Ich, Martin Schneider, erinnere mich noch genau an den Tag, als ich über das Schicksal eines fremden Kindes entscheiden musste. Es war ein Mittwoch. Meine Frau kam ungewöhnlich früh von der Arbeit nach Hause, das Gesicht düster, wie ein Herbstabend in Hamburg. Ohne ein Wort reichte sie mir einen Briefumschlag.
Was ist passiert?
Es gibt keine Hoffnung mehr für Verena. Ohne meine Zustimmung können sie Jonas nicht ins Heim schicken.
Dass meine Frau einen Sohn aus einer früheren Beziehung hatte, wusste ich bereits vor unserer Hochzeit. Eine ziemlich alltägliche Geschichte: Damals, während ihres Zivildienstes, hatte sie sich verliebt. Nach dem Dienst holte sie ihren Freund nach Hannover, sie mieteten gemeinsam eine kleine Wohnung. Doch die junge Liebe verpuffte schnell, der Koffer wurde wieder gepackt, und der Mann zog zurück in seine Heimatstadt.
Einige Zeit später kam eine Postkarte: Glückwunsch, du bist Vater. Was zwischen ihnen genau vorgefallen war, erzählte meine Frau nie, und ich hakte auch nicht groß nach. Vergangenes bleibt besser ruhen.
Als meine Frau im vierten Monat schwanger war, tauchte Verena plötzlich bei uns auf mit dem einjährigen Jonas im Arm. Es gab Streit, sie wollte alles zurückgewinnen. Meine Frau setzte sie höflich, aber bestimmt vor die Tür und blieb bei mir. Ich nahm ihr das nicht übel; schließlich lag all das vor unserer Zeit.
Verena ließ sich schließlich auf Unterhalt ein, den ich immer pünktlich überwies, dann herrschte viele Jahre Funkstille. Später erfuhren wir, dass sie zwei weitere Male heiratete und den zweiten Scheidungsstress nicht verkraftete sie nahm sich das Leben.
Zu dieser Zeit hatten wir bereits zwei eigene Kinder: Unser Sohn Lukas, ein wenig jünger als Jonas, und unsere kleine Mathilda, die gerade ihr erstes Jahr hinter sich hatte. Den Entschluss zum zweiten Kind fällten wir, nachdem wir uns endlich ein eigenes Häuschen in einem ruhigen Viertel außerhalb von Bremen leisten konnten.
Holzbau, ohne modernen Schnickschnack, dafür vier Zimmer, ein Hof, ein kleines Nebengebäude mit Sauna und ein Gemüsegarten. Nach der winzigen Mietwohnung war das ein Traum! Lukas rannte die erste Woche wie ein Wilder durchs Haus und über das Grundstück.
Einen fremden Sohn aufnehmen damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte Jonas vor sieben Jahren das letzte Mal gesehen und wusste kaum etwas über den Jungen. Wie mochte er sein? Was hatte er schon alles erlebt? Es machte mir Angst. Mit meinem temperamentvollen Lukas kam ich oft genug an meine Grenzen, jetzt noch zwei Jungs fast gleich alt. Würden sie sich verstehen? Ich arbeitete viel, die Kinder waren fast ganz meiner Frau überlassen.
All diese Gedanken rasten mir in nur wenigen Sekunden durch den Kopf. Meine Frau sagte nichts und saß stumm im Flur, wie gelähmt.
Da schnürte es mir das Herz zu: Was hätte ich an ihrer Stelle empfunden? Wie hätte ich entschieden, wenn das Schicksal plötzlich an Lukas Tür geklopft hätte? Plötzlich war alles klar.
Natürlich holen wir Jonas zu uns, Schatz. Das ist doch keine Frage. Er ist dein Sohn und unser Lukas Bruder. Wie können wir da nein sagen? Wo zwei Kinder Platz finden, ist auch Platz für ein drittes. Wir schaffen das zusammen!
Einen Monat später zog Jonas bei uns ein. Er war still, zurückhaltend, brav. Ganz anders als der wilde, freche Lukas. Vielleicht war es genau diese Verschiedenheit, die alles vereinfachte: Jonas, der ältere, trat nie als Anführer auf, ließ sich führen, und die Jungs verstanden sich rasch. Außerdem brachte Mathilda immer gute Laune ins Haus klein, niedlich und immer zu Späßen aufgelegt. Es schien, als hätte sie die ganze Welt lieb.
Im Herbst kam Jonas dann in die erste Klasse. Er war gut vorbereitet, vermutlich hatte Verena sich viel Mühe bei seiner Erziehung gegeben. Finanziell war es nicht leicht, aber meine Frau gab alles, und ich übernahm ein paar zusätzliche Schichten. Später fing auch sie wieder an zu arbeiten. Die Kinder wuchsen heran, wurden richtige Helfer im Haus. Wir lebten in Harmonie, ohne jemals zwischen eigenen und fremden Kindern zu unterscheiden.
Als Jonas an die Universität nach Bremen ging, erkrankte meine Frau schwer. Sie verbrachte Wochen im Krankenhaus, musste sich operieren lassen. Es war schrecklich und doch ließ sie nie den Mut sinken: Sie dachte an die Kinder, die noch nicht auf eigenen Beinen standen, und kämpfte, um ihnen weiterhin eine Mutter zu sein. Sie wollte ihre Söhne und Tochter als glückliche Erwachsene sehen und sehnsüchtig auf die ersten Enkelkinder warten. Mich selbst warf diese Prüfung aus der Bahn ich begann immer öfter, in Bier und Schnaps Trost zu suchen.
Mit achtzehn wurde Jonas zum Rückhalt unserer Familie. Er wechselte aufs Abendstudium und verdiente tagsüber sein eigenes Geld. Am meisten unterstützte er meine Frau: Täglich besuchte er sie, las ihr vor, fragte nach den Lieblingsgerichten von Lukas und Mathilda und kochte sie ihr zur Probe. Sogar, dass Lukas in schlechte Kreise geraten und eine Bewährungsstrafe bekam, verheimlichte er ihr damit sie sich nicht unnötig quälte.
Meine Frau wurde wieder gesund. Unser Verhältnis blieb jedoch angeschlagen, ich konnte ihr ihren stillen Groll in diesen schweren Tagen nie verübeln. Unser Haus war groß genug wir lebten fortan wie Nachbarn. Ich versuche bis heute, von der Flasche zu lassen, aber leider klappt es nicht immer.
Vor einem Jahr brachte Jonas seine Freundin Sophie mit nach Hause das Mädchen, das er schon seit dem Kindergarten liebte. Sie studiert Psychologie und nimmt sich entschlossen vor, mich vom Alkohol zu kurieren. Das Leben geht weiter, und bald werden Enkel durchs Haus toben Sophie und Jonas erwarten Zwillinge!
Jeden Tag danke ich Gott für meinen ältesten Sohn. Vielleicht habe ich tatsächlich nur deshalb überlebt, weil ich damals mein Herz für einen fremden Jungen geöffnet habe.





