Undankbare Menschen

Undankbare Menschen

Also, Greta, ich höre nichts! Vaters Stimme hallte drohend durch die kleine Wohnung in Berlin-Wilmersdorf. Greta klammerte sich mit beiden Händen an den Saum von Mamas Kittelschürze, den Kopf gesenkt.

Gretelein, sag mal dem Papa Danke, schau nur, was für schöne Schlittschuhe er für dich besorgt hat! sanft strich Anna ihrer Tochter über die blonden Zöpfe, flüsterte beschwichtigend. Papa hat sich so viel Mühe gemacht. Na los, mein Schatz! Matthias, du bist wirklich ein Guter, so ein Geschenk Anna warf einen schnellen, sorgenvollen Blick auf ihren Mann, bemerkte, wie er die Stirn runzelte, wie sein Gesicht sich grau verfärbte. Gleich wird er brüllen Er wird Greta wieder anschreien Warum ist es bloß so schwer, das blöde Danke zu sagen?, dachte sie, und kaute nervös auf ihrer Lippe.

Ach, ich habs doch immer gesagt! Ein kleiner Wolf ist sie geworden! Keine Dankbarkeit, gar nichts im Kind! maulte Oma Edelgard, Matthias Tante, von der Badezimmertür aus. Wie die Mutter, so die Tochter verwöhnte Damen seid ihr! Nehmt alles als Selbstverständlichkeit hin Matthias ackert, krümmt sich für euch, läuft sich die Hacken ab, nur um euch alles recht zu machen, und ihr zwei Vipern! Ihr solltet ihm zu Füßen liegen, dass ihr überhaupt in Berlin lebt

Edelgard zog sich ins Bad zurück, drehte das Wasser auf, um Annas Einwände nicht hören zu müssen, entledigte sich langsam ihres Kleides und kletterte ächzend in die Badewanne, noch immer vor sich hin schimpfend und bei jeder Sünde, die Anna je begangen hatte, hängenbleibend. Mit vorgeschobenem Kinn und zusammengepressten Lippen sah sie jetzt tatsächlich aus wie ein alter, ständig nörgelnder, preisgekrönter Zuchtbulldogge, der, völlig gegen seine Würde, mit Straßenhunden das Haus teilen muss.

Ja, Edelgard war keine einfache Person. Sie war verdient, geehrt, ein Vorbild der Jugend und Arbeiterveteranin. Einst kam sie aus einem kleinen Ort bei Kassel nach Berlin, mit dem Traum, aus einer einfachen Mädchen eine respektierte Persönlichkeit zu werden im Koffer ein versponnener Heine-Band, ein Paar ältere Strümpfe, durchgelaufene Schnürschuhe, zwei Gläser heimische Johannisbeermarmelade und vor allem: Ehrgeiz. Die Marmelade und der Wille halfen ihr ins Studium, das freundliche Gesicht und der durchsetzungsstarke Charakter machten sie schon bald zur Vertreterin der Studierenden und zu jemandem, der andere maßregelte, tadelte oder selten genug lobte.

Sagen Sie Danke, Merkel, dass wir Ihnen nur eine Rüge ausgesprochen haben! Wir hätten Sie auch direkt von der Uni werfen können! schlug sie einst mit der Hand auf den Tisch, als sie einen Kommilitonen maßregelte, der ausländische Schallplatten ins Studentenwohnheim geschmuggelt hatte. Wissen Sie überhaupt, an wem Sie sich orientieren, Merkel? Schämen Sie sich Bedanken Sie sich beim Kollektiv, dass Sie noch weiterleben dürfen.

Edelgard mochte es, zu brandmarken, aufzudecken, die Augen zu öffnen. Das erfüllte sie, ließ ihr das Adrenalin in den Kopf schießen, die Fäuste heiß werden.

Im Kurs nannten sie sie nur der Hammer wegen ihrer strengen Prinzipien und der kompromisslosen Art, mit der sie andere maßregelte. Hat eine Studentin geheiratet, ohne die Hammerfrau zu informieren schon wurde ein Treffen einberufen: Wer ist der Bräutigam, warum wurdet ihr nicht gefragt ist die Braut schwanger? Prügelten sich zwei? Der Anlass war egal, Hauptsache: ein Exempel statuieren!

Halunke! Sie sollten uns danken, dass Sie noch Ihren Studierenden­ausweis haben, dass wir Ihnen die Hand reichen! Keine Dankbarkeit höre ich! pflegte Edelgard vom Podium zu plärren, während ihr das schuldbewusste oder sarkastische Gegenüber gegenüberstand, häufig ein burschikoser Student, manchmal ein verschüchtertes Mädchen. Blieb ein Dank zu lange aus, drohte sie mit Maßnahmen, die schlimmer waren als ein Rausschmiss sie wusste alles über die Familien, konnte mit einem Wort alles beenden und machte diesem Wissen gerne Gebrauch. Das Mindeste, was sie dafür forderte: Dankbarkeit.

Wer immer in ihren Zorn geriet, gab schließlich auf, dankte reumütig, versprach Besserung, gelobte Umkehr und bat um Gnade.

Das war ihr größtes Glück. Sie wurde bedankt. Sie hatte vergeben, das Kollektiv zurückgewandt zum schwarzen Schaf der Gemeinschaft, ihm eine letzte Chance eingeräumt und wurde dafür gefeiert.

Danke musste klar, laut, unüberhörbar durch den Holztäfelungssaal schallen, von den Wänden hallen, an der Decke widerhallen, in den Ohren klingen: Dadadankeke!

Ich höre nichts? konnte sie hämisch nachsetzen.

Jetzt reichts! Er hat sich entschuldigt, alles ist gesagt! zerrte die Sitzungssekretärin, Marina, an Edelgards Jackett. Quäl ihn nicht!

Ich quäle ihn? Er soll spüren, was wir ihm für eine Chance gegeben haben! schüttelte sie Marinas Hand ab. Ich höre hier keine Dankbarkeit! schrie sie erneut.

Und wenn der Dank lauter ertönte, nickte Edelgard majestätisch. Ihr Nicken erschien ihr wie der Richterspruch: Geh, und sündige nicht mehr! Sie hatte gezeigt, wer Macht hatte.

So lebte Edelgard Merten ihr ganzes Leben auf die Dankbarkeit anderer bedacht, doch nicht durch ihre Taten, sondern durch ihr Ansehen. Und dann kam sie, Anna Umgarnte Edelgards Enkel Matthias und zwang ihn zur Heirat. Matthias war bis über beide Ohren verliebt. Die beiden zogen bei Oma Edelgard ein ein Leben ohne wirkliche Sorgen, aber Anna, so fand die Alte, war undankbar! Und Greta auch!

Greta, ich höre nichts! wiederholte Matthias müde, ließ die schwarzen Eishockeyschlittschuhe klirrend auf das Parkett fallen. Hab ich umsonst die ganze Stadt nach deiner Größe abgeklappert? Weißt du, wie viel ich zu tun habe?

Matthias, bitte nicht. Wir sind dir sehr dankbar, und Greta auch, sie Sie hatte sich aber auf weiße, grazile Schlittschuhe gefreut

Anna streichelte ihrer Tochter den Rücken, drückte sie an sich, spürte, wie die kleinen Schultern zuckten.

Gretelein, geh ins Zimmer, mach deine Hausaufgaben, mein Schmetterling, sie drückte das Mädchen sanft zur Tür hinaus.

Greta zuckte, wollte schon hinaus, da hielt Matthias sie streng zurück:

Was soll das? Greta, komm her und sag Danke. So benehmen sich anständige Menschen, die erzogen sind. Anna, warum lehrst du sie, undankbar zu sein? Für Gutes muss man dankbar sein!

Ja, Matthias hatte dies früh gelernt. Oma Edelgard hatte ihm die Grundlagen des anständigen Lebens schon in den ersten Jahren seiner, wie sie sagte, unnützen, liederlichen Existenz eingebläut. Er sollte dankbar sein seiner Großmutter und seiner Mutter, Hannelore, schon dafür, dass sie ihn überhaupt geboren hatte, wo sie doch damals nach München wollte die Schwangerschaft hätte alles durchkreuzen können. Doch Edelgard bestand darauf, dass das Kind ausgetragen wurde.

Mit einem Kind wird dein Mann dich immer schätzen! hatte sie damals zur weinenden Tochter gesagt. Und wenn er geht du wirst immer auf eigenen Füßen stehen.

Hannelores Mann, mit tschechischen Wurzeln und sächsischer Mutter, liebte Kinder über alles, hielt sie für den Sinn des Lebens, für den einzigen Grund, morgens aufzustehen. Er kam allen Pflichten nach, erfüllte Mutter und Schwiegermutter jeden Wunsch, doch Edelgard fand überall Fehler, zwang ihn, sich schuldig zu fühlen, um Verzeihung zu bitten und dankbar zu sein, dass sie und Hannelore ihn nicht damals, in ihrer Macht, einfach beseitigt hätten.

Bedank dich, sagte sie zu ihrem Schwiegersohn, dass Hannelore Matthias überhaupt bekommen hat! Sie hat so gelitten

So klang es aus ihrem Mund fast, als sei das Kind nicht Hannelores, sondern das ihres Mannes, und Hannelore müsse dafür leiden.

Oma Edelgard war auch einmal verheiratet gewesen, doch ihr Mann undankbar! verließ sie, starb jung, als Hannelore erst sieben war. Und Hannelore hatte ihr Danke zu sagen, dass Edelgard sie allein großzog.

Hannelore lebt seit langem im Ausland, ihr Mann ist längst geschieden, zahlt aber noch immer. Matthias wuchs bei der Großmutter auf. Sie schleppte ihn Montag zum Kindergarten, holte ihn erst Freitag wieder aber das verkaufte sie als Opfer. Ihr Spruch lautete: Und sei froh, dass du nicht ins Heim musstest!

Matthias lernte, wofür und wie man zu danken habe. Alles, was er hatte Wohnung, Ausbildung, die bloße Existenz alles verdankte er dem Hammer. Und das Essen? Mein Gott, als er Teenager wurde! Edelgard quälte sich mit Kochen, klagte über fehlende Kräfte, doch sie ermöglichte das Überleben des Jungen.

Danke! kam ihm automatisch über die Lippen dann wurde Oma milde und ließ ihn draußen spielen, allerdings auch dafür musste später gedankt werden.

Und nun sollte auch Anna endlich erkennen, wem sie alles zu verdanken hatte.

Als Anna Seidel in Matthias Leben trat, beendete er gerade sein Ingenieurstudium, und sie war von Münster nach Berlin gewechselt.

Sie trafen sich im Flur vor dem Dekanat. Anna, verunsichert, hielt ihre Unterlagen, wusste nicht, ob sie klopfen oder einfach eintreten sollte, zauderte, wusste nicht weiter.

Kann ich Ihnen helfen? fragte Matthias.

Ja Ich Anna errötete. Matthias war groß und selbstbewusst, seine direkte Art machte sie nervös.

Kommen Sie! griff er freundlich ihren Ellbogen.

Bald spazierten sie durch den Tiergarten, lachten miteinander. Doch Matthias lud sie nie zu sich nach Hause ein, sprach nicht von Oma. Anna lernte Edelgard erst kurz vor der Hochzeit kennen und war schockiert, wie sehr deren Präsenz den Enkel drückte. Matthias schien in sich zusammenzusinken, sobald sie sprach oder in Sichtweite war.

Du unterstützt Greta in ihrer Undankbarkeit, Anna! wandte Matthias sich jetzt an die Frau. Für alles Gute, was man ihr tut, sollte sie wenigstens Danke sagen!

Matthias, versteh doch Sie hatte sich andere Schlittschuhe gewünscht. Du hast Männerschuhe gebracht, aber sie ist doch ein Mädchen.

Meine Freundinnen werden lachen! Alle haben weiße, zarte Schlittschuhe und ich? Grete stürmte aus dem Zimmer, die Hände zitterten. Sie stampfte auf. Gib mir meine alten zurück! Ich fahre auf denen! Papa, gib sie mir wieder!

Greta! Was erlaubst du dir?! Matthias Kiefer schob sich hervor, wie der von Oma Edelgard. Ich hab sie dir geholt, andere gabs nicht. Weiße schon gar nicht. Nimm sie oder geh überhaupt nicht mehr aufs Eis! Du bist noch zu klein, um hier Forderungen zu stellen! Sag Danke, dass ich dich überhaupt rauslasse mit all den Dreiern im Zeugnis!

Ich ich Das Kind stotterte, schniefte, die Schultern zitterten.

Sie stieß trotzig die Schlittschuhe weg, rannte in ihr Zimmer und schlug die Tür zu.

Greta liebte das Schlittschuhlaufen, sie war talentiert. Für Vereinsstunden reichte das Geld nicht, sie übte auf der kleinen Eisfläche vor dem Plattenbau.

Sei froh, dass es hier überhaupt ein Eisfeld gibt, und dass ich dich dorthin lasse! pflegte Edelgard streng zu sagen.

An den Wochenenden rannte Greta mit Freundinnen aufs Eis. Doch sie war aus ihren alten Schlittschuhen herausgewachsen, neue wollte einfach niemand kaufen. Immer hieß es nächsten Monat, nach dem Gehalt bis Papa endlich kam, mit diesen klobigen, schwarzen Hockeyschlittschuhen, statt der zarten weißen, wie die anderen Mädchen sie trugen.

Greta wollte schön und anmutig sein, auf dem Eis sich drehen wie Kati Witt damals, die bewundert wurde Doch nun schien alles vorbei.

Die Badezimmertür öffnete sich. Edelgard trat, in einen schweren, marineblauen Bademantel gehüllt, dampfend aus der Schwadenwolke des Badezimmers. Ihr entspannter Gesichtsausdruck wurde augenblicklich bitter, die Nasenflügel bebten. Sie verschränkte die Arme, blickte Matthias verständnisvoll, Anna missbilligend an.

Worauf wartest du? Geh los und zieh ihr tüchtig die Ohren lang, der Göre! rief sie streng. Kein Respekt vor dem Vater, vor seiner Mühe. Anna, zeig ihr, wos langgeht! Sie verweigert den Dank das ist Hochmut!

Anna warf verängstigte Blicke zu Mann und Schwiegermutter.

Wofür denn? Für die Schlittschuhe? Dafür, dass ihr Traum gerade zerstört wurde? Matthias, wirklich, in ganz Karstadt am Hermannplatz gab es keine weißen in Größe 36? Warum hast du dann diese geholt, wenn deine Tochter Eiskunstläuferin sein will und keine Hockeyspielerin?! Warum, Matthias?!

Er blickte schnell zu Oma, wandte sich ab.

Es gab keine anderen. Fahr doch selbst mal durch Berlin, wenn du alles besser weißt brummte er.

Edelgard grinste, stellte sich neben Matthias, tätschelte seine Schulter.

Siehst du, was ich immer sagte? Diese Frau, Anna, ist nicht so, wie du dachtest. Sie ist undankbar und lehrt auch das Kind so! Anna, sprach sie, als würde sie mit einem begriffsstutzigen Kind reden, ich bin der Meinung, dass ein Mädchen, das schlechte Noten schreibt, nichts im Eiskunstlauf zu suchen hat. Sie soll sich lieber auf die Schule konzentrieren. Du lässt ihr alles durchgehen das ist pädagogisch fahrlässig. Die Aktion mit den Schlittschuhen war von uns geplant, damit Greta endlich vom Eis fernbleibt. Keine Schlittschuhe, kein Problem mehr. Übrigens: Das Geld für die Schuhe habe ich sinnvoll genutzt. Ich habe Greta eine Enzyklopädie bestellt. Sie soll sie lesen, ich werde sie abfragen. Wir machen aus ihr einen anständigen, gebildeten Menschen. Misch dich da bloß nicht ein und sei dankbar. Sag einfach Danke, das reicht.

Was?! Noch ehe Edelgard ausgeredet hatte, ging Anna mit erhobenen Fäusten auf sie zu. Sie haben unser Geld ausgegeben? Auch meins? Wer gibt Ihnen das Recht, über unser Leben zu bestimmen? Matthias, wie konntest du das zulassen?! Hast du keine eigene Meinung?! Das ist ja absurd! Edelgard, lesen Sie doch selbst Ihre Enzyklopädie geben Sie das Geld zurück, ich weiß selber, wie wir es gebrauchen! Anna sprach laut, fast heiter, wild keine Spur von Angst angesichts von Edelgards immer größer werdenden Augen. Ich bin Ihnen dankbar, dass wir hier wohnen dürfen, dass Sie uns nicht rauswerfen, dass Sie mir geholfen haben, als ich so krank war und Ärzte finden musste, und für alles, was wir damals mit Greta erlebt haben. Dafür habe ich immer gedankt. Aber das gibt Ihnen nicht das Recht, uns zu erniedrigen! Für Sie ist Dankbarkeit ein Akt der Unterwerfung, ein Ausdruck von Macht. Aber so läuft das nicht!

Halt den Mund, Anna! rief Matthias plötzlich, den Blick auf Oma gerichtet. Die zog schon den Atem ein, machte sich bereit, Anna fertigzumachen, wie sie es stets tat. Anna, du hast Unrecht! Oma ist eine gute Frau sag ihr Danke! Jetzt!

Matthias zitterte vor Angst, dass Edelgard in ihrem Zorn wieder den Gürtel holen würde diesen alten, schweren Ledergürtel, den sie für die Erziehung nutzte und damit begann, Anna und ihm bittere Worte an den Kopf zu werfen. Er wusste, er würde wieder danken müssen, dass sie ihn großgezogen hatte, ihn nicht ins Heim gab

Ich sage kein Wort mehr dazu, Matthias, Anna schüttelte den Kopf, lächelte müde. Mehr Dankbarkeit als bisher kann ich niemandem geben. Die ganze Hausarbeit, die Wäsche, das Kochen, selbst die Miete zahle ich fast allein, Greta kommt allein aus der Schule, wir brauchen Frau Merten kaum noch.

Aber du lebst auf meinem Grund, du Dummchen! Wie undankbar du bist, du gemeines Stück! keifte Edelgard, ihre Stimme überschlug sich fast. Matthias, welche Sorte Weib hast du dir ins Haus geholt?! Lass sie gehen, ich will diese Schlange hier nicht mehr sehen!

Edelgard sank auf Matthias Arm zusammen, rang nach Luft, zog am Bademantel wie an einer Schlinge und flehte: Raus! Raus aus meinem Haus!

Greta kam aus dem Zimmer, blickte ängstlich zur Mutter. Die nickte.

Pack die Sachen, Grete, wir gehen, sagte Anna.

Mama was wird aus Papa?! Gehen wir jetzt wegen mir?

Greta verstand auf einmal, dass sie bald als Undankbare, als Schande der Familie gelten würde. Sie fürchtete Oma Edelgards Urteil sehr.

Wenn du nicht brav bist, wirst du ausgestoßen, Greta!, hatte Edelgard ihr immer ins Ohr gesäuselt. Tue, was erwartet wird, oder du bist verloren! Schlechte Kinder werden hier nicht geduldet die landen im Heim oder ganz anderswo!

Mama, bleib bitte Ich will brav sein! Du musst auch brav sein, Mama! Greta klammerte Annas Hände, versuchte den Koffer wegzuziehen. Oma danke, danke, dass du uns liebst! Papa, danke für die Schlittschuhe, wirklich, sie gefallen mir sehr! Wir werden brav sein, Papa! Wir

Ich gehe trotzdem, Greta. Aber du darfst gern kommen, wenn du willst, entgegnete Anna. Hart, ja, denn Grete würde hier nicht ohne sie bestehen. Doch sie musste ihr zeigen, dass es anders gehen kann.

Wohin willst du denn? In dein Elternhaus nach Kassel? Da wartet doch niemand auf dich! Was willst du unter der Brücke schlafen? Greta bleibt hier, das ist ihr Zuhause! lachte Edelgard höhnisch.

Annas Wohnung in Münster war längst verkauft, das Geld steckte größtenteils in Matthias Auto, der Rest lag auf Edelgards Sparbuch. Anna protestierte, aber er hatte ihr eingetrichtert, sie müsse dankbar sein immerhin hätte Oma sie aufgenommen.

In Berlin hatte Anna nur wenige Freundinnen. Aber niemand hatte wirklich Platz

Greta, du kennst doch Tante Sabine? Ich geh zu ihr, sagte Anna nach reiflicher Überlegung, die Sachen gepackt. Sie wohnt draußen, in Zehlendorf, da hat sie ein kleines Haus. Du kannst jederzeit kommen.

Bleib bitte, Mama Greta umklammerte Annas Hände. Mama!

Nein, Schatz. Ich kann nicht dort bleiben, wo Dankbarkeit wie ein Lebenszins eingefordert wird. Ich hab es satt, Danke herausgepresst zu bekommen selbst da, wo es nicht nötig wäre. Du bist groß genug, um selbst zu entscheiden, ob du bleiben oder gehen willst. Ich liebe dich, mein Liebling, egal wo du bist.

Sie umarmten sich unter Tränen, hockten auf dem Boden, daneben lag der Koffer an Annas Kleid gezippt.

Matthias sah zu, wie Frau und Tochter durch den Innenhof zur Straße gingen. Jeden Moment bogen sie um die Ecke vielleicht würde er sie nie wiedersehen.

Deinetwegen, Greta, hat dich deine Mutter verlassen, seufzte hinter ihm Edelgard. Undankbar, gefühlskalte Mädchen sind sie beide Jetzt komm, ich habe das Abendessen aufgewärmt! betonend, als hätte sie eine Heldentat vollbracht. Was sagt man da?

Danke, murmelte Matthias, rieb sich das Gesicht und trottete in die Küche.

Am runden Küchentisch herrschte Leere. Früher war kaum Platz für noch einen Teller Brot oder Salat, jetzt stand da die dicke Porzellansuppenschüssel, eine Karaffe Apfelsaft, und ein paar Würstchen, als wäre Festtag.

Iss. Na, was sagt man zur Oma für das gute Abendessen? Edelgard glotzte ihren Enkel an, schob das Kinn vor. Siehst du, du bist sie los, alles freiwillig! Ich hab immer gesehen, wie schwer du es hattest diese Belastung, sie haben dich fast kaputt gemacht Solche wie Anna haben wir früher bei den Betriebsversammlungen auseinandergenommen! Wer dankte, kam wieder klar. Wer nicht der konnte gleich Ziegel schleppen gehen, da half kein Danke mehr! Jetzt iss, Matthias!

Aber sie ist meine Frau, Oma Und ich liebe sie versuchte Matthias vorsichtig.

Ja, ja, lieb, wenn du willst! Deine Mutter liebt mich auch, von fern ist es viel leichter! Wir suchen dir eine Frau, die danken kann, hörst du? Und wenn du dich beschwerst, dann zieh ich dir die Hammelbeine lang. Und der Gürtel hängt noch immer im Schrank, Matthias!

Noch ein Faustschlag auf den Tisch.

Die Suppenschüssel klapperte, der Saft schwappte. Draußen im Hof krächzte eine Krähe. Sie wippte auf einem Ast und wiegte sich, als wolle sie sich bei Edelgard für ihre Anwesenheit bedanken

Dein Mann ist ein schwacher Kerl, sagte Sabine, nachdem Grete eingeschlafen war, und reichte Anna eine Tasse Kamillentee mit Honig und Zitrone. Trink, du zitterst ja. Widersprich mir nicht, bitte

Anna schüttelte den Kopf, das Gesicht vor Müdigkeit gezeichnet. Sie war erschöpft: den ganzen Weg hatte sie Greta getröstet, versprach, dass der Papa sie besuchen würde, dann endlose Wartezeit an der Bushaltestelle, draußen, im März windig. Als sie endlich in Zehlendorf ankamen, war Anna selbst den Tränen nah, hielt sich aber zusammen Greta sollte nicht erschrecken.

Nein, Sabine. Er ist nur so, wenn Edelgard da ist. Sie hypnotisiert ihn irgendwie Dann wird er wieder kleiner Junge, gehorsam und dankbar Sie muss für alles und jedes ein klares Danke hören, nur dann ist sie zufrieden. Mit ihr fühlt man sich wie auf einer endlosen Sitzung, sie vorne, wir die Angeklagten. Man lebt auf ihren Bedingungen, und ohne Dankbarkeit ist man nichts Ja, ich weiß wir wohnen in ihrer Wohnung, sie besteht darauf, sie verlangt keinen Cent Miete. Doch besser fühlt man sich dadurch auch nicht eher gedemütigt. Und dann die ständige Forderung nach Dankbarkeit, selbst wenn ich mich ohnehin anständig verhielt.

Anständig spottete Sabine. Du solltest nicht anständig, sondern ehrlich sein. Da konntest du dich ja nie streiten, immer musstest du dankbar sein. Das ist doch kein Leben! Und Matthias was ist überhaupt mit ihm?

Wenn Edelgard im Frühjahr zur Kur war, war Matthias ein anderer Mensch. Mutig, herzlich, als ob sich in ihm plötzlich alles aufrichtete, was sonst gebogen war. Er lachte sogar Aber kaum war Edelgard zurück, war alles wieder vorbei. Lachte er nur, wenn ihr die Füße wehtaten, war man gleich undankbar Zehn Jahre lebten wir so! Zehn Jahre!…

Gut, das war. Jetzt ist alles anders. Trink, nimm dir einen Keks, und dank mir bloß nicht! lachte Sabine.

Doch, Sabinchen, ich möchte dir Danke sagen. Ich hab dich wirklich lieb Anna schluckte die Tränen herunter.

Die Frühlingsferien nahmen ihren Lauf. Greta ging nicht zur Schule, half draußen beim Schneemannbauen, spielte mit Sabines Hund Carla. Sabine blieb zu Hause sie war erkrankt und passte auf das Mädchen auf, Anna fuhr jeden Morgen zur Arbeit. Abends saßen sie zu dritt am Tisch, lachten, stritten, lachten wieder. Sabines Vater schickte regelmäßig Waldhonig aus dem Schwarzwald, zäh, harzig, im Teller wie Bernstein. Er floss langsam in die Tasse, breitete würzige Wärme aus.

Im Sommer fahren wir zu meinem Vater, schlug Sabine vor. Das wird Greta gefallen, und du brauchst auch was für die Gesundheit, Anna, du bist nur noch ein Schatten deiner selbst! So, greif zu! Sie stellte einen Teller mit frischen Pfannkuchen auf den Tisch. Fastenzeit ist doch bald rum da können wir schlemmen! Carla, jetzt gib doch Ruhe!

Abends saßen sie mit Decken auf der kleinen Veranda, hängten Lichterketten an die Geländer, suchten ewig einen Verlängerungskabel. Endlich eingekuschelt, legte Carla ihren Kopf auf Annas Schoß, genoss es sichtlich.

Vielleicht hab ich Unrecht? seufzte Anna. Dankbar zu sein sollte doch leicht fallen Aber mit Edelgard fällt alles schwer.

Weißt du, wie man hier sagt? Von Gutem kommt nichts Besseres und wenn doch, dann will jemand was dafür. Deine Edelgard tut nichts ohne Hintergedanken. Sie pflanzt euch ihr Gutes geradezu auf, obs passt oder nicht. Schau mal, wer da an der Pforte steht flüsterte Sabine plötzlich erschrocken. Hallo! Wer da? Ich rufe gleich die Polizei!

Keine Polizei. Ich bins, Matthias. Anna, rief er leise, darf ich mit dir reden?

Papa! Greta sprang vom Stuhl, rannte den Weg entlang, gefolgt von Carla, die mitwedelte.

Gretelein, mein Schatz, hallo! Schau mal, ich hab da was für dich Matthias reichte Greta ein Paket darin: weiße, zierliche Eiskunstlaufschlittschuhe mit goldener Schrift.

Greta sprang auf, hängte sich an Papas Hals.

Danke, Papa! Danke! Tante Sabine, schau nur! Sie rannte mit den Schlittschuhen ins Haus. Anna lächelte.

Hallo, Matthias. Damit hätte ich nicht gerechnet

Warum nicht? Anna, wir werden umziehen. Ich habe eine Wohnung gefunden, zur Miete erstmal. Edelgard sagte: Sei dankbar, dass du frei bist! Ich habe für dich schon alles geregelt: die Scheidungspapiere geschrieben, den Gerichtstermin bestellt! Das Kind, meinte sie, kannst du behalten solche Urenkel wollen wir hier nicht Stell dir vor, sie legt mir schon die Worte in den Mund, furchtbar. Ich hab alles stehen und liegen lassen, bin zu euch gefahren. Anna, ich will mich nicht scheiden lassen, ich liebe dich, hörst du? Und du?

Anna sagte nur leise, dann legte sie den Kopf an seine Schulter.

Was steht ihr da, Verliebte? Kommt rein! Es gibt Kakao! rief Sabine.

Edelgard saß in ihrer leeren Wohnung, wischte die feuchten Hände an der Schürze ab. Sie war seit Jahren nicht mehr so nervös gewesen. Sie wählte die Nummer, wartete lange.

Anna? Hier spricht Oma Edelgard. Ich würde am Samstag gern zu euch kommen, um Greta zum Geburtstag zu gratulieren. Ist das recht?

Sie atmete schwer, verzog gequält das Gesicht. Sie hatte schon ewig niemanden mehr um etwas gebeten, gewöhnlich nur befohlen, bestimmt, befehligt. Bitten war fast entwürdigend. Jetzt könnte man sie abweisen!

Als sie befahl, widersetzte sich kaum einer, nicht bei Oma Edelgard. Ihre Kommandostimme war eine Naturgewalt.

Geben Sie mir dreihundert Gramm Bierschinken. Das andere Stück bitte. Lassen Sie mich durch! Tragen Sie meine Taschen! Sofort! so hatte sie stets geredet, anders konnte sie es nicht.

Frau Merten, guten Tag, erwiderte Anna hastig. Wir fahren am Wochenende weg, daher

Anna! Ich will meine Urenkelin gratulieren! Sag noch danke begann Edelgard, doch Anna hatte schon aufgelegt oder die Verbindung war weg.

Edelgard rief noch einmal an.

Gut, eh Entschuldige, brachte sie mit Mühe heraus. Vielleicht kann ich euch am Freitag treffen, ein Geschenk übergeben?

Ja, das passt. Kommen Sie um fünf Uhr. Wir können ins Café gehen, Matthias ist dann auch dabei.

Danke, Anna. Ich danke dir, dass du uns zumindest diese Treffen erlaubst, sagte Edelgard langsam. Anna wusste nicht, dass sie diese Sätze von einem Zettel ablas frei heraus konnte sie noch nicht sprechen. Doch sie übte, einsam abends im Wohnzimmer, flüsterte vor sich hin, dann lauschte sie, ob Matthias schon anruft. Sie vermisste ihn und Anna mit Greta. Der Hammer von einst, inzwischen weich und manchmal, ja, da weinte sie sogar.

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Homy
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