Einmal war ich ein Engel, zumindest schien es so in jenem seltsam-verworrenen Traum, der wie ein Gemälde von Otto Dix zwischen Schlaf und Morgengrauen flackerte.
Katrin, so hieß ich dort, jung und zittrig, stieg nachts die Treppen eines grauen Mietshauses in Berlin-Wedding hinauf, umnebelt von Angst, Scham und einer seltsamen Melancholie. Ohne rechten Willen bewegte ich mich; vielleicht war ich gar nicht ich selbst, sondern ein Tropfen im Regen auf dem Fensterglas.
Es hatte sich alles verheddert im Bauch Schmerz, Schuld und Enttäuschung, aber auch ein eigenartig aufwallendes Mitleid, so als müsse ich jetzt neben mir eine andere Version meiner selbst in den Arm nehmen: einen zarten Keim, ein ungelebtes Leben, das dennoch schon in mir wohnte.
Ich wollte alles auslöschen, am liebsten auf einmal, abrupt wie einen Wecker am frühen Sonntag. Die Entscheidung schien schon getroffen: Tabletten lagen bereit, Euro mit wimmelnden Bauwerken auf den Scheinen, alles wie im Nebel. Doch dann rief ER an. Seine Stimme zitterte, bebte wie ein Fagott in der U-Bahn und während er von Omas Kummer sprach, hörte ich zwischen den Worten seine Angst, die mehr um ihn selbst kreiste als um mich.
Katrin, mach keinen Unsinn. Es ist halt passiert. In der Klinik machen sie alles mit Narkose. Du wachst auf wie von einem langen Mittagsschlaf, und das Geld regle ich. Ich kann dich auch hinfahren, wenn du möchtest.
Mir wurde ganz flau ich wollte seine Gegenwart nicht, nicht hören, nicht riechen, nicht sein kratziges Atmen im Ohr. Ich drückte ab und schaltete das Handy stumm. Niemals!
Diese eine Nacht, die falsch und surreal begann. Ich war auf einer Party, zu der mich Bianca eingeladen hatte. Wilde Musik, tanzende Schatten. Für einen Moment schien alles schwerelos, als würde ich in einem anderen Körper schweben.
Da war plötzlich Sven, berührte meinen Ellbogen, mit diesem glimmenden, fordernden Blick. Nein, hatte ich schon gesagt, alles an ihm war mir zuwider, das wusste er.
Wow, so zart deine Haut. Wie Seide, wie bei einem kleinen Mädchen.
Lass das. Wenn du anbaggerst, bin ich weg. Ich will nur tanzen!
Er hatte immer auf mich gewartet, vor dem Haus, an Haltestellen, und doch war da keine Freude in meinem Herz. Ich hatte es ihm geradeheraus gesagt. Doch er lachte nur stumpf, verschwand in den Wellen der Gäste.
Dann brachte einer einen Cocktail. Der Becher war kalt und süß, vielleicht ein Mojito, vielleicht etwas anderes und dann wurde alles watteweich. Das nächste Bild: Ich lag auf irgendeinem Second-Hand-Sofa im ersten Stock, neben mir war alles zu viel Sven, Hände, Schatten, dumpfe Geräusche. Mein Körper reagierte nicht mehr richtig. Er wirkte wie in mehreren Kopien gleichzeitig im Zimmer, schimmernde Silhouetten, der Geruch von billigem Parfum und Dreck. Ich kratzte, biss, weinte ohne Tränen; irgendwann hörte ich auf, zu kämpfen.
Ich hasste ihn. Torkelte wie blind nach Hause. Keine Tränen, nur Leere und eine schmutzige Stille in mir. Auf dem Flur atmete ich tief durch: Oma durfte von all dem nichts wissen, nie.
Die Tage wurden zu Wochen, und plötzlich spürte ich: Da ist etwas anders, etwas Fremdes in mir, das trotzdem zu mir gehört. Die Familie meiner Oma war katholisch, aus Köln eingewandert. Vor-Marriage sollte alles rein und klar sein, das predigte sie, das hatte sie meine Mutter gekostet. Über Vaters Namen hatte Mama nie ein Wort verloren.
Jetzt war ich wie sie allein und doch zu zweit, die eigene Stimme dumpf wie nach langem Tauchen. Wohin wenden? Auf Raten von Sven suchte ich das Haus auf, dessen Adresse er mir zugesteckt hatte. Aber meine Gedanken drifteten, ich sah stattdessen meine Mutter in meiner Haut.
In meinen Traumbeinen stolperte ich hinein, in den Hausflur, vorbei an alten Briefkästen und Abdrücken fremder Leben. Dann abgebogen zu einem kleinen, schäbigen Café, kurz einen Kräuterlikör gekippt und weiter. Keine Zeit für Zögern, Bedenken war Schnee, der nicht liegen bleibt.
Drinnen öffnete eine Frau streng, mit grauem Dutt, fest wie die Walnussbretter in Omas Schrank. Ihr Blick wanderte unter die Haut.
Schon gegessen? fragte sie rau.
Ich schüttelte stumm den Kopf.
Gut. Dann ausziehen, da hinten ins Zimmer. Rasierte Beine?
Was? Was meinen Sie?
Vorbereitet?
Wusste ich nicht. Sie schnaufte, zog mir eine große, steife Männerunterhemd über eng und zu kurz, Fremdkörper auf nackter Haut. Geräusche aus der Nebenstube: Instrumente, Wasserglas, ein durchsichtiger Plastiktisch. Mir wurde schwindlig, als schwebte ich an die Decke.
Stimmen, Schritte, Gepolter unten am Eingang dann hämmerte jemand an die Tür, erst wild, dann noch wilder.
So eine Mistkuh! Hast du die etwa angeschleppt? Zieh dich an, schnell!, zischte die Frau, und in Panik stolperte ich, ließ erst alles fallen, dann wieder hoch aufs schmale Sofa, die Knie fest an die Brust gezogen.
Irrsinn, überall. Die Frau riegelte ab, doch dann stürmten sie herein: Ein Mann in grauem Anzug, Schnauzer, daneben eine junge Frau in eisernem Trenchcoat, die den linken Arm eigenartig hielt.
Sie waren wirbelnde Schattengestalten, schneller als Gedanken, durchbohrten meine Trance.
Ich schon wieder, murmelte die Frau scheinbar war sie meine Freundin, setzte sich aufs Sofa, suchte meine Unterhose. Meine Sinne taumelten, Zeit löste sich auf.
Angelika heiße ich übrigens, bin dein Freund. Oder Schutzengel, nennt es wie du willst. Jeder hat seinen Engel, mich hats zu dir verschlagen.
Wer hat dich denn geschickt?
Der Erzengel natürlich, lachte sie, und diese Absurdität schien den Druck in meinem Herzen zu lösen. Während sie mir mit einer gesunden Hand die Bluse half, bemerkte ich, dass ich zitterte mehr vor Erleichterung als Kälte. Tränen liefen, und sie freute sich, weil ich weinte. Trauer bedeutet, am Leben zu sein.
Heul ruhig. Tränen schmecken auch nach Leben.
Ihrer Stimme hätte ich noch lange zugehört, sie klang wie ein Schlaflied aus der Kindheit, aber irgendwoher drang Lärm und plötzlich waren da noch mehr Menschen. Andreas Krawczyk, ein ewig bestürzter Sozialarbeiter, und sein altkluger Freund Tobias, beide aus dem tiefsten Ruhrgebiet, wirbelten jetzt um mich herum.
Krawczyk fuhr uns im verregneten 3er BMW Richtung Notaufnahme. Angelika saß neben mir, klammerte sich an mich wie an ein kaputtes Wolkenkissen. Ihr Arm tat weh, sie jammerte und witzelte, als hätte sie selber einen Flügel gebrochen. Später, in der Klinik, bekam sie Gips. Ich konnte kaum aufwachen vom Traum, wurde in ein anderes Zimmer geschleust.
Andreas blieb bei Angelika, beide zankten wie Geschwister. Währenddessen legte sich eine bleierne Müdigkeit auf mich und so hörte ich nur am Rande, wie sie stritten.
Irgendwann, zu einer Stunde, die keine Uhren kennt, standen wir im Wohnzimmer meiner Oma, Marianne. Sie war entsetzt, als wir kamen ein Mädchen im Gips, ich müde und verwuschelt wie ein Straßenhund. Erst als ich bei ihr im Arm lag, klärte sich das Bild langsam. Sanft, fast wie ein Märchen, sprach Oma weiter, während Angelika schweigend Tee trank.
Oma wusste längst Bescheid mehr, als ich ahnte. Damals hatte sie Mutter verflucht für deren Affäre, jetzt fürchtete sie, mich zu verlieren. Sie versprach mir, alles würde gut, sie sei mein eigentlicher Engel, und wir würden das Kind gemeinsam aufziehen in einer WG voll Uhren, Bilderrahmen und Hoffnung.
Viele Bilder blitzten durch meinen Kopf, als läge mein Leben auf einer endlosen Tapete. Angelika zog später für ein paar Wochen zu ihrer Mutter aufs Land, irgendwo im Harz, wo die Sommerabende lang und voller Blaubeerduft sind. Kai, ein gemeinsamer Freund, funkte ständig durch Smalltalk über Filme, über Arinas Liebesleben, über das gewöhnliche Glück, das immer nur einen Zug entfernt scheint. Gelegentlich schenkte Angelika Kindern aus dem Viertel Stofftiere, Gürteltiere und kleine Flusspferde aus Plüschtierläden, in der Hoffnung, ihnen damit einen Schubs Richtung Zukunft zu geben.
Einmal auf dem Hausdach, nur halb wach, entdeckte Angelika zwei Jungs, zwölf vielleicht, mitten im Hochsommer, wollten von Dach zu Dach springen. Sie erklärte ihnen den deutschen Satz: Wer springt, fällt und schlug Sprünge auf festem Grund vor.
Ich sei ein Engel, behauptete sie lachend, und flatterte mit dem kaputten Arm. Die Jungs lachten. Kein Mensch hält sich für einen Engel, und doch, manchmal reicht ein Satz, ein Händedruck im Traum, und es ist, als trüge man die Feder eines Freundes unter der Jacke.
Wer schickt uns diese Zeichen? Fragte ich mich, als der Wecker endlich klingelte und ein neuer Tag begann, während draußen Berliner Regen den Frosch auf dem Fensterbrett küsste und ich wusste: Manchmal führt auch ein gebrochener Flügel nach Hause.





