Einmal hatte ich während meiner Zeit als Erzieherin einen besonders denkwürdigen Fall ja, das wird man sein Leben lang nicht los. In meiner Gruppe war ein Junge, der hieß Moritz Schneider. Der Junge kam leider mit einem ganzen Paket an Baustellen zur Welt: Entwicklungsverzögerung, Herzfehler und oben drauf noch eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. Bis zu seinem vierten Lebensjahr war völlig rätselhaft, was er von sich gab eher ein Rätselraten als Sprechen. Erst nach unzähligen Sprachtherapiestunden wurde mit sechs alles etwas besser. Klar, er sprach mit ordentlich nasalem Klang und einer gewissen Kehligkeit, aber immerhin war zu erkennen, was er sagen wollte.
Dann stand der nächste große Tag an: der letzte Kindergartentag und der 8. März bei uns der Tag der Frauen, aber in deutschen Kitas eben einfach Muttertag light. Da beschlossen wir, Moritz ausgerechnet ein Gedicht vortragen zu lassen. Wir dachten, wenn nicht jetzt, wann dann? Klar hatten wir Bammel der Junge war nicht nur schüchtern wegen seiner Aussprache, sondern auch wegen der sichtbaren Narbe an der Oberlippe. Aber man wächst nicht im Glashaus auf, sondern mit Herausforderungen. Und Moritz wollte das wirklich selbst: Immer wenn die anderen ihre Gedichte aufsagten, murmelte er sie leise für sich mit und bewegte dabei seine Lippen.
Moritz bekam dann einen Teil eines Gedichts über Mütter ab. Seine Mutter war ganz aus dem Häuschen, als sie das hörte wer hätte das gedacht. Auch Moritz glaubte eigentlich, er hätte keine Chance, denn er war eben anders. Aber so fleißig habe ich selten jemanden üben gesehen: Jeden Tag, mehrmals, vor dem Spiegel, vor Mama, vor Papa, laut, leise, im Stehen, im Sitzen, bei Onkel, bei Oma man könnte meinen, die Familie würde es selber bald bei Wer wird Millionär rezitieren können.
Dann kam der große Tag. Moritz, herausgeputzt im Kinderanzug mit Fliege, betrat die Bühne. Er war furchtbar aufgeregt, aber kneifen? Nicht mit Moritz! Ich sags nur für Mama, wegen ihr hab ichs ja überhaupt gelernt, erklärte er und stellte sich der versammelten Elternschaft also, na gut, er guckte eher auf seine Schuhe.
Er begann sauber und deutlich. Doch ob ihm die Kraft ausging oder die Nerven durchgingen er stotterte plötzlich, kämpfte sich zur folgenden Zeile hoch:
»Von der Treppe ruft der Johannes: “Mama ist Pilotin? Na und? Aber bei Moritz zum Beispiel, da ist die Mama…« (man merkte die Anstrengung förmlich) »…MAMA ist…Klimaanlage!«
Das Getuschel auf den Bänken war nicht zu überhören. Moritz wurde knallrot, stopfte die Hände tief in die Taschen, schaute trotzig, doch er machte weiter:
»Und bei Tim und bei Vera, die Mamas sind…«
Da schrie jemand aus der letzten Reihe: »Auch Klimaanlagen!« und dann war das Gekicher groß. Moritz drehte sich um und schoss wie eine Rakete von der Bühne.
Ich fand ihn am Treppenaufgang, wo er stockböse und mit Ärmel sein Schluchzen abwischte. Ich ging zu seinem roten Ohr und flüsterte ihm zu: »Das war nicht in Ordnung das war eine blöde Bemerkung. Willst dus noch mal probieren, für deine Mama und für mich? Diesmal sagen wir Polizistin an der Stelle. Und ich helf dir, wenn du stockst.« Erst schüttelte er trotzig den Kopf. Aber dann, nach kurzem Nachdenken: »Doch, für Mama schon aber ich hab Angst.« »Ich steh neben dir, halte deine Hand und flüstere sofort, wenn es hakt«, versprach ich.
Moritz war einverstanden. Ich gab ihn der hinzueilenden Erzieherin, damit sie schnell seine verheulte Schnute wischte, und rannte zurück zur Aufführung. Meine Knie zitterten, aber ich bat um das Wort bis heute hab ich diesen kleinen Auftritt im Kopf:
»Moritz ist sechs. Einen Großteil seines kleinen Lebens hat er zwischen Krankenhaus und Reha verbracht. Er hat mehr OPs hinter sich als Geburtstagskerzen ausgeblasen. Seine ersten Worte kamen spät, dieses Jahr hat er endlich gelernt, verständlich zu sprechen. Und heute wollte er für seine Mama ein Gedicht aufsagen und nur für sie. Helfen Sie ihm bitte: Hören Sie ihm zu. Er hats wirklich alles andere als leicht.«
Es wurde mucksmäuschenstill. Ich führte Moritz aus dem Vorhang hervor. Er wollte sich am liebsten im Boden verkriechen: klein, stämmig, mit vorstehender Unterlippe, verheulte Augen aber tapfer, wie eine Eiche. Aus dem Publikum rief seine Mutter: »Los, Moritz, du schaffst das!« Und noch mal die Stimme aus der letzten Reihe, diesmal freundlicher: »Auf gehts, Moritz!« Ich hockte mich zu ihm, nahm seine Hand und flüsterte: »Ganz in Ruhe. Für Mama.«
Moritz schnappte nach Luft und fing nochmal von vorne an: »Von der Treppe ruft der Johannes: Mama ist Pilotin? Na und! Aber meine Mama ist Po-li-zis-tin! Und bei Tim und bei Vera, beide Mamas sind In-ge-ni-eu-re!«
Dann schaute er mit einer solchen Entschlossenheit ins Publikum, als hätte er gerade ein Stadion-Tor geschossen. Und was dann los war sowas hab ich in all den Jahren nicht wieder erlebt! Applaus wie bei Helene Fischer! Eltern, Kinder, Erzieher, sogar der Hausmeister sie klatschten, als hätten wir alle zusammen ein Weltmeisterschaftsfinale gewonnen. Weiter konnte Moritz gar nicht mehr lesen, es war einfach zu laut.
Danach zog mich die Musikpädagogin zur Seite. »Weißt du, dafür müsste man dich eigentlich windelweich prügeln du hättest fast das Fest ruiniert. Aber… Sieger haben immer recht. Und heute habt ihr zwei gewonnen. Also, ab mit dir, Gesicht waschen und dann zurück zu deinen Zwergen.«
Warum ich gerade heute, 13 Jahre später, daran denke? Ich traf neulich Moritz Mama auf der Straße, und sie erkannte mich direkt. Sie erzählte, dass Moritz dieses Jahr an der Uni in Heidelberg angenommen wurde ganz regulär und gleich beim ersten Mal alles top bestanden! Und wisst ihr, wo? Germanistik! Und dann hat sie mir noch ausgerichtet, was ihr Sohn gesagt hat: »Ohne dieses Erlebnis damals wär ich heute noch ein Außenseiter.«
Am Ende zählt halt, dass Durchhaltevermögen und die Menschen drum herum aus Moritz einen ganz normalen jungen Mann gemacht haben. Darum: Lasst uns einfach ein wenig entspannter und netter miteinander umgehen, ja? Wer weiß, wie viele Moritze noch in uns allen stecken!





