Das schaurige Ungeheuer

Der unheimliche Waldbewohner

Ich sage dir doch, ich habe ihn gesehen! beharrte Herr Petermann, während er auf dem knarzenden Gartenstuhl von Herrn Günther saß. Ich habe seine Augen gesehen, verstehst du? Die haben mich direkt angesehen. Genau hierhin, der ehemalige Dorfpolizist presste flüchtig die Hand an seinen Hals, als hätte er da ein phantomhaftes, eisiges Gefühl gespürt. Wenn der alte Michalsen nicht gerade mit seinem Traktor vorbeigerattert wäre, würde ich jetzt bestimmt nicht mehr hier mit dir sprechen.

Petermann war am frühen Abend in Günthers Hof gestürmt. Seit zehn Minuten versuchte er, seine Geschichte von einem furchterregenden Tier im Wald loszuwerden.
Günther erfahrener Jäger und lebenslanger Bewohner von Altenkirchen, seiner heimischen Ecke am Rand des Schwarzwalds kannte Petermann gut. Vielleicht zu gut. Über manche Geschichten verlor man besser kein Wort, und was Petermann zu verbergen suchte, war ein offenes Geheimnis. Dementsprechend gering war auch Günthers Lust, sich eine weitere schräge Mär auferlegen zu lassen.

Aber jemanden aus dem Hof zu werfen das kam in seinem Dorf einfach nicht in Frage. So etwas tat man nicht.

Also, du meinst, echte Augen hast du gesehen? grinste Günther. Wolfsaugen? Oder doch eher von einem Hund?

Nein, nein, ganz bestimmt von einem Wolf, nickte Petermann eifrig. Gelbe Augen, weißt du? Und voller Groll. Genau wie bei meiner Frau, Heike. Die sieht mich auch immer so an, wenn ich spät und schon auf allen vieren nach Hause komme. Passiert nicht oft, aber kommt halt mal vor

Na vielleicht wars ja deine Heike, die dich im Wald bespitzelt hat?

Heike?! Petermann riss verblüfft die Augen auf.

Klar doch. Eben hast du selbst gesagt, dass das Tier genauso geschaut hat. Vielleicht kontrolliert sie dich jetzt. Du hast ja in der Polizei gearbeitet, Petermann, gabs da in deiner Karriere nie sowas?

Petermann hakte sich für eine Weile aus, stand einfach im Nebel seines eigenen Kopfes, seine Gedanken stolperten umeinander. Schließlich spuckte er aus, zog die Stirn kraus und blickte beleidigt zu Günther, der immer noch feixte.

Jetzt wusste er es: Günther glaubte ihm kein Wort. Wie sollte er diesem ungläubigen Thomas bloß die Wahrheit beweisen?

Ich schwöre dir, ich habe einen Wolf gesehen. Ganz sicher. Es war keine Hundeschnauze, nein, ein Hund hat nachts im Wald nichts verloren.

Soso. Aber erklär mir mal ganz nebenbei, Petermann, Günther hob die Augenbrauen, was hast du denn so spät im tiefen Wald gemacht?

Ich? Der ehemalige Dorfpolizist blinzelte wie ertappt. Ach, naja ich konnte halt nicht schlafen. Bin ein bisschen frische Luft schnappen gegangen.

Nachts? In den Wald spazieren?

Ja, klar, sagte Petermann. Ist ja kein Ding. Hier gibts doch keine Wölfe mehr. Seit Jahrzehnten. Nur Hasen schießen und hin und wieder einen Fuchs. Wildschweine verirren sich auch mal. Ach, was erzähl ich dir denn du bist der Förster.

Fast, noch fünf Tage, dann bin ich offizieller Rentner, seufzte Günther. Aber du hast Recht, ich kenne den Wald wie meine Westentasche. Wer hier lebt und wer nicht.

Siehst du!

Und ich weiß auch, dass jemand von uns heimlich Fallen im Wald stellt. Fallensteller, du weißt schon. Willst du mir nicht sagen, wessen Sache das ist?

Ich? Nein! Keine Ahnung, schüttelte Petermann hastig den Kopf. Wie gesagt, bin bloß spaziert. Und dann starren mich da diese gelben, bösen, hungrigen Augen aus dem Gebüsch an Warum glaubst du mir bloß nie, Günther? Ich sags dir doch, wies war!

Na gut, erzähl halt. Wirst eh nicht locker lassen.

Also, Petermann wurde plötzlich aufgeregt, weil Günther doch zuhören wollte, ich sags dir, die Augen Ich stand da wie angewurzelt, hab schon fast mein letztes Gebet gesprochen. Dann taste ich rückwärts zum Weg, während die Augen sich nicht von mir lösen. Immer auf Augenhöhe. Ein paar Meter nur bis zum alten Buchenstamm. Ich denk schon: Jetzt wars das. Da hör ich ein Rattern. Da, Michalsen tuckert seinen Traktor von der Hochzeitsfeier zurück. Das war wie ein Wunder! Ich spring also auf den Wagen.

Sag bloß, der war nüchtern? Günther grinste. Er kannte Michalsen nur betrunken.

Haha, schön wärs. Der war sturzbesoffen. Aber in dem Moment lieber im Graben landen als vom Wolf gefressen werden, weißt du? So bin ich also heimgekommen, mit Gottes Gnade und Michalsens Hilfe.

Das ist aber komisch, deine Heike hat mir was anderes erzählt. Meinte, gefunden hätte sie dich morgens beim Michalsen Seite an Seite mit einer Flasche Korn.

Ja, was soll’s. Wir haben halt einen gebechert. Zur Beruhigung. Nach so einem Schock, das verstehst du doch…

Und am Ende hat sie dich heimgetragen. Stehen konntest du ja nicht mehr.

Jaja, aber das ist doch nicht so wichtig, Günther. Ich wusste nur, ich muss dir alles erzählen damit du weißt, was im Wald los ist! Ein Wolf das ist kein Spaß! Und noch etwas: Als wir beim Abzweig waren, so dreihundert Meter von der Stelle, wo mich Michalsen aufgegabelt hat, da sah ich die Augen immer noch! Der Wolf lief dem Traktor nach! So was hab ich noch nie gesehen Wölfe hassen Maschinenlärm.

Oder mögen ihn einfach nicht

Genau! Dieser Wolf hatte keine Angst. Michalsens alter Traktor kracht wie ein Panzer und der Wolf rannte trotzdem hinterher. Muss tollwütig sein!

Ein Wolf, ja?

Tollwütig Petermann ließ die Worte wie einen nassen Lappen im Raum hängen.

Als Günther nichts sagte, fuhr Petermann fort:

Und du weißt, ein tollwütiger Wolf in Dorf-Nähe, das bringt Unglück. Geh doch mal nachsehen. Lieber jetzt, bevor ein neuer Revierförster kommt und alles zu spät ist. Ich kann das mit den Männern machen, aber die laufen eh nur sinnlos herum. Du hast Waffen, du hast Erfahrung. Wirds machen?

Günther kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf und warf einen versonnenen Blick in Richtung des vernebelten Waldes.

Seit sieben, acht Jahren hatte hier niemand mehr einen Wolf gesehen. Ausgestorben, flüsterte das Dorfjeh’n. Petermanns Geschichte hörte sich kein Stück glaubhaft an. Aber was, wenn ausnahmsweise doch mal was dran war?

Einen tollwütigen Wolf ließ man nicht ignorieren.

Gut, Petermann. Morgen gehe ich in den Wald und sehe nach, versprach Günther. Sollte es wirklich ein Wolf sein, darf er nicht ins Dorf…

Sollen wir die Männer zusammentrommeln? Ich kann die Gemeinde in fünf Minuten auf Trab bringen!

Lieber nicht. Ein Wolf selbst mit Tollwut greift kein Dutzend Leute an. Mit zehn Mann verscheuchen wir den bloß. Und das will ich nicht. Ich will wissen, was du gesehen hast. Ich nehme das Handy mit. Ich ruf dich an, falls was ist. In Ordnung?

Klar, ich bin bereit! Und schieß notfalls gleich warte nicht, bis der Wolf zuerst springt!

Petermann drückte Günther die Hand, nahm einen großen Umweg durchs Dorf nach Hause vorbei an Michalsens Hof , vermutlich gleich in die gute Stube auf einen Kurzen…

*****

Am nächsten Tag, bewaffnet und mit seiner alten grünen Lodenjacke, stapfte Günther in den Wald.

Dort, wo Petermann die gelben Augen gesehen haben wollte.

Langsam und vorsichtig schnürte er durch das dichte, moosbedeckte Unterholz, jeder Schatten schien sich zu bewegen, jeder Klang wurde zur Bedrohung.

Stundenlang irrte er umher. Stille. Nirgendwo eine Spur, nicht einmal einen Fußabdruck konnte er finden. Der Boden war seit Tagen hart gefroren.

Ich hätte wissen müssen, dass Petermann wieder nur spinnt, murmelte Günther missmutig und stapfte zur Straße zurück. Da war kein Wolf. Wahrscheinlich ein verängstigter Hase im Gebüsch. Jetzt hab ich mir nur die Nase abgefroren…

Doch kaum hatte er den Waldrand erreicht, fühlte es sich an, als würde ihn jemand beobachten. Der Wind trug flüsternd fremde Namen. Er wirbelte herum, hob das Gewehr aber da war nichts, nur sein eigener kalter Atem.

Minutenlang horchte er in die Dämmerung. Keine Antwort. Kein Laut. Mit einem beklemmenden Gefühl im Bauch trottete er heim.

Morgen, beschloss er, würde er nochmal wiederkommen. Mit Futter im Beutel. Wer immer der unheimliche Waldbewohner war, Hunger würde ihn aus der Deckung locken. Dann, ja dann, würde er erfahren, was wirklich hinter den Geschichten steckte.

*****

Am nächsten Morgen, früh im grauen Zwielicht, holte Günther kaltes Hähnchenfleisch aus seiner Speisekammer. Er packte alles in Zeitungspapier, nahm das Gewehr und stapfte wieder in den eisigen Wald.
Er bezweifelte, dass der sagenumwobene Wolf überhaupt existierte wahrscheinlich eine Erfindung Petermanns, die durch Korn und Angst genährt wurde.

Am Vorabend hatte Petermann noch angerufen und gefragt, ob er den tollwütigen Wolf gesehen hätte. Günther verneinte, keine Spuren, keine Geräusche.

Vielleicht ist er in einen anderen Wald gezogen, hoffte Petermann. Passiert sowas?

Im Leben ist alles möglich. Aber lauf nachts trotzdem nicht durch den Wald man weiß ja nie, was rumgeistert

Bei den Büschen legte Günther das Fleisch auf Zeitung, trat ein paar Schritte zurück und versteckte sich hinter einer Fichte. Das Gewehr bereit.

Eine halbe Stunde verstrich: nichts. Wieder schien seine Expedition umsonst bis plötzlich das Zeitungspapier raschelte. Laut, viel zu laut für ein Reh.

Mit angehaltenem Atem und dem Finger am Abzug späht Günther vorsichtig hervor und sieht endlich den berüchtigten unheimlichen Waldbewohner:

Es war kein Wolf.

Vor ihm hockte ein abgemagerter, struppiger Mischlingshund. Ein urdeutscher Straßenköter, sein Fell gezeichnet von Kälte und Hunger. Der Hund verschlang gierig das Hähnchenfleisch, ohne auf die Welt zu achten.

Günther atmete erleichtert auf und schulterte das Gewehr, damit das Tier keine Angst bekam.

Wen haben wir denn da? Der Schrecken des Waldes! rief er mit einer überraschenden Fröhlichkeit.

Doch der Hund reagierte überhaupt nicht. Als gäbe es nichts in dieser Welt als das Fleisch unter seiner Schnauze. Hunger war stärker als jede Furcht sogar stärker als Geräusche.

Erst, als Günther sich von der Seite näherte, zuckte der Hund, erschrak furchtbar, und verschwand wie ein Schatten im Gebüsch. Zwei Fleischstücke blieben zurück.

Du brauchst keine Angst zu haben Günther kauerte sich zu ihm, spürte die Kälte am Boden. Ich tu dir nichts. Ich bin doch Förster, ich schütze die Tiere. Komm, wir lernen uns kennen. Erzähl mir, was du hier erlebt hast, was das für ein Strick um deinen Hals ist

Der Hund kam erst nach einer halben Stunde langsam hervor, zitternd wie Espenlaub. Der Hunger siegte. Seine bernsteinfarbenen Augen hefteten sich an Günther, durchdringend, fordernd, als wolle er in seine Seele blicken.

So einen Blick hatte Günther noch nie erlebt. Er kraulte ihn, reichte ihm den Rest des Fleisches: Iss nur, alles deins.

Als der Hund wieder fortschleichen wollte, erwischte Günther ihn sanft am Stück Seil, das an seinem Halsband hing.

Jetzt schau einer an Haben dich Menschen hierher gebracht, dich angebunden und einfach zurückgelassen?

Der Hund sah ihn in einer Seelentiefe an, dass Günther frösteln musste.

Was hat man dir bloß angetan, mein Freund?, seufzte Günther und drückte den Hund an sich. Dafür gibts keine Entschuldigung Du bist jung, hübsch und freundlich. Das hast du nicht verdient.

Günther nahm den Hund mit ins Haus. Für immer behalten wollte er ihn nicht; wenn der neue Förster käme, hätte er kaum noch Zeit. Aber einen guten Platz würde sich schon finden lassen.

Spontan nannte er ihn Bello.

*****

Hier, dein Platz, sagte Günther und breitete eine alte Jacke neben dem Kachelofen aus. Ist bestimmt nicht das Beste, aber warm

Bello rollte sich schnurstracks ein und schlief sofort ein.

Günther betrachtete ihn und stellte sich vor, was er alles durchgestanden hatte: zwei Wochen, vielleicht länger, klirrende Kälte und Hunger. Zum Glück hatte er das Seil durchgenagt, sonst hätte ihn nie jemand gefunden.

Jetzt schnarchte Bello leise, und Günther verließ sogar zum Telefonieren das Haus, um ihn nicht zu wecken.

Kein Wolf also in unserem Wald, jubelte Petermann durchs Telefon. Es war ein Hund! Aber wie ist der dorthin gekommen? Von hier oder zugelaufen?

Bestimmt zugelaufen sagte Günther nachdenklich, und sicher nicht freiwillig im Wald. Menschen machen sowas. Ich kann es nicht leiden.

Was wirst du jetzt mit ihm machen?

Ich suche ein gutes Zuhause. Der ist jung, gesund wird nicht schwierig. Zur Not bring ich ihn nach Freiburg. Vielleicht nimmt ihn da eine Familie.

Doch alles kam anders. Schon am nächsten Abend schleppte Günther wie immer einen Arm voll Holz ins Haus, warf dabei aber einen Blick auf den schlafenden Bello, stolperte prompt, das Holz fiel polternd zu Boden.

Der Hund jedoch rührte sich kein bisschen. Kein Zucken im Ohr, keine Bewegung. Tief und fest im Traumland.

Was ist denn nur los, stutzte Günther und beugte sich hinüber. He, Bello, alles okay?

Erst als er ihn berührte, schreckte der Hund auf. Einen Moment fürchtend, dann wieder herzlich-schmusig.

Du hörst wohl gar nichts, was? Oje Morgen geh ich gleich mit dir zum Tierarzt. Müssen wir wissen, wies weitergeht.

Wenn Bello tatsächlich taub ist, wird es schwer, ihn loszuwerden, ging es Günther durch den Kopf.

*****

Die Tierärztin bestätigte die Vermutung: Der Hund war auf beiden Ohren taub.

Entweder Krankheit oder eine Verletzung. Angeboren ist das jedenfalls nicht.

Aber wie kann ich denn mit ihm kommunizieren, wenn er nichts hört?

Das ist kein Hexenwerk. Siehst du nicht, wie aufmerksam er dich anblickt? Er liest deine Gesten, dein Gesicht. Du musst ihm helfen, ein bisschen Gebärdensprache lernen und auf Mimik achten. Sie wollen Bello doch behalten, oder?

Günther schaute auf den Hund, der ihm durchdringend in die Augen sah.
Ja ich denke, ich behalte ihn. Es wird schwer, für ihn jemand anderen zu finden. Ich habe ihn aus dem Wald geholt, jetzt ist er meine Verantwortung. Und ich hab ja viel Zeit jetzt im Ruhestand.

Sehr gute Entscheidung. Er ist ein schlauer Hund und nun wird er dir treu bleiben bis ans Lebensende. Aber, ehrlich: warum ihn die Vorbesitzer verstoßen haben, verstehe ich nicht.

Ich auch nicht, sagte Günther. Wahrscheinlich, weil er taub wurde. Aber warum muss man ihn aussetzen? Das bleibt ein Rätsel.

Komm, trinken wir einen Tee, ich erkläre dir, wie man mit einem tauben Hund richtig umgeht. Du schaffst das.

Danke. Ich hoffe es.

*****

Heute lebt Günther glücklich mit Bello im kleinen Haus am Waldrand.

Anfangs schien es schwierig, mit einem tauben Hund zu kommunizieren, doch ein halbes Jahr und viele stille Gespräche später verstehen sich Bello und Günther wortlos. Blick um Blick, Geste um Geste.

Der Hund folgt ihm auf Schritt und Tritt, seine Augen strahlen vor Glück.

Ein neuer Förster kam bisher noch nicht Günther bleibt der inoffizielle Herr des Waldes und Bello hilft ihm fleißig.

Schon mehrfach hat der Vierbeiner heimliche Fallen im Unterholz aufgespürt, selbst geschlossene Schlingen von Wilderern. Günther schüttelte darüber den Kopf: Manche Leute kapierens nie mit der Natur muss man im Einklang leben, nicht gegen sie.

Den Täter schnappte er bislang nicht, doch jedes Mal, wenn wieder eine Falle entdeckt wurde, sah Petermann im Dorf ernster aus als eine Gewitterwolke.

Einmal hörte Günther, wie Petermann betrunken zu Michalsen sagte: Nie wieder geh ich in diesen Wald. Soll meine Heike sich ihren Pelz am Markt kaufen. Ist billiger.

Günther lachte in sich hinein: Ein Wilderer weniger.

Und sollte Petermann je wieder so eine Idee bekommen, ist Günther mit Bello immer schon zur Stelle.

So bleibt der Wald und das neue Mensch-Hund-Duo ein wenig sicherer, ein wenig wundersamer, als am Tag davor.

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Homy
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