STOPPFASS DAS NICHT AN!
Sein Schrei zerreißt die Stille der Hütte.
Das Licht der Petroleumlampe flackert mit jeder Bewegung
Schatten tanzen über die gebogenen Holzwände.
Draußen tobt das Unwetter.
Drinnen
lauert etwas Schlimmeres.
Mit verkrampften Händen krallt er sich so fest an den Stuhl, dass die Knöchel weiß hervortreten, der ganze Körper bebt, Schweiß rinnt ihm übers Gesicht.
BITTEHÖR AUF!
Doch sie hält nicht inne.
Sie presst seine Stirn mit zitternden Händen gegen die Lehneder Atem unregelmäßig.
Da ist etwas drin, haucht sie, die Angst kaum gebändigt.
Die Kamera rückt näher
und näher
an sein Ohr.
Die Metallpinzette gleitet langsam hinein.
Er schreit wiederdiesmal lauter
verzweifelt, beinahe brechend.
Ihre Hände schwanken
ändern aber nichts.
Nicht bewegen bittebleib ruhig
Das Feuer kämpft und wirft unruhiges Licht.
Etwas verändert sich.
Ihre Augen werden groß.
Sie spürt es.
Widerstand.
Kein Ohrenschmalz.
Nichts Normales.
Etwas, das
sich bewegt.
Sein Körper zuckt heftig, kippt fast samt Stuhl um.
HOL ES RAUSHOL ES RAUS!
Sie zieht.
Langsam.
Vorsichtig.
Die Pinzette klemmt sich fest.
Und dann
ein nasses, schmatzendes Geräusch.
Etwas gibt nach.
Sie reißt es heraus
schnell.
Die Kamera springt zu ihrer Hand
Etwas Kleines.
Dunkles.
Windendes.
Lebendig.
Ein Sekundenbruchteil
niemand atmet.
Der Mann schnappt nach Luft
und dann
Stille.
Absolute Stille.
Zu vollkommen.
Er blinzelt.
Einmal.
Zweimal.
Hebt langsam den Kopf.
Sein Ausdruck verändert sich
Schmerz Verwirrung etwas Neues.
Ich ich kann hören?
Seine Stimme ist jetzt leise.
Klar.
Ruhig.
Zu ruhig.
Denn draußen
ist der Sturm verstummt.
Kein Wind.
Kein Laut.
Nichts.
Die Frau antwortet nicht.
Sie kann nicht.
Sie starrt auf das in ihrer Hand.
Das Ding windet sich
länger, als es sein dürfte
dünn
pulsierend
als würde es noch leben wollen.
Das, flüstert sie, das Grauen wächst in ihrer Stimme
war in dir
Plötzlich zuckt das Ding heftig
fast rutscht es ihr aus den Fingern
dann gibt es ein Geräusch von sich.
Kein Kreischen.
Kein Insektengeräusch.
Ein Flüstern.
Gebrochen.
Beinahe menschlich.
nicht
Ihre Hand erstarrt.
Die Augen des Mannes weiten sich.
Gerade als sich das Ding wieder windet
zurückdreht
sie ansehen will
Die Lampe verlischt.
Dunkelheit schluckt die Stube.
Dann
Eine Stimme.
Nicht vom Boden.
Nicht von den Wänden.
Nicht von draußen.
Direkt neben ihrer Hand.
bring mich zurück.
Die Frau lässt die Pinzette fallen.
Metall klirrt über das knarzende Holz.
Irgendwo in der Dunkelheit plumpst das Wesen auf die Dielen
und schlängelt weiter.
Feucht.
Schnell.
Falsch.
Der Mann reißt sich so panisch nach hinten, dass der Stuhl kippt.
Er schlägt auf den Boden auf.
Sein Atem pfeift, als hätte er vergessen, wofür Lungen da sind.
Lampe!
Seine Stimme überschlägt sich.
Mach die verfluchte Lampe wieder an!
Ihre Hände zittern so sehr, dass sie kaum die Streichhölzer greifen kann.
Erster Versuch
nichts.
Zweiter
es funkt.
Dritter
Feuer.
Die Lampe flammt auf.
Und die Stube ist verändert.
Denn das Ding ist nicht mehr auf dem Boden.
Zwischen den Dielen zieht sich nur eine schmale Spur schwarzer Flüssigkeit zur Wand.
Langsam richtet sich der Mann auf.
Er heißt **Elias Krüger**.
Ein Mann, der zwanzig Jahre allein im Schwarzwald verbracht hatohne Angst vor Wildschweinen, Luchsen oder Schneestürmen.
Jetzt
wirkt er wie ein Kind.
Die Frau heißt **Annalena Hofer**.
Sie hebt vorsichtig die Lampe höher.
Verfolgt die Spur.
Entlang der Wand.
Über das dunkle Holz.
Zum alten Jagdspiegel über dem Kamin.
Dann
erstarren beide.
Denn im Spiegel erkennen sie die Stube.
Den Tisch.
Die Lampe.
Das Feuer.
Annalena.
Doch dort, wo Elias stehen müsste
ist nichts.
Sein Atem stockt.
Annalena.
Ihre Stimme ist nur ein Hauch.
Nicht bewegen.
Zu spät.
Direkt hinter ihm flüstert etwas.
Näher als sein eigener Atem.
Jetzt hörst du mich.
Elias dreht sich um
und siehtnichts.
Doch im Spiegel
zeigt sich eine dünne schwarze Gestalt, die sich um seinen Nacken windet.
Ihr Körper nicht breiter als Draht.
Die Haut pulsiert.
Ihr Mund
zu menschlich.
Zu klein.
Zu lächelnd.
Elias taumelt rückwärts gegen den Holzstapel.
Nein
Langsam wandert Annalenas Hand zum Jagdmesser auf dem Tisch.
Das Wesen im Spiegel bemerkt es.
Sein winziges Gesicht dreht sich zu ihr.
Dann
grinst es breiter.
Und spricht mit einer Stimme, die beiden den Boden entzieht.
Die Stimme eines kleinen Mädchens.
Leise.
Gebrochen.
Papa
Elias wird schneeweiß.
Nein.
Unmöglich.
Seine Tochter
**Liesel Krüger**
war vor sechs Jahren im Schwarzwald verschwunden.
Keine Spur.
Kein Blut.
Kein Abschied.
Nur winzige Fußspuren, die im frischen Schnee endeten.
Elias Knie knicken fast weg.
Annalena
Seine Stimme zittert.
Diese Stimme
Annalena sieht ihn an.
Dann den Spiegel.
Dann wieder ihn.
Und zum ersten Mal, seit sie das Ding aus seinem Ohr gezogen hat
fürchtet sie sich vor *ihm*.
Denn jetzt versteht sie es.
Das war kein Parasit.
Es fraß kein Fleisch.
Es ernährte sich von Erinnerung.
Von Trauer.
Es lebte dort, wo Elias nie aufgehört hat zuzuhören
in der Hoffnung.
Das Ding schlingt sich noch enger um seinen Hals.
Es flüstert ihm ins Ohr
Nun hören sie es beide klar.
Sie hat den Wald nie verlassen
Eine Pause.
Winzige Lippen reißen sich noch weiter auf.
Ich habe sie dir wiedergebracht.Elias Tränen lösen sich stumm, rinnen über die Wangen, als seine Knie den Boden berühren. Das Wesen legt sich an seinen Hals wie eine zärtliche Umarmung und flüstert süß wie versprochene Erlösung.
Annalena steht reglos, das Messer in der Handzu schwer, zu spät.
Im Spiegel beginnt Liesel zu singen. Die Melodie ist alt, ein Schlaflied, das Annalena als Kind in dunklen Nächten getröstet hätte.
Der Wind kehrt zurück, heult um die Hütte. Holz ächzt, Flammen tanzen, als der Schatten im Glas Gestalt annimmtKind und nicht Kind, Tochter und Hunger.
Elias streckt die Hand in den Spiegel, tastet nach dem verschwundenen Gesicht seines Kindes. Schattenfinger berühren ihn, trinken das letzte Licht aus seinen Augen.
Papa, haucht es noch einmal, und in seinem Ohr ist es heimisch, lieb und voller Abschied.
Er lächelt matt durch die Tränen, als verstand er endlich.
Der Schatten zieht ihn ins Glasleise, unerbittlich, liebevoll.
Als Annalena aufschreit und die Lampe zerschlägt, stürzt alles in Dunkelheit.
Am Morgen findet man nur den leeren Stuhl vor der zersplitterten Wand.
Aber im toten Glas des Kamins, zwischen Ruß und Staub, wohnt eine Stimme, die singt, ganz leise, unendlich fern.
Und manchmal, wenn der Wind über den Schwarzwald zieht, hören jene, die je jemanden verloren haben, einen Kinderreim, alt wie das Dunkel zwischen den Bäumen:
Wer hört, vergisst nie.
Wer sucht, bleibt hier.




