Der große Auftritt von Margarete Petersen
Maria! Das ist keine Gulaschsuppe! Das ist ein seltsamer Eintopf, den ich nicht einordnen kann! Liebes, du bist eine hervorragende Juristin, also kümmere dich doch endlich um deine Fälle! Überlass die Küche denen, die nicht ganz so viel Grips haben wie du.
Margot, ich bin doch keine Hausfrau! Maria war nahe dran loszuheulen vor Ärger.
Warum kamen ihr die einfachsten Gerichte einfach nie gelingen vor? Schon gar nicht hätte sie je an etwas Komplizierteres gedacht. In unserer Familie war die Aufgabenverteilung schon immer klar geregelt.
Veronika war die Haushaltsmeisterin, Maria der große Kopf und Svenja der Draufgänger, die jeden Mechanismus in Bewegung setzen konnte egal, wohin er sollte. Deswegen kochte bei Familientreffen meistens Veronika, während Maria und Svenja für den Background sorgten: Aufräumen, Einkaufen, und das Bespaßen der Kinder. Das lag bei Svenja. Nur sie schaffte es, die Petersen-Bande so zu koordinieren, dass das Haus nach einem Familientreffen nicht gleich renovierungsbedürftig war. Bei uns wurden die Kinder geliebt und verwöhnt, aber auch streng erzogen was allerdings wenig Wirkung zeigte.
Alle sieben Enkel von Margarete Petersen, die sie über alles liebte, waren vom Charakter ganz die Tante Svenja. Dabei war Svenja längst Mutter zweier wilder Wirbelwinde, die gerade über die Wiese vor dem Haus tobten, doch beeinflusste das ihr Verhalten kaum. Sie saß auf den Stufen, sortierte Zwetschgen (für Margaretes nächsten Kompott), und überlegte, ob sie einfach mitspielen sollte. Nur Veronikas strenger Blick hielt sie davon ab. Die schnitt Tomaten für den nächsten Salat und murmelte unmissverständlich vor sich hin:
Kein weibliches Wesen, sondern ein Wildfang! Svenja, wann wirst du endlich ruhiger? Maria ist ne respektable Frau! Ich auch, einigermaßen. Und du? Immer auf Achse, Motorrad fahren, vom schönen Leben schwärmen? Denk an deine Kinder! Jetzt sind sie sechs, aber in ein paar Jahren? Dann schämen sie sich vielleicht für dich!
Stells nicht so dramatisch dar, Veronika! Maria, die skeptisch einen Blick auf den Eintopf warf, den sie heute den ganzen Vormittag gekocht hatte, setzte entschlossen den Deckel drauf. Sie können auch stolz auf sie sein! Welche Mama schraubt schon an Motorrädern? Kannst du das? Ich nicht. Und kochen naja.
Stimmt. Im Gerichtssaal kannst du alles, aber die Suppe bleibt ungenießbar.
Eben! Also soll jeder machen, was er kann.
Schön auf den Punkt gebracht! Margarete Petersen, die einen Teil des Gesprächs verpasst hatte, schritt auf die Terrasse. Die Frauen staunten. Die Kinder hörten plötzlich auf zu toben und starrten gebannt auf ihre Großmutter, die sich heute herausgeputzt hatte.
Boah! Svenjas Zwillinge schnippten anerkennend mit der Zunge, so synchron, dass es wie ein Glockenschlag klang.
Das war der Effekt!
Sie drehte sich langsam vor ihrer Familie, zur Bewunderung für Kleid und High Heels, die sie nur zu besonderen Anlässen trug. Heute war so ein besonderer Tag.
Mädels, was meint ihr? Kann sich eine Dame meines Alters so auf ein Treffen mit jemandem zeigen, den sie vor etwa vierzig Jahren zuletzt gesehen hat?
Du bist fantastisch, Margot! Der Mann wird umgehauen sein!
Das hoffe ich nicht was fange ich mit einem Ohnmächtigen an? Ich muss rausfinden, warum er mich nach all den Jahren sehen will
Oma, vielleicht weil du als Frau ihm gefällst? Die fünfzehnjährige Anastasia, Veronikas Tochter, setzte sich neben Svenja, steckte sich eine Zwetschge in den Mund und zuckte mit den Schultern.
Das schallende Lachen, das nach Anastasias Bemerkung aufbrandete, ließ die Katzen von der Terrassenbrüstung springen und den zitternden, kleinen Yorkshire Terrier, den Veronika letztes Jahr angeschleppt hatte, fast kollabieren.
Kind, du bringst mich um! Veronika wischte sich die Lachtränen ab und verschwand im Haus, Maria kümmerte sich um das bestürzte Hündchen.
Margot, erzählst du uns, was zwischen euch war? Sie unterdrückte die aufmüpfige Kinderschar und schickte sie auf den hinteren Teil des Grundstücks.
Ach, Maria! Es war Liebe!
Margarete sprach das Wort mit solcher Andacht aus, dass Anastasia hingerissen stehen blieb und laut aufseufzte, während Svenja sich wieder vor Lachen bog.
Dafür bist du noch zu jung!
Ja? Wann ist man alt genug? Anastasia schnappte sich den Lappen von der Mutter, wischte den Boden und seufzte erneut. Keinerlei Privates! Wie alt warst du denn damals, Margot?
Sechzehn! Margot hob die Hände und erwiderte Veronikas Blick. Schau nicht so, Mädchen! Ich war jung, naiv und unglaublich dumm. Deinem Kind wird das nicht passieren. Sie ist so klug und schön wie du! Trotzdem sollte sie wissen, was eine große, unglückliche Liebe auslösen kann, meinst du nicht?
Margot, jetzt erzähl schon! Svenja wischte sich die Tränen ab. Sie lässt sich eh nicht mehr verscheuchen. Soll sie ruhig zuhören.
Dankbar machte Anastasia es sich auf der Stufe bequem und blickte auf ihre Oma Augen grün wie Entengrütze auf dem Dorfteich. Jeder bemerkte, wie ähnlich sie Margarete Petersen war, dabei waren sie gar nicht blutsverwandt. Wie auch Veronika, Maria und Svenja keine leiblichen Töchter von Margarete waren: Sie hatte ihnen nach dem Tod der Mutter Mutter und Schutz geboten.
Margarete kam kurz nach dem frühen Tod ihrer Mutter zu den Mädchen ihr Vater war völlig überfordert. Alles war nach dem Tod seiner Frau zusammengebrochen.
Veronika, mit acht Jahren die Älteste, musste sich um die kleinen Schwestern kümmern, denn auf alle ihre Fragen bekam sie vom Vater nur die Antwort:
Frag die Mama Die hätte das gewusst
Diese Antwort machte ihr Angst. Also fragte sie nicht mehr, sondern handelte. Immerhin kam sie mit Maria, die damals fünf war, einigermaßen zurecht, doch mit der zweijährigen Svenja war das Chaos komplett.
Die Großmutter half anfangs, kapitulierte dann aber nach wenigen Wochen.
Tut mir leid, das schaffe ich nicht! Das ist zu viel in meinem Alter. Wenn du willst, nehme ich Veronika zu mir, aber die Kleinen musst du selbst großziehen!
Veronika bekam Panik. Sie hatte Angst, alles Liebgewonnene zu verlieren. Selbst Svenja, die gerade den Schraubendreher in die Steckdose stecken wollte, begann zu heulen, sodass Veronika sie festhielt. Sie umklammerte sie und merkte sie wollte sie einfach nicht hergeben.
Die Oma fuhr tatsächlich, der Vater nickte wortlos und nach ein paar Monaten trat Margarete in ihr Leben.
Zum Glück, denn Svenja bekam Fieber, und Veronika musste den Vater, der sich im Arbeitszimmer verbarrikadiert hatte, anflehen, einen Arzt zu rufen.
Veronika, ich habe keine Zeit! kam es gereizt durch die Tür.
Wirklich Angst war seither ihr ständiger Begleiter. Schafft sie morgens die Schule? Gelingt ihr endlich mal ein Brei, den Maria isst? Stellt Svenja den nächsten Unsinn an? Sie fürchtete sich vor allem bis zu jenem Moment.
Papa! Es ist ernst! Svenja stirbt!
Was auch immer sie geritten hatte, jedenfalls wurde die Tür geöffnet, die Ärztin gerufen und zum ersten Mal seit Monaten konnte Veronika loslassen und vertrauen.
Margarete Petersen war nur als Vertretung gerufen worden. Missmutig stapfte sie durch den matschigen Hof, ärgerte sich über die Baustelle vorm Haus, und sammelte im Treppenhaus die nötigsten Informationen von den Nachbarinnen ein.
Oben angekommen, regelte sie alles routiniert, rief den Rettungsdienst und fuhr mit Svenja und dem Vater ins Krankenhaus. Der bekam von ihr eine derartige Ansage, dass er sich nicht mal verteidigen konnte.
Sei ein Vater, verdammt! Einfach weglaufen gilt nicht! Die Kinder brauchen wen, der für sie kämpft! Weißt du überhaupt, wies hier aussieht?
Sie war deutlich lauter und bestimmter als Veronikas Vater, und irgendwann realisierten alle: Jetzt gibt es wieder Regeln im Haus! Von da an atmete Veronika durch.
Margarete Petersen wurde auch offiziell zur Bezugsperson, kümmerte sich um die Anträge, verließ die Kinderklinik und arbeitete künftig in zwei Privatpraxen Geld war damals knapp.
Die Mädchen, jede mit ihrem Charakter und ihren Plänen, fanden bei ihr Akzeptanz und Unterstützung. Egal, was sie vorhatten Schauspielerei, Technik oder Haushalt, Margarete Petersen organisierte, förderte und sprang ein.
Die einzige, die nie Probleme bereitete, war Veronika. Mit einer Art Ernst, der ihr nicht altersgerecht schien, legte sie sich ins Zeug. Margarete Petersen blieb immer ihr sicherer Hafen und Unterstüzerin.
Es war kein leichter Weg und nach wenigen Jahren starb ihr zweiter Mann der Vater der Mädchen bei einem Unfall. Margarete verlor ihn, aber hielt ihr Versprechen: Sie blieb bei den Kindern und wurde offiziell ihre Mutter.
Sie hatte ihr Schicksal angenommen keine eigenen Kinder, aber ihre Spatzen wie sie sie nannte, adoptierte sie aus vollem Herzen. Ihre Töchter wurden erwachsen, gründeten selbst Familien und Margarete blickte zufrieden auf ihren Lebensweg.
Und dann, vor drei Tagen, kam plötzlich ein Anruf, eine Stimme aus der Vergangenheit Margarete ließ vor Schreck ihre Teetasse fallen, schob Anastasia beiseite, die Mathe-Nachhilfe wollte, und sank im Wohnzimmer erst aufs Sofa, dann daneben auf den Teppich.
Anastasia, ruf deine Mutter an! Ich brauch seelische Unterstützung!
Veronika kam angerannt, Maria und Svenja gleich hinterher. Eine halbe Stunde später saß die ganze Familie zusammen Zeit für Geständnisse.
Mädels, kann ich auf ein Date gehen?
Wohin?
Anastasias Augen blitzten, sie verschwand in die Küche. Das Verspäten in Mathe war ihr jetzt egal, denn wie spannend! Die Oma hatte ein Date!
Das wurde über Tage diskutiert. Am Wochenende versammelte sich die Familie im großen Haus von Veronika. Margarete tat dramatisch:
Was soll ich erzählen? Er war meine erste Liebe! Mein Gott, wie er damals aussah! Diese Mähne, seine Stimme mir wurde immer schwummrig, wenn er sprach!
Und? Liebtest du ihn?
Wie verrückt! Ach Margarete schwärmt noch, die Enkel glucksen.
Warum gelitten?
Weil sie unerwidert war und ich mich selbst darin verlor. Das wars wert, aber es tat auch weh.
Und wie ging es aus?
So wie es oft kommt im Leben, mein Schatz: Sie war etwas älter, eine Bekannte, Nachbarstochter und Studentin ich noch Schülerin und so hoffnungslos verschossen. Ich schwieg, litt und traute mich nichts. Vielleicht wär alles anders gelaufen, wäre ich mutiger gewesen, aber damals sah ich keine Zukunft. Er wollte zur Marine, ich Ärztin werden unsere Wege trennten sich.
Hast du ihm das gesagt?
Später, im ersten Brief nach seiner Abreise, habe ich meine Gefühle gestanden. Doch im zweiten Brief habe ich ihm abgesagt. Weil ich nichts geben konnte außer Liebe. Und das reicht nicht immer. Wer liebt, denkt auch an den anderen. Wer Kinder will, muss auch ehrlich dazu stehen.
Und dann?
Margarete weinte. Anastasia sprang zu ihr, nahm sie in den Arm: Nicht weinen, Oma! Du bist so schön!
Margarete lachte und ging sich frisch machen. Heute sollte schließlich ihr großer Auftritt sein und sie wollte dabei glänzen! Ein solcher Moment kommt nicht oft im Leben.
Wenig später hielt ein Auto vor dem Tor. Ein kleiner, grauhaariger Mann mit modischer Schiebermütze stieg aus und klopfte. Veronika öffnete und als der Mann sich als der Romanheld vorstellte, vergaß sie fast selbst ihre Sprache.
Kurz darauf betrat Margarete die Szene, geschminkt von den Zwillingen (mit permanenten Eddings) und einer Frisur, bei deren Anblick die Kinder kichernd das Weite suchten. Die Familie lachte Tränen Veronika fiel beim Anblick des glatzköpfigen Gasts fast auf die Knie.
Margot, du bist wunderschön! Doch als der Gast die Mütze zog, sein blanker Kopf im Licht glänzte und alle lachten, lachte auch er schallend mit.
Niemand hätte gedacht, dass er bleibt aber er blieb, scherzte mit den Kindern über Make-up, lobte den Mut der familiären Stylisten und lachte zusammen mit uns allen.
Vielleicht, dachten wir, ist genau so jemand der Richtige für unsere Margarete? Wer ihren Humor und all das Drumherum einfach annimmt, statt zu fliehen vielleicht ist er genau der, dem wir sie getrost anvertrauen können. Die Zeit wirds zeigen. Alles, was sie braucht, ist ein Stück Vertrauen.
Als Veronika Margarete später den Tee hinstellte, drückte sie sie leicht und flüsterte ins Ohr:
Nur zu, Margot! Wir stehen immer an deiner Seite!
Heute weiß ich: Es ist nicht wichtig, wie die Seite davor war. Es zählt, wie wir umblättern und weitermachen und dass Familie bleibt, was immer passiert.





