Eine Katze betritt die Kirche und legt sich vor den Altar – der Pfarrer versteht sofort

Die Katze betrat die Kirche und legte sich vor den Altar Pfarrer verstand sofort

Der Morgen war damals still und friedlich, so wie viele andere Werktage in der kleinen Kirche am Rand von Lübeck. Es war eine vertraute Routine: die wohlbekannten Gebete, die immergleichen Gesichter meist ältere Frauen, vielleicht ein Dutzend. Pfarrer Martin Schneider hatte in den dreiundzwanzig Jahren schon längst aufgehört zu hoffen, dass an gewöhnlichen Tagen die Kirche plötzlich voll würde.

Er war beinahe am Ende der Messe angelangt, als er ein leises Knarren der Eingangstür hörte.

Er blickte auf und erstarrte.

Mit der bedachten Ruhe einer Bewohnerin dieses Ortes schritt eine Katze den Mittelgang entlang.

Sie war grau mit seidigem Fell, hatte einen weißen Fleck auf der Brust, der Schwanz aufrecht wie eine Fahne. Ihr Gang war sicher, als wüsste sie ganz genau, wohin sie wollte.

Ein Flüstern ging durch die Bankreihen, die eine alte Dame bekreuzigte sich, die andere schlug die Hände zusammen. Doch die Katze ließ sich nicht stören, umrundete ruhig die Kerzenständer und Ikonen und ließ sich am Fuße des Altars nieder.

Sie rollte sich ein, legte ihren Kopf auf die Pfoten und lag regungslos da, nur die goldgelben Augen aufmerksam und wach, dunkeltiefe Seen, die nicht blinzelten.

Im Innersten von Pfarrer Martin wurde es eng.

Er erkannte sie augenblicklich.

Mein Gott, wie ist sie bloß hierher gekommen?

Seine Hände zitterten. Er senkte die Lider, um sich zu sammeln, doch vor seinem inneren Auge erschien sofort das Bild von Gertrud Weber.

Eine hochanständige, stille Frau mit einem erschöpften, aber freundlichen Blick. Sie wohnte allein in einer alten Zweiraumwohnung in einem Plattenbau am Stadtrand. Jeden Sonntag kam sie zur Messe langsam, gestützt auf ihren Stock, aber stets zuverlässig.

Und immer fütterte sie die Katzen vor dem Hauseingang.

Sie sind doch auch Geschöpfe des Herrn, hatte sie einmal gesagt, als er sie zur Krankenkommunion besucht hatte. Man kann doch nicht einfach wegsehen, Pfarrer, oder?

Und ihre Liebling war Sissi. Die graue, flauschige Katze, die Frau Weber vor Jahren noch als Kätzchen vom Straßenrand auflas und aufzog. Sissi dankte es ihr mit Herz und Pfote, ließ sie nie aus den Augen.

Das letzte Mal, dass Martin sie besuchte, war drei Wochen zuvor gewesen, und Sissi saß wie immer auf dem Fensterbrett und beobachtete die alte Dame, als verstünde sie jedes Wort.

Pfarrer, hatte Frau Weber damals leise geflüstert, falls mir etwas passiert bitte, kümmern Sie sich um meine Sissi. Sie ist klug und versteht alles.

Er hatte genickt, ihre Hand gedrückt.

Und nun lag Sissi am Altar.

Martin wusste auf einmal alles. Es war plötzlich eisig in ihm.

Das Ende des Gottesdienstes verlief wie im Nebel.

Er sprach die letzten Gebete fast automatisch die Lippen formten Worte, aber sein Kopf war schon ganz woanders. Er wusste, er musste sofort gehen.

Die Frauen verließen die Kirche gemächlich, einige schauten noch einmal zurück auf die Katze, die ruhig liegen blieb.

Herr Pfarrer, aber das…? wollte eine ältere Dame fragen, doch er hob nur abwehrend die Hand.

Später, bitte. Später.

Mit zitternden Fingern legte er die Kasel ab, warf sich die Soutane über es dauerte, da die Knöpfe nicht so recht wollten.

Mein Gott, lass mich irren.

Doch er wusste, dass er sich nicht irrte.

Sissi hob den Kopf, als er sich näherte, sah ihm lange in die Augen und miaute leise nur einmal, als bestätige sie: Ja, du hast verstanden.

Komm, wir gehen, flüsterte Martin und hielt ihr die Hand hin.

Die Katze erhob sich, gähnte wie nach einem langen Schlaf und schritt voraus zum Ausgang.

Draußen war es trüb, Wind zerrte an den kahlen Ästen, Blätter wirbelten über den Pflasterstein. Zum Haus von Frau Weber waren es vielleicht fünfzehn Minuten zu Fuß.

Martin beeilte sich, Sissi folgte, der puschelige Schwanz wie eine Fahne im Wind.

Hoffentlich noch rechtzeitig, dachte er, doch er wusste: Kam die Katze schon in die Kirche und legte sich vor den Altar dann war alles längst geschehen.

Unterwegs erinnerte sich Martin an Frau Weber: wie sie im Sessel am Fenster saß, in eine Decke gewickelt, wie sie lächelte, wenn er kam, wie ihre bebende Hand das Kreuz schlug beim Empfang der heiligen Kommunion.

Wissen Sie, Pfarrer, hatte sie drei Wochen zuvor gesagt, ich fürchte mich nicht. Ehrlich. Ich habe ein gutes Leben gehabt. Mein Mann war wunderbar, die Tochter ist groß geworden. Enkel hab ich, ja aber sie wohnen weit weg, wir sehen uns fast nie. Doch der Herrgott hat mich nie verlassen. Nie.

Und wird es auch jetzt nicht, hatte er geantwortet.

Sie hatte seufzend genickt.

Ich weiß das. Aber trotzdem bin ich oft einsam. Sissi ist ja da, das tröstet. Aber das Haus ist so still.

Damals maß er diesen Worten nicht große Bedeutung bei. Er hatte getröstet, zugehört, aber nicht geahnt, dass es vielleicht ein Abschied war.

Da war schon der vertraute Eingang grau, der Putz bröcklig, das Klingelschild alt. Dritter Stock, wie immer war der Aufzug außer Betrieb.

Martin hielt sich am Geländer fest, während er die Stufen emporstieg, das Herz klopfte, ob vor Eile oder Sorge, wusste er nicht.

Sissi war ihm voraus, setzte sich vor die Tür mit der abgeplatzten Farbe und der schiefen 37.

Er klopfte.

Einmal. Zweimal. Dreimal.

Keine Antwort.

Er drückte den alten, scheppernden Klingelknopf. Das knirschende Läuten hallte in der Wohnung.

Stille.

Frau Weber! Gertrud! Ich bin’s, Pfarrer Schneider!

Nichts.

Er lauschte an der Tür, vielleicht hörte sie schlecht, in ihrem Alter… Doch es blieb viel zu still.

Martin hockte sich hin, sah zur Katze. Sie blickte starr zur Tür.

Mit bebenden Händen holte er sein Handy heraus und wählte die Nummer des Bezirkspolizisten derselbe, der schon letztes Jahr geholfen hatte, als ein Betrunkener den Kircheneingang beschädigte.

Herr Schulze? Martin Schneider, der Pfarrer aus der Altstadt. Ich bräuchte Ihre Hilfe, es ist dringend. Eine alte Dame öffnet nicht mehr… Ich fürchte, wir müssen die Tür aufbrechen lassen.

Die Antwort war ruhig:

Adresse, bitte?

Goethestraße 32, dritter Stock, Wohnung 37.

Verstanden. Ich komme.

Martin ließ das Handy sinken und setzte sich schwer an die Wand.

Sissi schmiegte sich an seine Soutane, schnurrte leise und klagend.

Er strich ihr über das weiche, graue Fell.

Du bist tapfer, mein Mädchen. Du hast mich geholt.

Die Katze legte sich zu ihm.

So saßen sie nebeneinander, und Martin dachte daran, wie selten er die stille alte Frau besucht hatte, wie wenig er merkte, dass es ihr vielleicht schlechter ging als sie es zeigte. Vielleicht hatte sie auf ihn gewartet.

Vergib mir, Gertrud, dachte er. Vergib mir.

Schulze erschien nach fünfzehn Minuten.

Ein korpulenter Mann mit müdem Gesicht, schnaufend die Treppe herauf.

Was ist passiert, Herr Pfarrer?

Frau Weber öffnet nicht. Es… ich befürchte… Die Stimme versagte.

Der Polizist nickte, er kannte solche Situationen.

Warten Sie bitte.

Er klopfte laut, schroff mit der Faust.

Frau Weber! Polizei! Öffnen Sie bitte!

Keine Antwort.

Schulze zog ein Brecheisen aus der Tasche, setzte es mit Routine an, drückte mit der Schulter Knarzen, dann gab die Tür nach.

Ein stickiger Geruch kam ihnen entgegen, Medikamente, dazu eine seltsam scharfe Stille.

Martin trat hinter dem Polizisten ein.

Die Garderobe sah vertraut aus, der alte braune Mantel hing am Haken, die Hausschuhe standen ordentlich da.

Der Flur, zur Rechten das Wohnzimmer.

Schulze öffnete, erstarrte im Rahmen.

Martin blickte über seine Schulter und ihm wurde eiskalt.

Gertrud saß im Sessel am Fenster, in ihre Decke gehüllt, die Hände sorgsam gefaltet, ihr Kopf sanft zurückgelehnt.

Als würde sie schlafen.

Doch das Gesicht war wachsbleich, leer.

Ach Herrje… hauchte Martin.

Der Polizist seufzte schwer, trat näher, prüfte den Puls, schüttelte bedauernd den Kopf.

Schon länger, drei Tage vielleicht. Könnte auch mehr sein.

Drei Tage.

Martin kniete im Türrahmen nieder.

Drei Tage, allein, in ihrer stillen Wohnung, und niemand ist gekommen. Nicht die Tochter, nicht die Enkel, Nachbarn? Wer kümmert sich heute noch um Nachbarn.

Nur Sissi blieb. Sie ist geblieben, selbst, als das Fenster einen Spalt offen stand.

Und erst, als sie verstand, ist sie in die Kirche gegangen.

Kannten Sie sie gut?, fragte der Polizist, während er sein Handy aus der Tasche zog.

Ja, schluckte Martin. Sie war meine treue Gemeindemitglied. Eine wirklich gute Seele.

Angehörige verständigen? Papiere sind wo?

Im Schrank oder Schreibtisch. Ich rufe die Tochter selbst an, ich hab ihre Nummer.

Schulze nickte:

Gut, ich ruf den Notarzt.

Martin trat näher ans Fenster, betrachtete Gertruds Gesicht friedlich, fast leuchtend.

Sie hat nicht gelitten. Der Herr hat sie leise geholt, vermutlich im Schlaf.

Vergib mir, flüsterte Martin. Vergib, dass ich dich nicht früher besucht habe.

Seine Hand fuhr zögerlich über ihr schlohweißes Haar.

Er segnete sie und begann das Abschiedsgebet, leise, fast tonlos.

Im Türrahmen hockte Sissi und hob nicht einen Moment den Blick ab.

Und in diesem Augenblick wusste Martin mit Klarheit: Diese Katze hatte Frau Weber stärker geliebt als all ihre Verwandten.

Stärker als die Tochter, die monatlich einmal anrief.

Stärker als die Enkel, die einmal im Jahr kamen.

Sissi war bis zum letzten Augenblick bei ihr geblieben.

Und selbst dann hatte sie sie nicht verlassen sondern war zur Kirche gegangen, um Hilfe zu holen.

Martin kniete sich hin, nahm die Katze vorsichtig auf den Arm.

Sissi zuckte nicht, schmiegte sich an seine Brust und begann rau, leise zu schnurren.

Alles gut, hauchte Martin. Ich kümmere mich um sie. Versprochen. Ein ordentliches Begräbnis bekommt sie. Und du kommst nun mit zu mir, ja?

Und er weinte.

Tränen tropften auf das weiche, graue Fell, während er Sissi streichelte und dabei dachte, dass wahre Liebe sich nicht in Worten, sondern in Taten zeigt.

Gertrud Weber wurde drei Tage später beerdigt.

Die Tochter kam blass, mit verweinten Augen ganz in Schwarz. Die Enkel brachte sie nicht mit, zu weit, sie müssten lernen, sagte sie.

Zwanzig Menschen aus der Gemeinde waren gekommen, vor allem die älteren Damen, die sie gekannt hatten. Das Ruhe sanft klang leise und zittrig in der kühlen Dorfkirche.

Martin hielt das Requiem, seine Gebete schweiften immer wieder zum Sarg zu Gertruds ruhigem Gesicht unter dem weißen Tuch.

Vergib mir, treue Seele, für die Nachlässigkeit, für die Kälte.

Vor dem Sarg, auf den kalten Steinplatten des Altarbereichs, lag zusammengerollt Sissi.

Sie war am Morgen selbst gekommen, als der Sarg gebracht wurde.

Lag da, wich nicht von der Seite.

Die Tochter versuchte sie zu vertreiben, wedelte mit dem Taschentuch: Husch, verschwinde! Du gehörst nicht hierher!

Aber Martin hielt sie zurück:

Lassen Sie sie. Sie nimmt Abschied von ihrer Herrin.

Sie wollte was entgegnen, aber schwieg dann, als sie seinen Blick spürte.

Auch auf dem Friedhof war Sissi dabei man konnte sie nicht allein lassen. Martin trug sie die ganze Zeit auf dem Arm.

Nach dem Begräbnis kam die Tochter auf ihn zu:

Danke, für alles. Dass Sie sie gefunden haben, dass Sie Bescheid gaben.

Nicht mir danke, sondern Sissi. Sie hat mich geführt, entgegnete er leise.

Die Frau sah lange auf die Katze, mit einem seltsamen Ausdruck.

Nehmen Sie sie zu sich. Ich kann sie nicht behalten, hab keinen Platz und außerdem Allergie.

Ich hatte es eh vor, sagte Martin.

Sie nickte und ging weg ohne sich noch einmal nach dem frischen Grab der Mutter umzudrehen.

Martin blieb stehen.

Blickte auf den nassen Erdhügel, den einfachen Holzkreuz.

Gertrud Weber. Leise, einsam.

Wie viele wie sie gibt es in Wohnungen, in Häusern. Sie leben, werden alt, gehen fort und niemand merkt es. Niemand braucht sie.

Außer den Katzen. Und Gott.

Er streichelte Sissi:

Komm, gehen wir nach Hause?

Die Katze antwortete mit leisem Schnurren.

Seither lag auf der Fensterbank beim Altar in der Kirche immer eine flauschige grau-weiße Katze.

Die Gemeinde brachte ihr kleine Leckerbissen, streichelte sie, flüsterte:

Was für ein braves Tier. Eine selige Seele.

Und Martin lächelte leise.

Abends, vor dem Einschlafen, saß er im Sessel, Sissi auf dem Schoß, und strich ihr durch das weiche Fell.

Die Katze blinzelte, schnurrte behaglich.

In ihren goldenen Augen spiegelte sich das Licht des ewigen Altarkerzen.

Sanft. Unverlöschlich. Für alle Zeit.

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Homy
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