Wohnungs-Revolution
Frau Waltraud Engel, haben Sie einen Antrag gestellt, um als Miteigentümerin der Wohnung in der Goethestraße 42, Wohnung 19, eingetragen zu werden?
Waltraud verstand die Frage nicht sofort. Sie stand am Fenster des Büros, hielt das Telefon mit beiden Händen fest, da es ihr sonst aus der Hand rutschte, und schaute auf das Dach des Nachbarhauses, wo eine wuchtige Taube sich aufplusterte.
Wie bitte? Welcher Antrag?
Uns liegt ein Antrag auf Miteigentümergemeinschaft mit Frau Gertrud Meyer vor. Notarin Schuster bittet um Ihr persönliches Erscheinen zur Bestätigung. Das ist Vorschrift.
Waltraud schwieg. Die Taube pickte am Dach, unnachgiebig, vertieft.
Frau Engel?
Ich höre Sie, sagte sie, aber so einen Antrag habe ich nicht gestellt.
Eine knappe Pause.
Das Schreiben trägt Ihre Unterschrift. Sollten Sie nicht persönlich bei einer Notarin gewesen sein
Ich war nirgends, ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.
Dann sollten Sie zeitnah vorbeikommen.
Sie beendete den Anruf und starrte noch einige Sekunden auf das Handy. Es zeigte: vierzehn Uhr zwölf. Mittwoch. Ein ganz normaler Arbeitstag. Eigentlich hatte sie vor, Rechnungen abzuhaken und dann heute eher Schluss zu machen, weil die Beine bleischwer waren und sie sich einfach hinlegen wollte.
Waltraud Engel, zweiundfünfzig, leitende Buchhalterin bei BauKontor, wohnte in einer Zweizimmerwohnung in der Goethestraße. Die Wohnung hatte sie vor acht Jahren von ihrer Großmutter geerbt. Die war im Oktober gestorben, als das Laub gefror und unter den Füßen knackte. Übrig blieb das Erbe: eine Altbauwohnung mit hohen Decken, alten Heizungen und Blick auf einen ruhigen Hof, in dessen Mitte ein alter Bergahorn stand. Damals war Waltraud im dritten Jahr verheiratet, lebte mit ihrem Mann in einer Mietwohnung, und der Erhalt der Wohnung fühlte sich nicht wie Segen, sondern wie ein schweres Geschenk an: mit der Oma war sie erfüllt, ohne sie nur noch eine Ansammlung von Mauern.
Sie hatte alles gesetzlich geregelt. Die Besitzurkunde lag im untersten Fach der Kommode.
Gertrud Meyer das war ihre Schwiegermutter, die Mutter ihres Mannes Stefan.
Waltraud steckte das Handy ein und ging auf die Toilette. Verschloss die Tür, sah ihr eigenes Gesicht im Spiegel müde, der Alltag auf den Augen. Und sagte nur:
Na gut.
Mehr nicht. Nur na gut. Dann ging sie wieder an die Arbeit.
Zuhause war sie um halb sieben. Im Flur roch es nach Bratkartoffeln; auf der dritten Etage schien jemand Fisch zu braten. Waltraud stieg in den vierten Stock, schloss auf.
Aus der Küche dudelte das Radio, alte deutsche Schlager, voll aufgedreht, als käme der Lautsprecher aus dem Badezimmer. Sie zog Schuhe und Jacke aus, ging in die Küche.
Gertrud Meyer stand am Herd. Achtundsechzig Jahre alt, klein, kräftig, mit Dauerwelle, die sie alle paar Monate bei Salon Helga machen ließ. Sie trug eine Schürze. Waltrauds Schürze, hellblau, mit Küchenchefin quer über der Brust ein albernes Geschenk ihrer besten Freundin Karin.
Ah, bist da, sagte Gertrud, ohne sich umzudrehen. Ich hab Frikadellen gebraten. Musste ja raus aus dem Tiefkühler, wäre schade drum gewesen.
Wo ist Stefan?
Beim Rewe. Ich hab ihn geschickt für Brot und Milch. Das hast du heute Morgen vergessen.
Ich war arbeiten.
Ja ja. Ich bin den ganzen Tag daheim, dann nutze ich das wenigstens.
Waltraud lehnte sich an den Türrahmen, sah auf die Pfanne, auf die Schürze.
Frau Meyer, wir müssen reden.
Erst essen wir. Du bist halb verhungert.
Jetzt.
Gertrud drehte sich endlich um. Ihr rundes, reges Gesicht die aufmerksamen kleinen Augen.
Was denn? Was ist denn?
Ich wurde heute vom Notariat angerufen. Es gibt einen Antrag, demnach Sie als Miteigentümerin meiner Wohnung eingetragen werden sollen. In meinem Namen.
Gertrud starrte sie an, ohne zu blinzeln.
Und?
Ich wüsste gern, wie das kommt.
Waltraud, ich Vielleicht hat Stefan da was verwechselt. Er meinte, das wäre alles richtig so. Am besten besprichst du das mit ihm.
Das mache ich. Aber wussten Sie davon?
Kein Plan Mein Sohn sagte nur, man müsse vorsorgen, das wars.
Vorsorgen, wiederholte Waltraud, langsam, die Bitterkeit im Mund.
Sie ging ins Wohnzimmer früher nannte sie es ihr Zimmer, das andere war das Wohnzimmer, jetzt allerdings stand darin die Ausziehcouch der Schwiegermutter, die sie aus Halle mitgebracht hatte, als Gertrud für eine Woche helfen gekommen war und blieb seitdem: sechs Monate.
Sie versuchte sich zu erinnern, wie es begann. Im April hatte Stefan gesagt, die Mutter sei gesundheitlich angeschlagen, allein käme sie schlecht zurecht. Nur kurzfristig, hatte er gesagt. Waltraud war nicht begeistert, äußerte es aber nicht offen. Stefan schaute sie mit diesem Gesichtsausdruck an, als müsste sie von selbst auf das Richtige kommen.
Gertrud war mit zwei Koffern, Bettwäsche und einem Beutel eigener Töpfe angerückt.
An meine Töpfe bin ich gewohnt, erklärte sie.
Waltrauds Töpfe landeten immer weiter oben im Schrank, irgendwann verschwanden sie ganz in der Abstellkammer. Nach einer Woche hingen neue Vorhänge: schwere, weinrote mit Blümchenmuster. Von zuhause mitgebracht, sind noch gut. Stefans Kommentar: Vorhänge eben. Die alten, weißen Leinenvorhänge, die Waltraud zwei Stunden im Wohnraummarkt ausgesucht hatte, lagen gefaltet unter dem Gästesofa.
Nach einem Monat standen auf dem Küchenfensterbrett Porzellan-Elefanten: Glücksbringer, erklärte Gertrud. Es waren sieben, geordnet vom Größten zum Kleinsten. Waltraud mochte Zugewinn ja, aber auf dem Fensterbrett stand immer ihre Geranie, geerbt von der Oma. Die Geranie wurde zu den Heizkörpern gestellt. Zwei Stöcke gingen ein.
Das war kein Drama. Nur Pflanzen. Nur Vorhänge. Nur Töpfe.
Sie redete sich das oft ein. Es sind nur Kleinigkeiten. Es ist Familie. Da muss man Kompromisse machen.
Sie machte Kompromisse, hielt sich zurück, schluckte.
Im Juni war plötzlich Omas Tasse weg. Hellgelb, mit kleinen blauen Punkten, Henkel abgebrochen, selbst geklebt. Die Tasse, aus der Oma jeden Morgen vierzig Jahre lang Tee getrunken hatte. Seit Omas Tod trank Waltraud daraus eine stille Zwiesprache.
Ach, die? Habe ich entsorgt, hatte einen Sprung, unhygienisch.
Das war meine Tasse.
Ach was, nur alter Krempel. Hier, eine frische, große Tasse hab ich dir hingestellt.
Sie hätten sie nicht wegwerfen dürfen.
Manchmal bist du wie ein Kind, Waltraud. So wegen einer Tasse.
Stefan sagte am Abend:
Mädel, reg dich nicht auf. Mutter hat’s nicht böse gemeint. Sie räumt halt gern auf.
Es war meine Ordnung. Meine Tasse.
Um die Kanne Krach? War doch Omas. Die ist tot.
Das hat er wirklich so gesagt. Ist doch eh egal. Waltraud saß noch lange stumm unter der Dusche. Kein Weinen, nur Stille.
Finanziell wurde es schwieriger. Stefan Engel, neunundvierzig, war als Vertriebsleiter eingestellt und verdiente angeblich ausreichend, nur das Gehalt war meist schon zur Monatsmitte aufgebraucht. Mal verzögerte Zahlung, mal plötzliche Ausgaben. Seit Gertrud bei ihnen wohnte, gab Stefan seltener Haushaltsgeld, schob es auf finanzielle Knappheit. Dann merkte Waltraud, das Geld ging an seine Mutter ohne Rücksprache, einfach so.
Hast du ihr Geld gegeben?
Sie brauchte was für Arzt und Medikamente.
Stefan, wir kommen selbst kaum klar. Der Einkauf wird immer teurer. Letzten Monat reichte es nicht für den Stromabschlag.
Es bleibt doch in der Familie.
Sie wohnt mietfrei bei mir. Sie beteiligt sich an nichts.
Stefan schmollte, schwieg drei Tage. Dann war wieder alles wie vorher, weil Waltraud das Aushalten anstrengender fand als Frieden schließen.
Wohnungsthematik, dachte sie gelegentlich, ist das wahre Herzstück. Man denkt, eine Wohnung garantiert Sicherheit tatsächlich ist sie das Schlachtfeld für Respekt, Vertrauen, Identität. Dekoration oder Mensch?
Sie arrangierte sich im September, kam spät heim, arbeitete viel. Gertrud war morgens schon in der Küche, begrüßte sie übertrieben herzlich. Waltraud trank wortlos Tee aus der weißen großen Tasse und ging.
Gewohnheit war am schlimmsten. Sie gewöhnte sich daran, dass ihre Dinge weniger wurden, ihr Einfluss schwand, ihre Stimme in der eigenen Wohnung leiser wurde.
Familiäre Konflikte bauen sich langsam auf. Kein Mensch zerstört dich plötzlich, es sind lauter kleine Schritte. Und jedes Mal redest du dir ein: Ist doch nichts. Kein Drama. Bis du dich irgendwann nicht mehr erkennst.
Im Oktober nach dem Notaranruf blickte Waltraud auf ihr Leben zurück.
Stefan kam gegen acht heim. Tasche auf den Küchentisch, begrüßte Gertrud, dann kam er zu ihr ins Zimmer.
Was ist los?
Setz dich.
Er setzte sich ans Bett.
Sag mal, was ist mit der Notarin?
Stefan wich ihrem Blick aus, fummelte am Handy.
Welche Notarin?
Lass das. Du hast meinen Ausweis gescannt.
Er schaute auf.
Und der ging an deine Mutter für einen Antrag auf Miteigentum an meiner Wohnung, Stefan. Nicht unserer. Meiner. Von Oma geerbt. Das ist kein gemeinsames Gut. Meins.
Ich wollte nur vorsorgen.
Für wen?
Schweigen.
Für wen, Stefan?
Für Mutter…
Sie griff zur Kommode, suchte Karins Telefonnummer.
Karin? Kennst du einen guten Fachanwalt für Immobilien?
Karin, fünfzig, aus der Versicherungsbranche, wusste immer einen Kontakt. Sie nannte ihr Dr. Wilhelm Lehmann, sachlich, stellt keine überflüssigen Fragen.
Waltraud notierte ihn. Stefan schaute sie an.
Wozu Anwalt?
Ich kläre das mit dem Notariat.
Wir können doch reden.
Hättest du mal vorher machen sollen. Mit mir.
Sie schlief um halb zwölf. Stefan lief lange noch durch die Wohnung, legte sich dann dazu. Sie hörte sein Atmen, dachte an acht Jahre Ehe, an das, was davon geblieben war.
Am Morgen rief sie Dr. Lehmann an.
Wilhelm Lehmann, vierundvierzig, empfing sie im engen Büro an der Schillerstraße sauber und ordentlich. Stapel Akten, Kekse, Familienfoto. Sie sah nicht hin.
Erzählen Sie, sagte er.
Sie berichtete klar und knapp: Notar, Antrag, Ausweis, Erbschaft, sechs Monate Schwiegermutter.
Lehmann notierte.
Sie haben alle Unterlagen? Eigentumsurkunde, Testament, Einwohnermeldebestätigung?
Ja.
Die Wohnung ist Erbe, im Bestand der Ehe, aber trotzdem separates Eigentum.
Kein Ehevertrag.
Also allein Ihr Eigentum. Die Schwiegermutter hat keinerlei Rechte. Ist sie gemeldet?
Nein.
Sehr gut. Der Antrag auf Miteigentum ist entweder eine gefälschte Unterschrift oder widerrechtliche Benutzung von Dokumenten. In beiden Fällen strafbar.
Mein Mann hat den Ausweis gescannt.
Dann ist das ein abgesprochenes Vorgehen. Notar war offenbar unsicher.
Die Kanzlei hat angerufen, nicht der Notar selbst.
Gehen Sie hin, verweigern Sie alles, hinterlegen Sie Beschwerde das reicht. Wenn Sie weitergehen wollen, Anzeige bei der Polizei. Das ist unbequem, aber Ihre Rechte sind eindeutig.
Was bedeutet wenn ich weitergehe?
Anzeige und Verfahren. Dauert, ist anstrengend. Aber: Wohnung bleibt Ihre, daran kann niemand rütteln.
Das weiß ich, sagte Waltraud. Ich muss mit denen klarkommen, die drin leben.
Lehmann sah sie forschend an.
Nicht gemeldete Bewohner ohne Mietvertrag können problemlos zur Ausreise gebeten werden gegebenenfalls per Gericht. Meist reicht Bestimmtheit.
Wie viel Bestimmtheit?
Sehr viel, erklärte er.
Danach stand sie im grauen Nachmittagslicht draußen, in der Luft lag feuchter Straßen-Geruch, am Kiosk verkaufte jemand Äpfel. Sie kaufte drei, steckte sie in die Handtasche und ging zur S-Bahn.
Eigene Grenzen: bisher hielt sie das für Trendvokabular. Endweder man hat sie, oder eben nicht. Jetzt verstand sie. Sie hatte ihre Grenzen aufgegeben, um keinen Krach zu machen.
Zum Notariat ging sie am selben Nachmittag. Eine junge Frau mit Brille notierte alles, machte Kopie vom Ausweis, versprach es der Notarin weiterzuleiten. Waltraud schrieb von Hand: Papiere verwendet ohne mein Wissen, kein Antrag von mir, bitte alles annullieren.
Unterschrift. Gehen.
Im Büro meldete sie sich ab wegen dringender persönlicher Angelegenheit. Chefin Hildegard Röser schrieb zurück: Alles klar. Eine anständige Frau.
Abends saß Waltraud in der Küche, trank Tee aus der weißen großen Tasse und dachte an Omas gelbe mit den Punkten. Dachte darüber nach, wie wenig Dinge manchmal bedeuten. Oder was sie einem sagen: Wer du bist und wo du herkommst.
Gertrud betrat die Küche.
Du trinkst Tee? Ich mach mir auch einen. Stört’s dich?
Setzen Sie sich.
Gertrud schenkte ein, setzte sich, Kaekse auf einem kleinen Teller.
Waltraud, ich wollte mit dir reden.
Ich auch.
Wegen der Notarin sei nicht böse. Stefan meinte, ich solle auch irgendwie abgesichert sein. Ich helfe ja mit.
Abgesichert, wiederholte Waltraud leise.
Ja. Ich bin ja nicht mehr jung. Stefan macht sich Sorgen.
Sie haben ihre Wohnung in Halle.
Die ist feucht. Da kann ich wegen der Knochen nicht wohnen.
Sie vermieten sie, soweit ich weiß.
Gertrud wich ihrem Blick aus.
Ja, ein wenig. Man muss ja von etwas leben.
Sie wohnen hier umsonst. Ein halbes Jahr.
So genau muss man nicht rechnen. Ich helfe im Haushalt…
Sie haben meine Sachen entsorgt. Meine Möbel verrückt. Die Vorhänge getauscht. Omas Tasse weggeworfen.
Ach, das…
Es ist meine Wohnung. Jedes Ding gehört mir, auch die Tasse. Die Vorhänge. Das hier ist nicht ihr Heim. Sie sind zu Gast. Gäste dürfen keinen Grundriss ändern.
Gertrud stellte die Tasse ab.
Du setzt mich auf die Straße?
Ich sage nur die Wahrheit. Früher hätte ich das nicht ausgesprochen. Jetzt schon.
Stefan lässt das nicht zu.
Diese Wohnung gehört nicht Stefan. Sie gehört nur mir.
Gertrud musterte sie. Etwas verschloss sich in ihrem Blick, irgendetwas hinter den wachsamen Augen verschob sich.
So ist das also, sagte sie.
So ist das, wiederholte Waltraud.
Stefan kam um zehn. Seine Mutter flüsterte ihm im Flur zu. Waltraud hörte das Wispern, nicht die Worte. Dann trat er bei ihr ein.
Du hast Mutter sehr verletzt.
Setz dich, Stefan.
Waltraud, warum bist du so radikal?
Setz dich.
Er setzte sich, dieselbe schuldbewusste Verlorenheit wie gestern.
Hör zu. Ich war beim Anwalt. Die Wohnung gehört mir. Der Versuch, jemand anderen darauf einzutragen, ist nicht nur illegal, sondern strafbar. Mein Antrag beim Notar läuft. Wie es weitergeht, liegt an euch.
Willst du zur Polizei?
Weiß noch nicht. Sag du mir lieber: Ist dir klar, was du getan hast?
Ich wollte doch nicht gegen dich
Du hast meinen Ausweis genommen. Still und heimlich. Mutter die Daten gegeben. Ohne ein Wort. Klar?
Schweigen.
Stefan, ist das klar für dich?
Schon. Aber das ist doch Familie
Familie, gut. Dann sag: Wie viel Geld hast du in den letzten sechs Monaten ins Haus gesteckt?
Er schlug die Augen nieder.
War knapp manchmal…
Es gab keine Engpässe, Stefan. Ich habe in deiner Firma nachgefragt.
Er starrte sie an, erstmals direkt.
Wieso hast du das getan?
Ich brauche Wahrheit. Selber erfahren ist schneller, als auf Antworten zu warten.
Er ging im Raum auf und ab. Blieb vor dem Fenster stehen. Die Elefanten auf dem Fensterbrett bildeten eine Kette.
Was willst du jetzt?
Deine Mutter packt morgen. Sie fährt in ihre Wohnung.
Waltraud…
Und du überlegst dir, was du willst: Ein Leben mit mir oder so weiter wie die letzten sechs Monate.
Was hab ich denn getan?
Du hast unser Geld weitergegeben. Ihr erlaubt, meine Wohnung zu übernehmen. Meine Sachen zu entsorgen. Meinen Ausweis missbraucht.
Stefan schwieg lange.
Ich liebe dich, sagte er schließlich, als sei das Erklärung genug.
Ich weiß, meinte Waltraud. Aber ich weiß nicht, was genau du liebst.
Am Freitag stand Waltraud um sieben auf, wusch sich, frühstückte. Gertrud war ebenfalls früh wach. Stefan lag noch, tat so, als schliefe er.
Um neun war Waltraud wieder zuhause, sie hatte sich freigenommen. Gertrud saß im Wohnzimmer, blickte stumm auf den stummgeschalteten Fernseher.
Frau Meyer.
Was?
Bitte packen Sie heute Ihre Sachen. Stefan hilft beim Taxi oder fährt Sie.
Wohin?
Nach Halle. Oder wohin Sie wollen. Aber nicht mehr hier.
Das ist ein Rauswurf.
Nein, ich bitte Sie, meine Wohnung zu verlassen.
Gertrud drehte sich um, ob ihr Blick Trauer oder Trotz meinte, war unklar.
Ich war ein halbes Jahr hier, habe geholfen, gekocht…
Ich habe Sie nie gebeten.
Stefan schon.
Stefan ist hier nicht der Chef.
Er ist mein Sohn.
Sie haben zwei Stunden. Sonst rufe ich die Polizei. Das ist keine Drohung, sondern Plan.
Sie sagte das fest, ohne die Heiserkeit, die früher ihr Hals verschloss.
Waltraud stand einen Moment im Flur am Spiegel. Sah ihr Gesicht: Schwarz unter den Augen, aber gerader Rücken.
Stefan schlich sich aus dem Bett, kam im Schlafanzug in den Flur.
Waltraud, kann man nicht erstmal reden?
Das taten wir gestern. Zwei Stunden, Stefan. Für dich gilt dasselbe. Entscheide.
Was meinst du?
Wohnst du als Ehemann oder als Sohn bei Mama? Dritte Möglichkeit gibt es nicht.
Er schaute sie an.
Du willst, dass ich Mutter hinauswerfe?
Ich will, dass du dich entscheidest.
Sie nahm Tasche und Schlüssel und ging zum Kiosk ums Eck, holte sich einen Cappuccino und trank ihn im Stehen. Menschen auf dem Weg. Eine Oma schob den Buggy. Ein Mann schleppte Edeka-Tüten. Ein Kind rannte hin und her.
Ein ganz normaler Freitag.
Als sie nach eineinhalb Stunden zurückkam, saß Gertrud umringt von Koffern im Wohnzimmer, das Gesicht verschlossen. Stefan daneben, mit Handy in der Hand.
Taxi ist bestellt, sagte er neutral.
Gut.
Ich fahre mit. Bringe sie rüber.
Auch gut.
Waltraud sagte nichts weiter. Sie stellte Wasser auf, hörte, wie die Wohnungstür ins Schloss fiel. Dann Stille.
Sie stellte den Wasserkocher an. Die Stille wirkte ungewohnt dicht, anders als sonst. Sie schüttete Tee in die weiße Tasse, ließ ihn ziehen.
Setzte sich.
Die Elefanten standen aufgereiht am Fenster. Sie nahm sie, einen nach dem anderen, packte sie in die Tüte, trug die Tüte in die Abstellkammer.
Die weinroten Vorhänge mit Blümchen nahm sie am selben Abend ab es gab keinen Ersatz, also blieb das Fenster nackt. Hof, Baum, Himmel.
Stefan kam Sonntagnacht. Klingelte, dann aufs Handy.
Bist du da, Waltraud?
Ja.
Mach auf.
Er trat ein, ein kleiner Rucksack in der Hand, wirkte verloren, erschöpft.
Wie gehts dir?
Geht schon. Und dir?
Mutter ist gut angekommen. Die Nachbarin unterstützt sie.
Gut.
Sie gingen in die Küche. Stefan setzte sich, legte das Handy auf den Tisch.
Waltraud, ich möchte einen Neuanfang.
Was heißt das?
Leben. Richtig. Nicht mehr so…
Ich habe nachgedacht die letzten zwei Tage, Stefan. Viel.
Und?
Sie goss Tee ein, stellte ihm eine Tasse hin.
Warum hast du den Ausweis gescannt?
Mutter bat
Hat dich nie interessiert, was ich darüber denke? Einfach genommen, gemacht. Wie kann man so handeln?
Ich hab nicht nachgedacht. Dachte, macht nichts.
Kein Schaden. Oder, dass ich es nicht merke?
Schweigen.
Richtig. Ich weiß nach acht Jahren Ehe nicht mal, wie du denkst. Was dir wichtig ist. Wer ich eigentlich für dich bin.
Meine Frau.
Das ist ein Wort. Zeig mir eine Tat.
Ich ich liebe dich.
Was liebst du an mir, Stefan?
Langes Schweigen. Sie drängte nicht.
Du bist verlässlich. Man kann sich auf dich verlassen.
Also ein Sicherheitsfaktor.
Ja.
Aber ich? Habe ich Sicherheit mit dir erlebt?
Keine Antwort.
Stefan, ich weiß nicht, wie es weitergeht. Ich bin einfach nur müde. Ein halbes Jahr lang hat in meiner Wohnung jemand gelebt wie es ihm beliebte, und du hast gesagt: Na und? Das Geld wird von dir ausgegeben, nicht von uns. Und ich hätte alles längst sagen müssen, aber war still. Es wurde nicht besser dadurch.
Ich kann mich ändern.
Vielleicht. Ich weiß es nicht. Aber ich brauche Zeit. Abstand.
Soll ich gehen?
Ich möchte einfach in Ruhe selbst entscheiden.
Stefan trank aus, stand auf, nahm den Rucksack.
Bleibe bei Kai. Melde dich, falls was ist.
Okay.
Tür zu.
Waltraud räumte ab, spülte, ging ins große Zimmer. Kein fremdes Bett mehr, kein fremdes Zeug. Nur ihr Kommode, ihre Bücher, die Stehlampe aus dem Second-Hand-Laden, die sie selbst repariert hatte.
Sie legte sich hin, starrte an die Decke.
Was tun, wenn der Ehemann dich hintergeht? Solche Fragen finden sich in Internetüberschriften. Waltraud dachte nicht an Verrat. Sie dachte daran, wie jemand neben dir lebt und dennoch ganz woanders ist. Bei seiner Mutter. In alten Rollen. Wo es bequem ist.
Kein Zorn, nur eine tiefe Ruhe.
Sie schlief traumlos und wachte um halb sieben auf, als draußen Spatzen lärmten.
Das Leben ging langsam weiter, auf andere Art. November brachte Kälte, beschlagene Scheiben. Waltraud kaufte sich neue weiße Leinenvorhänge fast wie die alten. Hängte sie selbst auf. Die Elefanten blieben im Abstellraum.
Stefan rief wöchentlich an. Anfangs viel Gerede: Er wolle sich ändern. Dann weniger. Im Dezember nur noch kurz. Er schien sich abzukühlen oder aufzugeben.
Im Dezember erfuhr Waltraud durch Karin, dass Gertrud auf Kreuzfahrt war Mittelmeer zu Silvester. Teure Reise, sah man auf den Fotos: Schiff, Meer, lachende Gertrud mit Sonnenhut.
Wer zahlt das? fragte Karin.
Wer wohl.
Typisch. Und Stefan?
Zahlt offenbar.
Wahnsinn. Und du?
Ich arbeite.
Ende November wurde die Position der Chef-Buchhalterin frei die Siebzigjährige davor ging endlich in Rente. Chefin Hildegard Röser bot es Waltraud an. Nach kurzem Überlegen sagte sie zu.
Ab Januar. Dann das Eckbüro, versteht sich.
Eckbüro, hell, mit Blick aufs Parkdeck. Hauptsache, es ist ihres.
Am ersten Januar richtete sie sich ein, als Erstes stellte sie einen kleinen Geranientopf aufs Fensterbrett. Einer der alten Stöcke vom Küchenfenster hatte überlebt: spärlich, aber lebendig.
Im Januar meldete sich Stefan. Abend, Telefon.
Waltraud, darf ich vorbeikommen? Über uns reden?
Wo wohnst du im Moment?
Bei Kai. Aber der
Mutter auf Kreuzfahrt unterstützt?
Pause.
Sie war allein…
Mhm. Komm vorbei.
Er kam tags darauf. Abgemagert, zu große Jacke.
Sie saßen in der Küche, weißer Vorhang, kahle Äste draußen.
Mir ist klar, dass ich Fehler gemacht habe, sagte er.
Ja.
Ich will zurückkommen.
Stefan, nur eine Frage: Als du Mutter Geld gegeben, sie hergebracht, meinen Pass kopiert hast hast du dabei an mich gedacht?
Er begann eine Antwort.
Nicht als Ehefrau, sondern an mich als Person. Als Waltraud. Was mir dabei passiert ist.
Stille.
Eben. Du dachtest an Mutter. Und an dich damit es keinen Streit gibt. Ich war nur Rahmenbedingung. Wohnung, Haushalt, fertig. Ich war Teil der Deko.
Waltraud, das ist nicht fair…
Vielleicht. Aber es ist wahr. Sag ruhig ehrlich deine Meinung.
Ja, ich dachte an Mutter. Sie ist alt, allein.
Siebzig, eben auf Kreuzfahrt.
Das ist etwas anderes…
Hast du ihr das mitfinanziert?
Zum Teil.
Wie viel?
Hälfte.
Waltraud nickte, beide Hände um die Tasse.
Ich verlange keinen Scheidungsantrag. Ich will nur wissen, ob das noch eine Zukunft hat. Aber ich brauche Zeit. Und dass du eines verstehst:
Was denn?
Diese Wohnung ist meine. Nicht unsere. Meiner Oma. Ich bin die Chefin. Du kannst ein Teil davon sein, weil ich dich will. Nicht, weil ich muss. Nicht als Hausherr, nicht als Mutters Sohn auf Besuch. Verstanden?
Ja.
Hundertprozentig?
Ja.
Gib mir einen Monat.
Er ging. Waltraud spülte ab. An dem Tag fiel Schnee.
Ein Monat verging, dann noch einer.
Im Februar begann sie einen kleinen Renovierungsabschnitt. Die Wände wurden warm und leinenfarben statt weiß, neue Fliesen im Bad. Ihr Handwerker, Herr Bach, war ruhig und ordentlich.
Im März kaufte sie ein neues Sofa: dunkelgrün, einfach, aber gut. Da, wo früher Gertruds Couch stand.
Karin kam zu Besuch, sie tranken Wein.
Und, wie läuft’s mit Stefan?
Er ruft an.
Bereust du?
Nein. Manchmal fehlt mir, wie er mal war. Aber das ist vorbei.
Schafft man das allein?
Es ist schwer, sagte Waltraud, aber besser so.
Karin nickte. Wollte keine Ratschläge geben, und Waltraud war ihr dafür dankbar.
Im April blühte die Geranie im Büro. Blassrosa, nur ein Stiel. Das Bild war ihr Handyhintergrund, dann stellte sie es wieder ab. Der Blume genügte es zu blühen.
Herr Lehmann rief Ende März an. Frage: Will sie Anzeige erstatten? Waltraud verneinte, wolle auf kleinem Kurs bleiben.
Ihr gutes Recht. Die Unterlagen liegen bereit.
Danke, Herr Dr. Lehmann.
Und, wie geht es Ihnen?
Ich finde langsam zurecht.
So etwas braucht Zeit.
Ja.
Das Alleinsein nach so einem Bruch sie befürchtete es schlimmer. Es war anders, nicht besser, nicht schlechter, nur anders. Anfangs schien die Leere dröhnend, doch mit der Zeit bekam sie ihr eigenes Gewicht und eine andere Luft: ruhig, fast vertraut.
Abends las sie wieder vor dem Einschlafen. Nicht aus Übermüdung, nur aus Lust. Anderthalb Stunden manchmal.
Sie gönnte sich einen neuen, roten Wasserkocher. Keinen Namen, nur rot, nur ihrer.
Erbschaft, Ehe und Besitz das kannte sie jetzt aus der Innenansicht. Die Oma hätte nie gedacht, dass die Wohnung Streitobjekt würde. Sie wollte, ihre Enkelin solle festen Boden haben.
Spät verstanden, aber immerhin.
Im Mai kaufte sie beim Trödler an der Lindenstraße einfach so eine alte, hellgelbe Tasse, nicht mit Punkten, aber irgendwie passend. Sie stellte sie auf ihr Küchenfenster.
Es war nicht Omas Tasse, aber die stimmte irgendwie.
Stefan meldete sich Mitte Mai.
Waltraud, ich habe ein Zimmer gefunden, auf der Buchenstraße.
Gut.
Ich weiß jetzt, was ich falsch gemacht habe. Mit den Papieren, mit meiner Mutter, mit dem Geld.
Das freut mich, Stefan.
Weißt du schon, wies weitergeht?
Waltraud schaute raus. Der Ahorn war dicht, grün. Frühsommer.
Lass mir Zeit.
Kein Problem. Ich warte.
Gut.
Karin rief Ende Mai an. Von Bekannten hatte sie gehört, Gertrud sei zurück aus dem Mittelmeer, gebräunt, zufrieden, erzähle, dass sie schwierige Schwiegertochter habe, und der Sohn habe sie in schweren Zeiten unterstützt. Karin wartete auf Empörung.
Na dann, sagte Waltraud.
Das war’s?
Was soll ich sagen?
Bist du nicht böse?
Ich kann nicht mehr böse sein. Ich will leben.
Karin lachte.
Du hast dich verändert.
Vielleicht.
Zum Guten.
Wer weiß. Hauptsache, zu mir zurück.
Sie legte auf, ging in die Küche, stellte den Wasserkocher an. Die gelbe Tasse stand am Fenster, daneben der Geranientopf. Die Blüte war vergehen, doch das Blattwerk grün.
Waltraud goss Tee auf, wartete.
Die Wohnung war ruhig draußen spielte jemand Gitarre, weit weg, ganz leise. Der Hof wurde rosa im Abendlicht.
Mit der Tasse in der Hand ging sie ans Fenster, blickte in den friedlichen Hof. Dachte an nichts Besonderes. Einfach dastehen, so, wie sie ist.
Das ist alles. Kein Sieg, kein Untergang. Nur eine Frau mit einer leicht gesprungenen, aber ganzen Tasse am eigenen Fenster.
Draußen klang die Gitarre weiter.
Waltraud wusste nicht, wer spielte. Wusste nicht, ob Stefan je wieder vor der Tür stehen würde. Wusste nicht, ob Gertrud sich je meldete oder was sie sagen würde.
Aber sie wusste: Diese Stille, das Fenster, der Ahorn, die Tasse das bleibt ihr. Niemand nimmt es weg.
Sie nahm noch einen Schluck und dachte: Einen schönen Teeservice kaufen. Einfach aus Freude.



