Du bist doch eine Oma, Gisela.
Zieh dich an, wir fahren in den Schrebergarten, sagt Gerhard, ohne den Blick vom Handy zu heben. Die Kartoffeln müssen längst raus. Seit einer Woche verschiebst du es.
Gisela rührt langsam in ihrem Topf mit Haferbrei. Draußen zieht ein grauer Septembersamstag vorbei. Der Löffel kreist noch einmal durch den Brei.
Gerhard, sagt sie leise, weißt du, was heute für ein Tag ist?
Samstag. Perfektes Wetter für den Garten.
Dreißig Jahre. Heute sind es dreißig Jahre, seit wir geheiratet haben.
Endlich hebt er den Kopf. Er blickt sie an, als hätte sie ihn an eine vergessene Stromrechnung erinnert.
Na und? Davon graben sich die Kartoffeln nicht von selbst aus. Ich hab die ganze Woche geschuftet, brauch mal Pause. Du hast eh nicht viel zu tun daheim, hast Zeit, also fährst du.
Ich hab gedacht, wir gehen heute ins Restaurant. Sie spricht es ruhig aus. Du hast es letzten Monat noch angedeutet.
Hab ich gesagt, stimmt. Machen wir ein andermal. Er legt das Handy beiseite und greift zur Teetasse. Jetzt ist einfach keine Zeit. Kartoffeln warten nicht. Bleiben sie zu lang in der Erde, erfrieren sie, dann sitzen wir den ganzen Winter ohne da. Schon mal daran gedacht?
Gisela schaltet den Herd aus, stellt den Topf umsichtig ab. Sie tut alles langsam und bedächtig, aber in ihrem Innersten zieht es sich zusammen, und das will gar nicht mehr lockerlassen.
Gerhard, ich hab um einen Tag gebeten. Einen Tag in dreißig Jahren.
Eben. Dreißig Jahre. Was soll man da noch feiern? Wir sind keine Jungen mehr, die ständig durch Restaurants ziehen. Du bist doch schon eine Oma, Gisela, was willst du da noch?
Das Wort trifft sie erst nach einem Moment. Es liegt schwer in der Küchenluft, zwischen Kühlschrank und Herd, zwischen ihm und ihr. Oma. So nebenbei, fast freundschaftlich, ganz ohne Bosheit. Genau das macht es so bitter.
Ist gut, sagt Gisela.
Siehst du. Sei vernünftig, nimm die Werkzeuge im Schuppen, da liegt noch eine gute Schaufel, die hab ich im Frühjahr geschärft. Und vergiss die leeren Kisten nicht, die stehen in der Ecke.
Sie geht ins Schlafzimmer. Holt die Tasche, beginnt innezuhalten, was sie packt und wofür. Ihre Hände arbeiten automatisch. Im Kopf dreht sich alles nur um das Wort. Oma. Nicht Gisi, nicht Gisela, nicht mal ein einfaches du. Nur noch Oma.
Sechsundfünfzig Jahre alt. Das Haar gefärbt Kastanienbraun, sie färbt alle paar Wochen nach, weil das Grau immer schneller kommt. In den letzten Jahren hat sie ein paar Kilos zugelegt, das stimmt. Aber ist das wirklich alles, was er in ihr sieht? Ist von ihr in seinen Augen nur noch Garten und Kartoffelfeld übrig?
Sie schließt die Tasche. Greift nach der Jacke. Tritt in den Flur.
Fährst du jetzt gleich? ruft Gerhard aus der Küche.
Du hast doch gesagt, ich soll fahren.
Hättest ja wenigstens frühstücken können.
Kein Hunger.
Sie zieht ihre Schuhe an. Nimmt die Schlüssel vom Haken. Ihr kleiner blauer Opel Corsa steht draußen, treu und unkompliziert wie sie selbst.
Gisi, lass wenigstens was vom Brei übrig!, ruft er noch, als sie hinausgeht.
Gisela schließt leise die Haustür. Kein Zuschlagen. Einfach zu.
Die Fahrt zum Schrebergarten dauert eine Stunde zwanzig. Erst durch die Stadt, dann über die Landstraße, zum Schluss ein Stück grober Feldweg, der jeden Herbst zerfahren und im Frühjahr halbherzig ausgebessert wird. Gisela fährt still, Radio bleibt aus. Es liegt so viel Richtiges in dieser Stille, als wäre die Ruhe das Einzige, was ihr heute gehört.
Dreißig Jahre. Sie hat mit sechsundzwanzig geheiratet, Gerhard war damals drei Jahre älter, arbeitete als Ingenieur bei BMW, ein grundsolider Typ. Die ersten Jahre schien alles in Ordnung. Später kam die Werkschließung, dann arbeitete Gerhard hier und da, wechselte in die Logistik, kaufte und verkaufte irgendetwas. Gisela blieb immer in ihrer Welt: Musiklehrerin in der Schule, zurückhaltend, auf Sicherheit bedacht. Den Sohn Thomas haben sie großgezogen, er lebt heute mit Frau und kleiner Tochter Klara in Stuttgart. Drei, vier Mal im Jahr sehen sie sich.
Das Leben ist so vergangen. Zwischen Unterricht und Garten, zwischen Elternabenden und Einmachgläsern, zwischen seinen Dienstreisen und ihren einsamen Abenden mit einem Buch. Sie hat nicht geklagt. Sie hat sich das Klagen gar nicht angewöhnt. Aber heute ist da etwas verrückt, wie ein Möbelstück, das nach Jahren endlich verschoben wird.
Die Schranke am Gartenverein steht längst offen, seit Mai. Gisela fährt am vertrauten Zaun entlang. Die meisten Gärten sind jetzt schon leer, Saisonende droht. Aus einigen Schornsteinen steigt noch Rauch. Herbstgeruch, nach feuchtem Laub und Rauch.
Sie schließt ihren Garten auf, stellt den Motor ab.
Das Häuschen ist klein, zweistöckig, obwohl das Obergeschoss eher bloß ein ausgebauter Dachboden mit Fenster ist. Die Veranda hat löchrige Dielen. Der Garten misst gut sechshundert Quadratmeter. Gerhard nimmt sich seit fünf Jahren vor, die Veranda zu erneuern, den Zaun zu reparieren. Es bleibt bei den Vorsätzen.
Gisela öffnet die Fenster, lässt frische Herbstluft herein. Es riecht nach geschlossenen Räumen, ein wenig nach den letzten Äpfeln, die sie im August geerntet haben. Sie setzt Wasser für Tee auf, setzt sich mit Blick auf den Garten.
Sechs Reihen Kartoffeln. Das Kraut ist welk und gelb, es ist wirklich höchste Zeit zum Ausgraben. Gerhard hat bei den Kartoffeln recht. Aber es ging ihr weniger um die Kartoffeln es war das Wort. Oma.
Sie gießt sich Tee ein, schaut hinaus.
Auf der rechten Seite tut sich etwas im Nachbargarten. Früher gehörte er Herrn Peters, der im letzten Winter gestorben ist; die Erben haben wohl verkauft. Gisela weiß davon aus dem Gespräch mit Nachbarin Hannelore, die den neuesten Tratsch liebt. Sie hat die neuen Besitzer aber nie gesehen. Jetzt ist dort Leben: Stimmen, gleichmäßiges Hämmern, jemand singt leise vor sich hin.
Das Hämmern verstummt. Gisela trinkt aus, geht sich umziehen. Alte Hose, Pullover. Sie holt die Schaufel aus dem Schuppen, stellt sich an die Kartoffelreihe dieses Gefühl kennen Frauen jenseits der Fünfundfünfzig, wenn man vor etwas steht, das notwendig, aber nicht lieb ist.
Sie steckt die Schaufel in die Erde.
Guten Tag, sagt es plötzlich von der anderen Seite des Zauns.
Sie dreht sich um.
Ein Mann steht am Zaun. Vielleicht sechzig oder etwas älter, groß, aufrecht, graue Haare, gepflegt, in ordentlicher Jacke.
Guten Tag, erwidert Gisela.
Ich bin Ihr neuer Nachbar, Viktor Albrecht. Habe das Grundstück im August übernommen, komme aber erst jetzt dazu, mich drum zu kümmern.
Gisela Brenner. Mein Mann und ich sind schon seit zwanzig Jahren hier.
Er lächelt leicht, neigt höflich den Kopf so altmodisch, dass es fast rührend ist. Kartoffeln ausgraben?
Wollte gleich loslegen.
Allein?
Sie zögert kurz. Heute ja.
Er schaut auf die Beete, dann auf ihre Schaufel. Ich hab eine bessere Schaufel fürs Kartoffelgraben, eine richtige aus Solingen. Wenn Sie möchten, helf ich Ihnen. Ich wollte sowieso im Garten was tun. Bei Ihnen geht das bestimmt in drei, vier Stunden.
Nein, danke, ich schaffe das schon, murmelt Gisela, ganz automatisch.
Davon geh ich aus, nickt er freundlich. Aber zu zweit gehts leichter.
Sie überlegt. Gut. Danke.
Nach wenigen Minuten kommt er mit seiner Schaufel und Arbeitshandschuhen, öffnet durch das Gartentörchen, das noch keiner zugemacht hat.
Ich fang am Rand an, Sie sammeln die Kartoffeln ein? schlägt er vor.
Sie arbeiten anfangs schweigend. Herr Albrecht gräbt ruhig und systematisch man merkt, dass er anpacken kann, ohne sich unnötig abzumühen. Gisela sammelt die Kartoffeln in die Kisten. Die Erde ist feucht, die Ernte geht gut von der Hand.
Sind Sie schon lange hier? fragt er.
Seit 98. Da waren die Parzellen günstig zu haben.
Schöne Gegend. Hab einiges angeschaut, hier gefiels mir am besten. Ruhig, Wald und der Fluss nur zwei Kilometer weg.
Sie sind aus der Stadt?
Ja, vorher München, jetzt wieder hier, weil meine Schwester in Ebern lebt, das ist zirka vierzig Kilometer entfernt.
Gisela nickt Ebern kennt sie, dort gibt es einen bekannten Wochenmarkt und eine alte Kirche.
Sind oder waren Sie militärisch?, erkundigt sie sich, ohne zu wissen warum. Es drängt sich einfach auf bei seiner Art.
War ich, sagt er ohne Zögern. Zweiunddreißig Jahre. Zuletzt Oberstleutnant. Nun seit drei Jahren in Pension.
Wie lebt sichs ruhig?
Er gräbt einen Moment weiter, dann: Ich gewöhne mich dran. Am Anfang wars hart, jetzt finde ich Beschäftigung. Lese viel, arbeite gern mit den Händen. Werde wohl jetzt öfter hier sein.
Im Winter? Hier ist dann niemand mehr.
Gerade das ist herrlich. Ich mag es ruhig.
Sie arbeiten weiter. Gisela merkt, dass sie über das morgendliche Gespräch mit Gerhard gar nicht mehr nachdenkt. Einfach arbeiten, einfach reden, keine Eile, kein Druck.
Zur Mittagszeit ist die Hälfte geschafft.
Pause? Ich koche Tee, bietet Gisela an.
Gern.
Drinnen schneidet sie Brot, holt Käse und selbstgemachte Erdbeermarmelade aus dem Kühlschrank. Sie deckt auf der Veranda den Tisch.
Herr Albrecht wäscht sich draußen die Hände, kommt dann auf die Veranda, setzt sich so, als hätte er dort immer schon gesessen.
Greifen Sie zu, sagt Gisela.
Selbstgemachte Marmelade?
Erdbeeren, dieses Jahr besonders gut.
Er kostet. Sehr lecker. Meine Mutter hat auch so eingekocht. Seit Jahren habe ich nichts so Gutes mehr gegessen.
Gisela schenkt Tee nach und wundert sich, wie eigenartig vertraut es ist, mit einem Fremden über Marmelade zu plaudern am dreißigsten Hochzeitstag. Merkwürdig und angenehm. Auf ungewohnte Weise angenehm.
Haben Sie Familie? fragt sie, vielleicht etwas zu direkt.
Hatte. Geschieden seit zwölf Jahren. Meine Tochter lebt in Hamburg. Zwei Enkel.
Und die kommt nicht her?
Sie hat ihr Leben. So ist es richtig. Er nippt am Tee. Und Sie?
Mein Sohn lebt in Stuttgart mit Familie. Enkelin Klara, drei Jahre. Selten sehen wir uns.
So ist das heute, sagt er. Die Kinder gehen ihren Weg.
Schweigen. Gisela betrachtet den Apfelbaum im hinteren Eck. Einige Äpfel hängen noch späte Sorte.
Wissen Sie, sagt Herr Albrecht, ich hätte da einen Vorschlag. Ich bin Soldat geblieben: ich mag klare Vereinbarungen. Ich helf Ihnen im Garten, bei allem, was so Männerarbeit ist. Und als Gegenleistung trinken wir Tee mit Marmelade, und Sie leisten mir ab und zu Gesellschaft. Ganz nachbarschaftlich.
Gisela lacht, unerwartet frei.
Ein ganz schön merkwürdiger Vertrag.
Aber ehrlich. Er lächelt.
Einverstanden.
Sie schütteln sich die Hand. Sein Händedruck fest und klar.
Nach dem Essen graben sie den Rest. Herr Albrecht richtet auch den schiefen Torpfosten, schaut in den Schuppen, nimmt, was er braucht, als wäre er schon ewig da. Gemessen, sorgfältig.
Um vier ist alles geschafft. Kartoffeln im Schuppen, das Tor steht wieder, die Beete sind umgegraben.
Siehste, sagt er, zieht die Handschuhe aus. Ordnung muss sein.
Danke, ich wäre alleine noch bis zum Abend beschäftigt gewesen.
Ach was. War mir eine Freude. Nach einer Pause: Morgen will ich an meiner Veranda was machen. Vielleicht haben Sie einen Tipp? Ich bin kein Handwerker.
Ich auch nicht. Aber gemeinsam überlegen wir was.
Er geht rüber. Gisela macht Licht im Häuschen. Draußen dämmert es schon. Sie greift zum Handy, ruft Gerhard an.
Na?, sagt er, kein Hallo.
Ich bin da. Kartoffeln sind raus.
Gut gemacht. Kisten hingestellt?
Stehen bereit.
Okay. Vielleicht komm ich Sonntag mit Sergej vorbei, dann holen wir sie.
Gut.
Bin beschäftigt.
Aufgelegt. Gisela hält das Handy eine Weile. Dann stellt sie es beiseite und setzt sich auf die Veranda, um den Sonnenuntergang anzusehen.
Immer schon war sie gern nachts allein auf dem Garten. Hier fürchtet sie sich nicht. Die Einsamkeit im Grünen war immer irgendwie Freiheit eine ungesagte, aber empfundene Freiheit.
Frühmorgens wacht sie bei Tau auf, macht Brei, trinkt Kaffee. Sie denkt an Viktor Albrechts Worte zur Veranda. Denkt nach, dann hört sie auf zu denken, geht zu seinem Gartentor.
Sie sind früh unterwegs, sagt er, schon wach.
Ich bin es so gewohnt. Sie schaut auf seine Treppe. Die Dielen stehen schief, eine klafft auf. Die muss man mit langen Nägeln wieder festmachen. Haben Sie welche da?
Bestimmt.
Sie werkeln gut anderthalb Stunden. Gisela hält die Dielen, Herr Albrecht schlägt die Nägel ein. Dann sieht sie sich im Häuschen um alles ordentlich, keine überflüssigen Sachen. Bücher im Regal, viele. Auf dem Tisch eine topografische Karte, mit Bleistiftnotizen.
Planen Sie Wanderungen?
Ich gehe viel zu Fuß durch die Gegend. Alte Angewohnheit. Zeichne alles ein, was mir begegnet.
Und was findet man so?
Alles Mögliche. Gestern eine alte Wassermühle, etwa fünf Kilometer weg. Fast noch intakt. Ich zeige sie Ihnen gern mal!
Das würde ich gerne sehen. Es klingt unbekümmert, zu ihrer Überraschung.
Beim Tee fragt er: Arbeiten Sie noch?
Ich unterrichte Musik.
Spielen Sie selbst?
Früher. Wir haben ein Keyboard, ich habe bis etwa 45 manchmal geübt, dann aufgehört. Zeit fehlte dachte ich.
Dachte?
Sie überlegt.
Vielleicht fehlte sie gar nicht. Ich habe mir einfach nicht mehr erlaubt, es zu wollen.
Er schaut sie an. Ein merkwürdiger Gedanke.
Findest du?
Man muss niemanden um Erlaubnis bitten, Musik zu machen. Das ist Ihr Recht immer.
Gisela schweigt. Aber irgendetwas in ihr bewegt sich, wie ein zu fester Schraubverschluss, der sich endlich lockert.
Sie bleibt noch drei Tage auf dem Garten. Gerhard kommt am Sonntag nicht, schreibt nur, Sergej kann diesmal nicht. Kein Anruf, keine Erklärung. Sie fragt nicht nach.
Sie bringt alles in Ordnung: Haus putzen, ausmisten, alte Blumentöpfe und kaputtes Zeug wegwerfen, das Gerhard seit Jahren aufbewahren will, falls man es mal noch braucht. Zwei Jahrzehnte lang hat man es nicht gebraucht.
Herr Albrecht kommt morgens vorbei, hilft manchmal, manchmal reden sie einfach am Zaun. Regelmäßig trinken sie Tee zusammen, plaudern über Bücher, Kinder, darüber, wie anders früher alles war. Er erzählt von seinen Kommandos und vom Soldatenleben nüchtern, schlicht. Sie erzählt von den Schüler*innen, dem Wandel im Schulsystem, von dem, was sie gern mochte, was sie verstimmt hat.
Am zweiten Tag wird Gisela klar: Er hört zu. Wirklich. Nicht abgelenkt, nicht ungeduldig, er hört einfach zu. Sie weiß gar nicht mehr, wann das jemand zuletzt tat.
Am dritten Tag findet sie im Schuppen einen alten Spiegel, den sie mal abgehängt hat, weil Gerhard meinte, er störe. Sie hängt ihn wieder auf. Sie sieht ihre wirren Haare, das ungeschminkte Gesicht, einen alten Pullover. Dann nimmt sie endlich ihren Lippenstift, den sie immer nur dabeihatte, und trägt ihn auf. Nur weil ihr danach ist.
An diesem Abend sagt Herr Albrecht: Sie sehen heute sehr gut aus.
Ist nur Lippenstift.
Nicht nur.
Sie antwortet nicht, schenkt ihm Tee nach.
Als sie abreist, begleitet er sie.
Wann kommen Sie wieder?
In zwei Wochen. Oder früher.
Ich bleibe hier, den Winter wohl auch.
Sie nickt, öffnet das Auto, dreht sich um.
Herr Albrecht, danke für diese Tage.
Mir taten sie auch gut. Gute Fahrt!
Sie fährt los, schaltet irgendwann das Radio ein eine Melodie aus den Siebzigern läuft und plötzlich singt sie leise mit. Das hat sie seit Jahren nicht mehr getan.
In der Stadt läuft alles weiter. Arbeit, Einkaufen, Kochen, Putzen. Gerhard kommt abends, isst, schaut Fernsehen, ist oft unterwegs. Sie fragt nicht wohin. Das ist schon lange so: Sie fragt nicht, er erzählt nicht. Ehe, nennt man das.
Aber irgendetwas in ihr ist anders geworden, kaum sichtbar, wie der Wechsel des Lichts im Herbst. Sie holt das Keyboard aus dem Keller, wischt Staub ab, schließt es an. Das alte Hohner-Modell aus den Neunzigern funktioniert noch. Sie legt die Finger ans Tastenfeld, spielt eine Tonleiter, dann noch eine, dann den Beginn eines Stücks, das sie immer mochte Chopin, einen Nocturne, an dem sie früher oft geübt hat.
Gerhard kommt ins Zimmer.
Du spielst?
Ja.
Wofür? Ist doch schon spät, die Nachbarn
Die hören durch die dicken Wände nichts.
Trotzdem. Er geht.
Sie spielt noch ein bisschen und schaltet ab, weil sie es selbst möchte.
Am Samstag steht sie extra früh auf, richtet ihre Frisur, zieht das dunkelblaue Kleid an, das sie gekauft, aber nie getragen hat. Kommt in die Küche.
Gerhard blickt überrascht auf.
Wo willst du hin?
Nirgendwo. Einfach so.
Nach kurzem Zögern steckt er die Nase wieder ins Smartphone. Sie kocht Kaffee, öffnet das Fenster, genießt die frische Luft. Draußen ganz normaler Hinterhof. Aber der Kaffee schmeckt besser als sonst.
Ihre Freundin Monika, Freundin seit Studientagen, schreibt: Gisi, du hast in Facebook ein neues Foto du siehst so jung aus! Was ist los?
Gisela schaut das Foto an es stammt vom Garten: Sie sitzt auf der Veranda, in dem dunklen Kleid, mit einer Tasse in der Hand. Herr Albrecht hatte sie geknipst: Sieh doch, wie schön das Licht fällt. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie so gelöst darauf wirkt.
Alles okay, schreibt sie zurück. Gut ausgeschlafen endlich.
Monika schickt einen lachenden Smiley.
In zwei Wochen fährt Gisela wieder los. Diesmal ganz aus eigenem Antrieb. Sie packt Freitagabend, nimmt das Keyboard mit.
Herr Albrecht steht schon im Garten, winkt, als er ihren Wagen sieht.
Guten Morgen.
Sie sind noch hier?
Hab ich doch gesagt. Er blickt auf das Auto. Neues dabei?
Mein Keyboard. Ich will mal wieder spielen.
Er lächelt. Schmal, aber herzlich. Gute Idee. Ich helfe Ihnen tragen.
Sie stellen das Keyboard auf die sonnige Veranda. Gisela schaltet ein, rückt den Stuhl, spielt ein paar Töne.
Habe ewig kein echtes Instrument mehr gehört, murmelt Herr Albrecht. Darf ich zuhören?
Ich übe erst es klingt holprig.
Langweile mich nicht mit Perfektion. Spielen Sie einfach.
Sie nickt, beginnt. Zuerst zaghaft, dann sicherer. Die Hände erinnern sich. Es klingt nicht perfekt, aber lebendig.
Er sitzt auf der Bank an der Wand, mischt sich nicht ein, lauscht.
Dann Tee im Garten. Er bringt eine Tafel Zartbitterschokolade mit, gute.
Gisela bricht ein Stück ab. Ich glaube, ich habe lang nicht gespielt, weil ich Angst vorm Lärm hatte. Gerhard mag das nicht. Mit der Zeit denkt man, es ist überflüssig.
Aber das ist es nicht.
Nein. Im Gegenteil. Es ist notwendig.
Nach einer Pause erzählt er: Als ich pensioniert wurde, sagte meine Frau: Jetzt bist du immer daheim. Es klang nicht erfreut. Ich habe begriffen, dass meine Abwesenheit ihr eigentlich lieb war. Ein Jahr später haben wir uns in Ruhe getrennt. Sie blieb, ich zog fort.
Bedauern Sie es?
Nur, dass ich nicht eher verstanden habe. Aber dass ich letztlich den richtigen Schritt gemacht hab, das nicht.
Gisela sieht auf ihren Tee. Es ist schwer abzuschätzen, wann reine Gewohnheit eintritt, statt Geduld.
Er nickt: Da gibt es leider keine einfache Antwort.
Der Herbst bleibt warm. Gisela fährt nun öfter raus, bleibt manchmal eine Woche, nimmt sich Urlaub. Die Klasse in der Schule ist angenehm, ein fünfter Jahrgang, interessiert, nicht zu laut.
Sie bringt zur Abwechslung Schallplatten mit, die alten, auf dem Dachboden noch einen Plattenspieler. Herr Albrecht repariert die Nadel. Dann hören sie UFA-Operetten und Zarah Leander, während draußen Regen prasselt. Auf der Veranda, unter dem Dach, ist es warm.
Meine Mutter hat das immer gehört, sagt er.
Meine auch. Ich erinnere mich an den Geruch der alten Platten.
Er lächelt. Gute Erinnerungen.
Gisela schließt kurz die Augen. Manchmal stören Erinnerungen. Sie zeigen einem, was war und was ist. Das kann schmerzen.
Er legt die nächste Platte auf.
Aber es ist ehrlich. Und das zählt.
Im Oktober wird Gerhard merkwürdig. Er kommt abends später, gibt keine Erklärungen. Zweimal ertappt Gisela ihn beim hastigen Weglegen des Handys, wenn sie ins Zimmer tritt. Einmal hört sie ihn halblaut durchs Telefon: Geht morgen nicht, meine Frau ist da.
Sie macht keine Szene, weint nicht. Sie denkt es sich durch, ruhig, wie eine Aufgabe, die man schon fast versteht.
Sechsundfünfzig Jahre. Musiklehrerin, eine Frau mit kastanienbraunem Haar, Keyboard auf der Veranda. Sie kann Erdbeermarmelade, Chopin spielen und reden, dass andere Menschen zuhören. Sie ist keine Oma. Sie ist Gisela Brenner. Und das fängt sie jetzt, mit sechsundfünfzig, erst an zu begreifen.
Was in der Stadt los ist, erzählt sie Herrn Albrecht nicht. Das ist ihres. Doch eines Tages fragt er:
Gisela, alles in Ordnung?
Sie sitzen bei ihm, er brät was Einfaches Rührei mit Zwiebeln.
Warum fragen Sie?
Sie sind heute nicht ganz da.
Sie blickt aus dem Fenster. Daheim läufts nicht gut.
Kommt vor, sagt er. Dann schweigt er. Sie schätzt das mehr als viele Worte.
Im November zeigt er ihr die Mühle. Sie laufen fünf Kilometer durch den Wald, der Boden gefroren, die Luft kalt. Die Mühle steht versteckt im Gebüsch am Bach, Jahrhunderte alt, erstaunlich gut erhalten.
Schön, sagt Gisela leise.
Vielleicht noch aus dem 18. Jahrhundert. Habs in alten Karten nachgesehen.
Sie sieht auf das schwarze Wasser im Novemberlicht.
Fangen Sie nach 55 ein neues Leben an? Wie ist das?
Es ist kein Neuanfang, antwortet er ruhig. Es ist ein Weitergehen, anderer Abschnitt. Was war, war nicht falsch. Es war halt anders. Jetzt ist etwas Neues dran.
Sie schweigt.
Haben Sie Angst?
Vor Einsamkeit. Obwohl ich längst einsam bin. Sie lacht auf. Seltsam, Angst vor etwas zu haben, das längst da ist.
Alleinsein ist nicht gleich Einsamkeit. Schlimmer ist, allein zu sein mit jemandem.
Sie gehen zurück. Die Luft ist frisch, der Wald leer. Gisela fühlt: Es wird leichter zu atmen, seit sie sich nicht mehr selbst begrenzt.
In der Stadt hat Gerhard seine eigenen Probleme, die Gisela noch nicht im Detail kennt.
Die neue Frau heißt Lara. Dreiundvierzig Jahre, in derselben Firma wie Gerhard, Verwaltung. Sie treffen sich. Aber schon nach dem zweiten Mal fragt Lara genervt, was Gerhard am Wochenende tut die Erklärungen laufen ins Leere. Sie merkt, dass seine Hemden abgetragen sind, er selbst nicht kocht, weil Gisela in letzter Zeit nicht zu Hause ist. Bald ebbt der Kontakt ab.
Er versucht, selber zu kochen, lässt den Brei anbrennen. Hemden bügeln Kragen verbrannt. Das Auto springt nicht an Gisela hat immer alles geregelt, er hat keine Ahnung, bei welcher Werkstatt.
Er ruft sie deswegen an.
Gisi, wo ist das Badputzmittel?
Unterm Waschbecken, ganz unten.
Wie bügelt man die Hemden?
Mittlere Stufe, mit Dampf.
Wo lassen wir immer das Auto machen?
In der Werkstatt auf der Lindenstraße, frag nach Roman.
Sie bleibt freundlich, sachlich. Keine Ironie, keine Wut. Einfach Antworten, wie auf Arbeitsfragen. In ihr ist es etwas kälter geworden nicht aus Härte, sondern aus Schutz. Oder Klarheit.
Im November schreibt Hannelore, die Tratschtante des Vereins, in die WhatsApp-Gruppe: Wer ist die elegante Dame bei den Brenners? Trinkt mit dem neuen Nachbarn Kaffee, sieht richtig gut aus!
Dazu ein Foto: Gisela und Viktor Albrecht sitzen an ihrem Tisch auf der Veranda. Er mit Kaffeepott, sie mit echter Tasse. Beide lachen. Hannelore hat durchs Gartentor geknipst. Gisela trägt das dunkelblaue Kleid, die Haare offen. Herr Albrecht sieht sie an.
Gerhard liest den Chat. Das Bild. Ruft zwanzig Minuten später an.
Wer ist das?
Gisela sieht aufs Handy, dann auf Herrn Albrecht, der das Gespräch nicht hörend am Buch sitzt.
Der neue Nachbar, wie ich schon sagte. Das Peters-Grundstück.
Was machst du da mit dem?
Kaffee trinken. Reden.
Warum das?
Weils schön ist, Gerhard.
Pause.
Ich komme.
Dann komm, sagt sie, und legt auf.
Herr Albrecht blickt auf.
Ihr Mann?
Ja. Kommt morgen.
Soll ich besser rübergehen?
Sie überlegt. Nein. Bleiben Sie einfach.
Er nickt. Liest weiter.
Am nächsten Vormittag fährt Gerhard vor, wuchtet die Gartentür auf. Gisela sitzt auf der Veranda, Viktor Albrecht mit dabei. Sie reden über ein Buch, beide interessiert.
Gerhard steht in der Tür:
Hallo.
Hallo, sagt sie ruhig.
Er schaut Herrn Albrecht an: Und Sie sind…?
Viktor Albrecht, Nachbar. Freundliches Kopfnicken.
Gerhard reagiert nicht wirklich. Sieht die Kaffeetassen, das Buch.
Gisela. Wir müssen reden.
Dann sprich.
Allein.
Herr Albrecht stört nicht. Sprich ruhig.
Gerhard schafft es kaum, sich zu fassen: Was soll das?
Kaffee trinken und sprechen.
Hör auf damit. Weißt du, was im Chat geschrieben wird? Was die Leute denken?
Dass ich Kaffee mit einem netten Menschen trinke. Genau das denken sie.
Gisela, hör auf.
Mit was?
Mit dem ganzen Unsinn! Kleid, Kaffee, Keyboard, jetzt noch der Typ… Was ist bloß mit dir? Du bist doch keine zwanzig mehr!
Sie stellt ruhig die Tasse ab. Sechsundfünfzig, Gerhard. Du wolltest Oma sagen, aber traust dich bei Gast wohl nicht.
Gerhard wird rot.
So meine ich das nicht.
Doch, genau so. Das wars, was du meintest, an unserm Hochzeitstag, als du mich zum Kartoffelgraben schickt hast. Erinnerst du dich?
Lass bitte gut sein jetzt.
Nein, heute nicht. Damals hab ich geschwiegen, heute nicht.
Gerhard will näherkommen.
Bitte nicht vor Fremden.
Herr Albrecht ist kein Fremder. Er hat in zwei Monaten mehr für mich getan als du in zwei Jahren und nie Oma zu mir gesagt.
Gerhard blickt Herrn Albrecht an, der steht ruhig und respektvoll. Gehen Sie bitte raus.
Ich bleibe, solange die Gastgeberin das will, sagt Herr Albrecht.
Er bleibt, sagt Gisela.
Gerhard schweigt eine Weile. Dann: Meinst du das ernst?
Ich tue nur das, was ich will. Das hab ich vergessen.
Du warst immer eine normale Frau, Gisela… Was ist passiert?
Das. Das alles. Ich hab gekocht, geputzt, Garten gemacht, auf Befehl. Immer funktioniert. Jetzt nicht mehr.
Und jetzt?
Jetzt spiele ich Musik, trinke Kaffee im Kleid, rede mit Menschen, die mich sehen. Und das gefällt mir.
Gerhard sieht sie an seine Fassade bröckelt, etwas Neues, vielleicht Traurigkeit.
Leise: Gisela… komm, wir reden zu Hause. Fahr mit in die Stadt.
Wozu?
Nach Hause halt.
Ich bin gerade zu Hause. Hier und jetzt.
Ich versteh dich nicht.
Das weiß ich. Du hast mich lange nicht verstanden.
Sie dreht sich um, schaut aus dem Fenster. Der Garten ist umgegraben, aufgeräumt, die Apfelbäume kahl, der Himmel weit und grau.
Zurück am Tisch löst sie langsam ihren Ehering vom Finger, legt ihn auf die Tischplatte neben ihre Tasse.
Gerhard starrt darauf. Was soll das?
Das ist mein Ring. Der bleibt erstmal hier. Du kannst die Gartenhütte haben Kartoffeln im Schuppen, Werkzeug, Schaufel alles deins.
Gisela…
Herr Albrecht, gehen wir spazieren?
Natürlich.
Sie verlassen die Veranda. Im Herbstwind laufen sie den Feldweg entlang, dann durch die Wiese, auf den Waldrand zu.
Nach Minuten fragt er: Gehts Ihnen gut?
Sie überlegt.
Ja. Seltsam, aber ja.
Bringen Sies nicht fertig, es zu bereuen?
Sie braucht Zeit. Ich weiß es nicht. Dreißig Jahre sind ein Leben. Es gab auch gute Tage. Ich vergesse sie nicht.
Das ist richtig.
Aber was kommt… ich weiß es nicht.
Niemand weiß das. Aber das ist ganz in Ordnung.
Sie gehen weiter, durchs goldene Gras, unter grauem Himmel. Gisela denkt: Das Leben nach 55 ist eben nicht Restlaufzeit, sondern neu. Unbequem, unvorhersehbar, lebendig. Sie weiß nicht, ob und wie es heißt, was da beginnt.
Neben ihr: ein Mann, der sie als Frau anschaut, nicht als Bedienung. Der zuhört. Der nie gesagt hat, sie sei zu alt für Musik oder Kaffee oder Freiheit. Ob das ein Neuanfang ist, eine Pause, oder etwas ganz Neues ohne Namen… Sie weiß es nicht.
Das Feld endet. Der Wald beginnt. Sie gehen.




