Um nichts in der Welt bereue ich
Und wenn ich zurückkomme, soll die Wohnung blitzblank sein!, rief Frau Olga Baumgart aus dem Treppenhaus und schlug die Wohnungstür so heftig zu, dass die Scheiben im Treppenhaus zitterten.
Ich war gerade auf dem Weg nach unten und zuckte zusammen. Ich hoffte, Frau Baumgart würde mich nicht bemerken. Doch vergeblich, sie hatte mich gesehen.
Ach, Anna-Lena Guten Morgen!
Sie stellte eine alte Multikocher-Kartonschachtel auf den Boden und schloss schnell die Knöpfe ihres Mantels sie hatte es offenbar eilig.
Guten Morgen, Frau Baumgart, erwiderte ich mit einem knappen Lächeln. Haben Ihre Kinder mal wieder etwas ausgefressen?
Von wegen! Die bringen mich noch um den Verstand, schnaubte sie und kämpfte mit einem widerspenstigen Knopf.
Plötzlich wackelte die Kartonschachtel.
Vor Schreck wäre ich fast einen Schritt zurückgesprungen, zum Glück war ich ja noch in sicherer Entfernung. Im Leben hätte ich nicht damit gerechnet, dass in der Box etwas Lebendiges sein könnte.
Was da wohl drin ist?, fragte ich mich.
Meine Fantasie spielte sofort verrückt und stellte sich einen lebendigen Multikocher vor, der sich weigerte, Gemüse zu garen und deshalb zum Wertstoffhof verbannt wurde.
Hier, schau mal, sagte Frau Baumgart und hob die Schachtel an, damit ich hineinschauen konnte.
Neugierig trat ich zu ihr und beugte mich über die Kiste.
Natürlich wusste ich, dass es kein lebendiger Multikocher sein konnte und ich mir keine Sorgen machen musste. Doch was ich darin entdeckte, traf mich völlig unerwartet und noch dazu auf angenehme Weise.
Aus der Tiefe der Kiste blickten mich zwei neugierige Äuglein an. Ein kleines Kätzchen.
Ach Gottchen, wie süß!, entfuhr es mir.
Ach ja, über sowas kannst du dich freuen, murrte Frau Baumgart missmutig und klappte die Schachtel wieder zu.
Wo haben Sie das den her?
Das haben meine Kinder angeschleppt. Ich bereue es schon, dass ich das Tierchen überhaupt reingelassen habe. Nur Ärger mit dem Kätzchen, ich finde kaum Worte dafür. Erst fand ich die großen Augen und das niedliche Gesicht so goldig, aber wie heißt es so schön? Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Äußerlich ein Schatz, aber vom Charakter wie mein Ex-Mann.
Ich musste lachen und meinte aufmunternd: Ach, das gibt sich bestimmt, wenn das Kleine älter wird. Sie wollen sicher mit ihm zum Tierarzt, zum Impfen?
Quatsch, kein Tierarzt, keine Impfungen, Anna-Lena. Ich hab keine Nerven mehr. Ich bring das Kätzchen jetzt auf unseren Schrebergarten. Da kann es bleiben.
Ich blickte sie ungläubig an, hoffte immer noch, sie würde scherzen. Aber ihr finsterer Blick verriet mir das Gegenteil.
Im November? Sie wollen das Kätzchen jetzt, bei der Kälte, raussetzen?
Willst du etwa warten, bis Frühling ist? Bei mir reichts, es muss raus. Ist ja eh nur eine unnötige Nervensäge.
Frau Baumgart schnaufte und musste kurz Pause machen, um wieder Luft zu holen. Dann schob sie nach:
Du hast ja keine Ahnung, was der Kleine hier anstellt. So viel Baldrian wie in letzter Zeit hab ich nicht mal getrunken, als ich allein mit zwei Kindern dastand. Entscheidung steht fest: Ab in den Garten mit dem Tier!
Ich versuchte es noch einmal: Aber
Könnte es auch im Hof lassen, da fand man es ja ursprünglich. Aber dann schleppen die Kinder es doch wieder hoch und verstecken es im Schrank. Nee, das brauch ich nicht nochmal.
Sie zückte das Handy, sah auf die Uhr und schüttelte den Kopf.
Jetzt hast du mich im Schwatzen aufgehalten, Anna-Lena! Muss jetzt los, sonst verpasse ich am Ende noch den Bus.
Sie umklammerte die Box fest, drehte sich um und ging die Stufen hinunter.
Ich sah ihr nach und fragte mich: Wie kann man ein Kätzchen aussetzen und allein lassen? Es würde da doch keine Nacht überleben!
Warten Sie, Frau Baumgart!, rief ich.
Was ist denn jetzt noch? Hab es eilig!
Bitte geben Sie das Kätzchen nicht ab. Ich suche einen guten Platz für es, oder nehme es selbst erstmal auf.
Sie hielt inne und drehte sich langsam um.
Gute Hände? Was willst du andeuten, dass meine Hände schlecht sind? Mit diesen Händen hab ich zwei Kinder großgezogen!
So meinte ich das doch gar nicht. Nur im Garten verhungert es vielleicht.
Will leben, wirds schaffen. Wenn nicht Pech gehabt.
Muss das denn sein?
Ich kann nichts dafür, das Kätzchen kann sich eben nicht benehmen. So ein Tier ist nichts für eine Wohnung.
Aber es ist doch noch so klein. Das lernt das noch!, sagte ich, und dann platzte es aus mir heraus: Ihre Kinder fahren Sie ja auch nicht zum Garten, obwohl Sie die ständig ausschimpfen.
Meine Kinder sind meine Kinder, das ist was ganz anderes. Aber du kannsts gern haben!
Sie stellte die Box auf den Boden.
Mir solls recht sein, hab ich weniger Arbeit. Bin gespannt, wie lange du durchhältst!, grinste Frau Baumgart mit scharfem Unterton.
Sie verschwand in ihrer Wohnung und rief schon wieder, diesmal nach ihren Kindern, die offenbar noch nicht mit dem Aufräumen begonnen hatten.
Ich nahm das Kätzchen samt Kiste und ging nach oben. So wurde ich ganz plötzlich zur Besitzerin eines Kätzchens im Multikocher-Karton.
Eigentlich wollte ich nur kurz Kaffee kaufen; wie der Zufall es so will! Besonders tierverrückt war ich nie. Katzen oder Hunde waren mir eher gleichgültig, Liebesgeschichten über Haustiere ließen mich kalt.
Aber Frau Baumgart ihr Kätzchen weggeben zu lassen, das brachte ich nicht übers Herz.
Gleichgültigkeit ist nicht gleich Herzlosigkeit. Ich verstand ohnehin nicht, warum man nicht einfach ein gutes Zuhause für das Tier finden kann, statt es auszusetzen.
So ein hübsches Kätzchen würde doch bestimmt schnell jemand nehmen! Ich musste nur Fotos machen und online stellen schwupps, würden sich Interessenten melden.
*****
Ich setzte meinen Plan sofort in die Tat um: Daheim machte ich schöne Fotos vom Kätzchen und stellte sie in verschiedene Foren: Zu verschenken und In liebevolle Hände abzugeben.
Dann ging ich endlich meinen Kaffee kaufen. Und natürlich auch Katzenfutter und einen kleinen Plastiktoilettenkasten samt Streu. Die ungeplanten Ausgaben nahm ich gern in Kauf.
Das Gebrauchte bekommt dann der neue Besitzer, dachte ich und lächelte zufrieden. Es fühlte sich gut an, etwas Sinnvolles zu tun.
Frau Baumgart sagte, der Kleine heiße Kringel. Aber er hörte eh nicht drauf. Also suchte ich einen neuen Namen und entschied mich beim 132. Vorschlag:
Du bist jetzt Emil! Einverstanden?, fragte ich, und der Kater miaute, stürmte auf meine Hausschuhe los und begann, gegen die plüschigen Pantoffeln, die offenbar als Rivalen galten, zu kämpfen.
Das war natürlich sein Revier!
Ich musste lachen und beobachtete das Spiel, bevor ich mich an meine Arbeit machte. Ich bin Fotograf, lebe von Aufträgen und mag meine Arbeit sehr. Außerdem verdiene ich anständig dabei.
Eigentlich musste ich dringend Hochzeitsfotos bearbeiten, setzte mich an den Rechner, öffnete Photoshop und begann konzentriert zu retuschieren.
Doch Emil dachte gar nicht daran, mir Ruhe zu lassen.
Er raste wie ein Wirbelwind durch die Wohnung, raste gegen die Stuhlbeine, Tische, Schränke. Der Lärm war unfassbar.
Hey, Kleiner!, drehte ich mich zu ihm um und drohte mit dem Finger. Ich erklärte ihm, dass er nur zu Gast sei und sich benehmen müsse.
Doch die Wirkung war gleich null. Er sah mich so vorwurfsvoll an, dass mir mein kleiner Tadel plötzlich peinlich war. Wie sollte man so ein kleines Wesen schimpfen?
Also seufzte ich und gab ihm freie Bahn: Na gut, spiel, aber bitte leise.
Natürlich kümmerte er sich nicht darum, sondern stürmte weiter herum. Ich setzte Kopfhörer auf, um wenigstens etwas zur Arbeit zu kommen.
Doch nach fünf Minuten war der Spuk vorbei. Emil hatte, auf dem Höhepunkt der Geschwindigkeit, den Stecker meines Computers herausgerissen und verschwand lautlos.
Jetzt durfte ich auf Katzenjagd gehen. Eine halbe Stunde suchte ich ihn erfolglos, trat dabei gegen Stühle und rammte mir die Knie.
Als der Rechner wieder lief, überflog ich meine Inserate. Es hagelte Likes, aber die Kommentare ernüchterten: Süß!, Was für ein Glück!, aber niemand wollte ihn nehmen.
Ich schrieb überall unter die Fotos, dass ich das Kätzchen persönlich bringe egal in welchem Stadtteil von München, egal ob Nürnberg oder Flensburg!
Vielleicht liegts ja nur am Weg, dachte ich.
Emil hatte sich inzwischen müde getobt und rollte sich schnurrend mit ausgestrecktem Bäuchlein auf dem Sofa zusammen. Ich streichelte ihn und schlief schließlich selbst dabei ein.
Arbeiten war an diesem Tag ohnehin nicht mehr drin.
*****
Eine Woche später war klar: Ein zuhause für Emil zu finden, war schwieriger als gedacht. Es gab weiterhin Likes und nette Kommentare, aber sonst tat sich nichts.
Mit jedem neuen Tag fragte ich mich:
Und wenn sich gar niemand findet? Soll er etwa für immer bei mir bleiben?
Ach ja, das fehlte mir noch!, murmelte ich und schalt mich gleich selbst. Emil lag gerade wieder auf meiner Tastatur und schlief auf meiner Computermaus warum sollte ich mich da aufregen?
Er schnurrte so zufrieden, dass mir das Herz aufging.
Ich dachte nach und musste an den Rat meiner Therapeutin denken, die mir vor kurzem helfen sollte, herauszufinden, warum ich trotz guter Arbeit, Eigentumswohnung in München und angenehmen Lebensumständen immer unruhig war.
Ich hatte mein Privatleben auf Eis gelegt, um einmal durchzuatmen aber irgendwas fehlte.
Der Psychologe fragte, was ich vermisste. Ich sollte tief in mich hineinhören.
Ergebnis? Ein Glas Wasser und Kopfschmerzen. Mehr nicht.
Auch das Gespräch mit meinen Freundinnen half nicht weiter.
Anna, du hast einfach zu viel Luxusprobleme, meinte Ina immer neidisch.
Und Maike sagte grinsend: Dir fehlt was anderes du bist so dünn, du hast zu wenig Kuchen in deiner Kindheit gegessen. Wahrscheinlich brauchst du nur mehr Sahnetorte.
Die Gedankenkreise hörten nicht auf. Vielleicht vielleicht fehlte mir Emil genau zu meinem Glück? Wer weiß abwarten.
*****
Ein Monat war vergangen, wie im Flug. Niemand hatte Emil genommen und ich begriff so langsam, warum.
So viel war in der Zeit passiert! Er probierte sich als Innenarchitekt (viermal wechselte ich die Vorhänge, und schließlich lebte ich einfach ohne). Als Chefkoch taugt er auch nicht: Gurken, Pilze, Kartoffeln alles wurde angewidert ausgespuckt.
Am Ende entschied er sich fürs Glücklichmachen seiner Besitzerin oder besser gesagt, seines Gastes.
Mein Leben wurde auf den Kopf gestellt, aber Fragen nach dem Glück fehlten plötzlich nicht mehr. Im Gegenteil: Ich wurde effizienter beim Putzen (man macht alles in Rekordzeit, solange das Kätzchen schläft), und die Zahl schöner Momente wurde unzählbar.
Wie eine stolze Mutter freute ich mich, als Emil endlich alleine aufs Katzenklo ging. Was hatte ich mich nachts abgeschleppt!
Man gewöhnt sich an alles. Nachts spielte er mit dem Nachtlicht an, aus, an, aus. Ich musste es schließlich wegpacken.
Ansonsten lernt man im Laufe eines Monats: Es ist gar nicht Emil, der bei mir lebt vielmehr bin ich Gast Nummer eins in seiner Wohnung. Er ist abends der Erste an der Tür und morgens mein Schlafwächter.
Und dann wurde mir klar: Ich brauche keine guten Hände mehr für Emil suchen denn ich bin längst diese guten Hände geworden.
Ich bin bereit, nachts aufzustehen, zu kuscheln, zu spielen, notfalls auch mein Bett mit ihm zu teilen.
Ja, ich bereue nichts denn ich liebe das kleine Biest. Ich kann gar nicht anders. Und ich bin mir sicher, Emil weiß das.
Und morgens legt er sich einfach zu mir, wartet schweigend, bis ich wach bin schaut mich manchmal vorwurfsvoll an, als wollte er sagen: Na, wie lange willst du noch schlafen? Ich vermisse dich schon
So lehrte mich das Leben mit Emil: Glück findet einen oft auf vier Pfoten und man sollte nie glauben, man habe nicht genug Liebe zu geben.



