Niklas kam zum Einsatz. Ein etwa zehnjähriger Junge und ein Mädchen öffneten ihm die Tür. – Mama kommt gleich, kommen Sie bitte rein! Der Wasserhahn in der Küche tropft, – sagte der Junge.

Michael kam zu seinem letzten Auftrag an diesem Tag. Ein Junge, etwa zehn Jahre alt, öffnete ihm die Tür, an dessen Seite ein blondes Mädchen stand, vielleicht ein oder zwei Jahre jünger.

Mama kommt gleich, kommen Sie doch bitte rein! Der Wasserhahn in der Küche tropft, sagte der Junge bestimmt.

Michael zögerte, denn in der Firma lautete die Regel, niemals ohne Erwachsene die Wohnung zu betreten. Doch der Blick der Kinder war so hilfesuchend, dass er schließlich eintrat. Im Flur duftete es nach frischem Brot und Äpfeln, durch das offene Fenster klang das Läuten der Kirchenglocken.

Michael reparierte flink den tropfenden Wasserhahn. Nebenbei erzählte der Junge:
Unser Papa hätte das selbst gemacht, aber er ist Pilot. Er ist fast nie zu Hause.

Das Mädchen ergänzte verträumt, ganz so, wie Kinder auswendig gelernte Sätze wiederholen:
Papa fliegt immer so weit weg, er kann einfach nicht zurückkommen.

Kurz darauf kam die Mutter heim. Anna, so hieß sie, war eine gepflegte Frau Mitte dreißig in jedem Zug zeugte ihr Gesicht von großer Müdigkeit. Sie war sichtlich überrascht, dass ihre Kinder einen Handwerker bestellt hatten.

Auf dich können wir ewig warten, erklärte ihr der Junge, dessen Name nun Michael kannte, nämlich Max. Du willst immer Handwerker rufen, tust es aber doch nicht. Ich hab das jetzt einfach gemacht.

Anna lächelte gequält, bezahlte Michael in bar, Euro-Scheine raschelten leise über den Tisch. Noch bevor er ging, bat das Mädchen Charlotte schüchtern um Hilfe mit dem wackligen Tisch und dem kaputten Lichtschalter. Michael hinterließ seine Visitenkarte; für den nächsten Tag war alles weitere abgemacht.

Draußen auf der Treppe blieb Max an Michaels Seite, brachte den Müll hinunter, und als sie allein waren, platzte er mit düsterer Stimme heraus:
Wir haben gar keinen Pilot als Papa! Das hat Mama nur erfunden… Sie meint wohl, wir wären zu klein, um alles zu begreifen. Wenn es ihn gäbe, wäre er doch wenigstens einmal gekommen, oder? Und die Geschenke kauft Mama selbst ich habs letztes Jahr gesehen, wie sie Charlottes Puppe im Laden ausgesucht hat. Dann hat sie gesagt, Papa hätte sie geschickt.

Michael schwieg kurz. Dann legte er Max beruhigend die Hand auf die Schulter:
Vielleicht kann er wirklich nicht kommen, weißt du. Im Leben passiert viel, womit wir nicht rechnen.

Aber Max schaute nur traurig, sagte nichts mehr.

Als Michael abends zu Hause war, ließ ihn das Wort Pilot lange nicht los. Früher in Berlin, als er noch Linien in ferne Länder flog, hatte er selbst eine Frau gehabt. Sie war schön, voller Tatendrang, wollte aber, dass Michael nicht mehr flog.

Du hebst die Seele in den Himmel, und ich steh alleine mit Windeln und Alltag da? Nein, danke!

Dann waren ihre Eltern nach Kanada ausgewandert und hatten auch sie eingeladen. Seine Frau ging. Michael blieb, flog weiter. Doch nach einer Krankheit musste er früh in Rente. Er zog in eine kleinere Stadt zu seiner Mutter. Nach Monaten starb sie plötzlich und ließ ihn mit tiefer Leere zurück.

Er fing an zu trinken, verlor sich in langen Nächten bei alten Kneipenbekannten, bis ihm eines Morgens die Mutter im Traum erschien vorwurfsvoll und traurig. Am gleichen Tag schmiss er die Zechkumpane raus, richtete die Wohnung her, aber die Einsamkeit wollte nicht weichen.

Die Anzeige in der Regionalzeitung weckte ihn auf: Gesucht wurden Handwerker zur Unterstützung eines kleinen Betriebs flexibel, eigene Werkzeuge. Er bewarb sich, freute sich über das neue Ziel und die Abwechslung, auch über die geregelte Arbeit, die ihm die freie Zeiteinteilung ließ.

Am nächsten Tag fuhr Michael wieder zu Max und Charlotte diesmal am frühen Abend. Erwartungsvoll öffnete Anna selbst. Michael reparierte den Tisch, brachte den Lichtschalter in Ordnung, befestigte das lose Brett im Korridor.

Als er einen Blick ins Badezimmer warf, schüttelte er verwundert den Kopf:
Da müsste eigentlich gleich alles renoviert werden.

Anna seufzte, halb resigniert, halb hoffnungsvoll:
Wenn Sie es machen wollen, wäre ich dankbar. Wir haben etwas Geld gespart, ich glaube, das reicht, um sie bezahlen zu können.

Während Michael arbeitete, unterhielten sie sich. Anna erzählte ihm, sie arbeite als Erzieherin im Kindergarten. Am Ende des Tages lud sie Michael fast schüchtern zum Abendessen ein. Die Kinder drängten lachend: Er solle unbedingt bleiben! Michael stieß dazu.

Das Abendessen wurde lang. Die Kinder schliefen ein, Anna und Michael erzählten weiter. Michael sprach das erste Mal seit Jahren so offen über sein Leben und Anna hörte zu, mit diesem so typisch weiblichen Mitgefühl, das unendlich viel Verständnis in sich trug.

Sie gestand: Einen Mann hatte sie nie wirklich gehabt, zwei Beziehungen waren gescheitert, die Kinder teilten sich drei Jahre Abstand. Sie hatte die Geschichte vom Papa erfunden, weil die Wahrheit schmerzhafter schien, bis die Kinder groß genug wären, um alles verstehen zu können.

Es war fast Mitternacht, als Michael ging. Er versprach, am nächsten Tag wiederzukommen es gab noch genug für ihn zu tun.

Der nächste Abend kam, Anna öffnete die Tür und war wie erstarrt: Michael stand dort in seiner alten Pilotenuniform, mit einem bunten Strauß Blumen und einer Schwarzwälder Kirschtorte.

Papa, unser Papa der Pilot ist zurück! rief Charlotte glänzend vor Glück, warf sich Michael in die Arme.

Ich bin zurückgekehrt, hab euch nur nicht gleich erkannt, so lange ist es her. Stimmt’s, Anna? fragte Michael und sah so hoffnungsvoll zu ihr, dass es für sie nur eine Antwort geben konnte: Sie nickte.

So wurde aus Annas unvollständiger Familie plötzlich eine ganze, glückliche Familie.

Max konnte erst nicht glauben, dass sein Vater zurück war, doch auch er fand langsam Vertrauen. Michael adoptierte Max und Charlotte, und eineinhalb Jahre später kam noch ein kleiner Junge hinzu.

Manchmal, wenn draußen die Kirchenglocken läuteten und in der Küche der frische Kaffee duftete, dachte Michael daran, wie anders sein Leben hätte verlaufen können und war dankbar für den neuen Anfang inmitten von Wärme und Geborgenheit.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Niklas kam zum Einsatz. Ein etwa zehnjähriger Junge und ein Mädchen öffneten ihm die Tür. – Mama kommt gleich, kommen Sie bitte rein! Der Wasserhahn in der Küche tropft, – sagte der Junge.
Ich heiratete mit nur achtzehn – mein zwanzig Jahre älterer Mann faszinierte mich genau wegen dieses Altersunterschieds.