Entschuldige, ich bin schnell wieder weg. Ich hole nur ein paar Sachen, sagte Katharina, schenkte ein gekünsteltes Lächeln, schlüpfte an dem im Flur stehenden Matthias vorbei. Der drehte sich verunsichert um, warf einen nervösen Blick auf die Schlafzimmertür.
Du Dussel!, ging es Katharina im Vorübergehen durch den Kopf. Denkst du wirklich, ich stürme jetzt da rein, mache ein Drama und schmeiße mit Vasen?
Sie wusste, ihr war inzwischen alles gleichgültig geworden diese Erkenntnis kam vor drei Tagen. Einfach so. Gleichgültig, dass der Ehemann zum Glück mittlerweile Ex-Mann sich eine Jüngere, mit aufgespritzten Lippen, geangelt und sie ausrangiert hatte wie eine alte Winterjacke. Gleichgültig, dass die Wohnung, die sie mit all ihrer Liebe und Sorgfalt eingerichtet hatte, jetzt einer anderen Frau gehören sollte. Und diese andere sie heißt wohl Anna würde ab sofort an Katharinas Herd Suppe kochen und in IHREM Ofen Fisch backen. Salz- und Pfefferstreuer, kleine Gewürztöpfchen, zierliche Ölkaraffen alles von Katharina ausgewählt, alles nun fremd. Katharina würde nichts davon mitnehmen. Keine Demütigungen.
Wozu jetzt anfangen, Kisten und Tüten vollzupacken, nur damit die neue Frau diese Dinge nicht bekommt? Nein. Die Vergangenheit gehört dahin in die Vergangenheit, mitsamt Servietten, Tassen mit Initialen und Bildern an der Wand.
Sie erinnerte sich an eine Nachbarin aus Kindertagen da war Katharina so um die neunzehn. Die Nachbarin brachte zur Scheidung einen Umzugswagen, räumte alles raus: Geschirr, Stühle, Lampe, sogar Glühbirnen. Das war ihre Art Rache.
Katharina schmunzelte über diese Erinnerung. Aber im Ernst, sowas lag ihr nicht. Dafür müsste man sich aufpeitschen, mit hässlichen Gedanken wütend machen, alles verfluchen. Doch da war nur Schmerz und Traurigkeit, keine Wut.
Matthias, zerzaust, im Bademantel und barfuß, stand noch immer verloren in der Mitte des Flures. Im Wohnzimmer kniete Katharina vor dem Schrank, sortierte Fotoalben, blätterte, legte manche zurück, steckte andere in eine Tasche.
Zieh dir besser Hausschuhe an, sonst schmerzt dein Rücken wieder, bemerkte sie wie nebenbei. Matthias blickte kurz auf seine schiefen Zehen, verlagerte das Gewicht und wurde plötzlich ganz hektisch.
Katharina, könntest du das zu einem anderen Zeitpunkt machen? Ich könnte dir vorher einen Termin sagen, dann bist du nicht Jetzt passt es wirklich nicht Ich bin nicht allein und
Mach dir keine Sorgen, Matthias. Ich bin gleich weg. Die Alben brauchst du doch sowieso nicht mehr, oder? Kaum vorstellbar, dass ihr beiden die alten Bilder ansehen wollt.
Matthias presste die Lippen zusammen und wandte sich ab.
Katharina hatte schon auf dem Weg zu ihm geahnt, dass ihm der spontane Besuch unangenehm war. Ein unerwarteter Einbruch in seinen penibel durchgeplanten Tagesablauf, unvorhergesehen, chaotisch schrecklich für ihn.
Aber was geht und was nicht? Ehefrauen zu wechseln, sobald eine verschlissen ist, geht das? Mit dezentem Mitleid ihrer Frau sagen, dass jetzt Schluss ist, dass jetzt eine Laufsteg-Dame an der Reihe ist, solange sie jung und schön und voller Silikon ist? Offenbar ja, wenn einem der Kopf komplett verdreht wurde und man bereit ist, alles aufzubrechen, was man so lang aufgebaut hat.
Ein Polaroid in der Hand, lächelte Katharina wehmütig. Vom ersten Date. Sie mit langen, dunkelbraunen Haaren in Minirock und taillierter Bluse, er im Anzug.
Matthias trug immer Anzüge, nie Jeans, nie T-Shirts.
Sommer? Na schön Leinenanzug, Kurzarmhemd, Mokassins. Niemals ohne Socken! Für ihn undenkbar. Unschicklich! Einmal schenkte Katharina ihm zum Spaß Socken mit roten Paprikaschoten.
Du wirst sensationell aussehen! Probier die doch mal an?
Er lehnte strikt ab. Lieber gar nicht verreisen, als solche Socken zu tragen.
Sie forderte nie, sie lachte nur über ihn und ihm gefiel das. Sie wirbelte wie ein verspieltes Kätzchen durch seine Welt der starren Regeln, brachte Unordnung, fegte Unterlagen vom Schreibtisch, jagte Lichtreflexen hinterher, schnurrte in seinen Armen. Dass sie ihn gewählt hatte, war ihm unheimlich und noch unheimlicher war die Angst, es könnte enden.
Kennengelernt hatten sie sich bei einer sterbenslangweiligen Konferenz für Wohnungsdesign. Während er sich den Kopf heiß redete, warum man Badezimmer nicht vom Rest abtrennt er konnte es nicht fassen. Ein offener Grundriss? Niemals akzeptabel. Der Sinn seines Lebens war beruht auf festen Regeln, gerade bei Wohnungsschnitten. Flur, Zimmer, Küche immer mit Türen und Trennungen. Das war sein Credo.
Da hob sich eine grazile Hand. Armschmuck klimperte, rote Nägel blitzten.
Ja bitte? Wer sind Sie? schrie Matthias.
Sie stand auf: winzig, mädchenhaft, in engen Jeans, die er sonst verachtete, in passender Jeansbluse. Ein Zopf mit lockigen Enden, der berühmte Leberfleck auf der Wange
Ach, wie oft hatte er später diese Herzchen-Form studiert, während sie in seinem Arm schlief. Immer musste sie an ihn gekuschelt schlafen, die Nase an seiner Schulter.
Und? Was wollen Sie mir sagen? brauste Matthias los. Dass ich keine Ahnung von Modernität habe? Dass all diese Glasduschen und offenen Wände der letzte Schrei sind? Für mich ist das alles, nur kein Fortschritt!
Als er das sagte, lachte Katharina so entwaffnend, dass er aus dem Konzept kam. Damit war er nie konfrontiert worden.
Nein, ganz und gar nicht! Sie stellte sich neben ihn. Diese Projekte sind einfach günstiger umzusetzen und laufen gerade bei jungen Leuten super, das ist Sie suchte nach dem Wort. mutig! Paare ohne Kinder, voller Romantik und Verrücktheit, lieben sowas. Und dann, später, wenn der Nebel aus dem Kopf ist, kommen die zu Ihnen zurück, bitten um Umbau. Warum probieren Sie es nicht mal selbst aus?
Er probierte. Mit ihr. Es gefiel ihm. War seltsam, unvernünftig, aber aufregend. Später als der Nebel verflogen war zogen sie um in eine richtige Wohnung mit Türen und solide verschlossenen Bädern. Katharina hatte ausgesucht, Matthias gewählt. Da waren sie schon vier Jahre verheiratet
Während er ihr jetzt zusah, wie sie Fotos herausnahm, erinnerte er sich an ihr erstes Restaurant-Date. Sie machte alles anders, aber so, dass er nicht widerstehen konnte.
Von hinten sah sie immer wie ein Teenager aus, so ungekünstelt, sonnig, dass man automatisch lächeln musste. Sie stand einfach auf, umarmte ihn von hinten alle Gäste guckten erstaunt oder tuschelten. Matthias wurde verlegen, aber Katharina ließ nie los.
Das macht man nicht, Schnurzel! flüsterte er.
Okay, war sie sofort einverstanden, küsste ihn auf die Wange, ging zurück zu ihrem Stuhl und griff mit ihrer Gabel in seinen Teller, um ein Stück Steak zu stibitzen. Mmmh, das ist lecker, Matthi! Sie verzog genießerisch das Gesicht. Du kriegst immer das Beste! Tausch mit mir!
Sie tauschten, lachten, vergaßen die Welt. Wer hat die saftigere Spargelstange, wessen Steak war zäh wie eine Schuhsohle?
Wein trinken konnte sie nie richtig: nicht kleine Schlucke, nicht den Duft schwenkend.
Nimm das Glas doch ordentlich am Stil! Sonst wird es warm! Erst langsam riechen Du schnupperst wie ein Fohlen! schimpfte Matthias.
Doch sie lachte, trank in großen Zügen, wurde schnell betrunken, alberte, schlief auf dem Sessel ein. Er deckte sie vorsichtig zu, wagte kaum zu atmen. Warum hatte sie ihn ausgesucht?! Das war absurd. So ein zauberhaftes Mädchen bei ihm, dem alten Miesepeter
Neun Jahre war er älter, eine Katastrophe! Er wetteiferte ständig mit der Angst, sie würde ihn irgendwann verlassen. Würde er das überleben? Nein.
Pass auf, Schnurzel, ein Kätzchen wird immer zur Katze, kriegt Krallen und ist besitzergreifend. Glaub mir! Auch deine Katharina wird am Ende an dein Geld wollen und dich ins Altenheim abschieben. Bei dem Altersunterschied!
Ja, der Abstand war enorm neun Jahre! Neun Jahre, in denen es sie noch nicht einmal gab
Sie ist nicht so, Boris. Sie ist echt und unabhängig! Sogar in Restaurants verbot sie es mir anfangs, zu zahlen! Und sie bestellt immer wilde Sachen. Zu Hause putzt sie auf die altmodische Weise, mit Lappen und dauernd Wasserwechsel. Die Wasserrechnung ist verrückt! Aber es muss sauber sein!
Sie wickelt dich nur ein, winkte Boris ab, orderte noch einen Kaffee. Es war der dritte, aber er machte ihn nicht wacher, nur nervöser.
Sie macht sogar Sauerkraut selbst, Boris! Hat einen Riesentopf, verteilt danach alles an die Familie.
Matthias wirkte fast ehrfürchtig.
Ist sie aus Ostdeutschland? Handwerklich begabt?
Mutter Ingenieurin, Vater bei der U-Bahn in Frankfurt.
Na dann Aber warte ab. Am Ende reißt auch sie dir die Tapeten von den Wänden! Boris grinste.
Ich stell euch mal vor, okay? sagte Matthias fröhlich. Dann kannst du dir selbst ein Bild machen.
Eine absurde, aber verständliche Idee. Matthias hatte schon den Ring im roten Samtkästchen gekauft!
Die Nachricht, dass Matthias abends nicht allein, sondern mit Boris käme, hörte Katharina im Chaos zwischen Aktenordnern und Besprechungen. Kochen? Heute? Vergessen! Müde, verweint, öffnete sie die Tür, begrüßte einen riesigen Kerl neben Matthias.
Der Blick des Gastes blieb an ihrer Pyjamahose mit rosa Hasen und verschnörkelten Tapeten im Flur hängen. Er räusperte sich.
Katharina, ich sagte dir doch Matthias schüttelte den Kopf.
Klar, jetzt erinnere ich mich Du hättest anrufen können. Naja, kommt rein. Sorry, ich habe keinen Zopfstriezel
Katharina servierte ihnen in der kleinen Küche selbstgemachte Quarkknödel und erzählte von ihrem misslungenen Projekt im Büro. Ich verstehe ja, manchmal greift man daneben. Aber mein Chef hat mich die ganze Zeit angeschrien. Mir wurde ganz schlecht wie früher als Kind. Boris? Möchtest du noch was?
Boris schüttelte verlegen den Kopf. Irgendwie war er von der heimeligen Küche, den elfenbeinfarbenen Schränkchen und dem Lavendel-Tischtuch ganz benommen.
Kopf hoch, Schnurzel! Matthias streichelte ihre Hand. Du bist noch jung, hast viel zu lernen. Ich passe auf dich auf.
Er tätschelte sie wie ein Kind. Boris musste grinsen.
Nein, nicht nötig! rief Katharina plötzlich. Ich will das allein schaffen. Das wäre nicht ehrlich, wenn du mich immer deckst! Ich muss meine Fehler machen dürfen
Warum? staunte Matthias.
Damit ich wachsen kann. Und weil ich nicht jemandes Anhängsel sein will.
Und dann platzte es aus Matthias heraus:
Ich will dich heiraten, Katharina. Auch wenn ich weiß, dass du ablehnen wirst. Aber ich frage trotzdem
Damals gingen Matthias und Boris schweigend weg voller Eindruck von Katharinas Knödeln und ihrer Küche.
Sie ist längst keine Katze mehr, Matthias Sondern eine Löwin, murmelte Boris, tätschelte ihn zum Abschied.
Die Hochzeit war zurückhaltend, aber stilvoll, kulinarisch würde Matthias’ Familie sagen. Er hatte Angst, Katharina würde einen Alleinunterhalter, peinliche Spiele und eine Horde Freundinnen wollen. Aber sie führte ihn in ein kleines Restaurant am Mainufer, maritim dekoriert, mit dem besten Krabbenrisotto Frankfurts.
Im hinteren Eck passt zehn Leute rein wird das reichen? Sie sah ihn an, naiv und offen
Ihr ganzes Leben versuchte sie, sich an Matthias anzupassen: an die neun Jahre Altersunterschied, seine Pedanterie, seinen Ernst. Sie war sein Kätzchen, sorgte für ihn, überraschte ihn mal mit einem Picknick, mal mit einer Flussfahrt. Er schimpfte, hasste die Mücken, das Feuer, den Wellengang
Aber er wusste: wenn er nicht auch nachgibt, wird sie ihn verlassen. Das würde er nicht verkraften und ging immer neue Kompromisse ein.
Katharina stand plötzlich auf, nahm die Tasche mit den Alben.
Matthias, was macht DIE hier? Aus dem Schlafzimmer kam Annas verschlafenes, zerzaustes Gesicht, die Lippen plusterten sich vor Empörung. Warum lässt du sie überhaupt rein?!
Anna, lass es. Das ist auch Katharinas Wohnung ihre Sachen sind hier Matthias Erklärung klang jämmerlich, als müsste er rechtfertigen, warum seine Exfrau noch einmal über IHRE Parkettdielen lief.
Aber du hast doch gesagt, alles gehört jetzt MIR! Warum wühlt sie in deinem Schrank? Da ist doch dein Safe drin! Sie kriegt keinen Cent!
Anna, hör auf jetzt! Raus da! Matthias geriet außer sich, fuchtelte wie ein Mann, der Wespen vertreiben will.
Früher regelte Katharina alles für ihn, schlichtete jeden Streit. Sie hatte diese beruhigende Art, die Sicherheit schenkte, dass alles gut wird.
Jetzt sah Matthias sie flehend an. Sie zuckte nur mit den Schultern.
So. Das wars. Ach ja! Sie blickte sich um. Max nehme ich auch mit. Ihr habt eh keine Zeit für ihn. Max! Maxi, wo bist du, mein Braver?
Sie pfiff. Aus dem Nebenzimmer tappte der riesige Hund, ein struppiger Mischling, zu ihr. Freudig jault er, sprang an ihr hoch, schleckte ihr die Hände.
Nein, Katharina! Max ist unser gemeinsamer Hund! Der bleibt hier! Matthias machte einen Schritt, stoppte, als Katharina ihn anlächelte.
Gemeinsam? Tut mir leid, es gibt hier nichts mehr, was uns verbindet. Ihr würdet ihn sowieso einschläfern lassen oder ins Tierheim geben. Anna hält das niemals aus ihr wisst das beide, er sabbert, der zieht am Leine, liegt ständig auf dem Sofa Wer will das als frisch Verheiratete?
Matthias’ Gesicht wurde aschfahl. Frisch verheiratet Sie weiß, wo es wehtut.
Gut, dann nimm ihn, sagte Matthias und winkte ab.
Max war einst zufällig zu ihnen gekommen. Katharina hatte ihn von der Autobahn mitgebracht, verdreckt und verletzt. Sie brachte ihn auf dem Arm zum Ferienhaus.
Was soll das, Katharina?! Er könnte tollwütig sein! Mach dich nicht verrückt, weg mit ihm! murmelte Matthias, bereitete das Gästebett vor.
Der Hund knurrte, Katharina zuckte zurück. Doch dann winselte er und Katharina ebenfalls. Bald fuhr Matthias schon im Auto zur Tierklinik, während sie auf dem Rücksitz den Riesenhund wiegte.
Max rettete Katharina das Leben wortwörtlich.
Fünf Jahre Ehe, sie wurde schwanger, alles schien perfekt. Matthias schickte sie aufs Land, um saubere Luft zu atmen, rief stündlich an, ob es ihr gut ginge. Sie saß auf der Terrasse mit Max, zeichnete, las, ging zum Fluss.
Dann passierte das Unglück. Später Abend, als Matthias nach Hause kam, keine Lichter brannten, Max jaulte kläglich irgendwo im Haus.
Katharina lag auf dem Boden im Schlafzimmer, überall Blut Max heulte im Eck.
Matthias erinnerte sich noch genau, wie er Katharina die Treppe hinuntertrug, schrie, dann nur noch weinte. Sein Kätzchen, das zugesagt hatte, ihn zu heiraten sollte einfach so verschwinden an diesem Abend?
Weitere Kinder gab es keine. So depressiv, dass Katharina ans Aufgeben dachte, rettete sie ausgerechnet Max. Jeden Morgen zerrte er ihr die Decke weg, bis sie mit ihm nach draußen ging, ließ Matthias nicht mit.
Max schleppte sie durch Parks, holte sie zurück ins Leben, ließ nie Zeit für Selbstmitleid.
Sein Hund treu und überzeugt davon, dass nur Katharina ihn wirklich verstand.
Gut, nimm ihn, wiederholte Matthias. Anna, mach mir einen Kaffee.
Was? Anna, verzog ihren Mund, die Lippen noch voller.
Mach einfach, nur einen Knopf drücken! fauchte Matthias. Katharina, es ist besser, wenn du jetzt gehst. Ich bringe dich zur Tür.
Mit hängenden Schultern schleppte Matthias die Tasche mit Max Napf, Spielzeug, sein Streifenbett mit. Max schlief nur auf dieser einen bestimmten Marke von Teppich.
Schnurzel! Was für Hundebetten, wir haben eine Ausschreibung für Wolkenkratzer am Laufen und du redest über Max?! schimpfte Matthias oft, wenn sie ihn ablenkte, brachte dann aber doch ihre Teetasse, grinste und liebte sie wie nie einen Menschen zuvor
Niemals Aber was war mit Anna?
Das ist anders, Boris! verteidigte Matthias sich bei seinem Freund. Wir sind einfach durch, verstehst du? Das Alter und so
Boris, die Stirn auf den Händen, hörte zu und nickte.
Ach ja, das Alter Meinst, du bist schon alt? Graue Haare?
Matthias warf die Serviette auf den Tisch. Was weiß Boris schon, der ist fünf Jahre jünger.
Und? Wir sind frei voneinander. Keine Kinder, der Hund ist weg. Keine Moralpredigten, Boris! Deine Liste an Frauen ist endlos!
Wenn ich eine hätte wie Katharina, gäbe es nur sie. Sie hat dich zu einem Menschen gemacht, dich gelehrt zu lieben. Du Trottel, du riesengroßer Idiot! Vielleicht besser so, dass sie gegangen ist, du hättest sie noch zerstört. Sorry, ich muss los.
Im nächsten Monat ist Hochzeit. Kommst du?
Boris schüttelte langsam den Kopf.
Nein, tut mir leid. Ist das wirklich Liebe für immer? Deine Traumfrau?
Matthias nickte. Anna hat beste Verbindungen. Und ein Kind ist auf dem Weg
Dann mal viel Glück, murmelte Boris und ging.
Bei der Hochzeit von Matthias und Anna war alles, wovor er sich gefürchtet hatte: viele Gäste, ein peinlicher Moderator, ein Strumpfband, das an Annas Bein feststeckte, erster Tänz, bei dem Matthias über seine Füße stolperte; Anna warf den Brautstrauß, der landete auf der Lampe Anna lachte, die Wimperntusche zerfloss, abends wollte sie Leidenschaft. Die gab Matthias, dann war er erschöpft, schlief ein, Anna ging rauchen.
Er wachte auf, rief nach dem Hund, doch Max war weg.
Anna schnarchte laut, griff im Schlaf nach Matthias, seufzte zufrieden alles war nun ihres: Geld, Wohnung, Mann, Haus. Diese dumme Katharina wollte ja nichts!
Anna gähnte, tastete nach ihrem alten Mann, fand seine Schulter. Bring mir Kaffee, mir ist schlecht! stöhnte sie. Matthias stand folgsam auf, schleppte sich in die Küche.
Erster Tag der Ehe. Da kommt noch mehr.
Doch jetzt muss Matthias nicht mehr fürchten, verlassen zu werden. Katharina hätte ihn verlassen irgendwann. Zu jung, zu wild, sie braucht keinen Versorger. Sie hätte ihn verlassen. Aber so, so war es weniger schmerzhaft. Und jetzt hat er Anna. Mit der ist alles leer. Aber mit ihr wird er wenigstens nie mehr verlassen. Er war der Erste.
Katharina, entschuldigen Sie, ich war in der Nähe Boris stand im Flur ihrer kleinen Wohnung mit den verschnörkelten Tapeten. Ich habe Kartoffelklöße mitgebracht. Die macht meine Tante Es ist nichts Hintergründiges. Einfach
Er errötete verlegen.
Das ist sehr schön, dass Sie da sind, Boris! sagte Katharina. Max und ich haben heute Apfelkuchen. Essen Sie Apfelkuchen? Im Supermarkt gabs so herrliche Äpfel, da mussten wir einfach und dazu Preiselbeeren-Tee. Mögen Sie Preiselbeeren-Tee? Man muss ja irgendwie weiterleben
Sie redete rasch und fröhlich, als müsste sie sich überzeugen. Boris nickte nur. Er hätte ohnehin aus ihrer Hand gegessen, auf dem Teppich mit Max geschlafen.
Offenbar spürte Max das und brummte leise.
Entschuldigung, Kumpel Boris hockte sich zu ihm, streichelte sanft den Hund.
Max drehte sich missmutig weg, ließ sich aber zu Boris Anwesenheit herab.
Boris aß Apfelkuchen, trank Tee und begriff einfach nicht, wie man so eine Frau gehen lassen kann.
Warum hat er das getan, Boris? Wissen Sie das? Immer wirkte er in letzter Zeit so abwesend. Lag das an den fehlenden Kindern? Habe ich ihn enttäuscht?
Er hatte Angst, du würdest ihn verlassen. Er hielt sich für alt. Und hat es deshalb selbst beendet Tut mir leid. Ich geh dann besser.
Ja natürlich. Auf Wiedersehen, Boris.
Katharina blieb in der Küche sitzen; Max legte seinen Kopf in ihren Schoß und seufzte.
Lange ließ sie Boris nicht an sich heran, hatte Angst, neue Bindungen einzugehen.
Hunde und Katzen sind leicht anzuschaffen, Männer dagegen muss man festhalten! scherzte ihre Kollegin, Frau Lehmann.
Ich habe Angst, gab Katharina zu. Aber das ist in Ordnung, oder?
Natürlich. Das zeigt, dass du lebst. Und Boris wartet sowieso nur auf den Startschuss!
Mit Boris heiratete Katharina im August, drei Jahre nach der Scheidung von Matthias. Boris konnte es kaum fassen, dass sie nun bei ihm war, seinen Arm umklammerte, nachts nicht losließ. Er wagte kaum zu atmen, verglich alles mit einem Himmel auf Erden. Aber für Katharina war dieser Himmel vorbei. Jetzt wollte sie einfach ein ganz normales Leben.



