Unattraktive Ehefrau – Wenn das Aussehen der Partnerin zur Belastungsprobe in deutschen Beziehungen wird

Unansehnliche Ehefrau

Der Büroalltag war von den üblichen Gesprächen und geschäftigem Treiben geprägt. Plötzlich trat unsere Abteilungsleiterin mit einer unscheinbaren neuen Mitarbeiterin herein.

Mädels, das ist Annemarie, sie übernimmt ab heute Kostas Aufgaben. Er wurde befördert. Ich bin mir sicher, ihr kommt gut miteinander zurecht, sagte Frau Tamara Behrens und verschwand wieder.

Annemarie setzte sich an den Arbeitsplatz von Kostas, stellte eine hübsche Tasse und einen kleinen Bilderrahmen mit dem Foto eines Mannes auf den Tisch und legte direkt mit der Arbeit los, als würde sie schon seit Jahren dazugehören.

Als die Pausenglocke erklang, standen alle wie auf Kommando auf und gingen gemeinsam ins Café nebenan zum Mittagstisch. Nur Marina blieb zurück. Die Neugier trieb sie umwer war wohl der Mann auf Annemaries Foto?

Vom Rahmen aus lächelte sie ein attraktiver Mann an, mit einem charmanten Grinsen und makellosen Zähnen.

Wer das wohl ist? Ein Schauspieler? Ein Sänger?, fragte sich Marina und machte heimlich ein Foto mit ihrem Handy, bevor auch sie ins Café ging.

Die Kolleginnen saßen inzwischen um einen Tisch und hörten gespannt Annemarie zu.

Ich habe meinen Christian vor drei Jahren unter ganz seltsamen Umständen kennengelernt, ihr werdet es nicht glauben, begann Annemarie.

Erzähl schon! drängten alle.

In Gedanken ging sie zurück in die Vergangenheit, in eine Zeit, als sie bei einer großen Firma in Hamburg gearbeitet hatte. Damals war es zu einer Fehlbuchung gekommenvermutlich hatte der Logistikdienst oder sie selbst einen Fehler gemachtund das falsche Produkt wurde an die Firma ihres späteren Mannes geliefert. Sie schickten sie los, um das Missverständnis zu klären.

Annemarie war eine kluge und versierte Fachkraft, souverän im Umgang mit schwierigen Gesprächen. Ihre unscheinbare Erscheinung täuschte vieleungepflegte Haare, kein Make-up, eine graue Maus. Doch in Verhandlungen verwandelte sie sichsie wusste genau, wie sie ans Ziel kommt, höflich und bestimmt.

Ihr Chef wusste das und schickte ausschließlich sie. An der Rezeption sagte man ihr:

Zimmer 312, Christian Egger.

Annemarie klopfte nicht an, stellte sich einfach vor und begann: Herr Egger, wir haben Ihnen die Lieferung geschickt, es gab einen Fehler bei der Logistik.

Und so entspann sich das Gespräch. Christian sah sie an und traute seinen Augen kaumer hatte sie schon einmal im Traum gesehen.

Ihre rötlichen Haare wippten ein wenig und ihre grünen Augen blickten offen und ehrlich. Ihre Stimme klang ruhig und gleichmäßig.

Wie üblich wollte Annemarie das Gespräch zielgerichtet führen, doch dann sagte Christian plötzlich: Frau Schuster, wir verzichten auf eine Reklamation, sowas soll einfach nicht mehr passieren, ja?

Sie bedankte sich und ging. Zwei Tage später wartete Christian nach Feierabend auf sie vor dem Haupteingang. Annemarie kam als letzte heraus.

Annemarie!, rief er und winkte ihr zu, wir haben doch vor zwei Tagen miteinander gesprochen!

Guten Abend, Herr Egger. Ja, ich erinnere mich gut, antwortete sie gelassen.

Wissen Sie, ich habe da zwei Karten fürs Schauspielhaus, meine Mutter ist leider krankmöchten Sie vielleicht mitkommen? log Christian.

Sie lächelte: Wann ist denn das Stück?

In zwei Stunden, Sie haben noch genügend Zeit, falls Sie sich umziehen möchten, bot er an.

Sie überlegte kurz, nahm dann an. Christian wartete später vor ihrem Haus. Als Annemarie herauskam, erkannte er sie im ersten Moment gar nicht: Sie trug ein schwarzes, figurbetontes Kleid und mittelhohe Absätze. Das dezente Abend-Make-up stand ihr gut.

Im Theater saß er neben ihr und schaute immer wieder verstohlen zu Annemarie. Offensichtlich war sie eine Kennerin und hatte das Stück wohl schon einmal gelesen.

Danach wollte er sie noch zum Abendessen einladen, doch sie lehnte höflich ab: Morgen stehen wichtige Termine an, ein andermal vielleicht.

Er brachte sie nach Hause.

Ende der Woche wiederholte sich das Treffen. Bald gingen sie regelmäßig gemeinsam spazieren.

Nach etwa zwei Monaten fragte Christian: Meine Mutter würde dich gerne kennenlernen, was meinst du?

Ich habe mich schon auf sie gefreut, antwortete Annemarie.

Seine Mutter bereitete einen herzlichen Empfangsie tranken Kräutertee, aßen Apfelkuchen und selbstgemachte Marmelade. Annemarie erzählte Vera Egger, wie ihre Großmutter Marmelade kochte, berichtete über ihren verstorbenen Vater, der bei einem Unfall ums Leben kam, und über ihre Mutter, die als Geschichtslehrerin arbeitete.

Christian fuhr sie nach Hause.

Meine Mutter mag dich sehr, das freut mich, sagte er zufrieden.

Von da an sahen sie sich fast jeden Tag, und nach einem Jahr feierten sie Hochzeit.

Annemarie schwieg. Die Kolleginnen hörten gebannt zu und beneideten sie insgeheim. Nur Marina dachte sich:

Was findet er nur an dieser grauen Maus? Nichts Außergewöhnliches, kein tolles Gesicht. Und ich? Ich sehe gut aus, werde ständig von Männern angesprochenaber entweder wollen die nur das Eine oder sie sind am Ende längst vergeben.

Zurück im Büro beugte sich Marina zu Swetlana.

Schau dir mal ihren Mann an! Glaubst du das? Ich jedenfalls nicht. Die spinnt doch. So einer würde doch nie eine wie sie nehmen!

Am Abend, als sie alle den Arbeitsplatz verließen, hupte es draußen. Ein attraktiver Mann stieg aus und winkte Annemarie freundlich zues war der Mann vom Foto. Sie lief zu ihm.

Ist das wirklich ihr Ehemann?, dachte Marina. Warum nicht ich? Ich sehe doch besser aus.

Die Kolleginnen sahen Annemarie und Christian hinterher und jede dachte über ihr eigenes Glück nach.

Oft, wenn ich solche Paare sehe, frage ich mich: Was hat er in ihr gefunden? Wahrscheinlich genau das, wonach er gesucht hat. Schönheit allein reicht manchen Männern eben nicht. Ja, sie flirten gern, aber wenn es ernst wird, wählen sie oft ganz anders. Warum? Wahrscheinlich müsste man sie selbst fragen Aber eins habe ich an diesem Tag gelernt: Das Wesentliche erkennt man eben nur mit dem Herzen.

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Homy
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