Die Mitfahrerin
Lars saß schon lange in seinem Auto, nippte an seinem Kaffee, schaute hinaus, wie draußen unaufhörlich der Schnee fiel, sich auf der Motorhaube sammelte, die Frontscheibe zudeckte und an den Außenspiegeln festfror. Es war schön. Richtig weihnachtlich. Wäre da bloß nicht dieses miese Gefühl im Bauch… Nach einem weiteren Schluck Kaffee gab Lars Nina im Geiste recht wie oft hatte sie ihm gesagt, der Kaffee aus den Automaten sei nichts als Gift.
Kaffee, mein lieber Lars, den holt man sich nur im Café und am besten dort, wo wir schon immer hingehen. Ein guter Kaffee muss anregend sein, ausgewogen im Geschmack, nicht bitter und verbrannt! Ich erklärs dir doch schon seit Jahren… In dem Moment machte sie immer eine wegwerfende Handbewegung und drehte sich weg. Eigentlich drehte sie sich immer weg von ihm. Kaum lief etwas schief, schürzte sie die Lippen, zeigte ihm ihren Hinterkopf und atmete so schwer, als wäre sie die 100-Meter-Bahn im Sprint gelaufen. Wie ein Kind, ehrlich! Wäre es denn so schwer zu sagen, was los ist, warum es wieder nicht geklappt hat, warum er, Lars, seine Königin verärgert hat? Aber Hauptsache, sie schiebt eine dramatische Pause ein, richtig nach Theaterart. Am besten so lange, bis sie selbst nicht mehr weiß, weshalb sie schmollt…
Auch heute wieder. Kaum hatte Lars die Wohnung betreten, da wartete Nina am Türrahmen, atmete tief aus und ignorierte ihn. Was war passiert? Wieso wieder schlechte Stimmung?!
Nini, Liebling, ich hab uns einen Kuchen mitgebracht! versuchte Lars sie aufzumuntern. Aber daraus wurde nichts… Der Kuchen landete auf dem Balkon. Wenigstens nicht am Fenster draußen. Sie würdigte nicht einmal, dass es ein Kirschkuchen war, ihr Lieblingsgeschmack. Und Lars, ganz der heimkehrende Held, blieb unbeachtet, dabei war er völlig erschöpft, hatte sich am Finger geschnitten, provisorisch mit blauer Isolierbandage verbunden… Nina, was ist denn jetzt schon wieder los?
Sie schwieg. Schaltete nur das Licht in der Küche ein und aus. Lars runzelte die Stirn, dann schlug er sich an die Stirn. Die Glühbirnen! Seit Tagen versprach er, die zu besorgen. Aber das waren besondere, die gab es nicht überall dafür musste man in einen Baumarkt fahren.
Nini, sagte er mit sanfter Stimme und näherte sich ihr, strich über ihre Schultern. Nina, wie wäre es, wenn wir ein Dinner bei Kerzenschein machen? Du, ich, Flammen… Und dann… Er küsste sie in den Nacken. Sie zuckte zusammen. Dann wird es zwischen uns auch wieder heiß. Richtig schön, oder?
Ach ja? ihre Augenbrauen schnellten nach oben. Offensichtlich war Nina bereits lichterloh entflammt nur nicht auf die Art, die Lars sich erhoffte. Und ich darf dann im Halbdunkel kochen, was? Hast du auch Isolierband für alle zehn Finger? Einen Kochlöffel in jeder Hand? Und überhaupt, ich koche heute nicht. Ich glaube, du willst nur deinen Bauch vollschlagen. Wo warst du eigentlich? Wo warst du bitte so lange?
Sie knallte die Küchenschublade zu das Besteck klirrte. Lars seufzte. Langsam reichte es. Er war es leid! Dieses ganze Leben steckte wie ein Kloß im Hals! Allein war alles viel einfacher, gemütlicher… Nina kam früher nur ab und zu in seine Bude, umsorgte ihn, kochte was Leckeres und verschwand dann wieder. Kein Streit, kein Drama. Nun… sie war eingezogen, meinte aber, heiraten wolle sie auf keinen Fall lieber einfach so zusammenleben. Lars war erst empört gewesen, wollte sein Glück offiziell machen, doch Nina hatte nur gelacht: Was soll das?! Ich will frei sein, und das in jeder Hinsicht! Also zusammenleben oder ich bin weg!
Und jetzt schrie diese freie Frau durch die Küche, stampfte mit den Füßen, rechnete Lars alles Schlechtes als Mann vor: er könne nichts, sei im Haushalt eine Null, bekomme noch nicht mal die Leiste im Wohnzimmer hin usw.
Zwischen ihnen lief es schon lange nicht mehr gut. Aber Schluss machen, das war schwer… Es zuzugeben, hieß das bittere Ende einzugestehen. Beide klammerten sich an die letzten Funken, spielten das Pärchen für die Welt, aber von Liebe keine Spur mehr. Lars spürte es kaum, Nina dafür umso deutlicher daher ihr ständiges Gekribbel…
Dann verzieh dich! fauchte sie zum Schluss und drehte sich weg. Ich kann nicht mehr. Geh endlich. Ich krieg keine Luft mehr mit dir in der Wohnung!
Stille. Die Luft im Raum schien festzustecken.
Dann griff Lars nach seiner Umhängetasche, zog den warmen, gefütterten Leder-Wintermantel über und ging zur Tür.
Lars! Wo willst du jetzt mitten in der Nacht hin?! Nina stürzte hinter ihm her, nur im dünnen Hausmantel, die schlappen Hausschuhe mit plüschigen Pompons schlappten auf den Stufen. Lars, komm zurück! Ich sag doch, du sollst bleiben!!
Ich verschwinde! rief er zurück und verschwand im Schneetreiben…
Stundenlang quälte er sich im Stau am Stadtrand von München entlang, dort, wo sich der riesig leuchtende Baumarkt Licht & Leben wie ein Raumschiff ins Gewerbegebiet schob. Hier gabs von der Schraube bis zu Badewanne einfach alles. Und natürlich Glühbirnen.
Lars schlenderte durch die Halle, blieb bei den Rasenmähern stehen, betrachtete einen, nahm sich vor, sich so einen mal fürs Schrebergärtchen zu gönnen, bog dann zu den Elektroteilen ab. Nina versuchte er auszublenden. Sollte sie doch in Freiheit leben, dann will er das jetzt auch. Soll sein.
Nur Glühbirnen? Wie viele brauchen Sie denn? gähnte die Kassiererin.
Fünfzig. Für alle Fälle, sagte Lars steinern.
Sie packte alles ein, wünschte ihm mit einem kleinen Lächeln einen schönen Abend.
Ja, einen wirklich schönen! erwiderte Lars, nickte und stapfte nach draußen.
Vielen Dank, kam es unerwartet echt von ihr zurück. Sie freute sich schon auf einen Abend mit Wein, Käse, Trauben bei ihrer Freundin, ein paar deutsche Komödien schauen…
… Gerade wollte Lars den letzten Schluck seines schlechten Automatenkaffees nehmen, da fiel ihm rechterhand Hektik auf.
Vor einem SUV kramten zwei Menschen, Mann und Frau vermutlich. Der Mann schrie, rief wild gestikulierend, knallte die Autotür, die Frau schleppte hektisch Boxen aus dem Kofferraum, warf sie wieder zurück, klammerte sich dann an seinen Hals, redete auf ihn ein. Er stieß sie weg, knallte wieder Türen, trat mit dem Fuß gegen ein Rad.
Lars beobachtete mit, wie sich der Haufen an Kartons und Beuteln bei der Frau am Straßenrand im Schnee auftürmte; schon wich ein Teil des Schnees darauf nicht mehr vom letzten Schneefall. Der Mann sprang schließlich wieder ins Auto, trat aufs Gas und fuhr los ein Guss schmutzigen Schneematsches flog auf die erstaunte Frau, dann war er weg.
Erst starrte die Frau ihm nach, dann hob sie etwas aus dem Schnee. Ein Blumentopf, irgendwas Exotisches. Sie schob das Pflänzchen schützend unter die Daunenjacke, zog den Kragen hoch.
Zwei Minuten später telefonierte sie, wohl um ein Taxi zu rufen. Ohne Erfolg. Die Einkäufe verwandelten sich in einen festen Schneebrocken, die Frau tanzte leicht fröstelnd auf der Stelle.
Gerade wollte Lars nach Hause fahren, da kam eine Nachricht von Nina eine kurze, böse SMS, zum Schluss noch ein sarkastischer Gruß.
Er warf das Handy ins Handschuhfach, schaltete das Navi ein und fuhr zu der frierenden Fremden.
Er senkte das Fenster, fragte:
Brauchen Sie eine Mitfahrgelegenheit? Oder schaffen Sie es noch, ein Taxi zu bekommen?
Wie bitte? fragte die Frau, zog die Kapuze zurück und das Ohr ihrer Mütze vom Gesicht. Reden Sie mit mir?
Ja. Ich kann Sie mitnehmen, sagte Lars, sich selbst verwundert.
Nein, wirklich nicht nötig… Das ist weit. Die Taxifahrer wollen da gar nicht raus. Ich warte lieber auf einen Bus…
Sie beide blickten auf den Haufen im Schnee. Die Frau seufzte.
Ich bezahle Ihnen die Fahrt, sagen Sie einfach, wie viel Sie möchten! beinahe den Tränen nahe. Aber es ist wirklich weit, das ist Ihnen sicher zu umständlich!
Lars stieg aus, öffnete den Kofferraum. Suchte in der Manteltasche nach Handschuhen, merkte, dass sie im Laden liegen geblieben waren, und griff entnervt mit bloßen Händen in den Schnee.
Ja, ja… Da sind Kisten. Vorsicht, das ist zerbrechlich… die Frau half ihm unruhig. Hier, das ist eine Lampe. Und das da Geschirr, bitte und…
Setzen Sie sich einfach ins Auto! wies Lars sie an. Es ist geheizt, Sie werden sich aufwärmen.
Die Frau zuckte die Schultern und kletterte hinein, dann schob sie sich nochmal vor.
Darf ich vorne sitzen? Um die Richtung zu zeigen…
Natürlich! rief Lars, etwas Schweres in der Hand. Immer alles so mühsam! brummte er leise. Das hatte früher seine Oma gesagt.
Als alles verstaut war, stieg Lars auch ein, klopfte sich den Schnee von den Hosenbeinen, nahm die Mütze ab, fuhr sich durchs Haar und drehte sich zur Mitfahrerin.
Wohin denn genau?
Nach Zellingen… antwortete sie leise. Aber Sie werden doch sicher schon zu Hause erwartet…
Zellingen? Niemand wartet. So… Er suchte nach dem winzigen Zellingen im Navi, der Rechner hackte sich ab, lieferte dann einen langen Schleichweg. Lars pfiff leise.
Ich sagte ja, es ist weit. Die Taxifahrer mögen das nicht. Und für Sie ist es sicher auch zu viel, oder? stammelte die Frau, zog ihren Blumentopf hervor und schwieg. Sie betrachtete ihn wie ein Kind, das sie unter Schmerzen geboren hatte und nun heilend im Arm hält. Lars blinzelte, erkannte: Kalanchoe. Die wenigsten Männer wissen mit Pflanzen was anzufangen, aber seine Mutter hatte mal ein Blumengeschäft, dabei hatte er viel gelernt.
Sie mögen die? deutete er auf den Topf. Sie sind anspruchsvoll, brauchen dunkle Phasen, sonst blühen sie nie.
Danke für den Tipp. Aber die ist für meine Mutter… sagt die Frau endlich. Ich heiße übrigens Annalena.
Lars…
Sie kämpften sich aus München hinaus. Lars schwieg, Annalena schaute aus dem Fenster, seufzte. Dann klingelte ihr Handy. Sie stellte den Blumentopf auf die Knie und antwortete.
Mama, hallo. Ich bin unterwegs. Es dauert, die Straßen sind zugeschneit. Ist alles ok?
Lars hörte das Piepen der Stimme aus dem Hörer, Annalena nickte und lächelte.
Gut. Hör dir ein Hörbuch an, aber fang nicht wieder an zu werkeln, bitte. Schon dich, wirklich du wirst dir sonst noch die Augen verderben! Ich bringe dir übrigens eine Überraschung mit! Warte einfach, ja?
Wieder ein Piepsen.
Küsschen, Mama! Und bitte warte heute nicht auf das Auto von uns. Paul ist damit weg. Ich erklär dir später alles. Bis nachher, Mama!
Annalena steckte das Handy weg. Lars räusperte sich.
Sie wohnen also in Zellingen? Ist das eine Stadt?
Nein, ein Marktflecken. Ich weiß, der Name klingt komisch. Aber dagegen kann ich nichts machen… Zellingen bleibt Zellingen.
Lars schüttelte den Kopf. Ihm war das Landleben fremd. Weder Dörfer noch kleinen Städte gefielen ihm. Das ist typisch Großstadt-Snobismus, Lars!, hatte Nina immer gesagt. Dort sind auch Menschen. Wunderbare Häuser, Kultur, Geschichte!
Lars nickte dann zwar, doch empfand es trotzdem anders. Nina verstand einfach nicht, was ihn an den schiefen Fassaden, den uralten, abgerockten Mauern störte, an Straßen, die nie neuen Asphalt gesehen hatten. Was ist schlecht an kleinen Dorfkirchen und alten Friedhöfen? Sie glaubte, Lars schäme sich einfach für andere Regionen, halte sich für was Besseres als Münchner.
Hier aber, das war etwas ganz anderes…
Zellingen… Wie sind Sie denn da gelandet? entfuhr es Lars. Er hätte nie gedacht, dass Annalena aus so einem Ort stammte.
Lange Geschichte. Stört es Sie etwa, dorthin zu fahren? Ich kann auch aussteigen, mir ein anderes Auto suchen , sie wurde hektisch, hakte die Jacke zu, band die Mütze fester. Die pelzigen Ohren baumelten wie bei einem Spaniel, als sie die Schleife löste.
Nein, nein. Meine… Ex-Freundin warf mir immer vor, ich würde das Land nicht wertschätzen. Doch eigentlich leide ich einfach mit all den Leuten dort mit. Oft versteh ich nicht, wie sie es dort schaffen keine Infrastruktur, kein Krankenhaus, nicht mal ein anständiger Supermarkt… Es macht mich traurig, wenn tolle alte Gebäude einfach vergammeln. Und da ichs nicht ändern kann, fahr ich eben selten raus, schaus mir nicht an, reiß mir nicht das Herz aus. Mein Vater war Architekt. Hat vor allem Häusle gebaut, manchmal größere Sachen. Bei uns daheim gabs haufenweise Architektur-Bücher Fotos von Schlössern, Villen, alten Stiftungen. Ich hab halb Deutschland auf Bildern durchlebt. Jetzt zu sehen, wie vieles vergammelt… das tut weh. Vater hat Spendensammlungen organisiert und dann hat eine Firma alles veruntreut und war verschwunden. Danach hat er nur noch alte Fotos angeschaut und geseufzt. Da hats mich wohl angesteckt…
Lars verstummte. Annalena nickte.
Zellingen ist recht modern, ein früheres Arbeiterdorf vom Werk. Das steht still, aber die Menschen wohnen weiter da. Es ist sauber, einheitliche Häuser, überall dieselben Gardinen. Alte Baukunst gibts kaum noch. Naja, bis auf die alte Kirche. Die ist fast nur noch ein Turm und ein paar Mauern. Meine Mutter geht trotzdem oft dort hin, sagt, das vertreibt ihre schlimmsten Gedanken… und versöhnt sie mit allen. Mir hilft das kaum, ihr schon.
Gibts da etwas, was Sie verzeihen müssen? Lars drehte die Scheibenwischer auf, denn erneut peitschte Schnee aufs Auto. Vor allem glänzte das Licht herannahender Autos, von hinten preschte ein Rettungswagen. Lars wich aus, ließ ihn vorbei, und ordnete sich wieder ein. Sorry, ich hab eben gesehen… wie der Kerl Sie im Schnee stehen ließ. Ex-Mann?
Annalena wurde rot, drehte sich weg. Aber nach kurzem Zögern antwortete sie:
Nein. Bruder. Der Kleine. Sie habens falsch verstanden, er brauchte einfach das Auto. Sein eigenes ist weg, deshalb… Ist nichts, ehrlich.
Nichts? Lars lachte trocken. Entschuldigung, aber so behandelt man keine Schwester. Niemanden behandelt man so. Ich denke, Sie sind ziemlich großzügig mit ihm…
Annalena schüttelte den Kopf.
Er ist so aufgewachsen. Wenn er etwas braucht, bekommt er es. Wir haben ihn verzogen. Er ist sehr klug, sehr gebildet, kann alles… Er…
Ein echtes Schlitzohr, fiel Lars ihr ins Wort. Ich dachte, das wär Ehezoff… Aber so? Und wozu das viele Zeug Lampen, Geschirr und so weiter? Neue Wohnung?
Sozusagen. Meine Mutter ist Schriftstellerin, nicht berühmt, aber gut genug, um davon zu leben. Früher hatten wir eine große Altbauwohnung in der Ludwigstraße, direkt schräg gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Prächtiges Haus. Mein Bruder Paul und ich sind oft durch die Maxvorstadt gezogen, den Künstlern nachgeschaut, Leute beobachtet. Paul stand total auf Touristen wie aus einer anderen Welt. Wollte immer reisen, Kulturen kennenlernen, selbst so ein Exot werden. Paul ist zehn Jahre jünger, als wäre er mein eigenes Kind. Wir haben alles für ihn gemacht, die schrillsten Spielsachen, die modischsten Klamotten. Er war unser kleiner König.
Ein kleiner Hausgott, Lars schaltete den Blinker, zog auf die rechte Spur. Nein, nein er war meiner Mutter einfach besonders wichtig. Als sie ihn bekam, atmete er nicht kein einziger Laut. Mama weinte ständig, Vater und ich konnten nichts tun. Ärzte sagten nichts Genaues, er musste zwei Monate im Krankenhaus bleiben, ist durch eine fiese Infektion gegangen… Als sie ihn endlich heimholten, blühte Mama auf. Sie lachte wieder, schrieb… und für mich war klar: Wenn…
… Paul glücklich ist, dann wird auch Mama glücklich. Und deshalb haben Sie alles für ihn gemacht, sagte Lars.
Sie merken das so schnell, seufzte Annalena. Es lief einfach so ab. Ich habe ihm bei Hausaufgaben geholfen, war immer da, wenn Mama und Papa Termine hatten. Ich hab ihm vorgelesen, ihn überallhin gebracht. Mama freute sich, wie toll Paul war. Und ich?
Was war mit Ihnen? fragte Lars.
Sie unterbrechen mich immer, lächelte Annalena traurig. Natürlich freute sie sich auch über mich. Aber ich war nie am Sterben, ich war klar, erwachsen, ein sicherer Mensch. Kein Grund, mich zu bemitleiden. Eifersüchtig bin ich nicht.
Dann sind Sie anders als ich es erwartet hätte, knurrte Lars, und sein Magen grummelte.
Machen wir das Radio an? schlug Annalena vor, ein Lächeln um die Lippen. Lange Fahrten sind besser mit Musik.
Lars fand das Jazz-Programm.
Mögen Sie das? fragte er.
Annalena zuckte die Schultern.
Sie fahren, also zählt Ihr Geschmack mehr…
Sie war der Typ Frau, der immer nachgibt in der Supermarktschlange, in Jobfragen, bei jedem Streit um die letzte Packung im Regal… Annalena zog sich zurück, anstatt das Leben einzufordern. Sie glaubte, das, was ihr zusteht, käme von allein, man müsse nur warten. Seit Studienende arbeitete sie immer noch auf derselben Position, weil sie nie drängelte. Selbst heute lieh sie Paul das Auto, obwohl sie es selbst eigentlich viel nötiger gebraucht hätte…
Sind Sie immer so? Entschuldigen Sie, so nachgiebig? warf Lars einen Seitenblick.
Sie hätte ihn beschimpfen, mit dem Blumentopf werfen oder sich aussetzen lassen können in der endlosen Schneelandschaft vor dem Fenster… Stattdessen nickte sie nur, beinahe stolz.
Einfach Ja? Wirklich?
Ja, so ist es.
Nina hätte ihn längst getötet, hätte er sowas zu ihr gesagt aber Annalena gestand es einfach ein.
Unbelievable, murmelte er.
Ich habe immer alles abgegeben, für Mama, Papa, Paul. Nun, so gibts wenigstens Frieden zuhause, Harmonie statt Krach, alle sind glücklich! sagte sie kleinlaut, schaut weg.
Für Paul hatte sie das Zimmer geräumt, wohnte bei Oma, später im Studentenwohnheim. Sie studierte Maschinenbau auf Mamas Wunsch, obwohl sie immer Chemie machen wollte. Sie gab immer nach. Das brachte Glück vor allem der Familie. Mama konnte so schreiben.
Wissen Sie, setzte sie an, meine Mutter kann nur in guter Stimmung arbeiten. Sie schreibt, braucht Frieden und Licht. Das ist doch nicht schwer, das zu ermöglichen, oder?
Lars zuckte die Schultern.
Und was schreibt sie? Sie lassen sich aufreiben, erfüllen Wünsche anderer! Sie sind auch jemand Sie sind schön! Ihnen sollte man die Sterne vom Himmel holen, statt immer nur für andere zu funktionieren. Ihr Bruder… Ach, reden wir nicht drüber. Und bitte bestehen Sie nicht auf Aussteigen!
Mama schreibt Märchen, flüsterte Annalena.
Das sieht man… Lars konnte sich nicht mehr halten. Sie haben ihr ein Leben wie im Märchen organisiert, stimmts? Aber wie kamen Sie von der Ludwigstraße bis nach Zellingen? Fiel Ihnen ein Komet auf den Kopf?
Bitte, ich erzähle es Ihnen, wenn Sie es hören wollen sagte Annalena leise trotzig.
Na gut, erzählen Sie. Hinten im Auto, bei dem Werkzeug und den Paketen sind Brezn. Mögen Sie welche? Bedienen Sie sich! Reden Sie.
Wieder gehorchte Annalena. Sie aß leise es wirkte irgendwie heimelig.
Vor kurzem ist unser Vater gestorben, kurz davor hat er die Wohnung auf Paul überschrieben. Ich sagte, lass ruhig Hauptsache er hat es schön. Nach ein paar Monaten meinte Paul, wir sollten teilen zwei Wohnungen draus machen: Er hat ständig neue Freundinnen. Wir konnten ihm keine Eigentumswohnung kaufen, also der Tausch. Paul ist Jurist, hat alles organisiert. Mama hatte gerade ein neues Buch herausgebracht, ich fuhr mit ihr zu Lesungen durch Bayern. Als wir zurückkamen, war alles geregelt. Für Mama und mich eine hübsche Wohnung in Zellingen. Und da hab ichs vermasselt. Ich dachte, das ist ein Stadtteil in Würzburg, so heißt dort eine Straße. Alles bestens, hatte mal eine Freundin dort besucht… Also unterschrieben, wir zogen um und Paul? Der lebt jetzt gleich neben dem Auswärtigen Amt. Aber was hat das mit Weinen zu tun? Ich will da nicht drüber nachdenken…
Sie wurden abserviert, Annalena, von Ihrem eigenen Bruder. Und Sie bedanken sich noch… Ist das nicht absurd? Ich wette, die Wohnung in Zellingen war eine Bruchbude, und jetzt renovieren Sie sie mühsam, was?
Annalena nickte, dann lächelte sie plötzlich:
Wissen Sie, wie wunderbar es ist, neu anzufangen? Ganz von Null! Bei uns waren die Wände kahl, die Elektrik alt, ein Kabel hing von der Decke, eine Glühbirne, Schatten an der Wand… Draußen der Fluss, kein Stein-, sondern Naturufer. Mama hatte sofort drei Ideen für neue Märchen. Sie ist glücklich, einfach glücklich… Ich arbeite im Home-Office, das kann ich überall machen. Praktisch, oder? Was schütteln Sie den Kopf? Ja! Annalena richtete sich auf, ihre Stimme zitterte auf hohen Tönen Ja, ich habe mein ganzes Leben verdaddelt, meine Wohnung, meinen Traumberuf. Ich räume immer für andere frei, mache Nachbarn glücklich! Die Hälfte meiner Einkäufe ist für Freunde und die Schule: Werkzeug, Kaffeemaschine, Farben, Notizbücher das alles ist oft für andere! Ältere brauchen Hilfe, sind ohne Handy hilflos, erschrecken über den Alltag. In der Schule gibts nur wenige Kinder, ich bringe ihnen Farben, Stifte, führe sogar einen kleinen Nähkurs. Sollen doch alle lachen! Ich brauche kein München, keine Ludwigstraße, keinen Paul mit seiner Karre! Von mir aus, er soll glücklich werden. Ich mache, was ich will! Basta! Diskutieren Sie nicht, und schweigen Sie jetzt! Heute Abend kommen Sie mit zu uns, ich stelle Sie meiner Mutter vor, Sie essen bei uns und ich mache anständigen Kaffee, keinen Automatenfraß! Verstanden?!
Sie sah bezaubernd aus, niedlich, und atmete schwer, die Lippen voller Vanillecreme, ein kleiner Milchbart, traurige, aber strahlende Augen, ein freches Näschen. Lars musste sich zwingen, sie nicht zu küssen eigentlich küsst er keine unbekannten Frauen, doch diese Annalena, mit all ihren Taschen, ist nicht irgendeine Frau. Sie ist was Besonderes.
Verstanden. Und jetzt? Wo lang? murmelte Lars.
Da lang. An der Kreuzung rechts, dann über die Schmalspurbahn… Sie blinzelte in die Dunkelheit, zeigte mit dem Finger. Und keine falsche Rücksicht! wies sie ihn dann noch einmal zurecht. Ich habe mir das alles selbst eingebrockt. Kein Mitleid, schon gar nicht! Ich bin keine geprügelte Hündin!
Nein. Weder geprügelt noch Hündin, lachte Lars, bog auf die Dorfstraße ab. In den Kisten klirrten Teller, Annalena klammerte den Blumentopf und schwieg…
… Sie kamen gegen elf an. Annalena sprang aus dem Auto, nahm vorsichtig ihre Pflanze und fischte die Schlüssel aus der Tasche.
Lars, ich mach das alleine. Gehen Sie schon rein, es ist warm. Das Essen wärme ich gleich auf! Hier entlang!
Sie führte ihn durchs Treppenhaus eines kleinen Wohnblocks. Heizkörper bollerten, Lars wurde schläfrig der Tag, der Streit, das Fahren, seine Augen begannen zu flimmern.
Da wäre unsere Wohnung. Die Tür ist noch alt, ich hab schon mal eine bestellt. Herein… Mama, das ist Lars. Er hat mich hergebracht.
Pauline Föhringer, in einem luftigen rosafarbenen Hauskleid, war von Lars völlig hingerissen, nannte ihn edlen Ritter, Retter, tapferen Prinzen. Lars war überwältigt vom hellen, offenen Zuhause. Zu wenig Möbel, seufzte Pauline belustigt, aber Platz ist ja genug…
Sie erzählte weiter, aber Lars lauschte nur dem Blick aus dem Fenster, wo, wie Annalena versprochen hatte, der Fluss zu sehen war. Im Mondlicht zog er sich wie eine dunkle Schlange durch die Landschaft, vereiste Stellen glänzten, am anderen Ufer angelten ein paar Unermüdliche.
Überm Ufer stieg die winterkalte Mondsichel, tauchte den Schnee in blaues Licht, tanzte auf den weißen Feldern, verscheuchte letzte Nebel. Allein der Mond regierte in dieser Nacht weiter nichts.
Ich kann nicht mehr, stöhnte Lars, als Annalena ihm noch eine Portion Maultaschen anbot. Ich platze sonst, dann verdirbt noch eure schöne Wohnung.
Nein, das wäre eine Katastrophe. Na gut, dann Kaffee. Annalena goss duftenden Kaffee aus der Kanne, reichte Kuchen nach. Sie genoss es, für ihn zu sorgen, den Tisch zu decken, Leckereien aus dem Kühlschrank zu holen, Marmelade, Erdnussbutter, Honig nachzureichen.
Anna, unser Gast kriegt noch Diabetes! warnte Pauline Kopf schüttelnd. Oder wir mästen ihn zu Tode.
Mama! lachte Annalena. Er hat uns gerettet! Das ist der, der Tante Gisela den Schäler, Onkel Konrad Schrauben gebracht hat… alles für die Nachbarn. Und ich will mich bedanken.
Pauline nickte feierlich, lächelte Lars herzlich zu.
Ich muss los. Ich fahr dann mal wieder, Lars stand endlich auf. Danke für alles.
Wir danken! Sie haben uns so aus der Patsche geholfen! Annalena sprang auf. Ich bezahle Sie auch. Moment…
Nicht nötig. Kommt gar nicht in Frage, Lars wehrte ab. Aber was machen Sie jetzt mit dem Auto? Das brauchen Sie doch!
Mein Auto, tönte Paulines Stimme aus dem Wohnzimmer. Paul bringt es schon zurück. Mir reichts nämlich. Ich habe ihn als vermisst und das Auto als gestohlen gemeldet.
Mama, bist du das wirklich? Annalena sackte auf einen Hocker. Jeder deutsche Haushalt hat einen Hocker in der Küche, auf den man «versinkt».
Ich bins. Ich werde auch langsam mutiger, Anna. Die Polizei sucht das Auto. Er kann damit nicht herumfahren. Ich habe ihn nicht eingetragen. Und: Ich habe ein weiteres Kapitel geschrieben, hast du das gehört?
Doch Annalena hörte nicht zu. Sie hörte überhaupt nichts mehr, weil sie im Flur, im Wohnblock in Zellingen, stand und Lars küsste. Und er küsste sie. Und im Gegensatz zu Nina brauchte Annalena keine Luft, wenn Lars da war. Irgendwie kamen sie ganz ohne diese Pause aus.
Pauline Föhringer, ein wenig neugierig, linste aus dem Zimmer ihr blieb wortwörtlich der Atem weg.
Ach, wie schön sie küssen! dachte sie. Das gäbe ein tolles Märchen für mein nächstes Buch.
… Lars kam spät in der Nacht heim. Ging leise die Treppe hoch, öffnete die Tür. Es war dunkel. Nina hatte immer das Nachtlicht angelassen heute nicht. Sie war nett, die Nina… dachte Lars, aber vielleicht war sie eben nicht die Richtige. Ist es überhaupt fair, jetzt Annalena zu… und Nina so einfach…? Aber ehrlich soll sie doch glücklich werden! Lars machte Licht, ging in die Küche. Da lag ein Zettel Nina hatte Schluss gemacht, bat, sich nicht mehr zu melden. Er hatte das ohnehin nicht vor. Mit einem schlechten Gewissen, aber voller leiser Freude, griff er zum Handy, rief Annalena an. Er stammelte nur, sie fragte, ob er gut heimgekommen sei, schnurrte wie eine Katze ins Telefon. Es fühlte sich gut an…





