Als Ira zwei Jahre alt war, lebte sie im Kinderheim. Ich kam, um die Kinder zu fotografieren. Man gab mir die Schwierigsten für die Vermittlung.

Weißt du, als Clara damals zwei Jahre alt war, lebte sie noch im Kinderheim in Leipzig. Ich sollte eigentlich Fotos von den Kindern machen, vor allem von denjenigen, die schwer zu vermitteln waren. Als ich ihre Gruppe betrat, fiel mir sofort dieses kleine, düstere Mädchen auf ein Gesicht, als wäre es einem alten, verbitterten Menschen. Was für ein unansehnliches Kind, dachte ich im ersten Moment. Und dann fing ich an, sie zu fotografieren. Und auf einmal habe ich SIE gesehen. Hinter dieser unbeweglichen, traurigen Maske blitzte auf einmal etwas auf sie lebt.

Es ist wahnsinnig schwierig, einen Blick von so einem deprivierten Kind aufzufangen. Aber dieses Mädchen sah direkt in die Kamera, ohne zu blinzeln, ohne wegzuschauen. Und plötzlich habe ich da ihre Seele gesehen so einsam, auf eine Art, die allumfassend ist. Sie hat gelitten. Und da war nicht mal Hoffnung, sondern nur dieser allererste Moment in ihrem Leben, in dem sie von jemandem überhaupt wahrgenommen wird; ihre Seele wird gesehen, die abgelehnt und so verstehend ist. So wie meine. Dann wich ihr Blick aus, die Augen füllten sich mit Tränen.

Ich fragte eine der Betreuerinnen: Könnten Sie mir etwas über Clara erzählen? Ich muss einen Text schreiben. Die Betreuerin zuckte nur: Tja, was soll ich sagen? Sie kann eigentlich nichts. Und sprechen tut sie auch nicht. Sie sitzt nur immer im Spagat auf dem Boden und wippt hin und her. Und wenn sie so wippt, jammert sie. Über sie gibt es nichts zu berichten. Sie ist nicht wirklich irgendwas.

Zwei Monate vor diesem Besuch war unsere jüngste Tochter gestorben. Unser bisheriges Leben wundervoll und erfüllt kollidierte mit voller Wucht gegen eine Wand, und auf einmal gab es nur noch das Davor und das Danach. Wir lebten einfach irgendwie weiter, gingen, redeten, aßen, und gaben uns Mühe, unser Verzweifeln vor den anderen Kindern zu verstecken, damit sie keine Angst bekamen. Um ihnen eine Hoffnung zu geben, die wir selbst kaum noch hatten. Ich dachte immer wieder: Werde ich mich jemals wieder über irgendetwas freuen können? Auf den Autofahrten zum Fotografieren habe ich geweint, dann draußen mein Gesicht am Schnee gerieben, versucht, normal zu wirken. Ich sprach mit normaler Stimme, lächelte, aber es war alles nur gespielt.

Kinder als Ersatz wollte ich nicht. Ich wollte einfach irgendwie überleben. Und dann kam Clara dazu, mit ihrem dumpfen Einsamkeitsblick. Als würde ich nicht schon so viele Seelen in solchen Kinderaugen gesehen haben, während ich dieses Projekt mache. Aber bei ihr war es irgendwie speziell als hätte sich ihre Einsamkeit genau den Schlüssel zu meinem Herzen ausgesucht

Daheim habe ich dann zu meinem wunderbaren Mann, Markus, gesagt: Ich weiß gar nicht so recht, wie ich das ansprechen soll, und was genau in mir passiert Ich habe da dieses Mädchen fotografiert ich verstehe ja alles, aber ich kann sie irgendwie nicht vergessen Schau mal die Fotos an. Meinst du, wir sollten vielleicht doch darüber nachdenken? Und Markus meinte nur: Ist dir eigentlich klar, dass du gerade gar nicht bei dir bist? Wir können kaum atmen, und du redest von einem fremden Kind!

Ja, schon, ich bin nicht bei mir. Und vielleicht werde ich das ab jetzt auch nie mehr richtig sein. Man muss halt lernen, so zu leben, wie es ist.

Wir sind dann also tatsächlich ins Leipziger Kinderheim gefahren, um Clara nochmal zu sehen. Da kam sie, winzig klein und mit dem selben verkniffenen Gesichtchen, sie watschelte wie ein kleiner krummer Krebs. Unter ihrer Nase klebte ein grüner Flatschen aus Schnupfen. Himmelherrgott, sie war wirklich naja, nicht gerade niedlich. Eher so ein unfertiger Mensch, schade eigentlich, dachte ich damals. Aber was hab ich denn in ihr gesehen?!

Clara tastete kurz das Spielzeug an, das wir mitgebracht hatten, plumpste auf den Po, spreizte die Beine wieder im Spagat und fing an, sich hin und her zu wiegen schnell, wie in Trance, bis sie mit der Stirn fast den Boden berührte.

Im Hintergrund hörten wir die Oberärztin mit strengem Ton reden: Frau Brandt, bitte, das ist kein leicht entwicklungsverzögertes Kind! Das hier ist eine schwere, ausgeprägte geistige Behinderung! Da gibt es keinerlei Perspektive. Wir werden sie an das Jugendamt abgeben. Wissen Sie, das Kind ist schwer geistig behindert und nicht schulbildungsfähig. Sieben Mal wurde sie schon abgelehnt. Sie macht nichts, was ein Kind in ihrem Alter machen sollte. Sie hockt nur im Spagat und wiegt sich. Wir nennen sie schon unser kleines ‘Ballettmädchen’

Und dann sagte mein Mann Markus, von dem ich die ganze Zeit Angst hatte, dass er gleich aufsteht und geht ganz ruhig: Wissen Sie, uns gefällt das Mädchen. Wir nehmen sie.

Später fragte ich ihn: Warum hast du das gesagt? Du wolltest doch eigentlich nicht. Und Markus meinte: Ich hab einfach gemerkt, dass sie gerettet werden muss. Und dass das sonst niemand macht außer uns.

Wir haben Clara dann tatsächlich adoptiert, zum Entsetzen vom Kinderheim.

Clara war so tief deprimiert. Sie glaubte nicht an die Welt. Die Welt war für sie nur gefährlich und feindlich gewesen, ihr ganzes Leben lang. Kein Mensch hatte sie je wahrgenommen oder geliebt. Sie wusste auch gar nicht, wie das geht Bitte sagen, spielen, sich freuen. Sie hat alles kaputt gemacht, alles zerrissen. Hatte vor allem Angst, ist ständig zusammengebrochen, hat geschaukelt, bis zur totalen Erschöpfung. Sie konnte nur pürierte Sachen essen, kaum laufen, hatte Angst vor Wasser, Töpfchen, Papa, dem Fahrstuhl, Wind, Auto

In mir schrie meine eigene Trauer, während draußen Clara schrie. Ich verstehe jetzt genau, warum man nicht empfehlen soll, nach so einem großen Verlust direkt ein Kind aufzunehmen. Man hat eigentlich keine Kraft. Die ganze Energie hält dich nur selbst noch irgendwie zusammen, und dabei braucht ein Kind so viel mehr von dir. Ich hab meine Kraft einfach aus unserem Verlust geholt.

Immer wieder habe ich mir gesagt: Mein Leid ist überhaupt nichts im Vergleich zu dem Leid dieses Kindes. Ich hab meine Tochter verloren aber ich habe noch meinen Sohn, meine Tochter, Mann, Mama, Freunde, gute Arbeit und ein Zuhause. Clara aber hatte gar nichts. Nie. Ihr Leben war viel, viel schwerer.

Und weißt du, wer dieses scheue, mürrische, zerbrechliche, jammernde, depressive Kind, das wir in einem Zustand vollkommener Verzweiflung bei uns aufnahmen, geworden ist? Sie ist unsere wunderbare Tochter Clarissa geworden. Weißt ja: Das Märchen ist zwar schnell erzählt, aber sieben Jahre dauert es, bis alles gut wird Inzwischen sind jetzt schon neun Jahre vergangen.

Clara ist genau das geworden, was sie eigentlich schon immer war: lebenslustig, charmant, hilfsbereit, zärtlich, verletzlich, großzügig uns gegenüber und überhaupt ein hübsches, liebes Mädchen. Sie geht auf die Regelschule in eine spezielle Sprachförderklasse. Und sie macht halte dich fest Tauchen! Sporttauchen!

Neulich sagte sie zu mir: Mama, bei diesem Tauchgang hab ich gleich auf Anhieb richtig geatmet und das Mundstück unter Wasser gewechselt Und an dieser Stelle kommen mir einfach die Tränen.

Jetzt ist Clara im Tauchcamp auf Rügen. Sie ist mit dem Flugzeug hingeflogen. Elf Jahre alt ist sie jetzt. Sie ruft mich an und erzählt mir fröhlich: Mama, es ist hier wunderschön, wir waren heute schwimmen, aber es war Sturm und das Meer war richtig kalt! Aber wird schon wärmer, wir haben jetzt unsere Tauchanzüge, und morgen tauchen wir wieder! Zum Abendessen gabs Fisch den haben wir den Katzen gegeben, hier gibts total viele, und du weißt ja, ich mag keinen Fisch! Aber ich hab das Kartoffelpüree gegessen. Wir sind auf einen Hügel gewandert, 13 Kilometer, ich hatte hinterher fast wackelige Beine Die Natur hier ist toll, lauter Bäume, die auf der Roten Liste stehen! Ich hab ganz liebe neue Freundinnen gefunden! Und stell dir vor, ich hab mir mit dem Geld, das du mir gegeben hast, Cracker gekauft und die an alle verteilt. Jetzt schaukeln wir im großen Hängemattennetz Ich vermisse dich!

Weil wir sie gerettet haben. Und uns selbst, irgendwie. Zusammen, wie auf einem Floß mitten auf dem großen Meer.

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Homy
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Als Ira zwei Jahre alt war, lebte sie im Kinderheim. Ich kam, um die Kinder zu fotografieren. Man gab mir die Schwierigsten für die Vermittlung.
— Herr, heute ist Mamas Geburtstag… Ich möchte Blumen kaufen, aber ich habe nicht genug Geld… Ich kaufte dem Jungen einen Blumenstrauß. Und einige Zeit später, als ich zum Grab kam, sah ich diesen Blumenstrauß