Scheinehe – Wenn Liebe nur auf dem Papier besteht

Schein-Ehe.
Jörg und ich führen eine Schein-Ehe.
Es hat sich so ergeben, dass Jörg für seine Karriere unbedingt verheiratet sein musste er arbeitet in einer angesehenen deutschen Aktiengesellschaft, deren Vorstandsvorsitzender, Herr Eduard Benedikt, ein großer Befürworter traditioneller Familienwerte ist. Er steht an der Spitze eines alteingesessenen Familienclans, ist Vater von fünf erwachsenen Töchtern, somit Schwiegervater von fünf Schwiegersöhnen und Opa von neun Enkelkindern.
Auf sein großes Familienglück ist er unheimlich stolz. Für ihn ist das Wort Single praktisch ein Schimpfwort. Ein unverheirateter Mitarbeiter gilt für Herrn Benedikt nicht nur als zweitklassig, sondern als fast schon gesellschaftlicher Außenseiter unabhängig von persönlichen Fähigkeiten oder beruflicher Kompetenz.

Als Jörg das realisiert, versteht er, dass eine offizielle Ehe für ihn unumgänglich ist, wenn er eine Position bekommen möchte, die seinem Können und seinen Ambitionen entspricht.

Nach reiflicher Überlegung macht er mir, Lieselotte Hartmann, den Vorschlag zu einer Schein-Ehe. Er geht dabei kein Risiko ein, schließlich kennen wir uns seit dem Kindergarten unsere Mütter waren und sind bis heute befreundet. Auch in der Schulzeit saßen wir immer nebeneinander. Er half mir mit Mathe, ich setzte ihm die Kommas in seine Aufsätze.
Er kennt mich durch und durch und weiß genau, dass ich keinerlei eigennützige Hintergedanken habe, im Falle einer Trennung nichts von seiner Wohnung, seinem Konto oder anderem Besitz beanspruchen würde.

Auch ich willige ohne Zögern ein ich steckt damals gerade in der Trennungsphase nach einer dreijährigen Beziehung und brauche dringend einen Neuanfang, damit ich nicht in eine tiefe Depression verfalle. Außerdem wollte ich ein kleines Zeichen an meinen Ex setzen: Schaut her, ich bin jetzt verheiratet mit einem interessanten, vielversprechenden Mann, stylischem Wagen und einer großzügigen Altbauwohnung im Zentrum ganz anders als du!
Und ein bisschen Status vor Freundinnen wollte ich auch haben: Mir geht es prima!

Kurzum, unsere Interessen harmonieren perfekt, und so lassen Jörg und ich unsere Schein-Ehe ganz unspektakulär im Standesamt des Stadtbezirks eintragen ohne großes Tam-Tam, ohne weiße Stretchlimousine und Trauzeugen, ohne Brautkleid, Schleier oder Smoking.
Wir melden uns einfach an einem Werktag für den Nachmittag von der Arbeit ab, laufen zum Standesamt, unterschreiben das Heiratsregister und stecken uns gegenseitig immerhin symbolisch die Ringe an.
Ich beschließe sogar, den Namen für eine Weile anzunehmen: Hartmann klingt gleich viel spannender als meine eigene Schmidt.

Unsere Erwartungen an diesen Bund erfüllen sich auf ganzer Linie.
Keine vier Wochen später wird Jörg zum neuen Leiter der Abteilung berufen völlig verdient.
Mein Ehestatus verschafft mir im Freundeskreis und bei der Familie enormen Auftrieb. Besonders genieße ich die Zwischentöne, als mein Ex-Freund mir plötzlich Nachrichten schreibt wie: Wünsche dir alles Gute, hatte aber gehofft, es gibt noch eine Chance für uns. Tja, hättest du mal besser aufgepasst!
Unsere Hoffnungen für diese Ehe haben sich zu hundert Prozent und noch darüber hinaus erfüllt.

Ach ja, ich bin vorübergehend bei Jörg eingezogen. Er schlägt das selbst vor, der Authentizität halber.

Samstagmorgen.
Ich stehe in der Küche und mache Frühstück: Omelett, Quarkpfannkuchen, Kaffee mit Milch. Jörg frühstückt gerne ausgiebig und herzhaft.
Draußen kündigt sich ein großartiger Apriltag an.
Der Frühling ist meine absolute Lieblingsjahreszeit.

Heute steht einiges an: Meine Eltern besuchen, die Wohnung aufräumen, Wäsche waschen, und fürs Mittagessen am Samstag plane ich typische Hausmannskost vielleicht Schnitzel, Soljanka, Flammkuchen, Caesar Salat. Meine Gedanken kreisen nur um Haushalt und andere Erledigungen. Wie eine ganz normale Hausfrau immer etwas zu tun.

Übrigens Jörg und ich stecken inzwischen im dreizehnten Jahr unserer Schein-Ehe. Unsere Tochter Gretchen kommt jetzt in die erste Klasse. Unser Sohn Jonas beendet die fünfte und schreibt lauter Einser, ganz der Vater. Denn sein Papa ist klug und ein echter Kerl.

Ganz im Gegensatz zu meinem Ehemann der ist ja schließlich nur mein Scheinmann.

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Homy
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