Dreißig Jahre Ehe – und sie sagte nur vier Worte…

Dreißig Jahre Ehe, und am Ende nur vier Worte von ihr

Paul, rutsch mal, ich wechsel die Bettwäsche.

Er schob sich mit Mühe ein Stück zur Seite, jede Bewegung bohrte einen Schmerz in die taube Wade. Sabine riss das Laken energisch von der Matratze.

Du liegst jetzt schon ein halbes Jahr hier, murmelte sie, ohne ihn anzuschauen. Und es wird einfach nicht besser

Paul schwieg. An ihr Gemecker hatte er sich gewöhnt.

Weißt du, was ich manchmal denke? Sie strich das frische Laken glatt. Stirb einfach. Du stehst mir im Weg.

Die Luft gefror. Paul merkte, wie etwas in ihm zerriss. Es klang nicht wütend, sondern wie eisige Erschöpfung, schon fast ehrlich.

Wie bitte?, raunte er.

Du hast mich schon verstanden. Ich kann einfach nicht mehr. Ich bin müde. Müde vom Haus, von den Medikamenten, von dir. Stirb einfach, dann kann ich endlich wieder leben.

Sabine schlurfte aus dem Schlafzimmer, ihre abgelaufenen Filzpantoffeln klatschten über das Linoleum. Paul blieb reglos liegen, starrte an die vergilbte Decke, direkt auf den Riss oberhalb seines Bettes. Dieser Riss war vor drei Jahren entstanden, als die Nachbarn über ihm die Wohnung unter Wasser gesetzt hatten. Damals war er noch selber auf die Leiter gestiegen, hatte gespachtelt und gemalt. Jetzt kroch die Rille langsam weiter wie Falten auf seinem Gesicht. Zählen konnte er sie alle. Aber ändern? Nichts mehr.

Ihre Worte steckten in seinem Hals wie ein zu großer Bissen. Stirb einfach. Vier Silben, die zweiunddreißig Ehejahre, drei großgezogene Kinder, tausende gemeinsame Abende, hunderte Streitigkeiten und Versöhnungen ausradierten. Paul wollte schlucken, aber sein Mund war trocken. Die rechte Hand, die noch nicht ganz gelähmt war, zitterte, als er zum Wasserglas auf dem Nachtkästchen griff.

Der Schlaganfall hatte ihn im Februar erwischt, direkt nachdem er wieder einmal auf einer Baustelle schwere Gipsplatten ausgeladen hatte. Erst wurde der Kopf ganz schwer, als ob er einen Bauhelm voller Zementsand trug. Dann brach das linke Bein unter ihm weg. Schon lag er im Matsch vor dem Rohbau. Sein Kumpel Thomas rief den Notarzt. Im Krankenhaus sagte die junge Ärztin zu Sabine: Gut, dass Sie ihn so schnell gebracht haben. Aber die linke Seite ist ziemlich stark betroffen. Die Genesung dauert.

Seitdem sind sechs Monate ins Land gegangen. Ein halbes Jahr, das eine neue Form von häuslicher Gewalt brachte, die ihm zuerst gar nicht auffiel. Anfangs war es nur Sabines Gereiztheit: Schon wieder den Gehstock an die falsche Stelle gestellt!, Wie kann man sich nur so oft bekleckern?, Ich hab dich doch gebeten, mich nicht wegen jeder Kleinigkeit zu rufen! Dann wurde sie immer schweigsamer; Sabine wich ihm aus, selbst wenn sie ihm zur Toilette half. Heute, schließlich, brach alles heraus.

Paul schloss die Augen und sah sich vor dreißig Jahren, mit breiten Schultern, gebräunter Haut, kräftigen Händen, mit denen er Zementsäcke leicht wie Kissen hob. Damals schaute Sabine zu ihm auf. Das Eigenheim, jeden Stein selbst gesetzt. Sie brachte Mittagessen im karierten Tuch. Sie saßen auf der halbfertigen Veranda und schmiedeten Pläne: Wir bekommen eine große Familie, sagte sie damals, und du baust uns unser Glück.

Er baute. Drei Zimmer, Kachelofen, ein Wintergarten. Drei Kinder. Arthur arbeitet heute in Stuttgart auf dem Bau, die Kleine, Jule, ist nach München gezogen, verheiratet. Die Älteste, Franziska, lebt in Hamburg, ruft einmal pro Woche an Wie gehts, Papa?

Paul! Sabines Stimme hallte aus der Küche. Hast du deine Tabletten schon genommen?

Nein, noch nicht.

Dann tu es. Oder soll ich wieder rüber kommen?

Er griff nach der Tablettendose: Acht Pillen am Tag, blau gegen Bluthochdruck, weiß fürs Blut, gelb fürs Herz. Er drückte sie in die Handfläche, trank einen Schluck. Das Schlucken war schwierig, die linke Gesichtshälfte macht, was sie will das Wasser lief aus dem Mundwinkel. Er wischte sich ab und sank wieder ins Kissen.

Stirb einfach. Dieses Mantra spulte in Endlosschleife durch seinen Kopf. Vielleicht hat sie ja recht. Vielleicht stehe er ihr wirklich im Weg? Paul versuchte, sich zu erinnern, wann er das letzte Mal ihr Lächeln gesehen hatte. Vor einem Monat? Zwei?

Gestern hörte er zufällig, wie Sabine mit ihrer Freundin Karin telefonierte.

Ach, was soll ich sagen, Karin Arbeit, Haus, er Ich bin einfach müde, es saugt einen aus. Zwölf Stunden in der Klinik, danach wartet zu Hause schon das nächste Pflegeprogramm. Du darfst das nicht falsch verstehen, aber manchmal wünsche ich mir, es ist einfach endlich vorbei.

Paul lag im Bett, ballte die gesunde Faust. Vorbei war das für sie gleichbedeutend mit seinem Tod? Das wäre wohl für alle einfacher.

Plötzlich klingelte es. Sabine öffnete, Thomas Stimme erfüllte den Hausflur: Hallo, Sabine! Wie gehts? Und Paul?

Alles beim Alten, Tom. Komm rein.

Thomas, mit seiner grauen Jacke und Vollbart, setzte sich an Pauls Bett. Fernfahrer, eher selten zu Hause.

Na, wie gehts, alter Freund?

Muss ja, Paul bemühte sich um ein Lächeln.

Erholst du dich?

Ich geb mir Mühe. Klappt nicht so.

Thomas schwieg, betrachtete seine großen Hände. Paul spürte Mitleid oder die Ungeduld, aus diesem Zimmer wieder rauszukommen, in dem es nach Medizin und Verzweiflung roch.

Du, ich hätte da sone Idee: Wie wärs mit Reha? Massagen, Bewegungsübungen richtig Fachleute!

Kein Geld, blockte Paul ab.

Vielleicht über die Krankenkasse?

Warteliste ein Jahr.

Sabine brachte Tee, stellte die Tassen ab: Tom, mach ihm keine Hoffnung. Hier bleibt alles, wie es ist.

Thomas blickte Sabine überrascht an, dann zu Paul. In seinem Blick flackerte Verständnis: Hier stimmt was nicht.

Gut, ich muss dann auch los bin nächste Woche wieder da.

Kaum war Thomas weg, fiel Sabine mit frostigem Blick wieder über ihn her.

Musst du dich immer vor anderen beschweren?

Hab ich nicht.

Leg bloß nicht so ein Drama hin. Du machst ja eh nichts liegst nur rum.

Sie ging, Paul starrte zum Fenster. Draußen sausten Autos vorbei, Menschen hasteten. Das Leben fand dort statt, draußen. Er saß fest. In seinem Körper, in diesem Zimmer, im giftigen Schweigen Sabines.

Abends kam sie rein, stellte wortlos einen Teller mit Kartoffeln und Frikadelle hin. Er aß langsam, nur mit rechts, und krümelte aufs Laken. Sie stand in der Tür Blick schwer zu deuten: Ekel? Müdigkeit? Hass?

Sabine, murmelte er.

Was?

Das, was du heute gesagt hast Meinst du das ernst?

Sie zögerte, dann: Ich weiß es nicht, Paul. Ich bin einfach durch.

Ich versuche doch schon, dir nichts zur Last zu fallen

Du bist aber eine Last. Dass du hier bist, reicht schon.

Sie räumte ab. Paul blieb allein zurück. Die Krise, oft beschworen, nun Realität. Früher gabs schon Zoff er trank abends mal zu viel, sie schimpfte, er donnerte mit Türen, sie weinte, dann wars wieder gut. Aber das war anderes. Jetzt war es roher, kalt, verletzend. Psychischer Missbrauch im eigenen Heim.

Mitten in der Nacht riss ihn ein Krampf im linken Bein aus dem Schlaf.

Sabine! Sabine!

Keine Reaktion. Laute rief er: Sabine, ich hab Schmerzen!

Endlich hörte er ihren Schritt über den Flur. Sabine kam ungehalten herein.

Was ist jetzt schon wieder?

Krampf im Bein. Hilf mir.

Sie knetete die Wade, grob, unwirsch, mit eiskalten Händen.

So, besser?

Ja. Danke.

Dann lass mich endlich schlafen. Und schrei nicht mehr.

Paul lag im Dunkel und weinte. Mit neunundfünfzig wie ein kleiner Junge. Vor Schmerz. Vor Demütigung. Vor dem Gefühl, für niemanden mehr von Wert zu sein.

Am nächsten Morgen kam Frau Krüger, die Sozialarbeiterin. Sechzig, rundes, freundliches Gesicht. Sie schaute einmal in der Woche vorbei, machte Protokoll.

Und, Herr Weber? Wie gehts Ihnen?

Alles in Ordnung, log Paul.

Wie siehts mit der Stimmung aus?

Auch okay.

Frau Krüger sah ihn forschend an.

Falls Sie mal mit jemandem sprechen wollen wir haben einen Psychologen im Team. Kostet nichts.

Brauche ich nicht, murmelte er.

Sabine stand daneben, erzwungenes Lächeln. Kaum war Frau Krüger weg, war es auch das Lächeln.

Hast du ihr was erzählt? Uns fehlt noch das Jugendamt

Ich hab nichts gesagt.

Na also.

Die Tage trotteten dahin. Paul zog sich immer mehr zurück. Kein Fernsehen mehr, kein Radio. Nur noch Zimmerdecke und Erinnerungen. Die ersten Ehejahre, Sabines Liebe, Kindergesichter. Er sah sie vor sich: Arthur, das Ebenbild, Franziska, klug, Jule, die freche Kleine. Er erinnerte sich, wie er sie auf den Schultern trug, Arthur das Bohren zeigte, Franziska in die Grundschule brachte.

Und jetzt? Die Kinder sind weg. Arthur ruft ab und an an, sagt Halt durch, Papa. Jule hat Geld für Medikamente geschickt, meldet sich selten. Franziska telefoniert länger, fragt nach den Ärzten, wie Mama klarkommt.

Wenn sie nur wüsste. Wüsste, dass ihre Mutter ihn jeden Tag mit Worten tötet. Dass das Gefühl, nur Belastung zu sein, schlimmer ist als jedes Zipperlein. Nacht für Nacht denkt Paul, wie er sie tatsächlich erlösen könnte. Pillen hätte er genug. Alle auf einmal. Oder einfach aufhören zu essen, die Tabletten liegenlassen. Leise verschwinden.

Eines Abends kam Sabine später nach Hause ihre Stimme in der Diele, sanft, lachend, ganz anders als gegen ihn.

Nein, ich komm auf jeden Fall. Samstag passt. Er wird allein sein, passiert schon nix.

Mit wem telefoniert sie da? Wo will sie hin?

Sabine betrat das Zimmer, Paul tat so, als schliefe er schon. Sie stand an seiner Tür, dann verließ sie den Raum, trällerte diesmal sogar in der Küche eine Melodie. Ewig her, dass er sie ein Lied summen hörte.

Am Samstag zog sie ihr blaues Kleid an, das Paul ewig nicht an ihr gesehen hatte. Schminke, Parfüm.

Ich geh zu Karin, Geburtstag feiern. Bin spät zurück. Essen ist im Kühlschrank, schaffst du das?

Geht schon, antwortete er.

Mach mir bloß keinen Brand.

Sie war verschwunden. Paul erlebte zum ersten Mal seit Monaten absolute Stille im Haus. Nur die Kuckucksuhr im Wohnzimmer und der Lärm von draußen. Er schleppte sich mit dem Stock in die Küche. Kühlschrank: fast leer, nur ein Glas saure Gurken, ein vertrocknetes Stück Wurst. Kein vorbereitetes Essen. Sie hat einfach gelogen.

Zurück ins Bett. Der Bauch knurrte. Freunde anrufen, Thomas um Hilfe bitten? Nein. Die Scham ließ es nicht zu. Scham, dass sie absichtlich nicht für ihn sorgt.

Sabine kam erst Mitternacht zurück, angetrunken, laut. Er war wach, hörte, wie sie nach dem Schlüssel suchte.

Du noch wach? Sie an der Tür.

Ja.

War bei Karin. Wir hatten Spaß. So richtig Spaß gehabt.

In ihrem Lachen lag etwas Hysterisches.

Weißt du, was ich kapiert habe? Ich bin noch nicht alt. Ich kann wieder leben. Ein richtiges Leben.

Freut mich für dich, Paul drehte sich zur Wand.

Sei nicht sauer. Ich bin nicht schuld an deinem Elend. Ich hab doch auch ein Recht auf Glück.

Sie verschwand und hinterließ einen Schwall billigem Rotwein und Rauch. Paul fühlte, wie erneut ein schwarzes Loch in seiner Brust wuchs. All das Gerede von Unterstützung für Angehörige, das man ständig hört für sie gabs das nicht. Keiner half. Keiner sah hin.

Eine Woche später kam Sabine noch seltener nach Hause. Arbeit, Termine, Freundinnen. Paul fragte schon gar nicht mehr. Er lag, starrte die Decke an, wartete. Worauf? Den Tod? Ein Wunder? Einfach ein Ende?

Da, eines Morgens, rief Franziska an.

Papa, wie gehts dir?

Ganz okay, mein Kind.

Ich komme morgen, Urlaub genommen. Muss euch sehen.

Pauls Herz zog sich zusammen. Franziska durfte all das nicht sehen.

Ach, du hast sicher genug zu tun, musst nicht extra kommen

Papa, hör auf du bist mein Vater! Sags Mama, ich rufe sie jetzt an. Bis morgen!

Am nächsten Tag herrschte Aufregung Sabine putzte, kochte, spielte die perfekte Ehefrau. Paul beobachtete sie schweigend.

Paul, sagte sie schließlich, die Augen gesenkt. Wenn Franziska heute kommt, erzähl nichts. Sie muss das nicht wissen.

Ich werde nichts sagen, versprach er leise.

Genau. Wir sind eine normale Familie, verstanden?

Franziska reiste am Abend an. Hochgewachsen, schlank, mit strengem Pferdeschwanz. Sie umarmte ihren Vater, ihm kam ein Kloß in den Hals.

Papa, du bist ganz eingefallen!

Der Appetit ist weg.

Du musst essen, sonst wirst du nicht stark.

Am Tisch war Sabine plötzlich die Geselligkeit in Person, lachte, scherzte. Franziska erzählte von der Arbeit, von ihrem Mann, Plänen Paul nickte nur ab und zu. Er fühlte sich wie ein Statist.

Nach dem Essen half Franziska in der Küche, kam dann zu Paul ins Zimmer.

Papa, wollen wir raus auf die Terrasse? Ist angenehm frisch.

Sie setzten sich auf die alte Gartenbank, er mit Stock, sie neben ihm. Es roch nach Flieder.

Papa, begann sie vorsichtig, sag mir die Wahrheit. Wie gehts dir wirklich?

Ach, alles normal

Nein, nicht normal. Du bist leer. Und Mama ist komisch. Was ist los?

Paul sah sie an. Seine Tochter. Und plötzlich konnte er nicht mehr schweigen, nicht mehr alles für sich behalten.

Weißt du, ich bin hier wohl wirklich nur noch im Weg, sagte er leise in die Dämmerung.

Franziska erstarrte.

Wer sagt sowas? Meint das Mama so?

Er schwieg. Sie nahm seine Hand.

Erzähl. Was passiert hier?

Stück für Stück erzählte er. Zögernd, stotternd, lange Pausen. Die schlimmen Worte, der ständige Frost, das Gefühl, nur eine Last zu sein, wie sie ihn alleine ließ, wie er sich nutzlos und beschämend vor ihr fühlte, die Gedanken ans Sterben. Die Scham. Franziskas Tränen liefen stumm.

Papa, flüsterte sie, warum hast du nie etwas gesagt?

Ich wollte dich nicht belasten. Du hast doch genug um die Ohren

Was für um die Ohren! Du bist mein Papa!

Sie wischte die Tränen ab, atmete durch.

Morgen spreche ich mit Mama. Und dann überlegen wir gemeinsam. So gehts nicht weiter.

Streitet euch bitte nicht meinetwegen

Weil du nie was verlangst und immer alles schluckst, sagte sie und richtete sich auf. Papa, das ist Verrat, was sie da tut. So ein Verhalten darf man nicht dulden. Psychische Gewalt ist kein Familienalltag, sondern Missbrauch.

Paul sah ihre Entschlossenheit. In seinem Dunkel war plötzlich ein kleiner Lichtstreif. Keine Hoffnung, aber Gewissheit: Er ist nicht ganz allein. Jemand sieht ihn noch als Mensch.

Ich weiß nicht, was ich machen soll, gestand er.

Wir finden zusammen einen Weg. Schlaf jetzt. Ich bleib noch draußen sitzen.

Er schleppte sich ins Haus, drehte sich noch einmal um. Franziska saß draußen, umklammerte ihre Knie, schaute in die Nacht. Paul hatte zum ersten Mal seit sechs Monaten jemanden an seine Wunde gelassen. Zum ersten Mal durfte er schwach sein.

Wie es weitergeht? Keine Ahnung. Reden sie morgen offen, trennen sie sich, schaffen sie Veränderung oder läuft alles weiter? Franziska fährt irgendwann zurück, und er bleibt mit der Decke, dem Riss und ihrem Satz?

Paul legte sich zurück, die Worte Stirb einfach surrten weiter. Doch daneben hallte Franziskas Stimme: Du bist mein Papa. Vielleicht reicht dieser kleine Funken, um weiterzumachen. Nicht für sich, sondern wenigstens, weil einer noch sagt: Du bist nicht nichts.

Er schlief schlecht. Hörte Franziska, wie sie in der Nacht in der Küche lange mit Sabine sprach. Leise, aber angespannt. Dann Ruhe.

Am Morgen kam Sabine ungewöhnlich früh rein, setzte sich ans Bett. Ihre Augen waren rot und geschwollen.

Paul, begann sie, die Stimme brüchig. Franziska hat mir alles erzählt. Was du ihr gesagt hast. Über die Worte.

Er schwieg.

Ich wollt das nicht. Ehrlich. Aber ich bin an meinen Grenzen. Beruf, Haushalt, Pflege Ich bin im Hamsterrad. Und du du sitzt nur da und kämpfst nicht.

Ich kämpfe. Jeden Tag.

Aber klar! Du kriegst ja nicht mal Wasser allein hin!

Meinst du, das macht mir Spaß? Ich hab mir das nicht ausgesucht!

Sabine schluckte schwer.

Ich weiß. Trotzdem ich bin einfach ausgebrannt. Burnout bei Pflegenden passiert. Da ist plötzlich alles wie leer, keine Liebe mehr, keine Fürsorge.

Paul blickte auf. Zum ersten Mal seit langem sah er Schmerz in ihren Augen ihren eigenen Kummer.

Wir brauchen Hilfe, murmelte er. Nicht nur ich, wir beide.

Und wer zahlt den Therapeuten?

Es gibt kostenlose Angebote von Frau Krüger zum Beispiel.

Sabine zuckte die Schultern und ging. Doch zum ersten Mal sprachen sie darüber, dass ihre Beziehung längst zerstört war, beide hilflos mit Schuld und Wut.

Franziska blieb drei Tage, organisierte einen weiteren Arzttermin, beantragte eine Reha in der Uniklinik, fand auch eine Selbsthilfegruppe für Angehörige. Beim Familiengespräch am Küchentisch legte sie los:

Mama, Papa das, was ihr euch hier antut, ist nicht normal. Ihr braucht beide Unterstützung!

Was soll sich ändern? Die Krankheit bleibt.

Aber wie ihr damit umgeht, könnt ihr steuern. Mama, du brauchst Hilfe. Arthur schickt Geld, für eine Alltagsbegleitung wenigstens ein paar Stunden pro Woche. Papa, du musst in die Reha, raus aus dem Zimmer, raus aus dem Frust.

Paul nickte. Ich versuchs.

Und ihr müsst endlich reden, ehrlich reden. Es gibt Familienberatungen für solche Fälle.

Sabine wich aus. Wir regeln das schon.

Allein? Das klappt doch längst nicht mehr! Franziska schaute flehend. Bitte. Probiert es.

Nach Franziskas Abreise wurde es stiller. Sabine war zurückhaltend, keine Ausbrüche mehr. Paul begann zweimal die Woche zur Reha zu gehen Thomas fuhr ihn. Paul traf dort andere, deren Körper oder Leben auch erschüttert worden war sie schufteten schweigend an Geräten, und er merkte, er war nicht der Einzige im Kampf.

Einen Monat später kam Ingrid, die Haushaltshilfe eine ruhige Frau um die fünfzig. Sie half mit der Körperpflege, kochte, gab Medikamente. Sabine nutzte die Zeit, um rauszugehen, ein wenig zu leben. Eines Abends gestand sie:

Ich war beim Friseur Zum ersten Mal seit der Reha. Und ich war mal wirklich wieder ICH.

Das freut mich, sagte Paul.

Die Gespräche wurden vorsichtig, fast freundlich-distanziert. Die tiefe Bitterkeit wich zurück, blieb aber als Narbe. Es ist viel geschehen, zu viel aber leise kam ein wenig Frieden zurück.

Eines Abends, beim Schlafengehen, fragte Paul:

Sabine, hast du bereut, was du damals gesagt hast?

Sie nickte langsam. Ja. Aber ich hab es gefühlt. Ich weiß, das klingt schlimm, aber es war wahr.

Ich kanns verstehen, sagte Paul ruhig. Ich weiß ja, wie schwer ich alles gemacht habe. Wie sehr es dich gefangen nimmt.

Sabine setzte sich an die Bettkante. Du bist nicht schuld. Die Krankheit ist schuld. Ich bin nur wütend über die Situation aber du bist immer mein Mann.

Und wie solls weitergehen?

Ich weiß es nicht. Vielleicht lernen wir, damit zu leben. Und wenn nicht dann müssen wir überlegen, wies weitergeht.

Sie verließ das Zimmer. Paul blieb nachdenklich zurück. Das erste Mal seit Monaten hatte er das Gefühl, noch eine Wahl zu haben nicht nur passives Ausharren, sondern Option auf Veränderung. Vielleicht sogar wegziehen zu Franziska. Oder das Pflegeheim. Oder irgendwann wieder allein leben. Oder bleiben, aber als jemand, der noch Rechte hat ein Mensch.

Wochen verstrichen. Paul wurde besser. Die linke Hand gehorchte mehr, er konnte alleine essen und sich anziehen. Das Bein war noch schwach, aber es gab Hoffnung. Er las wieder, interessierte sich für Nachrichten. Das Gefühl, überflüssig zu sein, verschwand nicht ganz, aber es war erträglicher.

Sabine ging zu einer Angehörigen-Gruppe. Zum ersten Mal wirkte sie nach dem Treffen nicht böse, sondern erleichtert.

Ich war da mit lauter Frauen wie ich, erzählte sie. Die erzählen, und plötzlich weiß man, man ist nicht allein. Unerträglich zu werden, ist eigentlich menschlich.

Du bist kein Monster, sagte Paul leise. Du bist einfach nur erschöpft.

Sie schauten sich lange an. Alle Verletzungen und alle gemeinsamen Jahre lagen dazwischen.

Abends, draußen auf der Terrasse. Thomas kam vorbei, sie tranken Tee. Irgendwann sagte Thomas:

Mensch, Paul, du bist anders geworden.

Wie meinst du das?

Keine Ahnung. Früher warst du wie tot. Jetzt ist wieder Leben in den Augen.

Paul grinste. Vielleicht kommt ja doch wieder Leben.

Sag hast du mal daran gedacht wegzugehen? Sabine zu verlassen?

Klar, antwortete Paul.

Und?

Für mich ist das keine Lösung. Ich will wenigstens wissen, ob etwas Bleibendes zu retten ist.

Thomas nickte. Du warst schon immer stur.

Nicht stur. Ich will nicht, dass Sabines Stirb einfach das Letzte bleibt.

Sie tranken weiter, blickten in den Sonnenuntergang. Paul merkte: Zum ersten Mal seit langer Zeit denkt er wieder ans Leben.

Später fragte Sabine: Worüber habt ihr gesprochen?

Über das Leben, sagte Paul.

Wollen wir beides probieren? Neu anfangen?

Paul blickte sie an. Müde, aber Hoffnung im Blick.

Ich weiß nicht, obs klappt. Aber bevor ich aufgeb lass unss versuchen.

Und wenns nicht klappt?

Dann wissen wir wenigstens, dass wirs versucht haben.

Sie nickte, wischte sich die Augen, ging.

Paul lag wieder im Bett, schaute an die Decke, sah den Riss. Vielleicht kann er ihn irgendwann wieder zuspachteln. Vielleicht auch nicht. Egal. Was zählte: Er war noch da. Noch atmete er, hatte noch Bedeutung. Das war etwas, das er vergessen hatte und jetzt langsam wieder spürte.

Sabines Worte bleiben. Ein Narbenstrich in seiner Seele. Aber Paul weiß: Man kann damit leben. Nicht vergessen, nicht ganz verzeihen, aber weiterleben. Vielleicht ist das das, was man Würde nennt weiterzumachen, selbst wenn alles gegen einen ist.

Er schloss die Augen, wartete auf den nächsten Tag. Frühstück, Reha, vielleicht ein Gespräch, vielleicht Stille. Aber  es ist Leben, kein Verlöschen. Und in ihm war endlich wieder diese eine Stimme: Ich bin noch da. Ich zähle noch. Ich darf wählen.

Kein Glück. Kein Triumph. Einfach wieder eine Chance auf Leben. Und das genügte.

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Homy
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