Die unsichtbare Freundin

Meine imaginäre Freundin

Also, stell dir vor, um Greta sammelte sich jetzt schon den dritten Tag in Folge ein Haufen Schüler. Das Mädchen galt überall im Gymnasium als Wahrsagerin und überragende Seelsorgerin. Jeder wollte ein bisschen von ihrer Weisheit abhaben. Manche fingen sie sogar vor der Mädchentoilette ab, andere setzten sich extra zufällig zu ihr in die Mensa, und Schokoladentafeln oder Schulhefte mit Hausaufgaben brachten sie ihr fast täglich als kleine Gaben vorbei aber irgendwie lehnte Greta das alles meistens ab.

Mir gefällt Paul aus der 7b. Meinst du, wir passen zusammen für eine Familie?, schwärmte ihre Mitschülerin Frieda mit verträumtem Blick.

Greta riss ein Stück Brezel ab, schlürfte einen Kräutertee und meinte trocken: Lieber nicht. Paul sieht nur ordentlich aus, aber der popelt ständig in der Nase und isst die Dinger sogar. Hunger wirst du mit ihm nicht haben, aber sonst… Viel mehr ist da nicht zu holen. So wird er sein Leben lang rumnörgeln und popeln.

Igitt, wie widerlich! Und was ist mit Tobias? Der ist Klassenbester und lernt gerade Gitarre spielen”, fragte Frieda mit einem verliebten Lächeln.

Greta lachte leise: Tobias quält Katzen. Bindet Konservendosen an den Schwanz und jagt sie durch die Nachbarschaft. Der wird ein harter Brocken, der später bestimmt auch mal trinkt.

Wieso glaubst du das denn?, hakte Frieda nach.

Greta zuckte die Schultern: Hast du schon mal einen nüchternen Gitarristen gesehen? Mach dir um sowas mal noch keine Gedanken, kümmer dich lieber um Mathe und hör auf, an den Nägeln zu kauen, sonst kriegst du Würmer.

Am Nebentisch schob Moritz aus der 6c Frieda grob weg zu den anderen: Ich hab keine Freunde. Alle sagen ich sei zu dick und keiner lädt mich ein.

Greta grinste: Nächsten Mittwoch startet das Ringen im Verein, Anmeldung läuft beim Sportlehrer im Büro. Dünner wirst zwar nicht direkt, aber keiner beleidigt dich mehr. Und deine zukünftige Frau schmeiß bitte auch nicht mehr so rum.

Greta stand auf, brachte ihr Tablett zum Spülen.

Am Spülbecken schlich sich Frau Meier, die Erdkunde-Lehrerin, an sie ran: Sag mal, Greta, soll ich dieses Jahr meinen Führerschein machen oder doch lieber erst nächstes?

Greta rollte die Augen: Frau Meier, mit welchem Auto wollen Sie denn fahren? Ihr Vater hat doch nur den alten Passat, oder? Merken Sie den Unterschied?

Die Lehrerin murmelte: Schon irgendwie…

Greta legte nach: Verkaufen Sie den alten Kahn, kaufen Sie sich lieber ein Fahrrad und ein paar Shorts spätestens in zwei Monaten werden Sie sowieso zur Arbeit gefahren. Und ein Eigenheim wär besser, die Zinsen für Baukredite sind jetzt so niedrig wie nie, und mit 35 bei den Eltern wohnen ist nicht gerade schick. Sagen Sie ich Ihnen als Expertin.

Mit diesem Statement und Frau Meiers ungläubigem Blick stolzierte Greta in den Handarbeitsunterricht.

Während die anderen Mädchen noch Nähtechniken und das Fädeln der Nadel übten, hatte Greta in den 40 Minuten schon die von Zuhause mitgebrachte Hose geflickt, einen Rock enger genäht und ein Paar Socken gehäkelt, die sie der schwangeren Werklehrerin schenkte mit dem Hinweis, Schwangere sollten warme Füße haben. Die Werklehrerin ging daraufhin ganz aufgeregt zum Drogeriemarkt, um einen Schwangerschaftstest zu kaufen. Am nächsten Tag gab’s im Unterricht einen exzellenten Schokoladenkuchen der Dank an Greta.

Zu Hause benahm sie sich ebenfalls ungewohnt. Sie rügte ihre Mutter für das gekaufte Hackfleisch, machte selbst Maultaschen. Abends statt YouTube las sie Die drei Musketiere und tuschelte immer wieder mit irgendwem. Ihr Vater linste über seinen Laptop zu ihr rüber, da meinte Greta: Setz dich mal gerade hin, und geh lieber mal den Teppich ausschlagen, statt auf diesen schmutzigen Seiten im Netz zu surfen.

Am Gymnasium brodelten die Gerüchte, die Lehrer waren besorgt, und forderten eine Psychologin. Die Kommission kam direkt während des Schultages zusammen sogar der Direktor war da.

Der Schulpsychologe, mit stylischem Bart und Brille, begann: Greta, Liebes, wirst du hier gemobbt?

Greta antwortete: Mich stört viel mehr, dass für die Schule mehrere Millionen Euro bewilligt wurden, und im Turnsaal steht trotzdem nur eine olle Bockbank und zwei Meter Seil rum.

Alle schauten alarmiert zum Direktor, der plötzlich durch das offene Fenster an einer Besprechung teilnahm.

Hast du keine Freunde? fragte die Psychologin vorsichtig.

Mit einem gelangweilten Blick verdrehte Greta die Zöpfe: Freundschaft? Das ist doch nur so ein abstraktes Ding. Heute fangen wir auf dem Schulhof Fangen, morgen spült deine Freundin deine Teller ab, während du Steuererklärungen machst.

Verwirrung im Raum, Frau Meier platzt heraus: Steuererklärung? Wer erzählt dir sowas?

Meine Freundin.

Aha! Da ist also der Hase im Pfeffer! Kannst du sie einladen?

Sie ist schon hier, antwortete Greta mit einer Selbstverständlichkeit, dass allen der Mund offen stand.

Wie heißt sie denn?

Waltraud Renate.

Wie bitte? Und wie alt ist sie?

Siebzig.

Und was erzählt sie dir so?

Dass man von Zahnfleisch nach oben putzen soll, dass der Hund im Hof nicht böse, sondern nur verängstigt und hungrig ist, und dass Verwandte nicht vergessen werden dürfen. Und dass Sie, Frau Psychologin, die letzten fünf Jahre Ihre Grundsteuer falsch berechnet bekommen haben, sie wurde nach Quadratmeter und nicht nach Marktwert gerechnet. Sie müssen zur Behörde, um das neu festzusetzen.

Die Psychologin schrieb sich fleißig alles auf, das letzte sogar zweimal unterstrichen.

Abschließend gabs einen Aufruf übers Schulsekretariat; die Eltern wurden angerufen, sie arbeiteten beide noch. Am Telefon schrie plötzlich der Vater los: Moment mal! So hieß meine Mutter! Die ist vor zehn Jahren gestorben.

Ganzes Lehrerzimmer hielt den Atem an und murmelte heimlich Gebete.

Eben, zehn Jahre und keiner besucht sie. Unkraut überall und der Zaun steht schief, nörgelte Greta.

Ja… ehm… ich wollte ja, aber kam eben nie dazu…, nuschelte der Vater ins Handy.

Das Gespräch wurde beendet.

Am nächsten Tag schnappte sich die Familie den Autoschlüssel und fuhr gemeinsam zum Friedhof. Greta hatte ihre Oma nie gekannt kannte sie nur aus den wenigen alten Geschichten des Vaters. Das Grab fanden sie nicht sofort; das ehemalige Wäldchen war jetzt schlichtweg ein endloses Feld aus Grabsteinen geworden.

Klein Greta stellte einen Strauß gelber Tulpen in eine abgeschnittene Wasserflasche, der Vater richtete den Zaun gerade, die Mutter jätete das Unkraut.

Papa, Oma sagt, du bist eigentlich ein richtig guter Mensch, aber durch den ganzen Stress mit Arbeit und Internet hast du kaum mehr Zeit auch nicht für mich, meinte Greta leise.

Der Vater wurde knallrot und nickte beschämt.

Sag ihr, wir bessern uns, sagte er, strich Greta und dann das verblichene Foto auf dem Grabstein sanft über den Kopf.

Jetzt ist sie zufrieden und wird mir nicht mehr erscheinen, aber ich werde sie vermissen, sie war wirklich lustig, freundlich und klug.

Stimmt genau. Oma hatte einen siebten Sinn für Menschen. Hat sie noch was gesagt?

Greta grinst: Ja, Deine Gurken-Diät kannst du vergessen. Wenn du abnehmen willst, geh ins Fitnessstudio. Und ein Fremdwährungskonto zu eröffnen war voll daneben das muss man alles genau durchrechnen. Und der billige Beton, den du für das Fundament bestellt hastDer Vater schnaubte, fing an zu lachen und wischte sich verstohlen eine Träne weg. Die Mutter hakte sich bei ihm unter, Greta stand etwas abseits, den Zopf zwischen den Fingern drehend. Ein laules Frühlingswindchen strich über die Gräber, brachte einen Hauch von Veilchenduft mit sich und einen leisen, fast heiteren Klang, als würde jemand in der Ferne Summen.

Während sie über die Kieswege zurück zum Auto gingen, fühlte es sich ein wenig leichter an als sonst. Der Vater schaute Greta an und fragte: Sag mal meinst du, man kann Waltraud Renate trotzdem noch mal sprechen, wenns ganz wichtig ist?

Greta schmunzelte: Vielleicht aber nur, wenn du deine Steuer ordentlich machst und Omas Lieblingskuchen bäckst. Dann hört sie bestimmt zu.

Am Abend saß die Familie zusammen am Küchentisch. Auf einmal war mehr Zeit, mehr Gelassenheit, und das tiefe Gefühl, dass es immer jemanden gibt, der zuhört ob nun unsichtbar, alt, imaginär oder sehr real. Und während draußen ein kleiner Hund im Hof friedlich schlief, schien es Greta, als sänge irgendwo zwischen den Kaffeedosen und Geschirrtüchern eine leise, fröhliche Stimme ihr Lieblingslied.

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Homy
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