Endlich ist meine Mutter in Rente gegangen. Schon vor ein paar Jahren. Ich bin einfach durch gesundheitlich am Limit, der Job war stressig, die Kollegen toxisch, und mein Alter naja, du weißt schon. Jetzt will ich endlich mal für mich leben, und nicht immer für die anderen.
Ehrlich gesagt, hat niemand mit ihr diskutiert. Meine Mutter ist so eine, mit der legt man sich besser gar nicht an. Das weiß jeder.
Also ist sie auf ihren Schrebergarten nahe Hamburg gezogen und lebt dort nun ihr bestes Leben: Sie pflanzt Rosen und Gurken an, raucht auf dem Balkon und genießt ihren Kaffee mal mit einem Schuss Asbach, mal mit einem guten Buch. Hier herrscht Ordnung, sie kann ihre Ruhe genießen, denkt nur noch mit leiser Beklemmung an die Arbeit zurück und freut sich, dass die Enkel schon erwachsen sind. Niemand bringt sie ihr im Sommer aufs Auge.
Und natürlich hat sie uns, ihren Nachkommen, regelmäßig einen strategischen Tipp aufgetischt:
Geht erst in Rente, wenn die Enkel ihr Studium beendet haben. Das ist wichtig! Es soll keiner mehr an euch hängen, wenn ihr Rentner seid. Um die Urenkel dürfen sich dann eure Kinder kümmern ihr seid da fein raus.
Im Großen und Ganzen läuft alles für sie: Paketstation um die Ecke, Dorfmittelpunkt, WLAN, ein Rosenbeet direkt vor dem Fenster, frische Landluft, ruhige Nachbarn und Stress sucht man hier vergebens. Doch nach einer Weile wurde meiner Mutter langweilig. Also beschloss sie, sich zu beschäftigen und ein paar Quadratmeter ihres Hofs zu zubetonieren.
Der Parkplatz, fand sie, sah irgendwie unzivilisiert aus das müsse stilvoller werden. Man soll ja nicht auf ein Wunder der Natur warten, sagte sie, die Natur hat uns ja das Internet beschert. Im Netz erspähte sie dann auch gleich eine Firma mit dem vielversprechenden Namen Blitz&Bau, bereit zu allem, natürlich gegen Bezahlung in Euro.
Am berühmten Tag rückten fünf Männer an, der Chef hieß Markus. Mutti nannte ihn einfach Markus, auch wenn er gut zwei Meter groß war und wie ein Schrank wirkte. Sie legten ambitioniert los, aber dann lief irgendwas schief. Zwei Betonmischer parkten schon auf dem Hof und warteten auf Anweisungen. Mutter beobachtete alles.
Und dann kam es, wie es kommen musste: Markus, gerochen, dass hier eine ältere Dame alleine ist, auf deren Gebiet Männersache wie Betonieren für ihn ein Fremdwort ist. Da kann man doch sicher etwas extra verdienen. Also schlug er vor, alles sei viel komplizierter, als vorher abgesprochen. Hier gehts so nicht, da ist alles schief, da fehlt uns was… Also, wir müssten mindestens das Doppelte verlangen, Frau Schneider, sonst packen wir zusammen und fahren.
Meine Mutter hörte sich alles ruhig an, nickte sogar verständnisvoll. Fünfzigtausend, sagen Sie? Wären fünfundzwanzig auch okay? Naja, Jungs ich glaub euch ja. So gestandenen Männern muss man doch vertrauen.
Dann sagt sie plötzlich:
Wollen wir wetten?
Worauf?, wurde Markus gleich neugierig.
Na, auf die fünfzig. Ich wette, dass ich euch so organisiere, dass ihr in drei Stunden alles tipptopp hinkriegt nicht erst am Nachmittag, wie du behauptest. Wenn ihr es schafft, bekommst du fünfzigtausend Euro wenn nicht, dann ich. Einverstanden?
Ganz ehrlich, ich an Markus Stelle hätte das hundertmal überdacht. Aber Studium hatte er keins und Selbstvertrauen dafür umso mehr. Sie schlugen ein.
Markus setzte sich mit einem Kaffee auf die Veranda, um zu schwatzen. Doch Frau Schneider zog die Gummistiefel an und drehte richtig auf. In fünf Minuten hatte sie die Männer so eingeteilt, dass sie selbst nicht wussten, wie sie plötzlich zur Traum-Mannschaft wurden. Sie erklärte jedem, was zu tun war, wo etwas getragen, wie es verteilt werden muss, wo Zeit gespart und wo exakt gearbeitet werden muss. Den Mixern erklärte sie auch, wie man betoniert, damit es ordentlich läuft. Der gesamte Ablauf: effizient, ohne Leerlauf, ohne Rumgeeiere.
Am Ende war sie die Göttin der Betonarbeiten. Was die Jungs auf einen ganzen Tag angelegt hatten, hatte meine Mutter in ein bisschen mehr als zwei Stunden durchgezogen. Perfekt und ordentlicher als auf jeder Baustelle.
Markus grinste anfangs von wegen Gleich wird sie schon müde, dann wurde er still, dann verblasste die Farbe in seinem Gesicht. Da fiel ihm wohl die Wette ein und das Versprechen.
Sein Mund stand kurz offen, das Gesicht, als müsste er feststellen, dass die Welt nicht nach seinen Vorstellungen funktioniert.
Moment mal, stammelte er. Wie? Wie geht das? Das gibts doch gar nicht!
Doch, Markus, sagte sie gelassen und klopfte den Betonstaub von ihren Handschuhen. Hast du auf der Herfahrt die große Abzweigung gesehen bei Hannover? Drei Ebenen?
Ja, murmelte Markus.
Und du bist drüber gefahren?
Klar
Sehr gut. Denn die habe ich gebaut.
Spätestens da hat Markus begriffen: So ein nettes Mütterchen ist manchmal einfach eine Frau, die jahrzehntelang auf Baustellen durchgehalten hat, wo Zartbesaitete nicht alt werden. Und dass mit solchen Leuten zu diskutieren, meistens nur teuer wird.




