Tagebuch, 19. Februar
Heute ist etwas passiert, was ich mir früher nie hätte vorstellen können: Ich saß mit der Zeitung beim Nachmittagskaffee, als Helene in der Küchentür erschien. Wie so oft in letzter Zeit trank sie keinen Tee mit mir, sondern stand und beobachtete mich durch die Brille hindurch, als säße ich bereits in einer anderen Welt.
Johann, reg dich bitte nicht auf und hör mir zu. Sebastian wird nun bei uns einziehen. Am Wochenende bringt er seine Sachen, sagte sie, als spräche sie über einen neuen Kühlschrank.
Ich legte die Zeitung beiseite, rieb mir die Stirn. Eine nervöse Angewohnheit, die ich seit Jahren habe. Ich setzte meine Brille wieder auf, blickte sie an, fast so, als könnte ich falsch gehört haben. Sechzig bin ich inzwischen, das Gehör lässt manchmal nach, aber das verstand ich sehr wohl.
Ist das dein Ernst, Helene? Wo, bitte? Willst du ihn etwa ins Arbeitszimmer stecken?
Helene hatte immer einen spitzen Ton, wenn es um Entscheidungen ging. Nein, in das Wohnzimmer natürlich. Das Schlafsofa reicht. Du hast doch dein Zimmer, ich meines und Sebastian bekommt eben das Wohnzimmer. So ist das besser für alle.
Noch vor einem halben Jahr war bei uns alles in Ordnung oder so, wie man es nach 35 Ehejahren erwartet. Ich habe mein Leben lang in einer Maschinenbaufirma in Stuttgart als Ingenieur gearbeitet, seit drei Jahren bin ich in Rente. Helene leitete den Chor an der Musikschule Harmonie, unterrichtete Kinder im Klavierspiel. Ruhiges Leben im Schwabenland, inzwischen fast zu ruhig. Die Tochter lebt in München, ruft sonntags an. Der Sohn arbeitet in Hamburg, Familie, alles weit weg.
Seit einiger Zeit war Helene verändert. Sie machte sich mehr zurecht, kaufte neue Parfüms, verbrachte Stunden am Handy. Ich hatte gefragt, was los sei sie wiegelte ab. Bis zum Abend dieses Gesprächs. Sebastian, der LKW-Fahrer, zehn Jahre jünger. Sie sei verliebt, will nicht warten, endlich ein neues Leben führen.
Ehekrise im Schwabenland. Ich konnte mir alles erklären, selbst den Seitensprung, so leid es mir tat. Doch dass er nun bei uns wohnen sollte das ging zu weit.
Helene, hast du denn gar kein Gefühl mehr? Du willst mit deinem deinem Sebastian hier zusammenleben? In unserer gemeinsamen Wohnung? Ich merkte, wie ich immer leiser wurde.
Sie antwortete mit kühler Entschlossenheit: Er heißt Sebastian. Ja, hier. Die Wohnung gehört uns beiden, daran erinnerst du dich hoffentlich. Willst du die Trennung? Können wir machen. Wir teilen auf, verkaufen. Ich will aber mit Sebastian zusammenbleiben.
In mir stieg Wut auf, Tränen packten mich innerlich fast, aber ich bin kein Mensch für Dramen. Sechzig Jahre alt, Herzprobleme, aufbrausende Szenen liegen nicht in meiner Natur. Immer Verantwortung übernommen.
Das wars also. Ich soll mein Zimmer in dieser Altbauwohnung beziehen, sie ihres und der Dritte auf dem Schlafsofa. Alles so schlicht und schmucklos wie schwäbische Maultaschen mit Bratensoße.
Das war ein Schlag. Aber was hätte ich tun sollen? Bei den Kindern anklopfen? Beide mit ihren eigenen Familien, Platz ist knapp, die Zeiten hart. Mit der Rente, die gerade so für einen Wocheneinkauf im Edeka ausreicht, ein neues Leben anfangen? Kaum möglich.
Am Samstag klingelte es früh. Sebastian stand in Jeans und Karohemd vor der Tür, lächelte, reichte mir die Hand. Ich schaute nur und trat beiseite. Helene begrüßte ihn überschwänglich, sie deckte in der Küche für ihn den Tisch, benutzte sogar meine Lieblingstasse Bester Ingenieur.
Das Alltagsleben wurde schnell zur Farce. Ich blieb meist in meinem Zimmer, zwischen Regalen voller Modellflugzeugen und Büchern über Geschichte. Sebastian sang morgens im Bad Opernarien, schleppte Werkzeug an, stellte im Wohnzimmer die Möbel um mein guter, alter Lesesessel landete auf dem Balkon. Helene half ihm sogar, beim Umdekorieren.
Im Bad standen plötzlich seine Duschgels, spritzige Deos, Rasierzeug mit aufdringlichem Duft. In meinem Refugium, das ich dreissig Jahre gehegt hatte. Beim Frühstück besetzten die beiden die Küche, grillten Speck, Sebastian las meine Stuttgarter Nachrichten. Ich rührte mir in der Ecke verlegen mein Rührei.
Einmal bat Sebastian sogar verschmitzt um meine Pfeife. Ich lehnte ab. Freunde würden wir wohl kaum werden. Es war bizarr: ein Kuckuck im eigenen Nest.
Die Nachbarn tuschelten. Frau Hirsch aus dem zweiten Stock begegnete mir im Treppenhaus und meinte mitleidend: Ach Herr Bauer, so was hätte ich ja nie gedacht. Kopf hoch, Sie packen das schon. Der Tonfall war freundlich, aber die Blicke schmerzten.
Tagsüber floh ich oft in den Park nebenan oder ging schnuppernd durch die Buchhandlung vom Herrn Krämer. Denn daheim war ich zum Geist geworden, eine Randfigur. Helene und Sebastian lebten offen vor meinen Augen ihr Glück lachten, kochten, tranken gemeinsam Wein. Sie gossen mir einmal sogar mein Lieblingsgericht, schwäbischen Sauerbraten, nach luden mich höflich ein, aber ich aß lieber Trockenbrot in meinem Zimmer.
Die Wochen zogen sich wie ein zäher Novemberregen. Immer weniger sprach ich, immer weniger scherte ich mich um mein Äußeres. Die Modellflugzeuge verstaubten, ich las kaum noch. Sogar die Pfeife schmeckte nicht mehr ganz.
Helene und Sebastian wurden offiziell zum Paar. Helene legte schließlich die Scheidungsunterlagen auf meinen Tisch, kündigte an, sie werden bald heiraten und die Wohnung verkaufen ich bekäme meinen Anteil, könne mir etwas Eigenes suchen oder vielleicht in den Norden zu den Kindern ziehen.
Ich unterschrieb den Antrag mit zittriger Hand. Dreißig Jahre Ehe ein Dutzend Zeilen vor dem Notar.
Später saßen Helene und ich einen Moment zusammen. Sie fasste meine Hand, sagte: Johann, ich schätze deine Fürsorge. Du bist ein verlässlicher Mann. Aber mir fehlt das Feuer. Das, was ich mit Sebastian jetzt habe.
Ich blieb ruhig: Und nach all den Jahren Treue, Verantwortung, das alles bedeutet dir nichts?
Sie blickte auf, leise: Du hast nie verstanden, was ich wirklich brauche.
Es war klar. Ihr Weg war nicht mehr meiner. Am Tag unseres Auszugs packte ich meine drei Kisten Bücher, Modelle, Fotos. Ein Leben in drei Kartons. Ich zog in ein kleines Zimmer im Westen der Stadt, fünfter Stock Altbau, Kachelofen, Blick auf den Hinterhof. Eine Schwester von Sebastian half, Kartons zu tragen. Helene verabschiedete sich kühl.
Ich schaute ein letztes Mal in unser ihr neues Wohnzimmer. Neue Möbel, weiße Gardinen. Unser gemeinsames Leben war vorbei. Ich stand auf der Straße, atmete tief die Winterluft.
In der neuen Wohnung fühlte ich mich tagelang fremd, verloren. Doch bald erkannte ich: Es ist anders, vielleicht nicht besser, aber weniger schmerzhaft als der ständige Blick auf Verluste. Die Nachbarn sind ruhig. Frau Lehmann fragte einmal, ob ich zu Kaffee komme, doch ich schlug höflich aus.
Dann, ein paar Wochen später, rief meine Tochter Maria an: Papa, Mama sagte, du bist umgezogen. Ist alles in Ordnung? Ich verharmloste. Mir gehts gut, log ich. Meinen Kummer konnte ich ihr nicht aufbürden. Sie hat eigene Sorgen.
Die Tage plätscherten dahin. Ich las, bastelte weiter an Modellen, ging einkaufen beim Bäcker um die Ecke. Manchmal war es zu still. Doch dann traf ich in der Bibliothek Frau Friedl, eine offene Witwe aus dem Haus. Wir tauschten Bücher, sprachen über das Leben. Aus der Freundschaft wurde keine Romanze, aber Trost brachte sie mir doch.
Monate vergingen. Der Frühling brachte Krokusse auf den Rasen vor dem Haus, ich genoss die Spaziergänge, mein neues Tempo. An den Wochenenden backte ich selbst Hefezopf oder las im Lieblingssessel, das Fenster offen, frische Luft herein.
Eines Abends klingelte mein Handy. Helene.
Sebastian hat mich verlassen, schniefte sie. Sie fühlte sich betrogen, wollte Trost. Ich hörte zu, sagte nur: Mir tuts leid, Helene. Aber das ist dein neuer Weg. Ich half ihr nicht, konnte es nicht. Es fühlt sich nicht triumphierend an, eher wie ein Kälteeinbruch im März. Die Wärme ist fort.
Wenig später saß ich mit Frau Friedl bei Apfelkuchen und Tee und dachte: Das Leben ist manchmal ein seltsamer Kompromiss. Ein Ende aber auch ein Anfang. So ist es vielleicht gedacht. Nicht, wie ich es mir einst erhofft hatte. Aber neu.
Und immer wieder, wenn ich vor dem Einschlafen noch aus dem Fenster blicke, denke ich an Helenes Worte: Johann, gewöhn dich daran. Ja, ich habe mich daran gewöhnt. Oder besser ich habe mein eigenes Leben wiedergefunden, so bescheiden und ruhig es ist. Und ich weiß: Solange man weiteratmet, gibt es ein Morgen. Die alte Geschichte bleibt in der Vergangenheit. Und das ist gut so.
Morgen werde ich zum Markt gehen, vielleicht Blumen kaufen. Heute beginne ich erneut.





