Mein Name ist Klaus Weber, und manchmal frage ich mich, wohin all die Jahre verschwunden sind. Heute, während ich so in meinem Sessel sitze, erinnere ich mich an eine dieser besonderen Geschichten eine, die mir nicht aus dem Kopf geht.
Vor drei Jahren lebte meine Frau Gertrud und ich noch gemeinsam in unserer gemütlichen Wohnung in einem ruhigen Viertel von München. Damals war ich gerade 62 geworden. Dann kam die Nachricht: Meine Schwester aus einem kleinen Dorf bei Passau war gestorben. Ich fuhr allein zum Begräbnis, Gertrud blieb zu Hause, weil es ihr gesundheitlich einfach nicht gut ging.
Gertrud wusste, wann ich zurückkommen würde, und sie bereitete wie immer alles liebevoll vor: Kartoffelpüree und Frikadellen standen warm im Esszimmer. Als ich die Haustür öffnete und auf die Küche zusteuerte, winkte sie mir zu: Gerade rechtzeitig zum Abendessen. Aber ich schwieg und sah sie wohl anders an als sonst.
Klaus, was ist passiert? Gertrud blickte mich sorgenvoll an.
Da platzte es aus mir heraus: Ich bin nicht allein zurückgekommen.
Sie schaute mich überrascht an. Wie meinst du das? Wer ist denn noch da?
Schon trat ein schüchternes, dünnes Mädchen hinter mir hervor. Gertrud, das ist die Enkelin meiner Schwester. Sie heißt Frieda.
Gertrud musterte das Mädchen streng, dann sah sie mich kurz grimmig an, sagte aber schließlich: Na, komm rein, Frieda. Ich deck gleich den Tisch.
Wir setzten uns zusammen, und ich bemühte mich, die Stimmung etwas zu lockern. Frieda aß leise und zurückhaltend, Gertrud und ich zogen uns kurz ins Schlafzimmer zurück.
Klaus, kannst du mir erklären, was das soll? fragte sie leise und verschloss dabei die Tür.
Gertrud, lass das Mädchen doch erst einmal bei uns bleiben. Sie hat niemanden mehr.
Und was ist mit deiner Nichte?
Die ist nicht einmal zur Beerdigung ihrer eigenen Mutter gekommen. Meine Schwester hat Frieda seit sie drei war allein großgezogen. Jetzt hat das Mädchen überhaupt niemanden mehr.
Gertrud seufzte schwer. Wir sind doch beide schon in Rente. Meine Gesundheit ist schlecht… Wie alt ist Frieda?
Zwölf.
Bis sie zwanzig ist, musst du sie begleiten.
Wir bekommen eine kleine Unterstützung vom Staat. Außerdem werde ich das Haus meiner Schwester verkaufen, in einem halben Jahr klappt das. Unsere Kinder, Sabine und Matthias, helfen bestimmt, wenn es eng wird.
Gertrud schüttelte den Kopf. Die haben doch selbst jede Menge Probleme. Ihre Kinder gehen jetzt in die Schule in ein paar Jahren heiraten die auch. Wir haben immer gedacht, dass wir ihnen helfen, wenns nötig wird.
Aber Frieda ist doch auch wie unsere Enkelin.
Nicht ganz. Aber gut, komm, das Essen wird kalt.
Frieda sah uns ängstlich an, aber als wir reinkamen, sagte sie: Bitte, Oma Gertrud, schick mich nicht weg. Ich helfe euch!
Schon gut, Frieda, bleib.
Ein Jahr verging. Dann starb mein lieber Klaus. Die Kinder kamen. Nach der Beerdigung saßen wir still beieinander. Frieda ging zu den Nachbarn; sie wusste, dass jetzt ernsthafte Gespräche anstanden.
Mama, warum kümmerst du dich um das Mädchen? fragte Sabine.
Sie ist die Enkelin von Klaus Schwester. Und sie hat niemand mehr, sagte Gertrud, unter Tränen.
Wir könnten sie doch in ein Heim bringen. Du bist nicht mehr die Jüngste, schlug Sabine vor.
Ich bin ganz allein. Ihr kommt immer seltener. Und mir gehts wirklich nicht gut. Wenigstens hätte ich jemanden bei mir.
Matthias legte die Hand auf die Schulter seiner Schwester: Lass Frieda doch bleiben. Für Mama ist es das Beste.
Nach einem Tag fuhren sie wieder zurück. Sie hatten schließlich selbst drei Kinder.
So blieb Gertrud mit Frieda, die inzwischen dreizehn geworden war. Frieda machte alles, half im Haushalt, lernte gut und kümmerte sich rührend um die alte Frau.
Mit der Zeit aber wurde Gertrud immer schwächer. Als ihre Kinder das nächste Mal kamen, sagte sie: Ich will Frieda die Wohnung überschreiben.
Mama, was sagst du da? rief Sabine. Du hast doch sechs Enkelkinder! Meine Anna ist schon vierzehn, und Matthias Lisa fünfzehn! Bald denken die ans Heiraten!
Aber keiner von euch schaut wirklich nach mir.
Die kommen sicher, jetzt sind Sommerferien. Ich ruf sie an, dann bleiben sie bei dir den Sommer über.
Nach drei Tagen kamen Anna und Lisa tatsächlich, doch Frieda ging wieder zu den Nachbarn.
Die Mädchen waren froh, als die Eltern fuhren. Am ersten Tag blieben sie lange draußen. Sie kamen zurück, Gertrud lag im Bett, wollte gern etwas essen aber es war nichts vorbereitet. Dann bat sie die Mädchen, ihr ins Bad zu helfen sie verzogen das Gesicht, machten es aber notgedrungen. Nachts musste Gertrud mehrmals ums Wasser bitten, bis Anna endlich wach wurde. Als sie nochmal ins Bad wollte, stritten die beiden darüber, wer ihr helfen sollte.
Morgens war Frühstück zu machen, die Oma füttern wenigstens schaffte sie es eigenständig in die Küche.
Nach zwei Tagen reisten die Enkelinnen wieder ab. Gertrud blieb erneut mit Frieda allein zurück. Das Gehen fiel ihr jetzt richtig schwer.
So ging ein weiteres Jahr ins Land.
Frieda, jetzt 15, schmiss den gesamten Haushalt, besuchte das neunte Gymnasialjahr, kümmerte sich liebevoll um Gertrud und hielt alles sauber und ordentlich. Und Gertrud lag nachts wach und dachte:
Sie ist nicht mein eigenes Enkelkind, und trotzdem lässt sie mich nicht allein. Sie hat ja auch niemanden. Aber in ein paar Jahren… Ich sollte ihr wirklich die Wohnung vermachen. Meine Kinder werden es sicher verstehen.
Mit aller Kraft wählte sie am Handy Klaus hatte ihr zum 60. Geburtstag ein modernes geschenkt und ihr alles erklärt die Nummer eines Notars, den sie im Branchenbuch fand.
Am nächsten Tag regelte der Notar alles.
Kaum waren die Papiere fertig, rief Gertrud ihre Kinder an und berichtete von ihrer Entscheidung. Schon einen Tag später standen Sabine und Matthias bei ihr. Die Wohnung eine Dreizimmerwohnung im zweiten Stock, im beliebten Stadtteil Schwabing.
Mama, bist du sicher, dass das richtig war?, fragte Sabine sofort. Komm doch zu uns, wechselweise einen Monat bei mir, einen bei Matthias, und wir verkaufen die Wohnung.
Und was ist mit Frieda?
Die geben wir ins Heim. Deine eigenen Enkel kümmern sich doch.
Ich habe gesehen, wie das läuft. Mit Frieda ist es mir einfach wohler. Und ich will nicht jeden Monat meine Sachen packen.
Lass sie doch, Sabine, sagte Matthias. Mama fühlt sich mit Frieda am wohlsten. Wenn sie ihre Entscheidung getroffen hat, ist es gut so.
Die beiden blieben noch ein paar Tage und reisten dann ab. Frieda kehrte von den Nachbarn zurück.
Oma, warum waren Onkel Matthias und Tante Sabine da?
Sie wollten uns besuchen, lächelte Gertrud. Komm, setz dich, ich muss dir etwas sagen.
Frieda setzte sich neugierig neben sie auf den Stuhl.
Ich habe die Wohnung auf dich überschrieben. Hier sind alle Unterlagen.
Aber Oma, warum? Ich bin dir doch nicht mal richtig verwandt.
Doch, mein Schatz, für mich bist du die Allernächste. Hauptsache, du bleibst bei mir.
Aber natürlich, Oma! Ich hab doch auch niemanden Lieberes als dich
Das Leben hat mir gezeigt: Nicht das Blut, sondern Herz und Taten machen eine Familie aus. Und manchmal findet man die größte Verbundenheit dort, wo man sie am wenigsten erwartet.





