Du bist jetzt frei
Ich stelle heute fest, wie sehr ein Moment das ganze Leben drehen kann. Es ist Freitagabend in unserer Küche in Hamburg. Ich, Sabine, stelle meine Teetasse auf den Tisch, dabei schwappt etwas Tee auf die Tischdecke. Ich starre auf den Fleck, bewege mich nicht. Hinter mir redet Jürgen immer noch, aber seine Worte erreichen mich wie durch einen dicken Nebel, als würde er von weit her telefonieren, nicht bloß zwei Meter neben mir stehen, mitten in unserer Küche, direkt vor unserem Kühlschrank, unter dieser Lampe, die wir damals gemeinsam in einem kleinen Laden auf der Schanze ausgesucht hatten.
Sabi, hörst du mich überhaupt?
Ich höre dich.
Ich will dir nicht wehtun. Wirklich nicht. Ich habe nur gemerkt, so geht das nicht weiter. Wir brauchen beide etwas anderes.
Wir?
Naja ich. Ich brauche was anderes.
Endlich drehe ich mich um. Jürgen steht am Fenster, blickt raus, aber nicht zu mir. Er trägt das hellblaue Hemd, das ich ihm letztes Jahr zum Geburtstag gekauft habe. Ich habe es noch gebügelt, einfach so, ohne zu wissen, für welches Gespräch. Für diesen Moment also.
Du gehst zu Katrin, sage ich. Es ist keine Frage.
Sabi
Sag es einfach, Jürgen.
Er schweigt. Aber das ist die einzige Antwort, die ich brauche.
Dreiundzwanzig Jahre. Sabine ich muss nicht mal nachdenken, die Zahl kommt von allein. Dreiundzwanzig Jahre diese Küche, dieser Kühlschrank, diese Lampe, seine Hemden, sein Geruch am Morgen, sein Husten in der Nacht, seine Marotte, die Kaffeetasse genau am Spülbeckenrand stehen zu lassen, nicht drin, sondern daneben das hat mich immer gestört. Und jetzt, wo ich daran denke, werde ich sie nicht mehr sehen. Die Tasse. Und das ist nicht mal das, woran ich jetzt denken sollte, aber das denke ich.
Ich will, dass du weißt, fängt er wieder an, mit so einer seltsamen Feierlichkeit in der Stimme, als hätte er eine Ansprache vorbereitet, ich bin nicht dein Feind. Ich will, dass es dir gut geht. Du verdienst … Freiheit. Wirkliche. Du bist jetzt frei, Sabine. Freu dich doch.
Ich blinzele.
Freu dich?
Naja … du bist jetzt Herrin über dein eigenes Leben. Keine Verpflichtungen mehr. Mach, was du willst. Ist doch gut, oder?
Ich schaue ihn an. Sein vertrautes, gutes, fast fremd gewordenes Gesicht. Wie er versucht, zu lächeln. Wie er schon halb weg ist, halb bei Katrin, schon in einem neuen Leben, mit neuen Hemden, die dann Katrin für ihn kaufen wird.
Geh, sage ich.
Sabi, können wir nicht normal reden…
Ich hab doch gesagt: Geh.
Er geht noch am gleichen Abend. Holt den Koffer, der längst gepackt in der Abstellkammer hinter den Winterstiefeln stand. Er hatte also längst entschieden. Er wusste es. Während ich noch Suppe kochte, seine Hemden wusch, mit ihm Serien schaute abends hat er schon gewusst.
Die Tür fällt ins Schloss.
Ich stehe im Flur, lausche der Stille.
Dann gehe ich in die Küche, schütte den kalten Tee weg, spüle die Tasse. Wische den Fleck auf der Decke. Mach das Licht aus.
Geh schlafen.
Das war am Freitag.
Am Samstag bleibe ich liegen.
Nicht, dass ich wie ein Häufchen Elend daliege und ins Kissen heule. Ich sehe nur keinen Sinn darin, aufzustehen. Weil aufstehen einen neuen Tag bedeutet, und ein Tag heißt: etwas tun, leben. Und leben in dieser Wohnung, mit dieser Stille, bei diesem Kühlschrank, randvoll mit Lebensmitteln, die ich für zwei eingekauft habe das möchte ich nicht.
Ich starre an die Decke.
Die Decke ist weiß, schlicht. Ein kleiner Riss im Eck, den Jürgen vor zwei Jahren versprach, endlich zu verspachteln. Er tat es nie.
Am Sonntag ruft meine Freundin Claudia an.
Sabi, du fehlst! Wir haben euch gestern bei Anjas Geburtstag vermisst.
Ich konnte nicht.
Bist du krank?
Kann man so sagen.
Pause.
Sabi, was ist los?
Jürgen ist weg.
Noch eine längere Pause.
Wohin?
Zu Katrin Winter.
Zu welcher Katrin Winter?
Der. Die mit der Stimme, die auf dem Betriebsfest letztes Jahr gesungen hat.
Die Blonde, du meinst die mit dem Gesangsstudium?
Genau die.
Claudia schweigt, dann ein tiefer Seufzer:
Ich komm rüber.
Nee, musst du nicht.
Ich bin schon unterwegs.
Ich widerspreche nicht. Habe keine Kraft.
Claudia erscheint mit Streuselkuchen und drei Sorten Tee. Sie ist klein, kräftig, Kurzhaarschnitt, und ihre Stimme hätte zu besten Gewerkschaftszeiten große Versammlungen gelenkt. Sie schaut sich schnell um, stellt den Kuchen auf den Tisch und sagt klar:
Wasch dir bitte das Gesicht. In fünf Minuten.
Ich gehe und wasche mich.
Wir trinken Tee schweigend. Dann fragt Claudia:
Wie alt ist sie?
Achtunddreißig, glaube ich.
Und er vierundfünfzig. Klassiker.
Musst nicht…
Ist schon gut, ich halt schon den Mund.
Er hat gesagt, jetzt bin ich frei. Ich soll mich freuen.
Claudia schaut mich intensiv an.
Frei, ja?
Genau so. Du bist jetzt frei, Sabi. Freu dich. So hat ers gesagt.
Was für ein Kerl.
Claudia
Ich versteh ja, dass du ihn liebst und grad nichts Schlechtes hören willst, aber ehrlich das ist feig. Ich schenk dir Freiheit. Als ob er dir noch was Gutes tut.
Ich starre in meine Tasse.
Vielleicht meint ers ja wirklich ernst.
Klar. So ist das halt leichter für Männer.
Claudia bleibt bis abends. Sie spült, wischt die Regale ab, findet Joghurt kurz vorm Ablaufen und wirft ihn weg. Beim Gehen nimmt sie mich richtig fest in den Arm und sagt: Du rufst an, wenn was ist. Auch nachts, ok?
Ich nicke.
Wieder allein.
Die nächsten zwei Wochen gehen vorbei wie Seiten in einem langweiligen Buch. Ich gehe zur Arbeit, anders gehts nicht. Ich arbeite als Buchhalterin bei einer kleinen Baufirma. Zahlen sind praktisch sie wollen weder wissen, wie es mir geht, noch fragen sie nach Traurigkeit. Sie stehen einfach in ihren Spalten und warten.
Im Büro bemerkt man etwas, doch keiner fragt. Nur Frau König meint einmal: Sabine, alles in Ordnung? Ich antworte: Migräne. Sie: Ach so, na dann.
Zuhause ist es am schlimmsten.
Die Stille ist anders. Nicht nur ruhig. Sie lastet, ist wie Anwesenheit von Abwesenheit. Oft bemerke ich, dass ich laut rede Jahre lang sprach ich zu jemandem. In die Küche kommend, sage ich in den Raum: Ganz schön kalt heute. Oder: Der Regen schon wieder. Und dann schmerzt es, weil niemand antwortet.
Ich weine kaum. Nur einmal, mittwochs in der dritten Woche, finde ich in der Jackentasche ein altes Kinoticket. Wir wollten damals im Oktober zusammen gehen, aber Jürgen musste länger arbeiten. Ich halte das Ticket, und innerlich bricht etwas ich sitze am Flur, Rücken gegen den Schrank, weine lange.
Dann wische ich mein Gesicht, werfe das Ticket weg, koche etwas Kleines zum Abend.
Jürgen schickt gelegentlich Nachrichten. So etwas wie: Sabi, die Unterlagen von der Versicherung sind in der blauen Mappe oben. Oder: Denk dran, Internetvertrag im März verlängern. Sachlich, korrekt. Ich antworte auch nur so: Kurz, neutral.
Einmal fragt er: Wie gehts dir? Geht schon. Danach ist Funkstille.
Die Wohnung gehört mir schon damals in den Neunzigern gekauft, auf meinen Namen. Jetzt ist das wichtig. Keine Teilungen, keine Gerichte, keine Fremden, die in deiner Wohnung herumlaufen. Ein kleiner, bitterer Trost.
März vergeht. Dann April. Die Tage werden länger; lange Tage füllen sich schwer, wenn man allein ist.
Eines Abends wandere ich ziellos von Zimmer zu Zimmer und lande im kleinen Arbeitszimmer, das nie richtig genutzt wurde. Da steht noch mein alter Schreibtisch, auf dem ein PC verstaubt, ein paar Regale mit Büchern. In der Ecke, eingeklemmt zwischen Aktenstapeln, ein Leinenbeutel.
Ich bleibe stehen.
Ich weiß, was drin ist. Längst vergessen, aber jetzt ist es klar.
Ich hole ihn hervor, öffne ihn. Darin: Tuben mit Acrylfarbe, ein paar Pinsel in einem Papbecher, eine miniaturhafte Holzpalette, von getrockneter Farbe spröde und rissig. Und vier kleine aufgerollte Leinwände.
Das letzte Mal malte ich fünfzehn Jahre? Nein, sechzehn. Früher, vor Jürgen, ging ich zum Malkurs im Stadtteilkulturzentrum. Es war nie Beruf oder große Leidenschaft, aber es machte Freude. Dann kam Jürgen, dann Hochzeit, dann Renovierung, dann wurde die Arbeit immer mehr, und das Malen verschwand. Die Farben zogen mit, landeten in der Ecke und lagen dort all die Jahre.
Ich nehme eine Tube. Weiß. Versuche, sie zu öffnen. Nichts. Wahrscheinlich ist die Farbe steinhart.
Ich stelle den Beutel zurück. Noch ein Moment, dann gehe ich schlafen.
Aber am nächsten Tag, Mittagspause, gehe ich in ein Fachgeschäft für Künstlerbedarf um die Ecke. Eigentlich gehe ich einfach so. Nur schauen. Gehe aber raus mit einer Tüte: neue Acrylfarben, drei Pinsel, kleiner Skizzenblock, einen Anspitzer, obwohl ich keinen Bleistift gekauft habe.
Abends öffne ich den Block. Finde einen alten Bleistift im Schubfach. Ich fange zu zeichnen an. Einfach Linien, ohne Plan. Dann wird es ein Fenster mit Regen. Dann ein leerer Stuhl.
Ich zeichne zwei Stunden. Als ich aufhöre, fast elf.
Es ist seltsam, fast erschreckend.
Am nächsten Abend wieder ein paar Linien. Ich kann nicht anders.
Eine Woche später fahre ich in einen großen Künstlerladen im Westen der Stadt, den, in dem es alles gibt: aufgespannte Leinwände, Ölfarben, Tempera, verschiedene Grundierungen, Pinsel aller Größen. Ich streife durch die Gänge, starre auf das Material, und spüre, wie sich langsam wieder etwas regt. Keine Freude. Einfach Interesse. Die Lust, heimzugehen und zu malen.
Ich kaufe eine dreißig mal vierzig Leinwand, einen Topf Grundierung, ein Set Acrylfarben, fünf Pinsel.
Zuhause stelle ich die Leinwand aufs Fensterbrett keine Staffelei da. Grundiere lange und gewissenhaft. Schaue dann auf das Weiß, weiß nicht, was ich malen soll.
Dann fange ich an, das zu malen, was ich sehe: Fenster, draußen feuchte Dachpfannen des Nachbarhauses, Taube auf der Antenne, Himmel wie altes Leinentuch.
Es wird unbeholfen. Die Taube sieht aus wie eine Kartoffel. Die Perspektive verunglückt.
Ich trete zurück, sehe es an. Dann fange ich an, auszubessern.
Etwa zu dieser Zeit, Anfang April, zieht Jürgen zu Katrin. Er hebt seinen Anteil vom gemeinsamen Konto ab vorher hat er es angekündigt. Ich sage nichts dagegen. Alles ist sauber geregelt. Er ist eben ordentlich.
Katrin wohnt in einem Neubauviertel, eigene Wohnung, modern renoviert, alles neu. Jürgen dachte, das ist jetzt wie ein zweiter Frühling. Neue Wohnung, neue Frau, neues Leben ein Aufbruch, nach dem er sich, ohne es zu merken, schon lange gesehnt hatte.
Die ersten Wochen war es tatsächlich so. Katrin war leicht, lustig, zog ihn eisern durchs Nachtleben von Hamburg, Restaurants, Konzerte ließen die Nächte durchquatschen, tranken morgens gemeinsam Kaffee aus ihrer kleinen Espressokanne. Der Kaffee war gut. Katrin war gut.
Aber bald häuften sich Dinge, die unbequem wurden.
Katrin konnte fast gar nicht kochen. Rührei, Pasta aus der Tüte sonst wurde bestellt. Es war teuer. Jürgen war das nicht gewohnt. Sabine also ich kochte immer vernünftig, aus frischen Zutaten. Das war wie Heizung im Winter: immer da, fällt erst auf, wenns fehlt.
Dazu Katrins chaotischer Lebensstil: Schals hingen über Stuhllehnen, Kosmetik verstreut im Bad, das Handy plärrte um jeden Uhrzeitpunkt, sie telefonierte laut und ausdauernd.
Jürgen war ein Ordnungsfanatiker. Dreiundzwanzig Jahre lebte er in klaren Strukturen: Abendbrot um sieben, Socken sortiert, alles an seinem Platz. Früher langweilte ihn das. Jetzt erschien es ihm als Luxus.
Laut sagen konnte er das nicht. Gerade erst hatte er seinen alten Alltag ja Käfig genannt.
April, Mai, Juni.
Ich male jeden Abend. Erst eine Stunde, dann zwei, dann merke ich manchmal, dass es schon Mitternacht ist. Ich buche einen Online-Malkurs, nicht teuer, aber gut: der Kursleiter, ein ruhiger älterer Mann mit Bart aus München, erklärt geduldig, lobt nicht zu viel, tadelt nie grundlos. Setzt Hausaufgaben ins Chatforum.
In der dritten Woche schreibt mir eine Teilnehmerin privat: Sie haben ein tolles Farbgefühl. Ich antworte schlicht Danke, muss aber noch lange darüber nachdenken.
Im Mai kaufe ich eine Staffelei. Günstig aus Holz, etwas wackelig, aber sie reicht. Ich stelle sie ins Fensterzimmer. Jürgen hat seinen alten Schreibtisch mitgenommen, jetzt ist Platz. Ich decke den Boden mit Wachstuch ab und richte mir so etwas wie ein Atelier ein klein, eng, aber meines.
Im Juni gehe ich zum ersten Mal in einen realen Malkurs. Die Studioräume sind im Souterrain eines Gründerzeithauses, es riecht nach Terpentin. Acht Leute: zwei Rentner, drei Frauen um die fünfzig, drei junge Mädchen, die anscheinend aus Trendgründen dabei sind. Die Kursleiterin, Frau Nonnenmacher man nennt sie nur Nonna ist winzig, älter, ihre Hände stets voller Farbflecken.
Am Ende fragt sie mich:
Sie haben lange nicht gemalt?
Bestimmt fünfzehn Jahre.
Man siehts. Aber die Hand erinnert sich. Machen Sie weiter.
Das tue ich.
Im Kurs gibt es Bekanntschaften. Keine Freundschaften, noch nicht, aber Menschen, die ich wöchentlich sehe, mit denen ich mich über Farben austauschen kann. Das reicht, um sich weniger allein zu fühlen.
Claudia schaut alle zwei Wochen vorbei, sieht sich meine Bilder an, sagt, wenn ihr etwas gefällt oder nicht. Manchmal: Das ist schön. Manchmal: Sieht das Dach nicht seltsam aus? Ich schätze beides.
Ich sehe anders aus nicht absichtlich. Ohne ständig an fremde Hemden und Wünsche zu denken, kommt mein eigenes ins Bild. Ich lasse meine Haare kurz schneiden, weil ich es will. Kaufe mir ein Leinenhemd in grünem Tee-Farbton und wundere mich selbst, wie gut es mir steht.
Im Sommer gerät Jürgen in finanzielle Engpässe. Davon erfahre ich nichts. Mit Katrin ist das Leben viel teurer als erwartet. Sie verdient gut, gibt aber noch besser aus. Das gemeinsame Geld reicht kaum. Zum ersten Mal seit Jahren merkt Jürgen: Er lebt über seine Verhältnisse.
Im Juli schlägt Katrin einen Auslandsurlaub vor. Jürgen sagt, das geht nicht. Sie schaut erstaunt. Es gibt Streit. Keine laute Trennung, aber etwas kippt. Sie sieht ihn jetzt anders er ist nicht der ungehemmte Lebemann, den sie erwartet hatte, sondern kommt doch mit seinem Alltag nicht klar. Die Bürde der Sicherheit ist also mit umgezogen.
Im August male ich ein großes Bild, 40 x 60. Hamburger Hinterhof, Abend, Laterne, Bank niemand drauf. Nur Raum, bläuliche Luft, Fensterlicht. Nonna schaut es an und sagt: Das ist jetzt keine Übung mehr, das ist ein Gespräch.
Die Kursteilnehmerin entpuppt sich als Gisela aus Lübeck, 58, früher Laborantin, jetzt in Rente. Wir schreiben oft, zeigen unsere Werke, telefonieren manchmal. Sie ist direkt, aber stets freundlich.
Eines Tages schreibt sie: Sabine, deine Bilder könnte man verkaufen. Es gibt Plattformen, schau mal!
Ich schaue. Eine Seite namens ArtBox, wo Hobbymaler ihre Werke anbieten. Ich registriere mich, fotografiere vier Bilder, schreibe kurze Texte. Die Preise legt Gisela fest: nicht zu billig, nicht zu teuer.
Im September kauft jemand ein Bild. Klein, 20 x 20. Eine Frau aus Nürnberg fragt: Könnten Sie das mit mehr Herbstfarben malen? Ich tue es, bekomme Geld überwiesen. Kein Vermögen, aber mein eigenes, für etwas aus meinen Händen.
Ich rufe Claudia an.
Claudia, jemand hat mein Bild gekauft.
Echt jetzt?
Ehrlich.
Sie schweigt kurz.
Sabi. Du bist ich freue mich so für dich.
Ich lege auf, sitze lange auf dem Sofa. Ich springe nicht, jubele nicht. Es ist ein warmes, stilles Glück.
Im Herbst wird Jürgens Leben noch mühseliger. Katrin nimmt ein Jobangebot in Köln an, bietet ihm an mitzukommen. Er will nicht. Hamburg, seine Arbeit, sein erwachsener Sohn sind hier. Erst sagt Katrin: Ich habe Verständnis, später wiederholt sie immer öfter, dass sie sich woanders eine Zukunft vorstellt. Sie will Freiheit. Sie ist jung ihr gutes Recht.
Jürgen hört zu und denkt plötzlich, er kennt die Situation von irgendwoher. Nur stand er früher auf der anderen Seite.
Im Oktober trennen sie sich. Katrin geht Jürgen bleibt in der Mietwohnung, muss die nun allein zahlen. Es ist unbequem in jeder Hinsicht.
Ich erfahre davon nichts. Mein Telefon bleibt still außer den knapp gehaltenen Nachrichten zu Versicherungen und so weiter.
Der Winter vergeht mit Arbeit. Im November schlägt Nonna vor, drei Werke für eine kleine Gemeinschaftsausstellung in der Kursstudios zu zeigen. Ich sage zu und bereue sofort. Was, eine Ausstellung? Menschen werden hinschauen. Richtig talentierte Leute sind darunter.
Ich erzähle es Gisela.
Ach du, sagt sie, glaubst du, dort hängt Rembrandt? Das ist ein Kurs für Laien. Geh hin!
Ich gehe hin.
Bei der Vernissage stehen dreißig Leute. Eltern, Bekannte, einige der Künstlerin Nonna, zwei Lokaljournalisten des Stadtteilblatts. Einer betrachtet lange mein Hinterhof-Bild, kommt zu mir:
Ist das Ihres?
Ja.
Kann ich ein Foto für einen Artikel machen?
Natürlich.
Und ein paar Worte über Sie?
Ich antworte kurz. Der Artikel erscheint, wird mehrfach geteilt. Auf ArtBox bekomme ich mehr Follower. Dann meldet sich eine Frau, sie dekoriert ein kleines Café im Grindel. Ob ein Auftrag möglich wäre?
Es ist Dezember.
Ich nehme den Auftrag an.
Arbeite daran bis Januar. Drei Leinwände, ein Gefühl: Stadt am Abend, warme Fenster, leere Straßen nicht einsam, sondern still stehend. Die Café-Besitzerin sagt: Das ist genau, was ich wollte, ohne es erklären zu können.
Das Café heißt Wolken, und man sitzt dort wirklich gern.
Im Februar meldet sich Jürgen. Nicht geschäftlich. Sabi, können wir uns treffen? Einfach reden.
Ich starre lange aufs Handy. Dann schreibe ich: Nicht jetzt. Ich bin beschäftigt. Und das stimmt.
Jürgen schreibt: Verstehe. Das wars.
Ich denke nicht viel weiter darüber nach. Ich gehe zum Kurs, dann auf den Markt, dann nach Hause zu meiner Staffelei. Mein Leben ist voll von eigenen Dingen.
Im Frühling passiert Unerwartetes. In der Stadt findet eine Kunstmarkt-Messe statt, so ein Handmade-Bazar. Nonna schlägt vor, der Kurs solle einen eigenen Stand machen. Ich will mitmachen.
Ich bringe acht Arbeiten. Baue sie auf. Es ist Samstag, gutes Wetter, viele Menschen schlendern durch die Stände. Bis zwei Uhr habe ich drei Bilder verkauft es fühlt sich richtig an.
Um vier sehe ich Jürgen.
Er kommt auf mich zu zuerst merkt er mich gar nicht. Trägt Mantel, sieht etwas dünner aus. Läuft langsam, hat keinen Grund zur Eile.
Dann sieht er mich.
Bleibt stehen.
Wir sehen uns an, und ich denke: Sag jetzt etwas Banales. Irgendwas Nettes, dann kann man auseinandergehen. Doch Jürgen kommt näher.
Hallo, sagt er.
Hallo.
Er bleibt beim Stand stehen, schaut alle Bilder an. Stück für Stück, ohne zu hetzen.
Das hast du gemalt?
Ja.
Schön.
Danke.
Pause. Jürgen wiegt sich auf den Füßen.
Du siehst gut aus, sagt er.
Du auch.
Das ist gelogen; eigentlich sieht er ausgemergelt aus, nicht schlecht, aber weniger als früher. Nicht kleiner, nein. Nur anders.
Sabi… Er hält inne. Wie gehts dir?
Gut. Ich arbeite, male. Siehst du ja.
Ich sehs. Pause. Ich Katrin und ich sind getrennt.
Das wusste ich nicht.
Seit Herbst schon. Sie ist nach Köln gegangen.
Ich nicke. Schaue ihn an und fühle nichts von dem, was man vielleicht erwarten müsste. Kein Triumph, kein Mitleid. Nur ruhiges Zusehen.
Sabi, sagt er und in seiner Stimme schwankt etwas, sodass ich weiß, wohin es geht , ich hab viel nachgedacht. Über uns. Wie alles lief. Ich war wohl… na du weißt schon
Ich weiß.
Ich vermisse dich. Ehrlich.
Ich starre an ihm vorbei. Irgendwo glaubt ein Kind zu kichern, es ruft nach der Mutter das Leben geht weiter.
Jürgen, sage ich ruhig, ich bin dir dankbar, dass du gekommen bist.
Dankbar?
Ja. Erinnerst du dich, was du damals im März gesagt hast, bevor du gingst? Du bist nun frei. Freu dich.
Er zieht die Brauen zusammen.
Weiß ich noch.
Dafür danke ich dir ehrlich. Wäre es nicht so gekommen, wäre ich heute nicht hier. Hätte nicht wieder gemalt. Hätte nie diese Menschen kennengelernt. Nie den Café-Auftrag bekommen. Du hast mir Flügel gegeben, Jürgen. Nicht absichtlich, weiß ich. Aber trotzdem danke.
Er schweigt.
Zurück will ich nicht, sage ich schlicht. Nicht aus Trotz. Da ist nichts mehr zum Zurückkehren. Ich bin ein anderer Mensch jetzt. Nicht besser, nicht schlechter. Einfach neu.
Sabi
Alles gut, Jürgen. Geh. Auch bei dir wird es weitergehen.
Er bleibt noch kurz, dann murmelte er:
Du warst nicht so.
Ich weiß.
Er geht. Ich sehe ihm nach, bis er in der Menge verschwindet. Dann drehe ich mich um. Eine Frau mit kleiner Tochter kommt an meinen Stand. Das Mädchen zeigt auf ein Bild.
Guten Tag, sage ich. Möchten Sie näher schauen?
Ja, bitte. Das da gefällt meiner Tochter. Ist das mit der Katze im Fenster?
Ja, das habe ich als Letztes gemalt, die Katze kam spontan dazu.
Gut, dass Sie sie gemalt haben. Die Frau lächelt. Was kostet das?
Während ich ihr Bild bespreche, den Preis nenne, die Daten aufschreibe und die Leinwand einpacke, kommen schon die nächsten zwei Leute. Dann noch jemand. Dann schaut Nonna kurz vorbei, sagt leise: Frau Vogel, Julia möchte Sie am Nachbarstand sprechen, jemand will sich vorstellen.
Ich sage: Kommt sofort.
Ich gehe zwischen den Ständen hindurch, Aprilsonne im Rücken, Stimmen, Lachen, Gespräche, und alles ist voll Leben.
Jürgen steht am Ausgang der Messe. Er sieht sich planlos um. Die Wohnung, die er gemietet hat, ist leer. Abendessen muss bestellt werden, denn kochen kann er kaum. Am Wochenende wird es besonders still dort.
Er kauft sich einen Kaffee im Becher, schlendert über die Straße. Ohne Ziel.
Julia, hallo, sage ich an Julianas Stand. Wer will mich kennenlernen?
Da, Julia deutet auf eine etwa 45-jährige Frau mit kurzen roten Haaren, das ist Frau Bernstein, sie macht Kunsttherapie und sucht eine Künstlerin für ein Projekt.
Sehr erfreut, sage ich. Worum gehts?
Frau Bernstein beginnt zu erzählen. Ich höre zu. Draußen ist April, aber nicht mehr derselbe April, wie vor einem Jahr.
Die Frage von damals, als ich über dem Teefleck stand: Was ist Freiheit? Geschenk oder Strafe? Gut oder schlecht? Ich weiß es nicht. Ich lebe einfach. Und das scheint mir plötzlich zu reichen.
Frau Bernstein spricht, ich nicke, und hinter mir fällt Aprilsonne auf meine Bilder, die Leute um mich gehen umher, lachen, reden, und irgendwo in der Stadt schlendert Jürgen mit seinem Pappbecher Kaffee. Jeder von uns hat jetzt seinen eigenen April, und niemand weiß, was auf ihn zukommt.
Vielleicht ist das alles, was zählt.





