Meine liebe Rika

Meine liebe Ilse

Unsere Wohngemeinschaft war nicht, dass man sie als besonders herzlich bezeichnen konnte, aber Streit gab es auch selten.

Die Leute waren alle höflich, fassten nichts Fremdes an, putzten nach Plan den Flur, waren nach zehn abends leise und feierten ihre Feste in den eigenen Zimmern, aber stets mit einem Abstecher zu den Nachbarn.

Meine Mutter und ich lebten in einer kleinen Kammer direkt neben der Eingangstür. Ich nehme an, früher war das Zimmer für das Dienstmädchen gedacht. Man erzählte, hier hätte einmal ein Zoologieprofessor mit seiner Familie gewohnt, bis er irgendwann in den Norden verzog. Dann wurde die große Wohnung aufgeteilt, damit auch andere das Stadtleben genießen konnten. Vom Professor blieben ausgestopfte Eulen und Krähen, stark nach Mottenkugeln riechend. Sie standen verstaubt auf den Schränken und starrten uns aus ihren unheimlichen, künstlichen Augen an, löchrig von Mottenfraß und den Angriffen des Gemeinschaftskaters Max, der diese Präparate zu seinen Erzfeinden zählte und sie bei jeder passender Gelegenheit attackierte.

Wenn unser Nachbar, Herr Siegfried Berger, Max im Suff am Schwanz zerrte, bekam nicht Siegfried Ärger, sondern die ausgestopfte Eule mit den gelben Augen. Wenn Frau Anna, die Frau des Heizers im Schwimmbad, Max von den Einkaufstaschen am Küchenboden verscheuchte, musste nicht sie darunter leiden, sondern die ausgestopfte Krähe oder ein kleiner Taube, die wohl auch einst der Professor präpariert hatte.

Warum niemand die alten Präparate herauswarf, wusste ich nicht, aber meine Mutter meinte, Max würde sonst die Kleider der Leute zerkratzen.

Lass ihn lieber die Eulen zerfleddern als unsere Sachen, sagte sie achselzuckend.

Meine Mutter war eine fröhliche, witzige Frau, sang viel, selbst wenn sie müde war, war nie verzagt und lehrte mich, ebenfalls so zu leben.

Mit fünfzehn starb sie. Sie hatte sich zusammengenommen, verschwiegen, wie krank sie war, und dann wurde sie plötzlich sehr still, ganz blass, konnte kaum noch zur Küche gehen. Frau Anna kochte ihr Suppe, aber Mutter konnte nichts essen, wollte aber die Nachbarin nicht beleidigen und bat mich, ihren Teller aufzuessen. Herr Peter brachte ihr Sträuße Tulpen und Gänseblümchen ans Bett, redete laut und aufmunternd über das Wetter oder schimpfte über die Hitze, die den Kartoffeln auf seinem Stück Land zusetzte. Mutter hörte zu und zuckte ein wenig schuldig mit den Schultern

Ihre Leiden sind vorbei, sagten die Leute, als sie den Sarg über den Friedhof trugen, vor dem ausgehobenen Grab standen. Nun ist sie frei. Sie fliegt jetzt als weiße Taube über uns. Sieh, sieh, Sebastian! Das ist deine Mutter, du Lieber!

Jemand hob mein Kinn und richtete mein Gesicht gen Himmel. Und wirklich, oben kreiste eine weiße Taube.

Es gibt keinen Gott. Keine Seele. Lasst mich! Hört auf damit! schrie ich, riss mich los, wütend und grob, so wie Männer es manchmal sind, wenn alles schief läuft. Alles war ungerecht der Tod meiner Mutter, dass ich jetzt mit einer aus dem Dorf geholten Tante leben sollte, die meine Mutter kurz vor dem Tod noch rufen hatte lassen. Ich glaubte, sie hieß Ilse Margarete. Sie würde künftig auf Mutters Bett schlafen, ihre Decke benutzen, ihre Sachen berühren…

Das ertrug ich nicht. Ich wollte diese Vorstellung nicht in meinen Kopf lassen. Es gab keinen Gott warum schleppten sie dann Ikonen heran? Meine Mutter hatte Ikonen nie gemocht, war nie in die Kirche gegangen. Hört doch auf damit

Ich zitterte, mein Gesicht war nass, aber ich sagte mir, es sei nur Regen, ballte die Fäuste und knirschte mit den Zähnen.

Eine Kerze für ihre Seele muss man schon anzünden brummte jemand dicht an meinem Ohr. Wenigstens verabschieden Wir haben das Leben im Streit verbracht, aber zumindest mit Frieden sollten wir dich begleiten. Schlaf ruhig, Ingrid, wir werden deinen Sebastian großziehen, du wirst stolz auf ihn sein.

An mir vorbei stapfte eine Frau in grauem Wollmantel und Kopftuch. Ihre kräftigen Beine spritzten das Regenwasser auseinander; auf den Nylonstrümpfen blieben schlammige Spritzer, die Schuhe waren wohl schon nass. Sie beachtete es nicht, ging ans Grab, bekreuzigte sich und warf etwas Erde hinunter.

Ist der Pfarrer da? Warum habt ihr ihn nicht geholt? Was? Der war schon da? brummelte sie mit tiefer Stimme, musterte flüchtig die Anwesenden, dann bohrte sich ihr Blick in mich.

Ich stand abseits, durchnässt, mit roten Augen und zu Fäusten geballten Händen.

Du bist Sebastian? Sieh an, du kommst ganz nach deinem Opa, stark und stur Nimm mein Beileid, Junge. Deine Mutter hat es überstanden. Erde sei ihr leicht. Und jetzt los, nicht weinen, das hilft nicht! Sie packte mich in den Arm, zog mich an ihre erstaunlich feste Brust, klopfte mir schwer auf den Rücken. Ab jetzt wohnst du bei mir. Ach, Ingrid Ihre Augen blieben trocken. Sie sah mich ruhig, aber fest an, winkte ab. Komm, Sebastian, wir müssen noch zu Tisch, ihr habt sicher nichts vorbereitet, oder? Hat deine Mutter noch etwas Geld hinterlassen?

Ich hatte Ekel im Mund, sie war kaum angekommen und zählte schon Mutters Geld. So eine!

Ich gehe nicht mit. Ich komme, wenn ich will, fauchte ich.

Wie du meinst. Bald, Sebastian, lachte sie. Ich hab schon gekocht…

Und sie marschierte davon, auf die Friedhofspforte zu. Ich aber blieb stehen, blickte auf die schiefen Grabreihen und begriff nicht, dass meine Mutter nun hier war

Stunden stromerte ich durch die Stadt, war völlig durchnässt, und erst als ich fror, schleppte ich mich heim.

Max schmuste sich an meine Beine, miaute verständnisvoll, sprang aber sofort zur Seite, als das Wasser von meiner Hose tropfte.

Sebastian? Bist du ganz durch? Komm in die Küche, wir haben schon gedeckt, lass uns gemeinsam an deine Mutter denken. Siegfried, hol Sebastian einen Stuhl. Anna, schneid noch etwas Schinken, bitte. Leute, essen ist wichtig bei so einem Anlass! ordnete Ilse an.

Sie trug ein abgetragenes schwarzes Kleid und ein halbtransparentes Kopftuch, mit Metallspangen festgesteckt.

Ich blickte auf ihre Füße: Sie trug Mutters Pantoffeln. Die hatten wir auf dem Markt bei einer Frau gekauft, die gerade aus dem Süden angereist war und mitgebrachte Waren verkaufte. Die Pantoffeln mit Muscheln hatte Mutter sofort gefallen, hatte aber gezögert wegen des Preises. Die Frau gab sie uns letztlich fast geschenkt

Ziehen Sie die aus! Sofort! Die gehören meiner Mutter! zischte ich.

Ilse nickte, wackelte mit den Zehen, stand etwas da und wurde barfuß. Durch die Küche ging sie ab jetzt ohne Schuhe.

Warum gleich so, Sebastian? Das ist doch Familie! Deine Mutter war ihr nicht fremd Muss das sein? seufzte Frau Anna und holte Hausschuhe. Von ihr roch es schon nach Korn, Knoblauch, frischem Lauch. Mir wurde übel.

Es ist nicht egal, es war meines, murmelte ich, ging in unser altes Zimmer. Unseres, nicht Ilse ihres.

Aber alles war verändert. Neue Tischdecke, Deckchen auf den Regalen, das Bett umgestellt und überzogen mit einer wilden Decke, darauf ein riesiger Tiger. Auf dem Nachttisch gab es keine Parfümflasche, kein Notizbuch und keinen Goethe-Band mehr, stattdessen lag da gestapeltes Wäschezeug und seitlich rausguckende zusammengerollte Strümpfe.

Ich drehte mich weg, zog das nasse Hemd aus, wusste nicht, was ich aus dem Schrank nehmen sollte, nahm einfach irgendwas, ging ins Bad und ließ lange das Wasser laufen. Auf dem Regal lag nicht mehr Mutters Zahnbürste, sondern eine große, noch eingeschweißte Seife mit Erdbeerduft. Ilse hatte sich häuslich eingerichtet.

Als ich in die Küche kam, war alles ruhig, Anna seufzte, ihr Mann schob mir leise einen Stuhl hin. Siegfried rückte ein Schnapsglas mit Schwarzbrotdeckel zurecht.

Setz dich, Sebastian. Lass uns an deine Mutter denken, sagte Ilse in die Stille und schob mir das Glas hin.

Lass ihm das, er ist noch zu klein flüsterte Anna. Doch Ilse lachte nur.

Zu klein? Der hat gerade seine Mutter beerdigt, also ist er erwachsen. Trink, Sebastian. Und iss Schinken, ist scharf, das tut dir gut. Schlaf, Ingrid, du fehlst uns.

Ilse hob das Glas und kippte es in einem Zug. Die anderen taten es ihr nach und atmeten laut aus. Ich schloss die Augen. Niemals hatte ich zuvor Schnaps getrunken

Sebastian! Basti, schläfst du? rüttelte mich Ilse sanft. Ist kein Wunder, nach so viel Schnaps. Hauptsache, der Mutter zur Ehre. Aber jetzt ab ins Bett!

Ich blickte mich um, die Männer waren gegangen, die Frauen räumten ab.

Wo sind Mutters Sachen hin? Warum haben Sie sie angerührt? Ihnen steht das nicht zu! Gehen Sie raus!

Ich schlug auf den Tisch, atmete schwer, mein Magen drehte sich. Ich stürmte auf Ilse zu, hob die Faust, aber sie drehte mir blitzschnell den Arm auf den Rücken und bugsierte mich raus in den Flur.

Nie, hörst du, Sebastian, niemals macht man so etwas vor Fremden, zischte sie mir ins Ohr. Was zu besprechen ist, regelt man unter sich. Mutters Sachen hab ich ordentlich auf deinen Schreibtisch gelegt, ich wusste, du suchst danach. Schlaf jetzt, morgen reden wir weiter.

Sie schob mich ins Zimmer und knallte die Tür zu. In dieser Nacht hörte ich zum ersten Mal das Schnarchen von Ilse…

Erst war das ein lautes Röhren, dann war es eher ein Säuseln, ein Stöhnen, manchmal so etwas wie a-a-a-a-abba-babba-aa…

Ich wälzte mich herum und ging schließlich in die Küche, lehnte mich an die kalte, hellblaue Wand. Immer wieder kamen im Flur Schritte, Türen klappten. Gegen fünf ging Siegfried schon zur Arbeit, Anna briet ihm Rührei und ließ die Teekanne klappern.

Sebastian, du hast gar nicht geschlafen? hörte ich. Ilse kam in die Küche, band sich einen abgetragenen, nachtblauen Bademantel um, Max schlängelte sich um ihre Beine.

Ich fand all ihre Sachen altmodisch. Mutter hätte so etwas nie getragen; sie hat jedes Manko irgendwie kaschiert ein Spitzchen hier, ein Rüschen dort, und wenn’s sein musste, ging sie mit mir auf den Flohmarkt.

Hast du gar nicht geschlafen? beugte sich Ilse vor, Atem direkt ins Gesicht.

Es war seltsam: Sie roch nicht nach Alkohol, sondern nach Minzzahnpasta und Seife, wirklich angenehm.

Nein, wollte nicht, brummte ich.

Gut. Jetzt gibt’s Frühstück, Eier aus dem Dorf und Dosenwurst, du wirst gestärkt, wann musst du zur Schule? Sie stemmte die Hände in die Hüften. Leute, das geht so nicht!

Anna erstarrte mit der Pfanne, Siegfried verkroch sich fast, Max sprang nicht mal aufs Fensterbrett.

Was ist los, Ilse? flüsterte Anna.

Zu still, zu traurig! meinte Ilse.

Wir haben doch erst gestern Ingrid beerdigt…

Aber Ingrid hat nie Stille gemocht! Die hatte Angst davor, das wisst ihr doch! Ich erzähl euch was: Unser Opa, halb blind, hat sie mal im Keller eingesperrt. War ein Versehen. Mutters Schwester hat ihr später erklärt, dass sie so eine Angst vor Stille hatte, dass sie kein Laut herausbrachte.

Stimmts, Sebastian? Immer lief das Radio, oder deine Mutter sang? Stimmts? fragte Ilse mich direkt.

Ich zuckte die Schultern. Für mich gehörte Radio einfach zu unserem Alltag. Manchmal nervte es.

Doch dann erinnerte ich mich, wie sie nähte, sang, während ich fürs Deutschaufsatz lernen musste. Ich schrie sie damals an, rannte zu Herr Peter, der mich immer Zuflucht finden ließ

Siehst du! Wo ist euer Radio? Aha, habs. Ingrid, jetzt wird es besser Ilse schaltete das Radio an, redete halblaut mit der Verstorbenen. Und plötzlich weinte sie, gestern noch tapfer, jetzt konnte sie nicht mehr stoppen.

Anna sprang auf, wollte sie trösten, aber Ilse wich ihr aus und verschwand ins Zimmer. Ich zögerte hingehen oder sitzen bleiben?

Setz dich, Sebastian. Iss was, Ilse hat gekocht. Gib ihr Zeit, sagte Anna ruhig.

So lebten wir fortan weiter. Ilse schnarchte nachts, ich schlief oft nicht, aber irgendwie war ich froh drum wenn die Seele wirklich noch da war, dann konnte auch Mutter noch ganz nah bei mir sein. Vielleicht sehe ich sie ja? Ich hatte ihr viel zu selten gesagt, wie sehr ich sie liebte. Meist nur die Hand gedrückt und einen Kuss gestohlen. Dann wurde Mutter immer verlegen, und das machte mich auch nervös.

Tante Ilse, warum hast du dich mit meiner Mutter gestritten? Ihr habt euch doch nie richtig verstanden fragte ich einmal, als wir zusammen von der Schule nach Hause gingen. Ilse war zur Direktorin zitiert worden wegen meiner vielen schlechten Noten.

Ich belauschte das Gespräch: Frau Direktorin, Frau Müller, sagte, sie hätte Verständnis, aber ich, Sebastian, sei völlig abwesend, meine Hefte leer.

Ilse schwieg erst, seufzte, dann fing sie an zu erzählen schimpfen, ach was, sie erzählte von den Feldhühnern früher, dass bei ihnen im Dorf schon mal alle Hühner eingingen, aber man immer weiter machte.

Für einen Sohn ist die Mutter alles, sagte sie, Mädchen sind eher dem Vater nahe, aber Jungen bestaunen ihre Mutter. Ingrid war ein guter Mensch, herzlich, großzügig, hätte ihr letztes Hemd gegeben. Dann hörte sie auf, legte los, dass der Herrgott sie zu sich geholt hatte.

Es gibt keinen Gott, Frau Ilse, meinte die Direktorin.

Dann ist das eben so. Aber im Herzen gibt es was. Für euch vielleicht nicht, aber für Sebastian und Ingrid schon. Er trauert, das ist das, was bleibt. Ich verspreche Ihnen, seine Hefte werden bald in Ordnung sein. Das ist doch das Wichtigste, oder?

Sie verabschiedete sich, packte mich am Ellenbogen und zog mich heim.

Ich fragte sie danach, warum sie sich mit Mutter zerstritten hatte.

Ach, Ingrid war immer mit Büchern beschäftigt, ich, die Ältere, immer am Arbeiten. Ich hab sie oft ausgelacht, ärgerlich, dass sie auf meine Kosten lebte Und sie, deine Mutter, packte eines Tages zusammen und zog weg. Dann traf sie deinen Vater, bekam dich und blieb doch allein, keiner fragte sie je, ob sie heiraten will… Ich schämte mich, glaubte, sie schädigt unseren Ruf. Später merkte ich, dass sie glücklicher war als ich. Offener, warmherziger. Und ich ich war neidisch. Es war falsch von mir. Und nun kann ich nichts mehr gutmachen, nichts

Sie drückte meine Hand. Unerwartet für mich umarmte ich sie. Sie roch nach Erdbeerseife und feuchter Wolle. Draußen fiel Schnee, feierlich schön. Von Ferne schaute uns eine Frau entgegen, aber Tränen ließen mich sie kaum erkennen. Später war sie fort.

Du hast sie gesehen, nicht wahr, Sebastian? Sie kam, um sich zu verabschieden. Ingrid

Und wir weinten, ließen laufen, was da war. Dann gabs Tee mit Erdbeerkonfitüre, irgendwo lief ein Hörspiel, in der Küche war es hell und sauber. Mir gegenüber saß Ilse, fast wie eine Bäuerin mit Kaffeetuch über den Schultern. An diesem Abend erkannte ich sie an meine Tante, mein Blut

Max war auch immer dabei, seit Ilse im Haus war, veränderte er sich: Er zerfetzte keine Präparate mehr, lief stolz umher, lag in der Sonne Ilse hatte die Präparate längst entsorgt.

Kurz vor Silvester wollte Ilse den Kleiderschrank ausmisten. Dort hing, eingeschlagen in ein Laken, Mutters Pelzmantel. Nie hatte sie den getragen, nur immer bewahrt.

Einen Pelz muss man raus zum Lüften hängen, Sebastian! keuchte Ilse, als sie das schwere Ding herauszog.

Warum?

Damit keine Motten kommen, der Pelz bleibt schön. Wir hängen den auf den Balkon, unser Glück, dass es hier einen gibt. Das ist ein feines Stück, schaus dir an!

Ilse warf sich den Mantel spielerisch über. Als Siegfried, der Nachbar, zufällig hereinkam, blieb er mit offenem Mund stehen.

Sie sindwunderschön, Frau Ilse! stotterte er, wurde rot und stürzte raus, während wir beide losprusteten.

Wir hängten den Mantel auf den Balkon, wollten ihn für eine Nacht draußen lassen. Doch am Morgen fehlte er. Kein Windstoß, keine Spur

Zweiter Stock, Sebastian! Unmöglich! Gestohlen! Mutters Pelz gestohlen! jammerte Ilse. Sogar das Frühstück gelang ihr nicht, der Griesbrei brannte an.

Ach, Ilse, machen Sie sich nicht so fertig! Das Herz, schonen Sie Ihr Herz! Siegfried holte Tropfen, Ilse wollte nichts nehmen.

Ich bin schuld! Das Erbstück verloren! Sie lief wie eine Geschlagene durch die Wohnung.

Aber irgendwie gewöhnten wir uns daran, mit der Zeit auch an diesen Verlust. Ab und zu verfluchte Ilse die Diebe, schimpfte, aber nicht mehr wie am ersten Tag.

Anfang Februar gingen wir gemeinsam zum Markt, Ilse wollte Fleisch fürs Sülze kaufen. Sie führte mich von Stand zu Stand, prüfte, roch an allem, schüttelte kritsch den Kopf. Plötzlich packte sie mich am Ärmel.

Was ist, Ilse? Hast du ausgesucht?

Stumm zeigte sie nach vorn. Da stand eine schmierige Frau mit rauer Stimme in der Wurstschlange. Aber ihr Pelz das war unser Pelz.

Sofort drängte Ilse sich vor.

Als die Frau sie bemerkte, rannte sie. Ilse hinterher, ich nach. Die Frau bekam Panik, stolperte immer mehr, Ilse war wie ein D-Zug hinter ihr.

Gib den Pelz her, du Otter! Gib ihn raus, sonst gibts Ärger! brüllte Ilse, schwenkte ihre Fäuste. Sebastian, von links, schneller! Immer diese Feiglinge…

Die Straße war lang, keine Auswege, überall Zäune. Die Diebin wurde langsamer, warf den Mantel auf den Asphalt, rettete sich in einer Unterkleidung durch den Zaun.

Wir schnappten den Pelz, keuchend, aber glücklich schleppten wir ihn heim. Ilse umarmte das Ding, manchmal trug sie es wie eine Trophäe, ich half ihr, die Ärmel zu halten. Dann lachten wir beide befreit, wie Kinder, denen das Schlimmste überstanden ist.

Da hab ich Ilse endgültig als meine Ilse akzeptiert. Sie erzählte mir viel über meine Mutter, ihre Kindheit, das Schultheater, wie sie früher Kostüme aus alten Kleidern nähte.

Erst später begriff ich, dass all das ihre Geschichten, unser Lachen, der Duft von Mutters Parfüm alles Mutter war. Ja, ich glaube, da gibt es etwas Höheres, das einen miteinander verbindet, auch wenn jemand gegangen ist. Ob Seele, ob Erinnerung, die Namen sind egal. Wichtig ist: Meine Mutter Ingrid bleibt. Sie lebt in Ilse, in meinen Träumen, vielleicht auch im Pelzmantel, aber das ist natürlich nur ein Scherz.

Den Pelz verkauften wir später, kauften mir einen Anzug zum Abitur. Ich fühlte mich albern darin, Ilse flennte und rief mich ihren Bräutigam. Ach, was weinst du so oft, du liebe Ilse! Es ist doch alles gut bei uns. Alles ist bestens.

Und gelernt habe ich am Ende: Familie ist nicht nur Blut, sondern das, was bleibt, wenn das Offensichtliche schon lange fort ist.

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Homy
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Meine liebe Rika
Grenzen der Liebe