Gestern habe ich meinen Nachbarn Martin um eine Bohrmaschine gebeten. Er öffnete die Tür in Jogginghose und T-Shirt, freundlich wie immer:
Komm ruhig rein, ich habe gerade Abendbrot gegessen.
Ich trat ein. Seine Wohnung war blitzsauber, in der Küche roch es nach gebratenem Hähnchen. Auf dem Tisch stand ein Laptop, daneben ein Glas Rotwein.
Martin ist einundfünfzig Jahre alt. Seit zwölf Jahren geschieden. Lebt allein. Arbeitet als Ingenieur, verdient knapp viertausend Euro netto.
Ich kenne ihn seit fünf Jahren seitdem ich in diesem Haus wohne. Ich habe ihn nie mit einer Frau gesehen. Nicht einmal Besuch von einer.
Er gab mir die Bohrmaschine, schenkte Whisky ein:
Setz dich doch. Ist lange her, dass wir gesprochen haben.
Wir setzten uns in die Küche, tranken einen Schluck.
Ich fragte:
Martin, warum bist du allein? Suchst du niemanden?
Er schmunzelte, fast wehmütig:
Ich suche nicht aktiv. Weißt du, Thomas, ich lebe seit zwölf Jahren solo. Und ich habe gemerkt: Es geht mir so besser.
Wieso?
Er schenkte nochmal nach, lehnte sich zurück:
Ich erzähle dir sechs Gründe. Alle hab ich am eigenen Leib erfahren.
Erster Grund Risiko der finanziellen Vernichtung bei Scheidung
Martin begann:
Vor zwölf Jahren habe ich mich von Petra scheiden lassen. Nach achtzehn Jahren Ehe. Wir haben eine Tochter, die ist achtundzwanzig, wohnt alleine.
Er trank einen Schluck:
Die Trennung kam wegen ihrer Affäre. Ich habe sie mit einem Kollegen erwischt. Dann war klar: Schluss.
Und dann?
Das Gericht hat die Eigentumswohnung halbiert. Obwohl ich fast alles abbezahlt habe. Am Ende: Wohnung verkauft, Geld geteilt, ich habe mir von meinem Anteil diese Einzimmerwohnung hier gekauft.
Er sah mich ernst an:
Thomas, ich habe durch Petras Untreue die Hälfte meines Besitzes verloren. Und das ist hier rechtlich völlig normal. Ich habe das Haus bezahlt, sie hat betrogen und sie bekommt trotzdem die Hälfte.
Naja, so läufts eben…
Genau. Und warum sollte ich das nochmal riskieren? Stell dir vor: Ich treffe wieder eine Frau, wir ziehen zusammen, heiraten, kaufen ein Auto. Wer garantiert mir, dass es nicht wieder schiefgeht? Dann verliere ich erneut alles. Wozu?
Ich schwieg. Martin fuhr fort.
Zweiter Grund Frauen unterstützen Männerträume nicht
Weißt du, Thomas, ich habe einen alten Traum. Ich will mir ein restaurationsbedürftiges Motorrad kaufen. Selber dran schrauben, am Wochenende Ausflüge machen.
Klingt doch super!
Eben. Ich spare schon ein Jahr. In einem halben habe ich das Geld für eine BMW R75 aus den Siebzigern. Das bastle ich dann selbst wieder auf.
Er trank einen Schluck Wasser:
Als ich verheiratet war, hatte ich auch Träume. Ich wollte Gitarre lernen, kaufte mir eine, meldete mich zu Kursen an. Petra: Was soll das? Du bist vierzig, du bist kein Udo Lindenberg. Ich habe’s wieder gelassen. Wollte mal auf der Lahn paddeln gehen sie: Bist du verrückt? Wir haben einen Kredit laufen, du glaubst, du bist im Ferienlager. Also geblieben.
Er sah aus dem Fenster:
Frauen halten unsere Träume oft für Kinderkram. Jetzt mache ich, was ich will. Niemand lacht über meinen Plan.
Dritter Grund Überhöhte Ansprüche vieler Frauen
Martin schüttelte den Kopf:
Vor drei Jahren hab ich es mal mit Online-Dating versucht. Profil ehrlich ausgefüllt: Alter, Job, Gehalt, Hobbys.
Und?
Mit einigen geschrieben. Eine, Sabine, sechsundvierzig, Sekretärin, verdient zweitausend Euro. Schrieb mir: Sie sind interessant, aber ich suche einen Mann, der mindestens fünftausend verdient.
Er lachte bitter:
Ich fragte: Und wie viel verdienen Sie? Antwort: Wurde blockiert.
Ehrlich?
Na klar! Viele Frauen heute halten sich für Prinzessinnen. Verdienen zwei-, vielleicht dreitausend Euro, leben zur Miete und erwarten einen Mann mit Haus, Auto, tollem Gehalt bieten selbst kaum was an außer weiblicher Ausstrahlung.
Er leerte das Glas:
Ich habe Wohnung, Auto, gutes Einkommen. Für viele bin ich trotzdem ein Versager. Kein Millionär halt. Warum soll ich Leuten gefallen, die mir nie gerecht werden?
Vierter Grund Sie können keinen Haushalt führen
Ich fragte:
Aber fehlt dir nicht die Gemütlichkeit, die Gesellschaft?
Martin lachte:
Thomas, schau dich um: Alles sauber? Ich putze einmal die Woche, dauert kaum eine Stunde. Koche selbst heute Hähnchen mit Gemüse, halbe Stunde. Waschen? Macht die Maschine.
Er stand auf, zeigte stolz seinen Herd:
Ich brauche niemanden, um meinen Alltag zu meistern. Weißt du, wie viele Frauen heutzutage gar nicht mehr richtig kochen können? Die Hälfte! Bestellen Pizza oder essen Fertigzeug.
Aber gute Hausfrauen gibts doch noch…
Sicher. Aber warum brauche ich eine, wenn sie im Gegenzug totale Versorgung will? Dann koche ich lieber selbst.
Fünfter Grund Angst vor Manipulation und Betrug
Martin schenkte nach.
Thomas, nach der Scheidung hatte ich zwei kurze Geschichten mit Frauen. Beide haben gelogen.
Wie denn?
Die eine, Andrea, meinte, sie ist geschieden. Wir trafen uns ein paar Wochen stellte sich raus, sie war verheiratet, wollte nur einen Nebenbuhler, weil ihr Mann zu wenig verdient.
Er nahm einen tiefen Schluck:
Die zweite, Bettina, sagte, sie hätte keine Kinder. Zwei Monate später kam raus: Sie hat zwei, hat sie nur nie erwähnt. Damit ich nicht gleich weglaufe.
Wow…
Genau. Mir reichts. Lügen, Verschweigen das scheint heutzutage normal zu sein. Und dann wundern sie sich, warum wir misstrauisch sind.
Sechster Grund Strafe für Eigeninitiative
Martin lehnte sich im Stuhl zurück, fast resigniert:
Letztes Jahr hab ich es noch mal gewagt, Kontakt aufzunehmen. In einer Buchhandlung. Da stand eine reizende Frau, bestimmt um die fünfundvierzig, stöberte bei den Klassikern.
Und?
Ich habe sie angesprochen: Guten Tag. Sie lesen wohl gerne klassische Literatur? Kann ich was empfehlen? Sie sah mich an wie einen Verbrecher. Antwortete kühl: Danke, ich komme zurecht. Und war weg.
Er grinste verbittert:
Thomas, jede männliche Initiative gilt heutzutage als übergriffig. Spreche ich sie an ein Stalker. Schreibe ich eine Nachricht creepy. Frage ich nach einem Kaffee werde ich ausgelacht.
Aber nicht jede ist so…
Natürlich nicht. Aber die meisten. Ich habe keine Lust mehr, Körbe zu sammeln und mich wie der letzte Idiot zu fühlen. Wenn eine Frau wirklich Interesse hat, kann sie das zeigen. Ich renne keinem mehr hinterher.
Warum ich nachdenke und was ich verstanden habe
Martin trank sein Glas aus, sah mich lange an:
Thomas, ich sage nicht, dass alle Frauen schlecht sind. Aber die, die es wert sind, findet man selten. Und wenn man sich irrt, zahlt man mit Geld, Zeit, Nerven.
Er erhob sich langsam:
Ich bin einundfünfzig. Habe einen guten Job, eine eigene Wohnung, Auto, Hobbys, Freunde. Ich bin zufrieden. Wozu sollte ich dieses Glück aufs Spiel setzen für etwas, das sehr wahrscheinlich mit Streit, Trennung und Verlust endet?
Ich ging nach Hause, legte mich ins Bett und dachte an seine Worte.
Ich bin neunundvierzig. Seit dreiundzwanzig Jahren verheiratet. Läuft gut. Aber wäre ich allein würde ich seinen Weg wählen?
Wahrscheinlich ja.
Hat Martin recht weil er die Angst vor Verlusten nicht überwinden will, oder ist er einfach nur feige?
Ist ein Mann nach einer Scheidung wirklich ruiniert, selbst wenn die Frau fremdgegangen ist?
Ist es nachvollziehbar, dass ein Mann mit fünfzig auf Beziehungen verzichtet, weil der Preis einer Fehlentscheidung zu hoch ist? Oder ist das bloß Egoismus?
Und ist es wahr, dass Frauen Träume nie ernst nehmen oder suchen sich Männer einfach die falsche?




