13. April 2024
Heute kam es zu einer ungewöhnlichen Begegnung in meinem alten Berliner Stadthaus, dessen hohe Decken und schweren Kronleuchter jedem Besucher Ehrfurcht einflößen. Für die Gäste war sie, wie stets, fast unsichtbar unsere Hausangestellte, die alles mit ruhiger Effizienz am Laufen hielt, eine Frau, deren Name kaum je erwähnt wurde. Für viele nur eine weitere Erscheinung im Haus, wie die Ölgemälde oder der kühle Marmorboden.
Gegen Mittag war ich auf dem Weg ins Arbeitszimmer. Da bemerkte ich, wie sie am großen Eichentisch innehielt und unverwandt auf das kostbare Schachspiel aus Gold und Silber blickte, das ich bei einer Auktion in Hamburg für eine stolze Summe erstanden hatte. Das Maßwerk der Figuren spiegelte das Licht der hohen Fenster wieder, und sie schien regelrecht darin zu versinken.
Ich räusperte mich und fragte mit einem leicht amüsierten Ton:
Beeindruckt dich mein Schachspiel, Fräulein?
Sie zuckte leicht zusammen, wandte sich mir zu und antwortete höflich:
Ja, Herr Lüdtke.
Ihr Tonfall überraschte mich. Ein wenig neugierig, fragte ich:
Kannst du überhaupt Schach spielen?
Ja, Herr Lüdtke.
Das ließ mich schmunzeln. Ein Spiel gegen die Hausangestellte, das versprach kurzweilige Unterhaltung.
Gut, sagte ich schließlich. Lass uns spielen. Solltest du gewinnen, schenke ich dir das Schachbrett.
Ich lehnte mich zurück, sicher, einen leichten Sieg zu erringen.
Wir setzten uns einander gegenüber. Sie wirkte ruhig, beinahe teilnahmslos. Schon nach wenigen Zügen spürte ich, dass sie kein gewöhnlicher Gegner war. Jede meiner Eröffnungen verpuffte. Was ein baldiges Schachmatt werden sollte, verwandelte sich zusehends in eine Partie auf Messers Schneide.
Plötzlich opferte sie scheinbar unbedarft einen Läufer. Ich glaubte an einen Anfängerfehler, aber nur wenige Züge später hatte sie mit genau diesem Manöver meinen eigenen Damenangriff ausgehebelt.
Verblüfft schaute ich auf das Brett und musste erkennen, wie sorgfältig sie jede Situation analysierte. Meine Angriffe wurden bravurös pariert, ihre Stellung immer stärker. Es war klar, ich spielte gegen jemanden, der dieses Spiel wirklich verstand.
Am Ende sagte sie mit ruhiger Stimme:
Schach und Matt, Herr Lüdtke.
Ich war sprachlos. Noch nie hatte ich eine solche Demütigung an meinem eigenen Spieltisch erlebt.
Wie ist das möglich? Woher kannst du so Schach spielen? fragte ich, zwischen Anerkennung und Gekränktsein hin- und hergerissen.
Sie glauben, ich bewundere das Gold, antwortete sie besonnen. Aber ich bewundere das Spiel, nicht den Wert.
Sie fuhr fort:
Mein Vater hat mir in Dresden das Schachspielen beigebracht, als ich ein Kind war. Er sagte immer, beim Schach zählen weder Geld noch Stolz, sondern Geduld und Klugheit.
Langsam legte sich meine Kränkung und wich Respekt.
Sie wollten in Eile gewinnen, meinte sie leise. Ich wartete nur auf den richtigen Moment.
Für einen Moment sah ich sie mit anderen Augen. Sie war nicht mehr nur die stille Hausangestellte, sondern eine scharfsinnige und charakterfeste Frau. Ich schob ihr das Glanzstück aus Gold über den Tisch.
Es gehört Ihnen. So habe ich es versprochen.
Sie schüttelte den Kopf.
Ich will das Schachbrett gar nicht.
Überrascht hielt ich inne.
Was wünschen Sie sich dann?
Eine Chance, antwortete sie bestimmt. Die Möglichkeit, wegen meines Verstandes beurteilt zu werden, nicht wegen meines Auftretens.
In diesem Moment wurde mir klar, dass nicht Reichtum oder Ansehen den Wert eines Menschen bestimmen sondern die Weisheit, den richtigen Zug zur richtigen Zeit zu machen. Ein Tag, der mich Demut gelehrt hat.




