie sich ausgetobt hatte, rezitierte sie Gedichte, und zwar ganz ernste, keine aus dem Lehrplan, oder schleppte Alexander in eine Galerie, weil er unbedingt die Bilder sonniger italienischer Höfe sehen müsse. Sie kannte moderne Autoren, zitierte manchmal das brachte ihn durcheinander: Was für eine Schatztruhe verberge sich in dieser Frau? Außerdem liebte sie den Klang von Orchestern. Mollstücke mochte sie weniger; die Durstücke, leuchtend und festlich, machten sie glücklich. Sie sagte, sie hätte gerne Geige gespielt, aber ihr würde die Geduld fehlen.
Julia arbeitete in einem Modemagazin. Nicht auf besonders hoher Position, aber sie schrieb gute Artikel und ihr wurde eine Beförderung in Aussicht gestellt.
Dass Alexander Julia “eroberte”, war für ihn selbst ein Rätsel. Was hatte sie ihm gefunden?
In der Schule waren sie einfach Parallelklässler. Und dann, bei einem Klassentreffen, fielen sie sich zum ersten Mal wirklich auf. Zuerst sprachen sie über Belangloses, dann hielt es sie nicht mehr im vollen Festsaal.
Sie nahmen ihre Jacken und gingen hinaus. Sie spazierten lange durch München, kamen fast bis zum Marienplatz, als es zu regnen begann, und sie Schutz suchen mussten…
Julia wirbelte schon völlig durchnässt durch den Hofgarten, fing Regentropfen mit dem Mund auf, drehte Pirouetten, sprang in die Pfützen, sodass das Wasser in funkelnden Spritzern unter den Laternen aufschimmerte. Hier war kein Vater, sie musste nicht irgendwer sein, sondern sich selbst. Das war alles weit weg; mit Alexander war alles leicht und echt. Ja, Julia schaute zu ihm hoch und fand ihn “echt”. Er sagte, was er dachte, dachte Positives, versuchte nicht, sie auszutricksen oder sie zu vergleichen. Bei ihm war sie einfach: Julia.
Sie stand einen Moment still, als Alexander sie in den Arm nahm, ihr einen Kuss gab. Auch das war echt seine Augen logen nicht
So verliebte sich Alexander. Nach jedem Date lag er lange wach. War das das berühmte “Erwachsenen-Gefühl”, für das man eine Familie gründet? Er zweifelte, wälzte sich im Bett, stellte sich vor, wie Julia seinen Antrag ablehnte dann wurden seine Füße kalt, und er ging grimmig trinken in die Küche. Blickte raus schwarzer Himmel, schwarzer Hof, fremde, schlafende Fenster. Nein mit Julia war es das Echte. Und sie, diese Julia, war gut nur wirkte sie, als würde sie immerzu zurückschauen, und all ihre Coolness kam wohl aus Unsicherheit, Angst. Wie kleine Hunde, die aus Angst bellen. Sie tun keinem etwas, aber sie hören nie auf, zu kämpfen…
Es war dann soweit: Alexander stellte Julia seiner Mutter vor. Birgit bereitete sich sorgfältig auf das Treffen vor, wollte ihr Grenzen setzen und zeigen, was im Hause Schulze gilt.
Doch Julia gab sich erstaunlich zurückhaltend, verwendete kein Slang, war höflich, half Birgit sogar beim Salatschneiden.
Das ist doch nicht nötig, Mama! Wir sind nicht zum Essen hier! murrte Alexander. Julia kommt von der Arbeit, sie ist müde.
Schon gut, Sohn. Geht schnell. Ihr deckt in der Zeit den Tisch, immerhin ists ein besonderer Tag
Birgit seufzte. Julia war seltsam, doppeldeutig, als hätte sie zwei Seiten an sich. Eine nach außen wie Fröhlich sie beschrieben hatte. Und doch war sie offensichtlich nicht auf den Kopf gefallen, sprach klug über Kunst, kannte Maler und den Impressionismus. Und beim Kochen bewies sie, dass Alexander wirklich nicht verhungern würde. Ganz anders als ihr Ruf
Fröhlich war später nach Birgits Bericht überrascht, meinte dann:
Tja, noch ist sie auf dem Sprung. Als Ehefrau zeigt sie sich ganz anders!
Birgit weinte nach dem Besuch, weil sie gar nichts mehr verstand
Ihre Eltern wollte Julia Alexander gar nicht erst vorstellen.
Das ist irgendwie unangenehm! zuckte er mit den Schultern. Was ist denn dabei?
Nichts. Ich möchte es einfach nicht.
Schämt du dich für mich? fragte Alexander skeptisch. Bin ich etwa nicht gut genug?
Ach was! Wir sind einfach keine richtige Familie, schüttelte sie den Kopf.
Was meinst du? Ich kenne deine Mutter noch, sie war oft in der Schule, eine elegante Frau, du hast Ähnlichkeit mit ihr. Sie war Germanistin, oder? Sie könnte sich mit meiner Mutter über Bücher austauschen.
Das wird sie nicht, sagte Julia. Und ich bin nicht wie meine Mutter! Sag so etwas bitte nie wieder!
Schon gut.
Also gut, winkte Julia ab. Willst du sie kennenlernen, dann machen wir das. Morgen nach Feierabend.
…Sie standen lange in der Diele. Sabine Meyer entschuldigte sich andauernd für das Licht, dass Alexander sich nicht wohlfühlte…
Mama, jetzt ist mal gut! fuhr Julia sie an. Wir bleiben eh nicht lange. Alex, komm rein.
Julia zog ihn ins Wohnzimmer.
Alles war bereit: Das Porzellan mit Goldrand glänzte, ein altmodischer Samowar dampfte vor sich hin, sein kitschiges Blumendekor brannte in den Augen. In der Mitte des Tischs eine Torte. Die teuerste, die Sabine auf die Schnelle auftreiben konnte, nachdem ihre Tochter sie so überrumpelt hatte.
Wen bringst du mit? fragte ihr Vater, Herr Meyer, beim Zeitungslesen.
Stell dich doch nicht so…!
Sei vernünftig zu deinem Vater. Also Hochzeit? Herr Meyer lächelte spöttisch. Schön. Gucken wir uns deinen Bräutigam mal an.
Du rührst ihn nicht an, verstanden? Julia ballte die Faust.
Keine Sorge! Ich bleib ruhig. Sabine strich ihr über die Schulter. Wir wollen ja nur wissen, mit wem du dein Leben teilen willst…
Es ist meine Entscheidung, mein Leben. Ihr könnt mir nichts mehr vorschreiben. Ihr seid auf der Hochzeit ohnehin nicht eingeladen.
Julia ging hinaus, knallte die Tür zu. Dann kam sie mit Alexander zurück.
Herr Meyer begrüßte Alexander freundlich, lobte seine Figur
Sport machen Sie? Sehr gut, sehr wichtig. Ich jogge auch, na ja, so gut das Alter noch mitmacht! Er reichte die Hand. Alexander schüttelte sie. Entschuldigen Sie, der Rücken… Aber heute stoßen wir auf Julias Hochzeit an! Und alles ging heimlich… Irgendwie nicht ganz mein Geschmack…
Plötzlich wurde Herr Meyer ernst, wollte noch etwas sagen, aber Sabine berührte ihn sanft am Arm.
Lasst uns Tee trinken, meine Lieben! flötete sie. Und Julias Lieblingstorte, mit Schokolade.
Julia verdrehte die Augen, zeigte Alexander, dass er sich setzen sollte.
Rolf, hilf doch unserem Gast mit dem Tee; ich stelle die Blumen in die Vase. Schöne Blumen, Alexander! Aber Lilien mag ich nicht, die riechen zu stark. Julia, ich stelle sie in dein Zimmer, ja? schnurrte Sabine und verließ das Zimmer.
Herr Meyer klickte mit der Zunge: Wie kann man nicht vorher nachfragen, welche Blumen die künftige Schwiegermutter mag?
Dann wechselte er auf einmal das Thema:
Wissen Sie, Alexander, wir haben uns immer gefragt, ob unsere Tochter einen Freund hat… Und jetzt gibt es Sie. Woher kennen Sie sich? Keine Angst, erzählen Sie ruhig. Setzen Sie sich, Alexander. Wir nehmen das nicht so streng. Obwohl… Nun schüttelte er den Kopf. Als ich einst die Eltern meiner Frau kennenlernte, da habe ich mich rausgeputzt. Frischer Anzug, keine abgewetzten Manschetten…
Alexander schaute verunsichert auf seine Kleidung: dunkle Jeans, weißes Hemd mit rotem Streifen, Jackett aus grobem Stoff.
Alles gut! Ich wollte Sie nicht aus der Fassung bringen! Ich weiß ja, heute zählt das alles nicht mehr. Aber zurück zu euch: Woher kennt ihr euch? Herr Meyer blickte zu Julia. Sie erschrak, schaute zu Boden.
Wir waren auf der gleichen Schule, antwortete Alexander. Parallelklassen. Jetzt haben wir uns wiedergefunden…
Er wollte keine Phrasen sagen wie “Wir können nicht mehr ohne einander”, “wahre Liebe”… Irgendwas an Herrn Meyer hielt ihn zurück.
Ach, gleiche Schule also? Sabine! Das sagt doch alles, rief er in die Küche. Echt rührend!
Ja, und wie ist Ihr Nachname, junger Mann? fragte Sabine, setzte ihre Lesebrille auf, um Alexander genauer anzusehen.
Schulze heiße ich.
Aha… Schulze… Waren Sie nicht die Familie, die beim Abiball nicht zahlen konnte? Ihre Familie hatte Schwierigkeiten, wir haben damals doch alles für Sie übernommen. Na ja, nicht nur wir, wir haben alle gesammelt. Hat Ihre Mutter Ihnen das erzählt? War sehr nett so! Und am Abschlussabend, wenn ich recht erinnere, haben Sie etwas kaputt gemacht… Was war es, Julia? Weißt du noch?
Julia schüttelte den Kopf, ihr Gesicht war rot, ihr Kinn zitterte. Alexander drückte ihre Hand unter dem Tisch. Warum mussten sie alles zerstören? Es lief doch gerade ganz gut…
Einen Spiegel! Sie haben einen Spiegel zerbrochen. Aber Ihr Vater hat dafür bezahlt. Witzige Geschichte! Sabine lachte, dann hielt sie inne. Ach, und warum sitzen wir noch da? Rolf, wir sollten mit Sekt auf die Verlobung anstoßen! Ist das okay für euch?
Sie sah Julia streng an. Diese zuckte nur mit den Schultern.
Und was machen Sie, Alexander? Arbeiten, studieren Sie noch? wollte Sabine wissen, während Herr Meyer am Sekt hantierte.
Ich arbeite im Verkauf von Fotoausrüstung. Wir kooperieren mit… begann Alexander, aber Sabine unterbrach ihn gleich:
Greif doch zu beim Kuchen! Sie schob ihm ein Kuchenstück auf den Teller. Julias Lieblingskuchen übrigens. Wissen Sie, was der kostet? Ich habe ihn aus Freundschaft günstiger bekommen, normal nimmt unser Konditor über hundert Euro. Aber für Julia ist uns nichts zu teuer. Ihr verdankt sie alles, sie hat uns nie gedankt. Nie ein einfaches “Danke”! Es war schwer mit ihr, das können Sie mir glauben. Es ist nicht einfach, eine Tochter zu haben mit so einem komplizierten Charakter, so oberflächlich, sie meidet echte Gefühle, aber…
Mama! Jetzt reicht’s! Julia sprang auf, schubste ihre Tasse, fast verschüttete sie den Tee.
Bleib ruhig, Julia! Ruhig bleiben… Wissen Sie, Alexander, Julia hat ein aufbrausendes Temperament, das geht manchmal bis ins Extreme, als hätte der Teufel sie geritten. Aber das vergeht wieder. Sie müssen nur Geduld haben. Sie ist eben so, da lässt sich nichts machen…
Sabine zuckte schuldbewusst die Schultern und schob Alexander das Kuchenteller näher.
Julia ist keineswegs unausgeglichen! Warum müssen Sie sie so runtermachen? Und wie viel haben Sie damals für mich gezahlt? Wozu diese Gespräche eigentlich? Alexander sprang auf, verschüttete damit den Tee über die bestickte Tischdecke.
Alexander, benehmen Sie sich! Herr Meyer stand plötzlich hinter ihm. Seine große Hand drückte auf Alexanders Schulter. Setz dich wieder!
Ich geh, Julia, kommst du mit? Warum tust du dir das an? Sie reden doch wie über einen Gegenstand! rief Alexander, griff nach ihrer Hand und zog sie aus dem Zimmer und schließlich aus dem Haus.
Doch Herr Meyer hatte für diesen Abend andere Pläne, auch Sabine war enttäuscht, wollte gleich weinen…
Julia bleibt hier! fauchte ihr Vater. Sie ist unsere Tochter wir entscheiden, wohin sie geht. Julia!
Julia zuckte zusammen, blieb kurz stehen, aber Alexander schleppte sie die Treppe hinunter aus dem Haus.
Ich hab meine Jacke vergessen! sagte Julia draußen. Da sind Schlüssel und Handy drin. Ich muss zurück…
Bleib erst mal bei mir, sagte Alexander streng.
Sie werden mich aber von der Arbeit anrufen! Nein, Alex, warte kurz, ich hole rasch nur meine Sachen und komme zu dir! rief Julia. Nein, warte… Ruf mich morgen an.
Julia, echt jetzt? Willst du bei denen bleiben? fragte Alexander entsetzt.
Es sind meine Eltern.
Julia! Du bist nicht mehr sieben Jahre alt!
Und? Ich schulde ihnen was. Sie haben mir alles gegeben, hast du gehört? Julia lächelte schief. Sogar den Job habe ich ihnen zu verdanken. Mein Vater hat ihn für mich klar gemacht. Sie haben mich herausgeholt, mir alles ermöglicht.
Bitte, erklärs mir. Reden wir draußen, ich kann dir meinen Mantel geben. Aber ich gehe nicht, ehe du mir alles sagst. Immerhin wollen wir heiraten!
Hast du Zweifel? Gut, dann lass uns reden, solange es nicht zu spät ist.
Sie setzten sich auf eine Bank im Hof, außerhalb von Sabines Blickfeld aus dem Fenster.
Und? fragte Alexander.
Julia seufzte.
Bis ich fünf war, lebte ich im Kinderheim. Ich hatte eine Freundin, Steffi. Wir waren wie Schwestern. Dann kamen immer Leute, die uns fotografierten. Uns wurde gesagt, das hilft, eine Familie zu finden. Aber Steffi und ich wollten das gar nicht. Dann kamen die Meyers. Sie suchten ein Mädchen. Damals hatten sie eine Tochter verloren. Nach dem Tod wollte Sabine einen Ersatz, aber selbst kriegen wollte sie kein Kind mehr wegen der Figur. Also suchten sie ein älteres Mädchen, wählten mich. Ich wollte nicht, weil sie Steffi nicht mitnehmen wollten. Unsere Heimleiterin hat so gebettelt, doch sie ließen sich nicht umstimmen. Ich bin weg, Steffi blieb. Seitdem hasst sie mich.
Woher weißt du das? fragte Alexander.
Ich habe sie gefunden. Ich habe einen Brief ins Magazin gesetzt, sie hat geantwortet. Sie schrieb, ich hätte sie verraten. Ich habe ihr trotzdem immer Briefe geschrieben, verstehst du? Ich habe Sabine gebeten, Steffi zu besuchen es geschah nie. Und irgendwann haben sie meine Briefe einfach weggeworfen… Aber die Meyers haben mir ein besseres Leben geboten und immer erinnert, dass ich ihnen gehöre mich anpassen muss. Sie wollten, dass ich alles liebe, was ihre tote Tochter liebte. Ich wurde zur Kopie. Ich dachte, das sei Liebe. Sie färbten mir sogar die Haare heller, wie es bei ihrer Tochter war. Ich habe alles mitgemacht, dann rebelliert. Sie haben mich streng, manchmal hart erzogen. Und in der Schule, da habe ich alle abgestoßen, keine Freunde gehabt, aus Angst, Steffi zu verraten. Ich hab sie alle von mir ferngehalten. Und zu Hause sind und bleiben die Meyers das Wichtigste. Sie entscheiden alles. Wenn ich selbständig bin, machen sie mich nur fertig und nach außen klingt es wie Liebe: ‘Für unsere Julia immer das Beste…’ Das ist keine Liebe! Ihre Tochter hat im Dunklen geschlafen, ich nicht. Ich hatte so Angst. Ich schnitt mal ein Loch ins Verdunklungsvorhang, damit der Mond rein scheint. Die Meyers…
Julia begann zu weinen, die starke Julia, die immer über den Dingen schwebte, die im teuersten Outfit auftrat sie lebte ein Leben, das nie ihres war. Und sie hatte all die Jahre geschwiegen. Sie, die so sehr Angst vor der Dunkelheit hatte!
Alexander war still.
Warum hast du das nie jemandem erzählt? Du hast doch Freunde… fragte er schließlich leise.
Mein Vater hätte es sowieso erfahren. Über ihn darf man sich nicht beschweren, er ist ja mein Vater. Und Sabine… würde weinen, sagen, dass ihr eigenes Kind das nie tun würde. Sie war immer für mich da, und eigentlich ist auch ihr eigenes Leben durch mich bestimmt… Und letztlich ist es für alle anderen egal.
Mir ist es nicht egal! murmelte Alexander.
Und dir ist es eben doch egal. Die meisten Leute wollen sich nicht mit fremden Problemen belasten. Sie kosten Kraft, und alle sind schon ausgelaugt. Fahr nach Hause, Alex. Wenn du es dir mit der Hochzeit anders überlegst, verstehe ich das. Niemand will fremde Lasten. Tschüss…
Sie stand schnell auf, gab ihm seinen Mantel zurück, ging.
Sabine Meyer stand wie so oft am Fenster und wartete, bis Julia aus dem Haus verschwand, sah, wie sie zur Tür ging, im Treppenhaus verschwand, nach den Schlüsseln suchte. Letztlich schloss Sabine auf. Nein, aus diesem Pflegekind ist nie ihre echte Tochter geworden. Schlechte Gene vermutlich…
Alexander streifte ziellos durch München, betrachtete Häuser, Schaufenster, trat über bunte Benzinpfützen. Komisch! Alle dachten, sie kennen Julia, dabei war ihr Leben ganz anders. Was sie durchgemacht hatte! Vielleicht hatte seine Mutter Recht und Julia war wirklich zu stark für ihn? Mit ihr fühlte er sich wie eine Zimmerpflanze aus dem Gewächshaus. Vielleicht ist es falsch, wenn der Mann schwächer ist als die Frau… Und mit den Schwiegereltern arrangieren? Oder ganz abschneiden? Julias Vergangenheit teilt man mit Leid, Schmerz. Es war beunruhigend…
Alexander war ein guter, aber wirklich “behüteter” Junge. Alles in seinem Leben war einfach gewesen. Es gab Kompott mit Aprikosen, den auf dem Sofa liegenden Vater, Kuchen am Sonntag, Sommerhaus im Juli. Es gab Mamas Ratschläge und eine glatte Zukunft.
Julia trat nicht in diese glänzende Zukunft. Er sagte alles ab. Sie hatte ja gesagt, dass sie Verständnis hätte. Er war tatsächlich nicht der Richtige für sie. Sie stammt aus einer anderen Welt, in die er erst hineinwachsen müsste, als Stütze für sie, wenn sie unter der Last der Meyers litt. Und das war für Alexander zu schwer. Er wollte ein luftiges Leben, ohne scharfe Kurven und schwarze Streifen…
Julia heiratete viel später, als sie nach Leipzig zog und Chefredakteurin des lokalen Magazins wurde. Sie fand einen, der stärker war als sie, der keine Angst hatte vor Einfachheit, der sie so annahm, wie sie war, ihr Glück vermehrte, ihr Leid vertrieb. Er, Julias Mann, hörte ihr einfach zu und sagte, dass ab jetzt alles anders sein würde. Sie glaubte ihm. Er war stark er würde sie nicht enttäuschen.
Alexander sucht noch immer. Ein guter, häuslicher Typ, auf der Suche nach einer ebenso sanften Frau. Doch immer wieder trifft er auf Frauen mit “schwerem Schicksal”.
Wie die Bienen auf Honig! klagt seine Mutter, Birgit, während sie mit Frau Fröhlich telefoniert. Gibst du ihnen den Jungen, machen sie ihn ganz fertig. Nach Julia hat sich Alexander zwei Monate nicht mehr eingekriegt.
Ach Birgit, das wird schon. Freu dich, solange er noch bei dir ist! tröstete Fröhlich. Was sollte sie sonst sagen… Alexander ist ein netter Typ, aber sehr weich. Einer von der ganz sanften Sorte…
Nach einiger Zeit schickte Sabine Meyer Julia eine Sprachnachricht:
“Ich weiß, du willst nicht mehr mit mir reden und gehst nicht ans Telefon. Ich will mich aber nur entschuldigen. Du fehlst mir. Sehr… Ich würde alles gerne noch einmal von vorn machen, aber ich kann es nicht. Du bist erwachsen, Julia, und ich habe alles verpasst… Alles! Habe Luftschlösser gebaut, mich selbst getäuscht. Es tut mir leid, wenn ich dein Leben verdorben habe. Du bist eine wunderbare Tochter, Julia. Und ich, ich war keine gute Mutter. Verzeih mir!”
Julia hörte sich das viermal an, dann schüttelte sie den Kopf. Sie wusste nicht, wie eine Mutter sonst sein konnte außer Sabine kannte sie keine andere.
Mama, ist alles in Ordnung? hörte Sabine am Telefon die vertraute Stimme. Soll ich kommen? Jetzt geht’s nicht, Ende der Woche dann…
Sie nickte. Auf ihre Julia konnte sie ein Leben lang warten, bis sie sie einfach in den Arm nimmt nicht als Ersatz, sondern als ihre eigene Tochter. So lange es noch nicht zu spät ist.
Denn das wahre Glück fängt erst dort an, wo man aufhört, andere zu bewerten und einfach annimmt, was das Leben einem schenkt mit Mitgefühl, Geduld und offener Seele.





