Schatten-Theater
Marlene, die beim Eilen noch ihre wattierte Jacke zuknöpfte, zog die Haustür der alten Fachwerkhütte fest zu, stieg die knarrenden Stufen in den verschneiten Hof hinab, stampfte, während sie die dicken Filzstiefel zurechtrückte, los in Richtung Schuppen. Der Schuppen stand wie ein grauschwarzer Rabenvogel, mit schieferem Dachflügel, in der hintersten Ecke des Grundstücks. Die alte Bretterbude, an allen Ecken und Enden durchlöchert, schien bei jedem Windstoß davonzurutschen, würde dabei die Himbeersträucher und den gelb gestrichenen Lattenzaun niederwalzen, den Weg mit morschen Brettern pflastern und letztlich mit der Seite gegen den verlassenen Ziehbrunnen knallen. Würde sie die Betonschale treffen, zerfiele sie in Splitter, Staub und Federn, als hätte ein Rudel streunender Katzen einen Raben zerzaust.
Ach herrje, wir leben in Sünde, gähnen ohne zu kreuzen ach, wir Frauen, lauter Heiden, murmelte Marlene Jacobsen, während sie die frisch von Schnee freigeräumte Gartenpforte entlangschritt. Sie streckte sich, breitete die Arme aus, drehte langsam den Kopf und verzog spöttisch die Lippen, nickte jemandem am Nachbargrundstück zu. Du auch schon wieder zischte sie zornig. Ab nach Hause, hörst du?! rief sie laut, ihre tiefe, kraftvolle Stimme rollte über das verschneite, stille Feld, ließ die Rabenvögel aufschrecken. Sie krächzten, flogen wie schwarze Schatten übers Himmel, zerteilten grell die graue Luft. Pfui, wie auf dem Friedhof, ehrlich! Wäre nett, mal ein vernünftiges Gespräch zu führen, aber hier gibts ja nur Wölfe oder Spinner, spuckte Marlene in den Schnee.
Vom Nachbargrundstück brummte jemand zurück. Die Frau dort mit wärmendem Wolltuch ums Haupt, Wollrock und dicker Steppjacke wedelte mit den Händen, zeigte mit dem Finger irgendwohin.
Gib dir keine Mühe, ich versteh dich trotzdem nicht! Auf meiner Kappe gelandet, du Plage! Und wir lebten gut, bis du aufgetaucht bist!, grummelte Marlene und erreichte schimpfend endlich den Schuppen. Sie griff nach der Tür, hielt plötzlich inne und starrte auf den Schnee. Ihr Gesicht verhärtete sich, wurde hasserfüllt, das Kinn schob sich vor, die Nüstern blähten sich auf.
Große, scharfgeschnittene Züge. Ihr Gesicht hatte eine eigenartige, räuberische Schönheit, doch jetzt wurde es so abstoßend, dass einem eiskalt über den Rücken lief.
Sie betrachtete die Spuren, die direkt auf den Schuppen zuliefen. Sie begannen an einem losen Zaunfeld und endeten an der Tür.
Nachts hats geschneit, also , dachte Marlene, hat jemand heute in der Früh meinen Schuppen aufgesucht. Ich hol besser das Gewehr Muss sein!
Sie drehte sich abrupt und stapfte zurück zum Haus, warf im Augenwinkel jedoch nochmal einen Blick zum Nachbargrundstück. Nun klebte die Nachbarin am Maschendrahtzaun zwischen den Gärten, verkrampfte Finger im rostigen Draht, das runzlige Gesicht wie Wasserwellen zur Seite zum Schuppen gerichtet.
Iiiih!, schob sie das Kinn Richtung Bretterbude. Daaaa iihh!
Die Frau schluckte, begann erklären zu wollen, doch Marlene winkte ab.
Geh heim, du Arme! Ich klär das schon. Ich hol das Gewehr, keine Angst sogar den Teufel höchstpersönlich verscheuche ich! Weg jetzt, Tante Lene, und stör nicht!
Im nächsten Moment stand Marlene wieder vor dem Schuppen, das Gewehr auf die Tür gerichtet.
Helene Meier, ihre Nachbarin, sprang panisch hinter dem Zaun hin und her, der Schnee knirschte unter ihren Füßen. Die Raben auf der windschiefen, kahlen Linde beobachteten neugierig, stoben dann nach dem ersten Schuss wie dunkle Fetzen nach oben, krächzten wild durch die graue Winterluft.
Der Schuss splitterte das Holz der Schuppenseite. Die Nachbarin riss die Hände vors Gesicht und jammerte, während Marlene selbstbewusst ein zweites Mal diesmal in die Luft abdrückte.
Sie fürchtet hier niemanden, verstanden?! Gar keinen! Sie ist die Herrin, hat schon alles überstanden. Mit genau diesem Gewehr hatte sie einst Einbrecher vertrieben. Und im letzten Winter, als ein Bär den Hof betrat, hat sie ihn auch energisch vertrieben, wie es ihr Vater einst beibrachte. Und auch diesen heimlichen Gast würde sie verscheuchen. Oder, wenn nötig, noch mehr tun ohne mit der Wimper zu zucken! Marlene fürchtet keine fremden Blicke!
Raus jetzt! Raus, bevor ich die Tür durchsiebe!, schrie sie, trat gegen einen Blecheimer, der klappernd über den Gartenweg rollte.
Im Schuppen knarrte und raschelte es, als wolle jemand tanzen, riskierte, durch den Boden zu brechen.
Komm raus, Finsternis! Sonst wird’s schlimmer!, rief sie, ignorierte das Wehklagen der Nachbarin.
Die Schuppentür öffnete sich quietschend. Ein Mann mit verkniffenem Gesicht, blinzelnd im Tageslicht, tauchte auf. Marlene entdeckte eine graue Wollmütze auf seinem Kopf, an der zerrissenen Jacke ragten kräftige, rauhe Unterarme aus den Ärmeln. Schwarze, weite Hosen, Gummistiefel, Bartstoppel Marlene sah alles. Auch die Narbe auf seiner Stirn. Helene Meier schüttelte den Zaun, ihr Kopftuch lag im Schnee.
Ruhe jetzt! Weg!, fuhr Marlene über die Schulter zur Nachbarin. Und du!, nickte sie dem Eindringling zu. Zwei Schritte vor, keine Dummheiten.
Der Mann gehorchte, hob langsam die Hände.
Geflüchtet? Knast?, fragte Marlene. Sie kannte solche Typen ihr Vater hatte immer über die Kriminellen erzählt, die aus der Haft flohen und sich aufs Dorf schlugen. Ab und zu grub man solche halb erfroren in der Rhön aus, bestattete sie gleich im Wald, damit keine Tiere sie fanden. Diese Menschen sollte man nicht bemitleiden, hatte ihr Vater gesagt. Marlene tats auch nicht. Aber dieser Kerl war eigenartig. Die Augen freundlich, traurig, fast, als wolle man ihn in den Arm nehmen. Das weibliche Herz war schwach gegen solche Blicke
Bin vor kurzem raus, kann’s belegen, sagte er gefasst. Ich bin bloß zum Schlafen reingekrochen, verzeihen Sie. Ich
Er redete bedächtig, selbstbewusst, als habe Marlene ihn nicht mit dem Gewehr bedroht, sondern zum Abendessen eingeladen. Vielleicht war das für ihn Routine, vielleicht wusste er, Marlene würde nicht abdrücken. Jedenfalls nicht bei ihm
Ab ins Haus, da reden wir weiter, befahl sie und nickte zum Fachwerkhaus. Wie bist du denn genannt?
Als sie hörte, sein Name sei Johannes, musste Marlene lächeln. Ihr seliger Mann hieß auch so. Ein rechter Kerl! Nicht lange war er ihr beschieden, aber die Erinnerung an ihn hatte sie sich bewahrt.
Na, komm rein, Johannes, setz dich. Ich füttere dich, kannst mir erzählen: Weshalb gesessen, was hast du nun vor. Ich bin Marlene Jacobsen, sag einfach Marlene wir sind doch jung genug, für Förmlichkeiten bleibt später Zeit. Und du, Tante Lene! Himmel nochmal! Geh in dein Haus, warte, ich komm nachher!
Helene Meier schüttelte den Kopf.
Aaaah uuuh!, tippte sie auf Johannes. Boaaah iiiiich!
Machen Sie sich keine Sorgen, ich bin harmlos, sagte Johannes, verbeugte sich ein wenig.
Marlene hob die Augenbraue. Du verstehst sie?
Er zuckte die Achseln. Mehr oder weniger.
Ich kein Wort! Grunzt, wie ne Kuh. Egal, passt schon.
Johannes wartete an der Haustür, ließ der Hausherrin den Vortritt. Marlene stieg die Stufen hinauf, warf ihm einen heißen, sehnsüchtigen Blick zu. Gut sieht er aus, der Johannes, nicht entkommen lassen!
Na, herein. Gefällst mir, Johannes. Ich sorge für dich! Pass aber auf, hier ist ein Brett lose.
Ist lose? Bring Hammer, Nägel, und deck schon mal den Tisch. Ich revanchiere mich. Abgemacht? grinste Johannes, krempelte die Ärmel hoch. Marlene bewunderte die Muskeln unter seinem Hemdstoff, die breiten Schultern, die hervortretenden Sehnen am Hals. Reine, urwüchsige Männlichkeit.
Langsam brachte sie Hammer und Nägel.
Ich bin seit Jahren allein, Johannes. Bewirtschafte alles alleine, keuch und schufte. Kräfte werden weniger. Und dann noch auf die Nachbarin achten! Jaja, einer muss barmherzig sein, nicht? seufzte sie. Mach du mal, ich kümmer mich ums Essen.
Na klar!, Johannes machte sich an die Arbeit
Er hörte, wie Helene Meier auf dem Treppenabsatz lamentierte. Sie starrte ihn an. Sie tat ihm leid, halb gelähmt, sprach kaum wie einsam muss so ein Leben sein
Johannes ließ die Augen durchs Haus schweifen. Alt, das moosbewachsene Dach, das Fachwerk windschief, im Frühjahr würde alles ächzen. Und wie sie hier lebte! Wenigstens hat sie eine junge Nachbarin nebenan, dachte er
Johannes kam erst spät ins Haus zurück. Marlene hatte sich inzwischen fein gemacht Bäckchen errötet, die Augen nachgezogen, um den Hals billige Plastikperlen was anderes gabs nicht!
Gemütlich hast dus, meinte Johannes.
Mein Häuschen, ich geb mir Mühe!, errötete Marlene. Wasch dir dort die Hände, ich halt das Handtuch. Und jetzt zu Tisch. Ein Gläschen? Bist du gesund?, stellte sie den kleinen Likörkaraffe hin, schielte neugierig zu ihm. Sie bewegte sich langsam, damit er sie in Ruhe anschauen konnte.
Warum nicht? In guter Gesellschaft, im warmen Heim Auf Ihr Wohl, Marlene Jacobsen., prostete Johannes, kippte das Glas hinunter.
Nicht so hastig, nicht mal gekostet! Noch eins? Und hier, Kartoffeln, Kraut, Fleisch. Sogar Eierkuchen, nimm, lieber Gast. Nichts ist mir zu schade! Lass es dir schmecken.
Johannes aß schweigend, schaute auf den Teller. Zu Hause Endlich mal wieder! Nicht bei sich, aber egal. Nicht im hässlichen Wohnheim, nicht unter Gestrauchelten, sondern in Wärme und Geborgenheit. An den Wänden verblasste Bilder wie aus einer Galerie, auf den Regalen Deckchen, Besteck ordentlich gedeckt
Und, wofür bist du gesessen?, fragte Marlene beschwipst, legte das Kopftuch ab.
Wegen Mord, antwortete Johannes nach kurzem Zögern, sah Marlene direkt an.
Nein! Du machst Witze. Wen denn? erstaunt riss sie die Augenbrauen hoch.
Meinen Vater.
Marlene verschluckte sich, hustete, bedeutete Johannes, ihr Wasser einzuschenken.
Den Vater Wie ist das nur möglich? War Alkohol im Spiel?
Ihr Vater war ihr Vorbild. Stark, gerecht, manchmal hart sie hielt das für richtig.
Nein, war nüchtern. Er prügelte meine Mutter oft. Ich wollte sie mitnehmen, sie blieb. Dann konnte ich nicht mehr. Hab nicht geleugnet, habs gleich gestanden. Habe die Mutter befreien wollen, dachte, wir starten ein neues Leben. Aber sie
Er drehte sich weg, schluckte.
Und, sie hat sich nen anderen gesucht?, biss Marlene ins Essiggürkchen.
Nein. Sie hat sich erhängt. Der Nachbar schickte später einen Brief: Sie vermisste ihren Mann. Nie begreif ich das! Schlug sie, prügelte mich, und sie ging nicht. Ich zog weg, wollte sie holen, keine Chance. Und als ich wiederkam, schwang er die Axt Der Rest ein Traum. Sie weinte, verfluchte mich. Ich war benommen Sie war frei. Aber
Er schwieg, ballte die Fäuste.
Marlene wagte kaum, sich zu bewegen. So viel Schmerz und Wut, Leere in diesem Gesicht. Sie hatte davon gehört, doch nie verstanden. Sie selbst, Marlene Wenn ihr Mann das mit ihr gemacht hätte!
Ja Eigentlich sind wir uns ähnlich, Johannes. Wir denken gleich! Vielleicht wird ja noch was aus uns? Kinder solltens sein. Am liebsten Jungs helfen im Haus, dachte Marlene, näherte sich mit der Hand.
Johannes starrte schweigend die Frau an. Vermisste er Weiblichkeit so sehr? Oder war sie tatsächlich die Schönste?
Wohin willst du jetzt?, fragte Marlene, streichelte vorsichtig seinen Handrücken.
Weiß noch nicht. Nach Hause, mein Zimmer gibts noch. Arbeiten auch Muss mich bei den Behörden melden, Johannes kramte seinen Entlassungsschein heraus, legte ihn auf den Tisch.
Marlene wischte sich an ihrem Rock die Hände, las den Wisch. Weißes Papier, das ihm nun ein neues Leben ermöglichen sollte.
Na dann. Bleib ruhig ein, zwei Tage erhol dich, such dir was Warmes, dann siehst du weiter. Schlaf hier in der guten Stube, ich nehm das kleine Zimmer. Mach dir keine Gedanken, ist warm Ofen heiz ich an. Ich muss jetzt schnell zu Frau Meier sie ist wie ein Kind, muss versorgt werden. Später kommt die Sauna dran, für dich Ruh dich aus, ich leg los!, lächelte sie.
Kokett wie sie war, deutete sie an, noch mehr für ihn tun zu wollen. Aber Johannes schien es nicht zu bemerken. Wartet vielleicht doch eine Herzensdame auf ihn, seit der Haft?
Marlene runzelte die Stirn.
Du weißt, mit mir sind keine Späße. Versuchst du dich zu bereichern, kommst du hier auch nicht raus!, raunte sie.
Johannes nickte.
Soll ich helfen? Wer ist Lene? Er sah, wie Marlene einen Teller füllte, mit Kartoffeln und Fleisch, Salz- und sauer Eingelegtem, Brot, abdeckte und eilig mit Kopftuch das Haus verließ.
Lene?, grinste Marlene. Meine Nachbarin. Nicht ganz richtig im Kopf, redet nicht, kümmer ich mich drum. Machs dir bequem. Ich beeil mich. Sie warf ihm einen tiefen, warmen Blick zu.
Marlene zog ihre Pelzweste über, stapfte los. Bald stand sie am Nachbarhaus, klopfte mit dem Stiefel gegen die Tür.
Johannes sah ihr aus dem Fenster nach, dann fegte er Brotkrümel vom Tisch, fand einen kleinen Besen, räumte auf das befreit den Kopf.
Marlene ist eine gute Frau: ordentlich, mutig auch wenn sie alleine lebt, lodert ihr Blick. Schön ist sie. Wäre seine Mutter so gewesen … sie hätte nicht mit dem Vater zusammenfinden müssen. Vielleicht hätte es dann Johannes nie gegeben oder, doch, aber er wäre anders. Und ein anderes Leben. Nun? Wer gibt dem Mörder schon eine neue Chance? Er, der Gesuchte aus der Vergangenheit
Sich bei Marlene zu bleiben? Ihr helfen? Er ist doch geschickt, kennt das Leben. Vielleicht könnten sie gemeinsam … heiraten sogar?…
… Helene Meier saß auf ihrem Stuhl und beobachtete, wie Marlene Essen auf dem Tischtuch drapierte.
Neeeh Neeeh Hhh…, schüttelte die Frau den Kopf, doch Marlene winkte ab.
Jetzt iss, Nachbarin. Ich kümmer mich um dich, so ist das eben. Mach voran!, fuhr Marlene sie an, verzog das Gesicht, weil die Nachbarin hustete. Sei vorsichtig! Ich krieche bestimmt nicht bei dir in die Kehle. Na, was grummelst du schon wieder? Genug jetzt! Hab genug zu tun, hab Gäste…
Er Wer… ist er? flüsterte Lene.
Er? Verwandtschaft. Nun iss endlich!, donnerte Marlene, Lene zog sich zusammen, nippte an kleinen Bissen.
Ich kann alles noch! Kochen, Suppe, Braten im Ofen… Früher konnte ich… Jetzt wollen die Hände nicht mehr, das Gesicht halb gelähmt. Sprechen kaum möglich … Schwer ist es, von anderen abhängig, eine Last zu sein …
Marlene inspizierte inzwischen die Möbel, musterte den Kommodenschrank, überlegte, ob der in ihr Haus passen würde. Dann winkte sie ab. Johannes, wenn er bliebe, würde sich um alles kümmern, das Leben wäre schön. Ihr ist er kaum älter, und zärtlich kann sie sein!
Fertig? Bringst du’s? Ich geh dann die Sauna anheizen, den tollen Kerl baden! Mach’s gut, Nachbarin werd nicht krank!
Sie ging und schlug die Tür weit auf.
Helene Meier schloss vorsichtig, setzte sich und aß zu Ende.
Johannes, voller Tatendrang, trat nach draußen, schaute sich um. Er hatte kaum mitbekommen, wie er nachts in das unterfränkische Lappach gekommen war. Die kleine Kapelle mit goldenem Zwiebelturm glänzte auf dem Hügel, ein Ort zum Beten aber seine Mutter hatte gesagt, es gebe keinen Gott, also …
Die Häuser ringsum sahen verlassen aus, keine Tierspuren. Keine Kuh im Stall, kein Traktor tuckerte.
Schöne Gegend, oder?, tauchte Marlene neben ihm auf. Schriftsteller haben hier früher gelebt na ja, so erzählen sie jedenfalls. Mittlerweile gibts nur noch drei bewohnte Häuser, der Rest … lauter Ferienhäuser, spuckte sie das Wort aus. Im Winter sind wir hier alleine.
Und wenn ihr was braucht? Brot und Lebensmittel?
Marlene strahlte, die Wangen von der heißen Sauna gerötet.
Hab keine Angst, zweimal die Woche bringt ein Wagen alles Nötige. Für frisches Brot gehe ich in den Nachbarort, durch den Wald, frühmorgens bin ich mittags zurück. Seit die Meier bei mir wohnt, laufe ich öfter, sie isst Brot wie Wasser. Für sie muss es weich sein. Nachher bist du an der Reihe, Johannes: Im Dampf wirst du wie ein Engel schweben! Ich auch. Hab schon Tannenzweige für Aufguss. Es riecht … mmmh!, lachte sie, als sie sah, wie Johannes erschrocken die Augen aufriss. Keine Angst, ich überlass dir die Sauna!
Johannes errötete, drehte sich verlegen fort und beobachtete, wie Lene sich unsicher anschickte, Holz zu hacken.
Ach, das arme Ding! Schneidet sich noch ein Bein ab! Lene! Nicht!, rief Marlene. Doch Lene murmelte nur.
Ich helfe, rief Johannes, sprang über den Zaun, griff nach dem Beil. Als er es hob, erstarrte er. Die Axt, die Augen so ängstlich wie die seines Vaters damals.
Johannes schloss die Augen, schüttelte den Kopf.
Lassen Sie, ich mach das, sagte er. Ich heiße Johannes.
L…L…L…, stammelte Lene. Ah!
Ich weiß, Sie sind Helene Meier.
Ja!, nickte sie.
Dann sind wir uns vorgestellt. Bleiben Sie nicht draußen, es ist kalt. Brauchen Sie Wasser? Oder was anderes?, fragte er.
Sie zuckte mit den Schultern, schien sich zu schämen.
Etwas in ihrem Gesicht erinnerte ihn an seine Mutter
Marlene steckte, wie versprochen, nicht zu Johannes in die Sauna, reichte ihm aber saubere Kleidung, seufzte und verschwand.
Als er rot und dauemwarm im neuen Hemd zurückkam, war das Abendessen fertig. Draußen wurde es früher dunkel, Frost beschlug die Fenster.
Danke, wirklich! Für das Obdach, fürs Einlassen!, bedankte er sich voller Wärme.
Marlene, hübsch und freundlich, lächelte verlegen.
Ach, ohne guten Mann ist’s schade für eine Frau…, sagte sie schüchtern. Und ihm wird auch nicht besser ohne sie…
Johannes räusperte sich, schloss die letzte Knopf am zu großen Hemd.
Was wird eigentlich aus Ihrer Nachbarin?, fragte er rasch.
Marlene zuckte die Schultern.
Was soll schon sein? Brennt das Licht bei ihr, lebt sie Sie ist mein Einkommen, weißt du? Nach dem Schlaganfall störte sie ihre Familie, jetzt lebt sie hier. Ihr Sohn und Schwiegertochter haben sie einfach hergebracht. Ihre Hütte haben sie von irgendeiner Tante geerbt, brauchen sie nicht. Verkaufen wollten sie, aber dann trafs Helene. Tja, und zahlen mir, dass ich sie füttere. Das reicht, daher spare ich. Ich sorge schon für Helene, aber man kann sie nicht verwöhnen …
Marlene seufzte, als täte ihr die Nachbarin leid.
Sie braucht doch eigentlich Ärzte! Da kann man doch noch helfen, setzte Johannes an, doch Marlene winkte ab, strich sanft seine Wange:
Ach, wieso? Wer vom Schicksal getroffen ist, den lässt man, wie er ist. Allen ist geholfen ihr und mir. Ich sorge, sie ist sauber, satt, an frischer Luft. Im Sommer ist es himmlisch! Bleibst du bis dahin bei mir?, fragte sie leise.
Sie sind gutherzig, danke!, wisperte Johannes alles schien zu taumeln, er war müde. Ich leg mich hin …
Natürlich, ruh dich aus, ich räume hier auf!
Er sah nicht, wie sie die Reste ins Becken schüttete, abdeckte und mit einem Beutel ins Nachbarhaus trug.
Bald brannte bei Helene Meier das Licht heller. Marlene fütterte ihre Pflegling
In der Nacht kam jemand, ein Traktor tuckerte lange vor dem Haus. Marlene sprang hinaus, das Geld im Ausschnitt, flirtete kurz, dann brauste er davon. Helene ahnte nicht, dass ihr Sohn heute zu Besuch war.
Am Morgen, in ihren Schal gehüllt, betrachtete sie das kalte, klebrige Porridge, das Marlene ihr hinstellte, schob es weg, wandte sich ab.
Bittschön! Ich tanz nicht vor dir. Fix jetzt! Heute wird gewaschen, draußen, damit der Boden trocken bleibt. Nun iss!, drängte Marlene.
Johannes lief draußen umher. In der Nacht, als der Traktor fortfuhr, hatte Marlene sich zu ihm gelegt, ihn sacht umarmt, seinem Atem gelauscht, gedacht: Jetzt ist das Glück da! Doch Johannes setzte sich im Dunklen auf, verlangte nach Wasser, trank, schlief sofort wieder ein.
Marlene zog sich seufzend zurück, hätte sich das Spitzenhemd sparen können
Sie schickte Johannes mit einer Aufgabe fort, erhitzte in einem Eimer Wasser. Sie musste sich um Helene kümmern, wie versprochen. Die würde wieder kreischen, die Laute ziehen. Aber jetzt hat Marlene Johannes. Ihren Johannes. Er ist zurückgekehrt wird es merken, bald würden sie als Mann und Frau leben. Und Helene war ihr Einkommen, musste aushalten.
Marlene griff ein Handtuch, befahl Lene, Zopf und Kleidung abzulegen.
Hinter dem Schuppen, ich schütte Wasser über dich!, sagte sie. Lene starrte entsetzt, schüttelte den Kopf, wollte Marlene wegschicken, doch die packte sie am Kinn, zog ihr Gesicht nah zu sich.
Hör zu! Ohne mich reicht dein Leben nicht. Also sei brav, beeil dich!
Johannes kam vom Kirchgang zurück, die Hände gefroren. Nach wenigen Metern sank er im Schnee ein, wendete zurück.
Bei Marlene fühlt es sich richtig an! Etwas Teuflisches hat ihr Lachen, aber es ist gut. Vielleicht bleib ich hier?, dachte Johannes.
Er umrundete das Haus, betrachtete die letzten roten Vogelbeeren, von Schnee bepudert. Er griff gerade, hörte einen verzweifelten Ruf, dann scharfe Worte von Marlene. Helene schrie auf.
Er spähte hinter den Schuppen, erschrak, trat sofort wieder zurück.
Marlene kippte mit der Kelle Wasser über Helene, deren Körper, nur mit Hemd geschützt, dampfte. Wasser rann an den Beinen herab, fror am Boden. Helene tänzelte wie ein Kalb auf den alten Brettern.
Zorn stieg in Johannes hoch wie damals bei den Eltern. Die Hände wurden zu Fäusten.
Was machen Sie da?! Marlene, jetzt reicht’s!, rief er, sprang, zerriss den Zaun, stürzte auf Helene zu, legte ihr den Mantel um.
Guckt euch das an! Kommt hierher und spielt den Samariter! Und dabei Du hast deinen Vater mit der Axt getötet und jetzt Gutes? Und mit mir war auch was, oder?!
Helene starrte Johannes an, doch der spuckte nur aus.
War nie was, ich erinnere mich, sagte er hart.
Na gut, dann eben nicht. Aber gegessen hast du auf Kosten von Lene! Dein Peter, Helene, war heut Nacht da. Zahlt für dich jede Woche Hauptsache, du bist weg!
Hören Sie auf, Marlene!, wendete sich Johannes um.
Marlene lachte kalt.
So selbstlos? Und wieso hat euch eure Familie fortgejagt? Dir, Johannes, bleibt der Tod der Mutter anhaften, vergiss das nicht. Kriech zur Gruft, du Wurm!, schrie sie den beiden nach.
Helene, hinter einem Paravent, zog sich schluchzend an, murmelte, verstummte.
Johannes saß am Tisch, atmete schwer.
Früher zeigte mir meine Mutter Schattentheater. Sie schnitt Figuren aus, hängte ein Bettlaken zwischen zwei Stühle, stellte die Lampe. Ich hielt den Atem an pure Magie. Am Morgen fand ich die ausgeschnittenen Figuren. Sie waren hässlich, aber der Schatten schön. So ist mein Leben: reines Schattentheater. Ich hielt meine Mutter für Opfer, unglücklich, dabei konnte sie nicht ohne Vater leben. Ich dachte, Sie seien völlig hilflos, dabei dort die Bücher, Sie lesen?, Helene nickte. Marlene stellte Sie als senil hin. Sie sind klar! Und Marlene selbst mir erschien sie gütig, doch die echte Marlene Ein Monster. Und ich? Glaube, gut zu sein. Dabei stimmt das gar nicht.
Iiiih!, schüttelte Lene den Kopf, setzte sich an seine Seite, schrieb langsam, schlug sich auf die Brust.
Alle Menschen sind verschieden, innen noch vielschichtiger … Wir sehen nur manches, anderes bleibt für immer verborgen. Sie sind gut. Danke!
Sie lehnte sich zurück, stand dann auf, humpelte zum Schrank, holte mehrere Fotoalben hervor.
Johannes sprach für sie, sie zeigte ihm Bilder. Sie verstanden sich ohne viele Worte.
Sie zogen schon am nächsten Tag fort. Johannes bot Helene das freie Zimmer bei sich an.
Ich kann kochen, aufräumen, wirklich! Bleiben Sie nicht in dieser Hölle!, bat er.
Sie zuckte zuerst die Schultern, nickte dann.
Marlene sah sie die Landstraße entlangziehen, von Schnee verweht. Die Schatten lang, verschwanden irgendwann ganz. Die Regionalbahn hupte, Marlenes Glück fuhr davon. Schon wieder hatte sie ein Johannes verlassen. Es sollte wohl nicht sein.
Aber egal , dachte sie, während sie auf den Stufen saß und Geldscheine auf dem Schoß zählte, eigentlich bin ich gut. Habe mich um eine fremde Frau gekümmert, Johannes aufgenommen. Eine gute, eine echte Hexe!, lachte sie, warf den Kopf zurück, schwarze Locken fielen ihr über die Schultern, die Augen glänzten düster
Der Wind wirbelte die Geldscheine auf, fegte sie durch die Stube, hinaus in den Schnee, hinauf Richtung trübe Sonne.
Vergeblich versuchte Marlene, ein paar zu fangen, Beweise für ihre Güte nichts blieb ihr in der Hand
Helene Meier besah neugierig Johannes Zimmer, Schauspielerfotos, Porzellanvasen, aufgestapelte Hefte.
Ich habe damals studiert , erklärte Johannes.
Nu nie nie wieder , flüsterte Helene.
Wahrscheinlich nicht. Ich gehe noch kurz zum Supermarkt wir essen nachher zusammen. Oder brauchen Sie Hilfe?
Helene verneinte, wollte etwas sagen, aber es klopfte. In die Tür blickte Nachbarin, Tante Sigrid.
Johannes! Zurück! Ach du meine Güte! Wen hast du da? Ach, egal! Ich bin Sigrid, freut mich, begrüßte sie Helene herzlich. Kommt in die Küche, ich koch Maultaschen für alle!
Helene errötete, steckte die Haare zurecht. Johannes nickte ihr aufmunternd zu.
Und so gingen sie hinter Sigrid her durch den engen Flur.
Johannes war verlegen, Helene spürte es. Er fürchtete Gespräche aber hier wurde nicht getuschelt. Hier gab es keine Schatten, alles war echt: Die heimelige, beengte Küche, die dampfenden Maultaschen, der Duft von Lorbeer, Sigrids Kinder am Tisch, Johannes, blass, mit traurigen Augen: Er war er selbst. Und Helene wurde ruhig. Zum ersten Mal seit ihrem Schlaganfall fühlte sie sich keine Last mehr. Man sprach mit ihr, sie wurde angelächelt, bekam Hilfe ohne Gezeter. Alles Üble war Vergangenheit. Vor ihr lag nur Gutes.
Über Verbindungen organisierte Sigrid einen pensionierten Neurologen. Er untersuchte Helene, schob die Brille zurecht, pfiff, meinte:
Wir arbeiten! Vieles wurde versäumt, aber nicht alles. Stickt, strickt für mich vielleicht einen Schal?
Helene weinte, ließ die Nadeln liegen, wandte sich ab, dann griff sie wieder zu, arbeitete weiter. Es war mühselig, aber die Finger wurden besser. Ein Schritt zum Sieg.
Nach zwei Jahren sprach sie flüssig, die Hände gehorchten, auch der Gang wurde sicherer. In ihren Augen blitzte wieder Zuversicht.
Schicker Anzug, Johannes!, lobte sie ihn, als Johannes sich fürs Standesamt in Schale warf.
Nicht zu schrill?, er blickte in den Spiegel, unsicher. Helene lachte.
Im nächsten Monat wird geheiratet, ganz offiziell. Dann beginnt das wirkliche Leben, voll Liebe und Vertrauen. Seine Braut, Katharina, ist ebenfalls eine echte. Die Schatten sind Vergangenheit. Johannes hat gelernt, sie zu verscheuchen. Man muss nur den Vorhang lüften, dann kommt das Licht.




