10. Januar 2024
Heute war so ein Tag, wie ich ihn eigentlich gar nicht mag: voller Unruhe und blöder Ahnung, dass irgendwas gleich schiefgeht. Ich hockte am Fenster, schaute hinaus in den dichten, schlierigen Winterabend und fummelte ungeduldig an meinem Ärmel herum. Wo bleibt er nur?, dachte ich, während meine Gedanken wie wild kreisten.
Mama schaute vom Küchentisch auf, wo sie Kreuzworträtsel löste, und fragte mit diesem seltsam gemixten Blick aus Mitleid und Spott: Na, Alina, hat dein Tobias etwa Reißaus genommen?
Vielleicht lächelte sie, vielleicht verzog sie nur wieder die Lippen, wenn sie unsicher wird das konnte ich nicht genau deuten. Ich war eh zu angespannt, um über ihre Mimik nachzudenken.
Zum Supermarkt braucht man höchstens zwei Minuten zu Fuß, nochmal so viel zurück… Aber er ist nun schon seit über 20 Minuten weg, rekapitulierte ich innerlich. Vielleicht steht er ewig an der Kasse an? Aber wieso geht er nicht ans Handy? Hier stimmt doch was nicht Soll ich raus und nachsehen?
Während ich mich in meinen Sorgen verlor, sinnierte Mama Renate Mertens weiter vor sich hin. Das erinnert mich glatt an einen alten Tatort, murmelte sie. Da ist der Kommissar auch einfach verschwunden, alle dachten schon das Schlimmste Dabei hat er sich nur versteckt, um jemanden zu beobachten. Will heißen: Lass dich nicht gleich verrückt machen.
Mama, bitte! stöhnte ich genervt auf. Kannst du nicht mal aufhören, alles wie einen Fernsehkrimi zu erzählen?
Sie zuckte nur die Schultern. Tobi wollte mich wohl lieber doch nicht kennenlernen. Hat er sicher gemerkt, dass mit mir nicht gut Kirschen essen ist. Ich spüre so was. Gib mir zwei Minuten, ein Blick in die Augen ich durchschaue jeden.
Ich überhörte fast, was sie da wieder konstruierte. Meine Gedanken waren bei Tobias. Irgendwas ist passiert, flüsterte ich, während ich erneut sinnlos hinaus ins Schneegestöber starrte. Die ganze Stadt war seit dem Morgen im weißen, trüben Schleier.
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Wie alles begann mit Tobias war eigentlich reine Zufälligkeit. Ich hab nie was gegeben auf spontane Flirts auf der Straße, aber an diesem Tag war alles anders. Noch drei Tage bis Silvester, alle in München waren in Feierlaune, nur das Wetter spielte verrückt: Noch am Vortag Regen, nachts Frost, am Morgen dann matschige Tauwetter-Glätte überall. Ich hatte verschlafen und musste mich beeilen, rein in die U-Bahn zur Agentur.
Auf dem Weg schnell noch beim Rewe rein Feuchttücher kaufen. So früh ist da kaum was los, dachte ich. Doch: Nur eine Kasse war offen, vor mir ein Typ mit Wagen voller Einkäufe.
Soll ich mich einfach vordrängeln? Oder warten? Ich quetschte mich freundlich dazwischen und erklärte meine Notlüge, dass sonst mein Chef mir morgens eine Standpauke hält.
Zum Glück ließ Tobias damals wusste ich noch nicht mal, wie er heißt mich einfach netterweise vor.
Ich bezahlte, warf ihm ein dankbares Lächeln zu und rannte nach draußen. U-Bahn kam gerade und schon geschah das Malheur: Ich rutschte auf diesem fiesen Mischuntergrund aus Eis und Pfützen aus, knallte direkt vor dem wartenden Zug hin und verknackste mir den Knöchel.
Ganz schön blöd gelaufen, zischte ich, während ich die Zähne zusammenbiss.
Da hörte ich eine vertraute Stimme: Alles in Ordnung bei Ihnen? Natürlich war es der Typ von eben. Er half mir auf, stützte mich, rief ein Taxi ich konnte ja kaum mehr auftreten. Er bestand sogar darauf, mich zum Durchgangsarzt zu begleiten.
Gesundheit ist wichtiger!, meinte er mit überzeugender Ruhe. Er hatte ja so recht. Im Wartezimmer war ich schon weniger skeptisch man konnte ihm einfach vertrauen, ganz seltsam.
Diagnose: Bänderdehnung. Der Arzt war ein Witzbold, spätestens als er zwischen Schienenanlegen und Salbenmassieren anfing, mir Witze zu erzählen.
Tobias wartete geduldig auf mich. Und als ich wieder rausgehumpelt kam, bot er gleich ein Taxi nach Hause an. Irgendwas an seiner Art dieses Unaufdringliche tat mir unglaublich gut, gerade nach den letzten miesen Erfahrungen.
Am Ende, als er mich zur Haustür brachte, fragte er ein bisschen schüchtern: Darf ich vielleicht deine Nummer haben? Dann kann ich mich erkundigen, wies deinem Fuß so geht. Und, na ja vielleicht später einen Spaziergang vorschlagen.
Ich konnte mir das Lächeln nicht verkneifen und diktierte ihm meine Nummer.
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Tobias meldete sich tatsächlich schon wenige Tage später, wünschte mir ein frohes neues Jahr und fragte nach meinem Fuß. Nach Silvester verabredeten wir uns zum Spaziergang. In diesen Feiertagen lernten wir uns richtig kennen stundenlang bummelten wir durch München, tranken Kaffee in kleinen, versteckten Cafés und schrieben abends noch ewig per WhatsApp.
Mein Herz wurde leichter, jeder Tag leuchtete ein bisschen heller. Vielleicht würde daraus ja wirklich etwas Ernstes werden vorausgesetzt, es kommt keine Störung dazwischen.
Alina, muss das sein, dass du abends schon wieder rausgehst?, beäugte mich Mama kritisch im Flur.
Ach Mama ich bin erwachsen. Ich kann doch wohl auch mal am Abend bummeln gehen und nicht nur mit Freundinnen.
Aha. Und mit wem sonst? Mama tat übertrieben theatralisch, drückte sich gleich ans Herz: Kind, deine Augen leuchten ja, als wär Kirchentag! Bist du etwa verliebt?
Noch nicht. Vielleicht bald. Mal sehen. Ich zog meinen Wintermantel stramm um mich.
Sie stöhnte, dann beschwerte sie sich, wie schnell und heimlich ich immer neue Männer kennenlernte, ob das wohl wieder so einer sei, wie die letzten beiden Ich willigte ein, dass nach den letzten Enttäuschungen (einmal wars ein notorischer Spieler, dann einer, der ständig Geld lieh und alle anlog) sie ein Recht hatte, skeptisch zu sein.
Doch dieses Mal, bat ich sie, Tobias erst kennen zu lernen und nicht direkt alles schlecht zu reden.
Okay, Schatz, beruhigte sie sich etwas, aber warum daheimbleiben und schmollen? Lad deinen Tobi doch mal ein, dann seh ich wenigstens, mit wem du dich abgibst.
Ich rang kurz mit mir: Mama, ich kenn ihn erst seit zwei Wochen!
Doch sie blieb unnachgiebig. Mir blieb nichts anders übrig, als Tobias kurzerhand anzurufen und ihm alles zu erklären.
Du, es wäre, glaube ich, besser, wenn du heute zu mir kommst, schlug ich ihm vor. Meine Mutter besteht drauf, dich kennenzulernen.
Tobias lachte am Telefon: Klar, warum nicht? Ich freu mich. Bin in einer halben Stunde da!
Mama war zufrieden und puesta sofort den Tisch festlich. Ich zog mein Lieblingskleid an schließlich war ja Alter Silvester, ein in Bayern durchaus beliebtes Datum.
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Pünktlich stand Tobias mit Blumen in der Tür. Guten Abend zusammen!, strahlte er und Mama war immerhin beeindruckt. Das ist aber ein schöner Strauß!, bemerkte sie fast schon gönnerhaft.
Zur Krönung holte Tobias noch eine Schachtel Schwarzwälder Kirschtorte aus seiner Tasche.
Alles schien perfekt bis Mama die Küche stürmte: Nein! Wir haben keinen Tee mehr! Nachbarin Eva hat heute Morgen den Rest geborgt. Kann nicht sein, seufzte ich. Mama erklärte alles, und Tobias bot gleich an, noch schnell zum Edeka um die Ecke zu gehen.
Kein Problem, ich bring gleich welchen mit!, sagte er und verschwand hinaus in den Schnee.
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Was dann geschah, erfuhr ich erst später. Tobias kehrte gerade zurück, als er draußen vor unserem Wohnhaus ausrutschte mitten im Schneehaufen. Beim Aufstehen fiel ihm auf, dass sich etwas im Schnee bewegte: Kleine, zitternde Katzenohren ragten heraus. Er schaufelte mit bloßen Händen Schnee weg und fand einen halb erfrorenen Streuner, gerade noch am Leben.
Tobias packte das Tier an sich, atmete ihm warm ins Fell, fragte sich, wie er helfen könnte spät abends, keine Tierklinik mehr offen. Sein Handyakku wollte nicht mehr, alles war etwas auswegslos.
Wollte er jetzt wirklich samt halb-toter Katze zu uns reinkommen? Wie würden Mama und ich darauf reagieren?
Ich lief in diesem Moment, getrieben von Sorge, ihm entgegen und verstand erst gar nicht, was er da im Arm hielt.
Was ist passiert? Gehts dem Kater gut? Hab ihn im Schnee gefunden, der arme kleine Kerl! Ich wollte ihn erst zu mir nehmen, erklärte Tobias, aber vielleicht kannst du ja bei deiner Mutter fragen
Ich schaltete sofort: Keine Diskussion, wir nehmen ihn rein. Meine Mutter ist doch gelernte Tierärztin! Sie weiß sicher, was zu tun ist.
Innerhalb weniger Minuten bastelte Mama eine kleine Rettungsstation im Wohnzimmer: Wärmflasche, Handtücher, etwas Milch. Die anderen beiden Katzen Liesel und Mimi brachte ich vorsichtshalber ins Schlafzimmer.
Nach und nach kam Leben in das kleine Fellbündel zurück. Ob es die Decken, die Fürsorge oder noch mehr die spürbare Herzenswärme waren? Vielleicht alles zusammen. So plötzlich wurde uns klar: Für diesen zugelaufenen Rauchy so tauften wir ihn war dieses Silvester ein echtes Wunder.
Mama tupfte sich die Brille ab. Wenn er noch länger draußen gewesen wäre, murmelte sie. Aber jetzt schaffen wir das. Und morgen bringst du ihn zur Tierärztin aber er wirds packen.
Tobias erklärte sofort: Ich nehm ihn zu mir. Ich wohne allein, und Platz ist genug
Ich lachte und küsste ihn: Noch wohnst du allein! Aber du bist ein Guter, Tobi!
Der Kater blinzelte uns an, schnurrte leise und schlief voller Dankbarkeit ein.
Während wir in der Küche leise unseren Tee tranken (endlich wieder Tee!), war alles friedlich. Die ganze unruhige Zeit vorher kam mir weit weg vor.
Mama schenkte Tobi ein dankbares Lächeln. Du bist wirklich ein Guter und jetzt weiß ich, dass meine Tochter in guten Händen ist. Und der kleine Rauchy übrigens auch. Und weißt du, bei uns in Bayern sagt man, wo die Katze glücklich ist, ist auch immer ein bisschen Glück für die Menschen.
Ich glaube, das stimmt.
AlinaDraußen rieselte der Schnee sacht weiter und alles war plötzlich ruhig, so wie nach einem langen, sehnsüchtigen Atemzug. Ich schaute Tobias an, der, ganz in die Decke gehüllt, sanft die Stirn des kleinen Katers streichelte. Mama lehnte sich im Sessel zurück, blickte kurz zu mir und trotz ihres ewigen Skeptikerblicks schimmerte nun ein zufriedenes Leuchten in ihren Augen.
Es war so eine Art Zaubermoment, in dem die Zeit einen Hauch langsamer wurde: Das alte Jahr war endgültig vorbei, das neue glitzerte verheißungsvoll am Horizont. Vielleicht, dachte ich, passieren Wunder genau dann, wenn man sie am wenigsten erwartet als hätte das Leben darauf gewartet, dass jemand dem Glück die Tür öffnet.
Während Tobias frischen Tee nachgoss und Mama leise eine Zeile aus einem alten Lied summte, merkte ich, wie mein Herz aufatmete. Draußen knisterten ein paar Silvesterknaller verfrüht, als könnten sie es kaum erwarten, den Himmel mit Licht zu füllen.
Und mitten in diesem kleinen Wohnzimmer, eingerahmt von Tee, Tier und einer Prise Wärme, merkte ich: Es ist nicht wichtig, wie viel Angst ich hatte, wie schief der Tag begonnen hatte, wie oft ich gezweifelt habe. Was zählt, sind genau diese Augenblicke, wenn alles zusammenpasst: Fremde, die zu Freunden werden. Sorgen, die sich im Katzenfell verkrümeln. Ein Lächeln, das von Herzen kommt.
Vielleicht war das der Beginn von etwas Großem aber heute reichte es, still zu lächeln, Tobias Hand zu halten und zu wissen, dass das Glück manchmal an der Hintertür hereinspaziert.
Und so war der Winterabend plötzlich leicht, hell, ein Geheimnis voller neuen Versprechen.




