Töchterglück
Ach, wie schwer war es doch, Mariechen unter die Haube zu bringen! Es wurde wirklich höchste Zeit! Ihre biologische Uhr tickte nicht nur sie raste, überschlug sich fast, mit wild laufenden Zeigern und krummen, mit Tusche gemalten Zahlen, seufzend und stöhnend, genau wie meine Mutter Renate.
Marie, verstehst du denn, wie sehr ich mir Enkel wünsche?! Ich will Leben im Haus, Warteschlangen vor dem Bad, jeden Herd auf dem Kochfeld besetzt, weil du den Kindern Haferschleim kochst, dem Mann Rühreier brätst und ich meinen Kaffee aufbrühe Darin liegt für mich der Sinn des Lebens!, sprach sie philosophisch, nahm die Brille ab und blickte mich streng von oben an.
Mama! Soll ich jetzt irgendjemanden heiraten, nur weil du dich nach einer vollen Wohnung sehnst? Dafür reicht mir die Zeit einfach nicht! Und überhaupt, wie und wo soll ich die denn überhaupt kennenlernen? Ich arbeite bis sieben, renne in diesem Hamsterrad. Im Bus spreche ich mit niemandem, ins Kino oder sonst wohin gehe ich auch nicht. Schenk dir diese Diskussion, mach lieber mal was anderes!, brauste ich auf, rückte die Tassen auf dem Tisch hin und her, ordnete die vertrockneten Käsescheiben und prüfte die Teekanne sie war längst wieder kalt.
Ob wir es wohl je schaffen, einmal ruhig und erwachsen gemeinsam zu frühstücken, ohne diese müßigen Gespräche, die Seufzer meiner Mutter und meine Erklärungen, die ja sowieso niemand zuhören will? Eine ganz normale Unterhaltung unter erwachsenen Frauen?
Natürlich nicht.
Da schlurfte auch schon mein Großvater, Opa Hermann, in die Küche, den meine Mutter Renate erst letztes Jahr zu uns nach Hannover geholt hatte, nachdem Oma verstorben war und er auf dem Land einsam wurde.
Opa benahm sich still, seufzte nur meist, trank stundenlang Tee am Fenster, stöhnte in der Nacht und wanderte ziellos durch seine kleine Stube.
Furchtbar schwer, Kind, hier Fuß zu fassen. Ich gehör’ wohl doch mehr aufs Land. Bring mich zurück, knurrte er regelmäßig, aber meine Mutter blieb hart.
Hier kann ich besser auf dich Acht geben, Papa, und nach Potzlow zu fahren geht einfach nicht neben der Arbeit. Fall dir mal was ein, will ich doch in der Nähe sein. Nein, Papa, du bleibst hier! und dabei zog sie ihm die Zigaretten weg. Die Ärzte sagten doch: Schlecht für dich! Jetzt muss ich los, bin spät dran.
Kaum hatte sie uns verlassen, sank Opa an sein Fenster, starrte hinaus und runzelte die Stirn
Renate lebte ohne Mann da blieb ihr nur die Erziehung von mir und die Sorge um ihren Vater.
Ich hatte ein paar Mal versucht, auszuziehen und mein eigenes Leben zu starten, aber ständig passierte meiner Mutter irgendetwas: Sie wurde krank, fiel in ein Loch oder hatte plötzlich schlimme Sorgen so ging es immer wieder zurück nach Hause.
So lebten wir in dieser großen Altbauwohnung ein Geschenk von Papas galantem Abgang, als er mit Köfferchen verschwand und uns alles zurückließ
Nachdem meine Mutter irgendwann erkannte, dass ich nicht daran dachte, für Nachkommen zu sorgen oder noch schlimmer ihr seelisches Gleichgewicht zu sichern, beschloss sie, selbst das Heft in die Hand zu nehmen.
Ist doch heutzutage überhaupt nicht schlimm, Papa!, erklärte sie dem Opa. Es gibt noch Heiratsvermittlerinnen. Da geh ich hin, lasse mir jemanden empfehlen und dann läuft das doch fast von allein!
Opa Hermann, der gerade über seinem Rätselheft hing, ließ den Bleistift fallen, kroch unter den Tisch, angelte nach dem Bleistift und warf meiner Mutter dann einen langen Blick zu.
Renate, du tust ja so, als würdest du Viehzucht betreiben und nicht Maries Zukunft regeln! Was für Vermittler? Was für Abmachungen? Lass das Kind doch in Ruhe, bitte! Oder hast du nichts anderes zu tun? Komm, wir graben morgen erst mal Kartoffeln bei Nachbar Kroll da arbeitest du dich so müde, dass du die Idee mit dem Vermittler schon vergessen hast. Kommst du mit?
Papa! Marie ist deine einzige Enkelin! Und das ist dir egal, ja? Renate wurde schrill, bekam einen Hustenanfall, und Opa goss ihr ein Glas Wasser ein.
Sie trank schnell, dann fing sie wieder an:
Willst du, dass die Schröders nach uns aussterben? Marie wird bald vierzig
In zehn Jahren …, murmelte Opa.
Na und? Die Sauters haben die Enkel schon in der Schule, die Beckers … Papa, kennst du die Beckers noch? Ach, natürlich nicht! Die haben schon Nachwuchs, alles tipptopp. Nur wir sitzen hier, alles wie immer. Ich schäme mich schon, ins Bäckerladen zu gehen. Die Verkäuferin Gabi, die früher Marie schon mit sechs Brötchen verkauft hat, fragt jedes Mal, wann denn endlich Hochzeit ist. Ich winke dann nur ab
Sag ihr, das geht sie nichts an!, unterbrach Opa. Was mischt sich die Verkäuferin denn ein? Ungeheuerlich! Kauf dort kein Brot mehr, ich esse das eh nicht.
Er schob den Teller mit den goldbraunen Rosinenbrötchen von sich und drehte sich um.
Iss, Papa! Sie hat schon Recht: Wir sollten endlich was tun!, erwiderte meine Mutter und machte sich Gedanken, wo sie so eine Vermittlerin finden konnte
Klara, die Köchin aus der Betriebskantine, in deren Personalabteilung meine Mutter arbeitet, gab ihr dann den Tipp: Du musst zu Frau Käthe, Renate. Niemand versteht das Geschäft so wie sie!
Ist sie eine Fachfrau?, fragte meine Mutter und kaute an ihrem Brillenbügel.
Sie vertraute grundsätzlich nur Profis: einen Zahnarzt durfte nur aufsuchen, wer mindestens aus der Uniklinik kam, möglichst Professor; Musikunterricht bekam ich einzig von geprüften Absolventen, wenn auch dann nur von Frau Schmitt aus dem Erdgeschoss, die angeblich ihr Diplom verloren hatte. Und der Klempner nur mit Gesellenbrief, niemals Heinz der Tüftler…
Klar, auch eine Vermittlerin musste qualifiziert sein!
Nur, das dazu kann man eben nicht lernen, aber sie hat Erfahrung. War auch mal medizinisch tätig die kennt sich aus mit den Wehwehchen der Kandidaten, versicherte Klara.
Sehr gut bloß nichts Verstecktes unterschieben!, notierte Renate die Adresse und eilte, nachdem sie ihre Suppe ausgetrunken hatte, los ins Büro.
Ihr Kompott, Frau Schröder! flatterte die Bedienung ihr hinterher, rutschte auf dem nassen Boden beinahe aus.
Lass mal, keine Zeit! Ich will meine Tochter gut verheiraten, da kann ich keine Kompott-Flausen brauchen!
Frau Käthe öffnete mit schlauem Zwinkern, wirkte ein wenig beschwipst, oder, vielleicht bilde ich es mir auch bloß ein.
Ich bin Renate Schröder, wir hatten telefonisch einen Termin erinnern Sie sich?
Natürlich! Sie bringen die Ware, wir finden den Käufer, musterte mich Käthe kritisch, rückte das Blümchenmuster ihres Bademantels zurecht, nestelte eine Haarnadel tiefer in ihr aschblondes Haar.
Also, wohin gehts? Wo darf ich Ihre Kartei sehen? legte Renate die Ärmel hoch, als stünde sie am Melkeimer.
In Erwartung von Regalen voller Personalakten, Fotos von Männern für jeden Geschmack, mit Kurzprofilen und Gesundheitsauszügen aber Fehlanzeige. Im Wohnzimmer nur ein runder Tisch mit rotem Samttuch, an den Rändern ausgeblichen, die typischen Glasköpfe auf dem Klavier, Erinnerungen an Mozarts Büste ein Bericht aus Kindheitstagen. Bücherregal, Porzellan im Schrank, eine ausfransende Läufermatte
Also, setzen Sie sich und jetzt machen wir Geschäfte!, bedeutete Käthe und rückte den Stuhl zurecht.
Sie fragte alles über Marie ab: Ausbildung, Aussehen, von wo sie ihre Strumpfhosen kauft, woher die Unterwäsche, den Beruf, was sie abends und am Wochenende macht, ob sie ein Ferienhäuschen hat, liest oder musiziert
Ach, Marie ist eine hervorragende Pianistin, geht manchmal in die Staatsoper. Leider kein Klavier mehr, das mussten wir verkaufen , seufzte Renate traurig.
Wie bitte, verkauft? Völlig? Sind Sie pleite?, runzelte Käthe die Stirn.
Nein, als wir uns trennten, hat mein Exmann uns die Wohnung gelassen, ich habe ihm dafür also, mussten wir einiges verkaufen. Marie kann aber noch spielen, kein Problem! Haben Sie etwa auch Musikliebhaber in Ihrer Kartei? Das wäre ja wundervoll!
Ja ja wurde Käthe plötzlich ernst. Und will Ihre Tochter das überhaupt?
Was? fragte meine Mutter erschrocken.
Heiraten, natürlich! Ich arbeite nur, wenn auch ernsthaftes Interesse besteht! Die heutigen jungen Leute wollen doch alle keine Familie mehr! Rasen herum, rackern, am Ende sitzen sie abends allein in ihren Wohnungen und heulen. Das ist doch schlimm! Eigentlich sind die Frauen schuld daran!, lamentierte Käthe, holte ein Taschentuch hervor und schnäuzte laut.
Mama war völlig blass geworden.
Moment mal! Die Männer wollen doch heute auch lieber alleine bleiben. Meine Marie, mein Sonnenschein sie ist so fürsorglich, klug, bezaubernd! Aber sie ist halt sensibel Ich bin ja auch geschieden
Sie haben also das Klavier verkauft, damit Sie ihren Exmann auszahlen können…, unterbrach Käthe wieder und schüttelte den Kopf. Eine törichte Entscheidung!
Renate fuhr sich mit den Fingern übers Gesicht, in den Augen standen Tränen.
Hier, nehmen Sie eine Serviette Weinen Sie nicht!, drückte ihr Käthe ein Tuch in die Hand, schnäuzte in ihres, dann trommelte sie plötzlich auf den Tisch: Wir lassen unsere Familienlinie nicht einfach aussterben, egal wie die Zeiten sind! Auch wir haben ein Recht auf Enkelkinder, darauf, unsere Kinder glücklich zu sehen! Ja? Ja!
Ja, flüsterte Renate, fröstelte und hätte sich am liebsten in eine dicke Wolldecke gewickelt.
Dann ans Werk! Und Sie? Wie läufts bei Ihnen?, fragte Käthe plötzlich.
Bei mir? Ach, das ist nicht relevant. Mir gehts um mein Mariechen
Na gut. Ich habe hier einen Kandidaten: sehen Sie Markus. Abteilungsleiter, sehr geachtet, höflich und sanft. Und macht die beste Marmelade! Möchten Sie probieren?
Was?
Marmelade natürlich! Ich habe noch ein Gläschen
Kurze Zeit später saßen sie beim Tee, löffelten Marmelade aus Glasschälchen, lachten, und Käthe stimmte ein melancholisches Volkslied an von barfüßigen Kindern, rieselnden Birkenhainen und dem sehnsüchtigen Warten auf den Liebsten
Renate drückte sich die nächste Serviette an die Augen.
Sie sind eine gute Frau, Käthe. Meinen Sie, es klappt?
Käthe nickte nur.
…
So etwas können wir nicht leisten, Herr Weber! Sie überfordern die Belegschaft, das schafft keiner!, widersprach Marie, den Blick fest auf den Vorgesetzten der Produktion im Werk gerichtet. Das Fließband läuft am Limit. Wenn Sie die Quote hochsetzen
Da gibts nichts zu diskutieren, Frau Schröder. Die Vorgabe steht!, knurrte er zurück.
Gut dann landen meine Kündigung und die Hunderte anderer am Monatsende auf Ihrem Tisch. Marie raffte ihre Sachen zusammen, verließ das Büro.
Ihr Terminplan war eh voll: Mama hatte sie gebeten, in die Konditorei zu gehen, Kuchen zu holen. Stiefel mussten aus der Reparatur geholt werden, für Opa das Rezept beim Apotheker einlösen
Auf dem Weg kramte sie nach dem Rezeptzettel zum Glück gefunden. Hätte sie das verloren, hätts Ärger von Opa gegeben!
Am Werktor stand zur Überraschung ihr Chef schon wieder. Was wollte der nur ständig?!
Wohin so eilig, Frau Schröder?
Ich habe mich abgemeldet, Herr Weber. Muss zur Apotheke!, erwiderte sie und ließ ihm keine Gelegenheit zum Nachfragen.
Und morgen bitte Punkt zehn in meinem Büro Besprechung!
Marie winkte nur ab immer diese Leute!
Überall heute Gedränge: Apotheke, Bus, sogar vor der teuren Konditorei. Aber Mama wollte ja unbedingt DIE, die mit den roten Beeren und der Sahne
Und, wiedersehen!, zuckte Marie zusammen, drehte sich um.
Sie? Was machen Sie hier? Sie wollten doch noch Papierkram erledigen!
Ich hatte auch noch Besorgungen. Meine Mutter wollte, dass ich ihrer alten Bekannten beim Fernseher helfe. Ich bin gelernter Elektroniker Ach egal. Ach, lassen Sie mir doch bitte auch ein Stück von den Törtchen!, rief Markus, aber die Verkäuferin reichte die letzte Packung bereits Marie.
Tut mir leid, die Dame hat schon bezahlt nehmen Sie doch die Heidelbeer-Törtchen!
Markus seufzte. Immer ist die Schröder schneller!
Viel Süßes ist ungesund! Und was sagen Sie, wollten Sie nicht in die Apotheke?, hielt er Marie die Tür auf. Oder etwa zum Besuch bei Freundin?
Das geht Sie nichts an. Lassen Sie mich in Ruhe! Marie stapfte davon, Markus bog in eine Seitengasse ab.
…
Renate kämpfte in der Zwischenzeit, Opa endlich aus der Jogginghose in eine anständige Hose und ein schickes Hemd zu bringen gar mit Krawatte!
Warum denn, Renate? Mir passt das doch!, maulte er.
Aber Papa! Bitte! Wir müssen einen guten Eindruck machen!, bettelte Renate.
Wozu guter Eindruck? Zieh die Hose wieder weg! Beerdigen wirst du mich eh mal drin…!
Papa! Es kommen Gäste, ein wichtiger Gast! Ich will
Du willst immer so viel. Du siehst übrigens gut aus, Renate, hast abgenommen Sag mal, wo sind unsere Schachfiguren? Spielen die Gäste Schach?
Woher soll ich das wissen?! Ist doch nicht der Grund heute Papa!
Doch Opa war schon mit Leidenschaft in der Abstellkammer auf Tauchgang gegangen: Hab sie gefunden! Renate, komm, wir spielen!
Renate hatte natürlich keine Zeit, eilte in die Küche vorbereiten, vorbereiten
Marie kam zum Glück pünktlich, rief Opa, reichte ihm die Medizin und blieb kurz auf dem Stuhl sitzen, um durchzuatmen.
Bist müde, mein Jungchen?, fragte Hermann. Renate! Marie hat deine Lieblingstörtchen mitgebracht. Deine Mutter treibt mich noch in den Wahnsinn hat mich aufgebrezelt und will, dass ich keine Sardinen öffne, das riecht angeblich. Wen erwarten wir eigentlich?
Marie zuckte die Schultern.
Kommt wohl eine Freundin Kein Grund, Opa!, tröstete sie ihn, aß ein Stück Kuchen und setzte sich zum Schach.
Opa nickte, stellte die Figuren auf, aber Renate stürmte rein.
Marie! Hilf mir, schneid mal die Wurst auf, bitte! Du siehst blass aus! Trag etwas Rouge auf und lass das Nägelkauen!, zischte sie.
Hör doch auf! Du hast dich selbst aufgeheizt Wen erwarten wir? Sag schon!, polterte Hermann.
Nicht so wichtig. Kommt gleich jemand, dann trinken wir Kaffee zusammen. Marie, hilf bitte.
Die Frauen verschwanden in der Küche, Hermann sah aus dem Fenster. Was hatte Renate bloß wieder ausgeheckt?! Hätte er doch bloß naja, vielleicht ist es gut, dass er bei ihr wohnt, kann wenigstens helfen
Opa wurde zum Türöffnen abkommandiert.
Er zupfte an seinem dünnen Haar, räusperte sich, riss die Tür auf, wollte fast aufstampfen wie ein Husar, aber es tat bloß weh im Pantoffel.
Willkommen in unserem Hause! Ich bin Hermann Schröder, der Vater. Und Sie sind?
Klar hörte man in der Küche schon Gelächter und Schritte.
Renate strahlte sofort: Guten Tag! Wir freuen uns sehr! Ich bin Renate. Das ist meine Tochter Marie. Marie, nimm doch das Geschenk vom Gast! Was für eine hübsche Schachtel! Danke! Wir setzen uns gleich alle hungrig von der Arbeit! Marie, warum stehst du so?
Guten Abend, Frau Schröder, lächelte Markus.
Marie nickte nur, drehte sich weg.
Sie kennen sich?, fragte Renate irritiert.
Aber sicher! Wir arbeiten zusammen. Also, der Fernseher funktioniert offenbar doch?, Markus legte die Heidelbeer-Törtchen auf den Tisch und warf prompt die Salzstreuer um.
Opa atmete tief durch klar, das bringt Streit.
Arbeitet ihr zusammen? Marie, bist du sein Boss? Fernseher der spinnt tatsächlich!, hakte Renate nervös nach.
Dann schauen wir nach. Wäre meine Mutter nicht so entschlossen, einer Freundin zu helfen also Ihnen, Frau Schröder , hätte ich keine Zeit hier für das, Markus wusste selbst nicht, warum er ärgerlich war.
Was solls? Passiert doch jedem mal bei Zufallstreffen… Oder nicht?
Wo ist ihr Fernseher? Ich habe keinen Hunger!, grummelte Markus.
Bei Opa im Zimmer, sagte Marie leise. Herr Weber, es ist nicht, was Sie denken! Ich wusste von nichts! Sonst hätte ich meiner Mutter das ausgeredet!
Ja klar, ich bin nicht mal zu blöd, Fernseher zu reparieren, oder?, zischte er, marschierte ins Nebenzimmer.
Marie, warte doch wir machen das schon, hielt Opa sie zurück.
…
Markus werkelte am Fernseher herum, Opa reichte Werkzeug, Markus schnaufte.
Schön wäre ein Staubsauger! Wir reinigen kurz, dann geht das wieder, murmelte er.
Na klar, besorge ich!, flitzte Hermann los. Vielleicht wird ja heute wenigstens etwas Friede einkehren.
Kaum war Opa draußen, schnappte sich Renate das Telefon.
Frau Käthe? Hier ist Renate. Wie nennen Sie das? Streit! Die beiden arbeiten zusammen und wissen nichts voneinander! Das haben Sie mir verschwiegen. Und jetzt Ihr Sohn? Das haben Sie mir nicht gesagt. Sie sind Vermittlerin, keine Privatmutter Sie haben mich betrogen! Kommen Sie bloß nicht vorbei! Nein, regeln Sie das nicht, fauchte sie ins Telefon, schaute Marie an.
Marie war den Tränen nahe.
Mama, ich will nicht heiraten, nicht so, wie es dir passiert ist. Ihr habt mich jahrelang in euer Drama verwickelt, mir mein Klavier verkauft und nie etwas erklärt.
Renate wollte etwas sagen, doch Marie schüttelte nur den Kopf.
Jetzt ist alles gesagt. Du hast deine Geschichte, ich meine. Papa ist längst neu verheiratet, bei dir bin ich geblieben. Du hast mich durchs Leben geschleppt, jetzt möchtest du mein Glück regeln aber ich brauche das nicht, Mama.
Renate schwieg, sah ihrer Tochter beim traurig Essenn zu.
Da klingelte es an der Tür Marie öffnete.
Guten Abend. Sie müssen Marie sein? Was haben Sie an meinem Sohn auszusetzen? Einen so netten, anständigen Mann wie Markus finden Sie sonst nirgends! Oder sind Sie die Marie, die ihn ständig bei der Arbeit kontert? Ach, alles klar Wie klein die Welt ist!
Opa hörte das im Flur, ahnte Unheil.
Mein Markus schläft schlecht, isst kaum, und das nur ihretwegen! Renate, hätte ich gewusst, wer Ihre Tochter ist, empörte sich Käthe, zeigte auf Marie.
Was soll das heißen, Sie hätten es nicht gewollt? Sie sind Vermittlerin Ihr Job! Und Sie haben jetzt extra Markus ins Rennen geschickt, weil Sie gehört haben, wie toll Marie ist! Wo sind die anderen Kandidaten?
Es gibt keine anderen! Ich bin gar keine Vermittlerin, ehrlich!, rief Käthe rot im Gesicht. Klara, die Köchin, ist unsere Gartennachbarin, von ihr habe ich alles. Sie sind also auch nicht besser!
Sie zankten ein Weilchen weiter, aber langsam gingen ihnen die Argumente aus. Am Ende war klar: Klara, die Köchin, war an allem schuld.
Marie zog Markus am Ärmel.
Kommen Sie, laufen wir eine Runde. Opa passt schon auf Ihre Mütter auf. Mutti, beweg dich mal rüber
Renate und Käthe blickten aus dem Fenster nach draußen, sahen, wie ihre Kinder durch den Hof schlenderten sprachen sie jetzt?
Ein wehmütiger Seufzer vereinte die Frauen, Opa verstand nicht recht.
Werden wir heute noch essen? Habe ich umsonst mein bestes Hemd angezogen?!, polterte Opa. Was ihr Mädchen für eine Unruhe stiftet! Da hätte man die beiden besser einfach zufällig zusammengebracht. Nun ja, jetzt schmeißt Markus meine Marie vielleicht raus. Und alles ist futsch!
Ach, wird schon werden!, seufzte Käthe, legte sich einen Finger auf die Lippen. Wir wollten doch nur das Beste
…
Draußen fragte Markus: Was hat es wirklich mit dem Klavier auf sich? Frau Schröder, warum sind Sie so? Unsere Mütter hatten wohl dieselbe Idee
Ach Sie habens nicht begriffen? Ihre Mutter versucht seit Jahren, Sie zu verkuppeln?, konterte Marie.
Sie schickt mich ständig zu irgendwelchen Freundinnen, Nachbarinnen, zu denen soll ich Fernseher reparieren und jedes Mal läuft da ein Heirats-Kandidat herum. Selbst einmal war es eine sehr reife Dame! Na vielleicht haben Sie ja recht: Ich hoffe insgeheim auf einen Zufallstreffer.
Und Sie finden wirklich keine Frau? Oder haben Sie gar kein Interesse?, kam Marie heraus.
Im Ernst: Ich will schon Familie! Aber jemanden gegen dessen Willen verheiraten das ist doch Unsinn. Die Dame, die ich im Blick habe, hasst mich sowieso, Markus schnaubte.
Ewiger Junggeselle also? Prinzipientreu?, lachte Marie.
Nein. Ich habe meine Traumfrau längst gefunden. Sie weiß es nur noch nicht.
Warum heiraten Sie nicht? Ach, Sie sind für offene Beziehungen prima, sehr bequem!
Im Gegenteil. Ich will eine richtige Familie. Aber wenn sie mich nicht will, kann ich sie nicht zwingen.
Markus lief vornweg, Marie kam kaum hinterher.
Herr Weber! Warten Sie doch! Ich komme nicht nach!, rief sie leise, fast kindlich ängstlich.
Markus drehte sich um.
Aus dem Gebüsch watschelte ein massiver Bulldogge, quadratischer Kopf, fleischige Muskeln stellte sich drohend vor ihnen auf, knurrte nur leise.
Ich fürchte Hunde, flüsterte Marie, ballte die Fäuste.
Ich auch, sagte Markus, pfiff leise, der Hund schaute verwundert, dann wedelte er leicht mit dem Schwanz und verzog sich wieder.
Marie schlüpfte hastig an Markus’ Seite.
Danke, wisperte sie, schaute immer wieder zurück.
Gern geschehen. Ich habe Sie beschützt jetzt könnten Sie mich heiraten!, grinste Markus, zog zwei Bonbons aus der Tasche.
Marie wurde rot Diese Direktheit! Nimmt sie jetzt die Süßigkeit und ist gleich verlobt?
…
Zuhause war inzwischen alle Versöhnung gelungen. Opa erzählte Geschichten, die Frauen kicherten, auf dem Tisch stapelten sich Törtchen mit Sahne und Beeren, die ganze Wohnung roch nach Kaffee und Vanille.
Marie, etwas Hähnchen? Du hast noch nichts gegessen, fragte Renate leise.
Markus, bleib bei uns. Lass uns alles vergessen, flehte Käthe.
Na kommt schon, setzt euch an den Tisch!, meinte Opa und krempelte erst die Ärmel, dann verschloss er sie wieder brav immerhin, es war ein Treffen mit Aussicht!
…
Marie und Markus heirateten ein halbes Jahr später. Sie stritten nicht mehr im Büro, sondern nur noch liebevoll zu Hause, machten im Sommer Marmelade und fuhren im Winter Ski.
Auch Renate und Käthe wurden beste Freundinnen, gingen zusammen ins Museum, Theater oder einfach in den Herrenhäuser Gärten spazieren, manchmal nahmen sie Opa mit, der sie mit Eis und Bootsfahrten verwöhnte. Die Frauen sprachen immer wieder über Enkel Opa aber gebot Einhalt, das sei vorerst nicht ihr Thema!
Und Klara? Die sieht sich selbst immer noch als die dienstbeflissene Glücksbotin. Die Hundedame war natürlich von ihr, die hat sie nachher lange gesucht.
Sagt einer noch, die Köchin taugt nur für Eintopf ich bin ein heimlicher Amorkoch in weißer Haube!, ist sie überzeugt. Und ein Danke bekommt sie ohnehin viel zu selten typisch!
So ist das eben bei uns Schröders.





