Im Haus fehlt einfach ein Mann, Anna! Ein Mann fehlt! Aber sag mal, wo nimmt man heutzutage noch einen? seufzte Dorothea Viktoria mit tiefer Stimme, während sie Sonnenblumenkerne knackte. Ausgestorben sind sie, die Männer. Siehst du, ich habe mir den letzten geschnappt, meinen Matthias, und der ist jetzt auch tot. Na, hoff dir mal nix, Annchen, du wirst heute keinen mehr abkriegen! Und dann noch mit deinem Klotz am Bein Da wirst du dein Leben lang allein bleiben, das sag ich dir, Marie.
Dorothea Viktoria, Annas Nachbarin, hat es sich auf der Holzbank bequem gemacht, wuchtet ihre dicken, geschwollenen Beine zurecht und spuckt die Schale in ihre Hand. Ihr Blick folgt Anna, schmal, voller Sommersprossen, das Haar strohblond von der Sonne, im hellen Trägerhemd und durchscheinendem Rock, barfuß beim Wäscheaufhängen an einer Leine zwischen zwei Birnbäumen. Die Laken flattern wie weiße Segel im bayerischen Föhn, und Egons Hemdchen sowie die Hosen hängen wie Spatzen in einer Reihe. Der Wind rüttelt an ihnen, aber Anna lässt da nichts fortfliegen!
Weiter hinten da, wos von der Straße niemand sieht hängt Anna ihre Kleider auf, ein Spitzenunterhemd wie aus einem Magazin, das sie mit Egon beim Stadtbummel durch München gekauft hatte.
Gibt heut Regen, das sag ich dir! nörgelt Tante Dorothea weiter. Raus mit dem Zeug, sonst wird alles klatschnass! Schau nur da, dicke Wolke aus Westen! Gewitter kommt. Meine Knie merken so was vorher.
Reicht schon zum Trocknen, Tante Dorothea. Reden Sie bitte nicht den Teufel herbei! Gewitter bei der Hitze macht mir Angst Anna schiebt eine Haarsträhne hinters Ohr, hebt die Hand als Sonnenschutz zum Gesicht. Egon! Egonchen, komm, Essen ist fertig! ruft sie zu der Kinderschar, die auf dem sandigen Weg hockt und was untersucht. Kommt ihr mit? fragt sie, zur Nachbarin gewandt.
Die rückt, schaut misstrauisch, willigt aber langsam ein.
Na, wenn du so lieb fragst, komm ich halt, Dorothea Viktoria wirft die Kerne in die Regentonne am Haus, schlurft zur Treppe, da huscht ihr Annas Kater Fritz vor die Füße. Pfui, du Biest! schubst sie ihn mit dem Fuß. Schock mich doch nicht so! Diese Katzen, Anna, die ziehst du magisch an. Hau ab! fuchtelt sie mit den Händen, der Kater faucht, aber verliert gleich das Interesse, als Spatzen im Flieder zwitschern.
Tante Dorothea sieht sich selbst als Annas Wohltäterin. Logisch: Da kommt das Mädchen aus Erlangen vom Studium schwanger zurück statt mit Diplom, Skandal im Dorf, keine Eltern mehr, keiner zum Beschützen. Da springt Dorothea Viktoria ein, unterstützt, hilft und hat immer ein gutes Wort übrig.
Ich versteh dich, Anna. Jede Frau wünscht sich Glück, unser kleines Frauglück, und dann schlägt man eben mal über die Stränge. Ohne Mutter ists schwer, fehlt die Geborgenheit, tja! Aber beten wir genug, ist alles vergeben! Mit mir überstehst du das. doziert sie gern und stapft durch Annas Stube, als wärs ihr eigenes Heim.
Annas Haus ist urig, aus bestem Holz gebaut, mit blitzsauberer Stube, Küche und zwei Zimmerchen. Im Vorraum duftet es nach Kräutern und Brennholz. Oben, im wohnlichen Dachgeschoss, hat Egon, Annas Sohn, sein geheimes Reich.
Dorothea Viktoria beneidet sie um das hübsche Haus, während ihr eigener Mann ein Trinker nur einen Schuppen hinterließ.
Die Nachbarin, missgünstig und düster, redet über Anna im Ort schlecht, damit sie dann Trost spenden kann: Die Leute reden viel. Halt zu mir, ich pass auf! Anfangs nickte Anna, Nachbarn verbindet eine Kindheit, Dorothea hat es schwer gehabt Kriegskind eben da muss man nachsichtig sein.
Doch als sie begann, ihren Egon zu schikanieren, zog Anna sich zurück. Schicken mag sie sie nicht, das bringt sie nicht übers Herz. Mut dazu fehlt.
Egon kommt atemlos, wischt sich den Schmutz vom nackten Oberkörper, barfuß, braungebrannt, kräftig. Anna hebt ihn hoch wie ein Federchen, küsst Backen, Stirn, Lippen.
Der Junge windet sich, lacht und will los:
Lass mich, Mama! Alle schauen zu! Lass doch! Ist ja schon wieder nass! Anna setzt ihn ab, er wischt sich mit dreckiger Hand das Gesicht.
Draußen will Egon, der Sechsjährige, schon selbstständig sein. Letztes Jahr haben sie ihn in der ganzen Gemeinde von der Feuerleiter geholt, im Frühjahr aus dem Brunnen gezogen er wollte was sehen, wäre beinahe verunglückt! Er springt mit der Liane in den Dorfweiher, schleicht nachts zum Friedhof, ärgert Pfarrer Johannes und probiert sich am Holz hacken. Aber nachts, wenn keiner hinsieht, sucht er Annas Wärme, kuschelt sich an sie, umfasst ihren Bauch und will ganz nah bei ihr sein.
Anna krault seine dichten Haare, streicht übers Gesicht, küsst die heißen Hände.
Mama, wird bei uns alles gut? flüstert Egon. Du hast mich doch lieb, oder? Tante Dorothea sagt, ich hätte nicht geboren werden sollen, ich hätte dir dein Leben kaputtgemacht.
Ich liebe dich, mehr als mein Leben, mein Junge. Es gibt niemanden, den ich so lieb habe wie dich! Hör auf niemanden. Ohne dich wäre ich unglücklich.
Und Papa? Hast du den geliebt?
Auch Papa habe ich geliebt, Anna dreht sich zum Fenster, redet lieber nicht über ihn.
Tante Dorothea sagt, er war ein Schuft, hat uns allein gelassen. Wie kann man so jemanden lieben? Bin ich dann auch schlecht? Sie meint, der Sohn eines solchen Mannes taugt auch nichts!
Egon setzt sich auf, blinzelt im Mondlicht, reibt die Augen, will nicht schlafen, damit Mama bleibt. Dorothea behauptet, Egon müsse abgegeben werden, dann wäre Anna befreit.
Quatschkopf! Du bist mein Sohn, und du wirst der beste Mann der Welt, weil du gut, liebevoll und stark bist! Anna drückt ihn an sich, Egon wehrt sich, will lieber wieder groß sein. Hör nicht auf Tante Dorothea, die redet Unsinn.
Aber Mama Bin ich ein richtiger Mann? Ein echter? Er ballt die Faust, zeigt die Muskeln, spannt die kleinen Arme an.
Klar, lacht sie. Ein wahrer Mann.
Dann lügt Tante Dorothea! Sie sagt, es gäbe keine Männer. Aber ich bin einer! Dann brauch sie nicht mehr herzukommen, Mama!
So geht das nicht, Egonchen. Sie hat dir oft geholfen, als du klein warst und ich krank war. Wir verdanken ihr einiges. Sei nicht böse.
Anna legt Egon ins Bett, wird sagen: Niemand erfährt, dass er nachts ganz klein und zärtlich ist ihr kleines Kätzchen, das ihr heiß in den Hals atmet. Das bleibt ihr Geheimnis
Dorothea Viktoria setzt sich missmutig an den Tisch, Anna stellt ihr Teller mit Graupensuppe hin.
Egon! Wasch sofort die Hände! bellt die Nachbarin.
Hab ich schon! Mama, sags ihr! Egon blickt trotzig.
Habt ihr, setzt euch. Ich muss gleich auf die Post, hab für Frau Tanja Dienst übernommen. Isst, nimm Brot, Zwiebel
Anna nimmt Platz. Dorothea Viktoria schlürft laut, schiebt Brot hinein, als ob sie alles gleich wegnehmen. Schenk ein, Anna! Gönn deiner Nachbarin nen Kurzen, schade, dass du keinen Schnaps im Haus hast! schmatzt sie.
Seufzend stellt Anna einen Klaren auf den Tisch.
Dorothea kippt ihn in einem Zug, haut auf die Tischplatte und beißt in Zwiebel.
Diese Frau trank unschön. Opa Johannes, bei dem Egon oft war, trinkt heiter mit Sprüchen, Witzen, nie böse.
Egon verzieht das Gesicht, Anna nickt beruhigend.
Warum isst du nicht, Egon? So ein Mäkler! Weißt du, früher hat mein Vater Arbeitern gleich Schüsseln Suppe vorgesetzt. Wer reinhauen konnte, der war was wert. Wer stochert wie du raus aus dem Haus, hießs dann! Sag ich ja, Anna: Männer gibts nicht mehr und da hilft auch kein Kinderkriegen. Dorothea Viktoria schlägt die Löffel auf die leere Schüssel, trinkt Kompott und stemmt sich am Tisch hoch.
Egon schnappt nach Luft, schnieft. Anna richtet sich auf, legt den Löffel weg Egon hat sie noch nie streng gesehen.
Da irren Sie, Tante Dorothea. Egon ist der beste Mann. Mein Rückhalt, mein Beschützer. Ich dulde kein schlechtes Wort über ihn. Wem das nicht passt, der muss nicht kommen.
Was? Dorothea verschluckt sich fast. Dass du den Mund so aufreißt, Anna! Dir hätte man gleich die Zunge stramm ziehen sollen. Ein Kind angeschleppt, läufst rum wie eine Königin. Dein Egon, Sohn eines Taugenichts, bleibt nichts Gscheits!
Sie wird rot, kneift die Augen wütend zusammen. Annas Schönheit, Stolz und dieses Lächeln das alles nervt sie.
Jetzt ist aber Schluss, Tante Dorothea. Gehen Sie heim, Anna öffnet die Tür und wartet.
Bestimmen tu immer noch ich, wann ich gehe. Wir finden dir schon einen Mann, der hält dich streng in Zucht dann schäm ich mich wenigstens nicht mehr für meine Nachbarin! schleudert sie hinterher und stapft hinaus.
Egon springt auf, will hinterher, Anna hält ihn fest, schließt die Tür.
Von da an meidet Dorothea Viktoria Anna, keine Grüße, kein Sonnenblumenkernknacken auf der Bank, sie schimpft nur noch im Flüsterton.
Anna lässt sich nicht stören. Für Egon steht sie ein.
Bald darauf kommt Dorotheas Neffe nach Oberbayern: Sebastian Bernhard, Anfang vierzig, schnieke mit Panamahut, hellen Schuhen und einer Obsttorte.
Griaß di, Anna! ruft er vom Zaun.
Anna richtet sich aus dem Beet auf, rückt das Kopftuch zurecht. Kennst mich nicht? Sebastian winkt. Früher ging ich öfter zur Tante Dorothea, wir sind mal zusammen geschwommen, hab dir Seerosen gepflückt, bei den Fischern gabs gebackene Karpfen Weißt nicht mehr?
Anna verbeißt sich ein Lächeln sie wusste es, will aber nicht plaudern: Schon als Bub war Sebastian hochtrabend, gab nix her, hielt sich für was Besseres.
Entschuldigung, ich hab zu tun, sagt sie und bückt sich über die Erdbeeren. Egon! Schnapp dir dein Körbchen, hilf mir, mein Schatz! ruft sie. Er springt auf, Egon nimmt das von Opa geflochtene Körbchen.
Na so was Sebastian bleibt hartnäckig. Die Mutter meint, du hasts nicht leicht allein mit dem Buben, Anna?
Ich krieg das hin. Unglück ist, wenn das Haus leer ist und keiner da. Ich hab das pure Glück: Mein Sohn, mein Helfer! Sorry, wir haben zu tun. Egon, such die dickste Erdbeere raus und iss sie, lecker? Anna lacht, als der kleine Egon sich rote Lippen mit süßem Saft verschmiert.
So ein Beschützer gibt aber der Mutter die größte Beere! ruft Sebastian, schlendert zum Haus.
Anna ist ihm aufgefallen. Früher war sie unscheinbar und weinerlich, jetzt trotz schmaler Figur, hält sie alles am Laufen.
Er setzt sich in die Wohnstube, Dorothea Viktoria lehnt über den Tisch:
Was, Jungchen, nervös? Die Anna ist doch ne Gute. Nimm sie und pack an! Klar, sie hat ein Kind, in München hat sie sich das eingehandelt aber das Haus, das Grundstück, das kann deins sein. Und du? Du bist eben dann halt in der Stadt und schaust ab und an herein Sie zwinkert, holt Obstler aus der Kredenz.
Woher war denn der Nachwuchs? Sebastian schleckt sich die Lippen.
Unsere Anna, die war zum Studieren in München kam zurück nicht mit Diplom, sondern mit Baby. Ach, wenn sie sich ziert, pack zu, zeig ihr, wer Herr im Haus ist!
Sebastian trinkt, verschluckt sich, gießt sich den Obstler übers Hemd.
Irgendwann taumelt er an die frische Luft, sieht Anna beim Holzhacken, bindet sich vorsorglich sein Hemd straff.
Er schleicht sich ran, umarmt sie, küsst unverschämt. Anna windet sich, ringt nach Luft kann den Beil nicht mehr aufnehmen. Da packt Egon einen Stock, stößt den Fremden weg. Anna greift ein großes Holzscheit, schlägt drauf, Egon heult auf, Sebastian flucht und verzieht sich.
Dorothea Viktoria taumelt aufs Haus, erstickt vor Lachen, vibröckelt zurück. Sebastian wankt davon.
Mama! Ich hab Angst! Ich bin doch gar kein Mann, ich kann dich nicht beschützen weint Egon und fasst Annas Haar.
Aber du hast Mut bewiesen! Du hast mich gerettet! Egal, wie klein du noch bist das ist wahre Stärke, Egon. Hörst du? Sie wiegt ihn.
Ich wein trotzdem! Wenn der wiederkommt? Wir brauchen einen Papa! Einen Mann wie Opa Johannes! Heirate ihn doch, der hat ein richtiges Gewehr und nicht nur Stock wie ich Egon presst sich an sie.
Anna lacht laut auf. Was für ein Paar sie und Opa Johannes wohl wären, fast neunzig ist er!
Egon lacht mit, überlässt sich ihren Küssen, denkt aber weiter nach über einen Vater
Sebastian Bernhard reist nach zwei Tagen ab, angeblich wegen der Arbeit, Dorothea Viktoria schaut Anna nicht mehr an.
Na, schau mal, Tante Dorothea! Zu peinlich, in die Augen zu sehen, oder? Ihr Mann ist der Einzige, alle anderen sind nichts wert! Anna stemmt die Hände in die Hüfte.
Halt den Mund! Du hast mir den Neffen verletzt, prügelst drauf wien Kerl! Und der Junge nichts wie Ärger. Ich melde dich, du Diebin, dann seid ihr weg! zischt Dorothea.
Dann meld doch! Ihnen auch einen guten Tag, Nachbarin! lacht Anna, Egon schaut durchs Gartentor, sie darf keine Angst zeigen.
Dorothea sinnt auf Rache: Eines Tages meldet sie beim Bürgermeister, Anna habe ihre Kartoffeln geklaut.
Die Gemeinde untersucht, überall laufen Leute, machen Notizen, Egon sitzt da, ballt die Fäuste und muss zusehen, wie die Mutter sich rechtfertigt.
Sie hat sie sicher vergessen! Da hinterm Badehäuschen! ruft Egons Freund Lukas durch das Fenster. Der Polizist schmunzelt: Zeigst du uns den Platz, Detektiv?
Klar! Wie im TV, echte Spurensucher! sagt Lukas stolz.
Dorothea Viktoria weint, schwört, sie wollte das gar nicht und entschuldigt sich, reicht Egon Bonbons, aber er wendet sich ab.
Mama, wir brauchen einen Papa sagt Egon im Winter, als Anna von der Arbeit kommt.
Anna bleibt mitten im Raum stehen: Warum?
Ich geh ins Internat, wie die Offizierschüler, Kira und ich haben uns das ausgedacht. Dann bist du allein hier. Was, wenn dieser Sebastian nochmal kommt? Wo finden wir dir einen Beschützer? Egon denkt nach.
Dann heirate ich halt Opa Johannes, wie dus vorgeschlagen hast, grinst Anna. Komm, hilf beim Abendbrot.
Egon nickt.
Er fürchtet, zu schnell groß zu werden und dass Anna dann allein bleibt. Beobachtet alle fremden Männer, prüft sie. Doch keiner taugt.
Der Winter geht, die Frühlingssonne legt filigrane Muster in den Schnee.
Egon läuft in Fellmütze und grauem Mantel zum Hügel, will mit Lukas Schlitten fahren. UNversehens schießt ein Auto um die Ecke, Egon hört es nicht durch die Mütze! Der Fahrer, früh genug, bremst scharf landet an einem Baum. Glassplitter klirren, ein Aufschrei, Blut am Hemdkragen.
Egon steht stocksteif, die Schlittenleine in der Faust.
Der Fahrer steigt aus, blutverklebt, blickt Egon an.
Alles gut, Junge? Ich leb noch! sagt er außer Atem.
Bei Ihnen läuft Blut! Kommen Sie zu uns! Meine Mama ist darin Spitze. Aber nicht sagen, dass ich schuld bin, ja? Egon guckt hoch.
Ganz schön mutig, mich einzuladen! lacht der Mann.
Ich hab auch schon nen Nachbarn mit Stock verjagt!
Tapferer Bursche! Gut so. Bin neu im Ort, fahr eigentlich zum Bürgermeister. Bring mich lieber gleich zu deiner Mutter!
Anna sieht sie kommen, rennt aufgeregt hinaus.
Entschuldigen Sie, bin auf dem Weg zum Bürgermeister, Unfall gehabt Ihr Junge bestand darauf, sofort zu Ihnen zu kommen. Ich heiße Julius Gabriel, stammelt der Fremde.
Typisch Egon! Du schaust nicht auf den Weg! Komm rein, ich kümmere mich drum, Anna lenkt ihn ins Haus.
Julius kriegt einen Verband, bringt Wasser und stapelt Holz, Anna kocht Suppe.
Egon, sehr ernsthaft, rückt zum Gast vor: Herr Julius, sind Sie ein echter Mann oder ein Wurm?
Julius schluckt. Unsere Nachbarin, die Tante Dorothea, meint, es gibt nur richtige Männer oder Würmer. Und, sind Sie einer?
Ich bin Mensch. Was soll das mit dem Wurm? fragt Julius.
Na, sagen Sies doch! Egon will Gewissheit. Meine Mutter bleibt hier allein, wenn ich auf die Schule gehe, wir haben keinen Vater. Würden Sie auf sie aufpassen? Sie ist sehr lieb. Handschlag?
Julius errötet, schaut Anna an, die hinter vorgehaltener Hand schmunzelt. Einfach so wurde sie ihrem ersten Mann unter die Fittiche gebracht! Egon, du Fuchs!
Handschlag! Julius klatscht ab und drückt Egons kleine Faust. Und du versprichst, dich gut in der Schule zu schlagen. Bleib immer so ein echter Kerl, Egon!
Egon nickt.
Er bleibt das, wofür seine Mutter ihn hält: mutig, stark, gerecht. Er geht auf die Schule, zieht mit Lukas in die Welt. Im Einsatz im Ausland, wenn die Angst übergroß wird, erinnert er sich, dass er es Julius Gabriel versprochen hat: Ein Mann zu sein, kein Wurm.
Auf uns, Männer, stoßen wir an! ruft Egon später, als alle Freunde heimkommen, Lukas mit neuem Auto und seiner Olinka vorfährt, Mutter, fest an Julius gelehnt, am Haus steht, und keiner zu atmen wagt. Auf alle, die waren und sein werden!
Der zweite Trinkspruch gilt Anna für ihre Tränen, ihre Liebe, alles, was sie Egon gab.
Auf dich, Papa! Egon reicht Julius die Hand, drückt sie fest. Gut, dass ich dich damals getroffen hab
Lachen, Trinksprüche, Musik, Männergesang und Gitarrensaiten klingen noch lange durchs Haus. Bei Anna ist heute das Glück zu Gast, das Dorf feiert die Rückkehr der Söhne.
Nur Dorothea Viktoria ist nicht zum Feiern zumute. Sie schlägt das Fenster zu, spannt den Vorhang, legt sich und will schlafen. Ach eigentlich wäre sie doch gern Teil davon
Frau Viktoria! Tante Dorothea! klopft es plötzlich. Kommen Sie rüber, feiern Sie mit!
Anna. Aus lauter Mitleid vielleicht. Dorothea macht nicht auf, bleibt stumm im Dunkeln.
Tante Dorothea! Genug jetzt! Egon ist zurück, freuen Sie sich mit! ruft Anna noch.
Dorothea richtet sich auf, weint und bleibt doch liegen: Es ist ihr zu peinlichDrüben tobt der Jubel, Stimmen wirbeln zwischen Garten und Stube, Egon lacht und singt mit, Anna schwenkt eine bunte Kanne und ihr helles Gesicht leuchtet im Fensterlicht. Draußen mischen sich Kirchenglöckchen mit den letzten Amsellaute.
Lange sitzt Dorothea Viktoria im Dunkel und hört das Leben pulsieren. Das Fenster klappert; sehnsüchtig hebt sie die Hand, als wollte sie winkendoch sie zieht sie zurück, starrt in die Falte der Armschürze, allein inmitten ihrer Verdrossenheit, während hinter Annas Fenstern das Licht warm golden strahlt.
Egon entdeckt sie schließlich am Fenster, hebt das Glas, ruft mit aller Kraft: Für Sie, Tante Dorothea! Ohne Sie gäbs mich hier nicht Prost! Die Stimmen steigen zu ihr, und ganz leise, für sich, murmelt Dorothea ein Lächeln in die Nacht.
Anna tritt im Schein hinaus, das Haar golden und ein wenig vom Wind zerzaust. Kommen Sie jetzt oder nie! sagt sie, und diesmal hält Dorothea Viktoria es nicht aus, schlüpft eilig in ihre Jacke und macht sich auf den Weg. Die Türe fällt hinter ihr ins Schloss, das dumpfe Gefühl bleibt im Flur.
Sie betritt den Garten, und plötzlich umfängt sie Jubel, Egon umarmt sie so fest, dass sie ihre Schwere vergisst. Anna reicht ihr Brot und Suppe, Julius lächelt freundlich, Lukas scherzt; das Leben schwappt warm über. Zwei Tränen rinnen Dorothea Viktoria die Backen hinunter, doch sie lächelt zurück, trinkt mit den anderen, und lacht plötzlich heller, als sie je gedacht hätte.
Im nächtlichen Garten singen alle: Egon, Anna, Julius, Lukas, sogar Opa Johannes stimmt an, und Dorothea Viktoria, die immer dachte, Männer seien ausgestorben, hebt zum ersten Mal seit Jahren die Stimme und stimmt ein. Die Not, die sie im Herzen trug, zieht davon und zwischen Flieder und Birnbaum, im Schein des Festes, spürt sie: Was wirklich zählt, ist nicht, wer Mann ist oder Frau; entscheidend ist, wer ein Herz hat, das für andere schlägt.
Und im kleinen Haus am Rand des Dorfes ist niemand mehr allein.




