Du gehst so, wie du gekommen bist! erklärte mein Mann. Doch seine Selbstsicherheit wurde ihm zum Verhängnis.
Damals drehte ich den Herd ab. Es schien mir wichtig, denn der Kartoffeleintopf hätte sonst überlaufen können.
Klaus, was ist los? fragte ich ruhig.
Es ist nichts los, brummte Klaus. Du wohnst hier nicht mehr. Die Wohnung gehört mir, das Auto gehört mir, das Haus am See gehört mir. Und du Du gehst so, wie du gekommen bist.
Er sprach es sachlich aus, beinahe als würde er ein Protokoll vorlesen. Nach vierzehn Jahren Ehe, und plötzlich warf er mich hinaus. Wie einen Hund.
Das meinst du ernst?
Allerdings, sagte er bestimmt.
Wir schwiegen einen Moment. In der Stille kniff ich mich heimlich in den Arm, um zu prüfen, ob das alles nicht nur ein seltsamer Traum war.
Persönliche Entwicklung
Sags doch einfach: Was habe ich verbrochen? fragte ich.
Nichts, murmelte er. Ich habe einfach jemand anderen kennengelernt. Ich reiche die Scheidung ein.
Meine Knie gaben nach und ich setzte mich auf den Stuhl, als wüsste mein Körper schneller als mein Kopf, dass ich mich lieber hinsetzen sollte. Klaus schaute mich nicht an, die Stirn in Falten gezogen, er sah aus wie ein alter Kauz.
Klaus, begann ich, können wir wenigstens vernünftig reden? Nach vierzehn Jahren
Es gibt nichts zu besprechen! unterbrach er scharf. Und hör auf mit deinen vierzehn Jahren! Sonja die Tochter von Herrn Dr. Schreiber. Also es ist alles geklärt.
Sonja So hieß die Tochter von Klaus Chef. Sechsundzwanzig, hübsch, mit dreihunderttausend Followern auf Instagram Ich hatte sie mal auf einer Firmenfeier gesehen, wie sie ihr Essen fotografierte, bevor sie es aß, und den Löffel leckte sie stets vor der Kamera ab.
Sie hatte es also auf Klaus abgesehen. Und er wollte sie nun heiraten. Nicht etwa aus Liebe, sondern um seiner Karriere willen.
Und was ist mit begann ich.
Kein was ist mit! fauchte Klaus. Du hast gar nichts. Alles läuft auf mich. Vierzehn Jahre hast du auf meine Kosten gelebt, jetzt reichts!
Geldangelegenheiten
Das stimmte so nicht. Ich hatte nicht auf seine Kosten gelebt; ich habe anfangs in seinem Büro gearbeitet, bis er mich bat zu kündigen. Ich habe seinen Haushalt geführt und alles zusammengehalten.
Doch das schien ihm egal, er hatte seine Entscheidung längst gefällt.
Und was fange ich jetzt an? überlegte ich.
In der Tat hatte ich nichts Eigenes. Keine Freundin, bei der ich unterkommen konnte, kein Polster. Doch halt es gab ja noch meine Mutter.
Noch am selben Abend rief ich sie an. Margarete, wie sie von allen genannt wurde sogar ich nannte sie häufig so , nahm gleich beim ersten Klingeln ab, als hätte sie auf meinen Anruf gewartet.
Mama, kann ich zu dir kommen? fragte ich.
Natürlich, komm.
Das war alles. Keine Nachfragen. Mama war immer bodenständig: Erst handeln, dann reden.
Mamas Dorf lag etwa hundertzwanzig Kilometer von unserer Stadt entfernt. Das alte Bauernhaus mit den himmelblauen Fensterläden war zwar in die Jahre gekommen, doch standfest.
Unterm Fenster wuchs ein widerspenstiger Apfelbaum, der jeden August den Hof mit säuerlichen, ungeliebten Äpfeln überhäufte.
Mama empfing mich an der Haustür im geblümten Schürzenkleid, wie immer. Sie roch nach Hefeteig und roten Johannisbeeren. Sie nahm mich in den Arm und zog mich ins Haus.
So, erzähl mal, sagte sie, als wir in der Küche saßen.
Ich erzählte alles, wie es war. Wie Klaus hereinkam, mir drei Tage Zeit gab meine Sachen zu packen, von Sonja sprach Mama hörte still zu und ließ mich ausreden.
Du gehst also so, wie du gekommen bist, wiederholte sie, als ich zu Ende erzählt hatte.
Ja.
Und der Verleih?
Ich verstand erst nicht.
Was für ein Verleih?
Die Autovermietung, ihre Augen blitzten verschmitzt, und die Garage in der Gutenbergstraße. Alles läuft doch über mich, hast du das vergessen?
Stimmt, das hatte ich ganz vergessen. Besser gesagt: nie weiter beachtet. Klaus war Beamter und durfte offiziell kein Unternehmen führen. Deshalb lief alles die Autovermietung und die Garage in bester Lage auf seine Schwiegermutter, die simple Bäuerin vom Land, die laut ihm DEBIT und KREDIT sowieso nie auseinanderhalten könne.
Mama holte eine Mappe aus der Schublade.
Ich bin Diplom-Volkswirtin, Martina, sagte sie ernst, habe vierzig Jahre im Kreisamt für Finanzen gearbeitet. Glaubst du, ich wüsste nicht, was ich da unterschreibe?
Sie legte Verträge, Vollmachten, Kontoauszüge nebeneinander, alles nach Datum sortiert, ordentlich markiert.
So. Die Vollmacht wird morgen widerrufen, verkündete Mama entschlossen. Wir fahren in die Stadt und regeln das.
Die nächste Woche verging wie im Nebel. Mama handelte ruhig und zielstrebig. Zuerst zog sie die Vollmacht zurück, dann ging sie zur Bank und sperrte den Zugriff auf die Geschäftskonten für Klaus.
Zur Sicherheit zog sie gleich eine Beratung beim Notar heran, einem alten Schulfreund, der jetzt eine Kanzlei führte. Ich brachte meine Sachen zu ihr und wohnte von nun an im alten Elternhaus.
Klaus reichte die Scheidung ein. Jeden Tag rief er an und drängte mich, irgendwelche Papiere zu unterschreiben.
Klaus, ich unterschreibe alles, beruhigte ich ihn. Nur nicht jetzt.
Wann dann?
Nächste Woche.
Er fluchte am Telefon, doch ihm fehlte schlicht die Zeit, denn die Hochzeit mit Sonja stand an. Ringe, Restaurant, alles musste organisiert werden.
Mama grinste und meinte, das solle er ruhig alles fix machen. Je mehr er jetzt investierte, umso komischer wäre es am Ende für ihn.
Käufer für die Autovermietung fanden sich rasch der Besitzer des Nachbar-Autoparks wollte schon immer expandieren. Mama verhandelte beinhart, als hätte sie ihr Leben lang nur Geschäfte abgeschlossen.
Am Donnerstag war der Vertrag unter Dach und Fach. Am Freitagmorgen war das Geld knapp 400.000 Euro auf Mamas Konto.
Klaus erfuhr alles am Samstag.
Er kam ohne Vorankündigung, stürmte auf den Hof und schlug das Gartentor so gegen den Zaun, dass es noch Minuten später klapperte. Mama sammelte Äpfel für Kompott.
Was machen Sie da! brüllte er so laut, dass die Nachbarshühner aufschraken.
Was tue ich denn, Klaus? fragte Mama ruhig.
Das ist meins! seine Stimme überschlug sich fast. Alles meins! Ich Ich zeige euch an!
Wofür denn? Mama drehte sich zu ihm und stopfte weiter Äpfel ins Eimerchen. Dass ich mein eigenes Eigentum verkaufe?
Welches Eigentum?
Die Papiere sind in Ordnung, Klaus-Heinrich, entgegnete Mama gelassen. Können Sie gerne prüfen.
Ich er trat drohend auf sie zu.
Was? Sie fuhr herum und starrte ihn direkt an.
Ich schwöre, ich habe meine Mutter nie so gesehen. Nicht mehr die Bäuerin in der Schürze, sondern jemand, der Jahrzehnte mit Zahlen und Menschen gearbeitet hatte.
Willst du mir drohen? fragte sie und blickte zu mir. Vor Zeugen?
Sie schwenkte ihr Smartphone.
Alles aufgenommen, mein Lieber. Von Anfang an.
Klaus verstummte. Als Beamter wusste er genau, was ein unbedachtes Wort bedeuten konnte.
Sie er leckte sich nervös die Lippen. Sie hatten kein Recht
Doch, Mama steckte das Handy weg. Mein Eigentum, mein Recht. Und du, Klaus-Heinrich, hast dich selbst reingelegt. Hättest du mich nicht unterschätzt
Zehn Minuten später war er verschwunden.
Ein Monat darauf wurde Klaus entlassen. Herr Dr. Schreiber, der nie Schwiegersohn wurde, hatte keinen Sinn für Verlierer. Und Sonja? Die soll inzwischen einen Landtagsabgeordneten geheiratet haben.
Meine Mutter und ich leben noch immer im Dorf. Wir haben jetzt neuen Zaun, dichte Fenster und ein ordentliches Auto. An Klaus denke ich selten. Warum auch? Jeder bekommt, was er verdient
Was denkt ihr über das Verhalten meiner Mutter? Schreibt eure Meinung in die Kommentare und gebt ein Like!




