Betrüger und Trickbetrüger: Auf Spurensuche im deutschen Alltag

Betrüger

Hildegard Schulze wusste ganz genau: Überall nur Betrüger. Hinter jeder Ecke lauerten sie, jederzeit bereit, ihr ein Abo aufzuschwatzen, sie auszunehmen, ihr was anzudrehen, sie zu verwirren, in ein Gespräch zu verwickeln und am Ende ohne einen Cent dastehen zu lassen.

Das hatte ihr Egon immer gesagt. Seitdem er in seiner Zweizimmerwohnung in der Nähe vom Berliner Hauptbahnhof wohnte, rief er seine alte Tante Hildegard jeden Abend an erst fragte er routiniert nach dem Wetter, dem Blutdruck und ob sie auch brav Fencheltee trank, dann wies er sie mit seinem Halt durch, Hilde! darauf hin, dass man niemandem trauen dürfe, niemandem.

Leg SOFORT auf, wenn wer anruft, verstanden? SOFORT! Sag am besten gar nichts. Sag kein ‘ja’ und kein ‘nein’! Sonst nehmen die deine Stimme auf und machen hundert Kreditverträge auf deinen Namen. Du hast doch die Wohnung hier in Mitte, Oma Hildchen! Und genau dahinter sind die her!

Aber Egon, wer sind DIE denn? flüsterte Hildegard Schulze panisch in den Hörer und sah zur Wohnungstür, ob der Riegel auch wirklich zu war.

Sie hatte viel überstanden: Nachkriegszeit, Wirtschaftswunder, RAF-Hysterie, skrupellose Makler, die am Kudamm mit dicken Zigarillos standen, Garagenbrände im Hinterhof, Streit im Nachbargarten alles erlebt. Hildegard dachte, jetzt sei endlich Ruhe, das beste Deutschland aller Zeiten! Tja. Offenbar nicht. Das sogenannte moderne Leben wurde immer gefährlicher und für Leute wie sie erst recht.

Im Supermarkt hielt Hildegard die Hand so an ihre Tasche, dass jeder Taschendieb zappeln konnte; zu Hause studierte sie die Bons unter dem Vergrößerungsglas, runzelte die Stirn und überlegte, wann und weshalb sie Hackfleisch gekauft haben sollte. Im Fernsehen warnte die sonor dreinblickende Sprecherin: Neue Betrugsmasche! Senioren im Visier! Hildegard zuckte dann zusammen, eilte zur Tür, kontrollierte den Riegel und starrte streng aufs Telefon. Sollte jemand anrufen sie würde garantiert nicht rangehen! Sie ließ sich doch nicht übers Ohr hauen! Alles Betrüger, aber Hildegard würde es ihnen schon zeigen!

In ihrem Umfeld vertraute sie nur den Nachbarinnen: Margrit Hagedorn, pensionierte Buchhalterin, Bärbel, die mit den zwei kleinen Jungs vom dritten Stock, und Ilona Franke, Lehrerin a.D.

Diese drei Damen waren für ihr das Bollwerk gegen den Irrsinn, der draußen herrschte Beweis dafür, dass es noch ehrliche, nette Menschen gab, auf die man sich verlassen konnte.

Margrit grüßte Hildegard immer freundlich im Treppenhaus, fragte nach ihrem Ischias und erzählte lustige Geschichten von den Amseln vorm Fenster. Hildegard nickte nur betrübt.

Was schauen Sie heute wieder so traurig, Frau Schulze? Gucken Sie mal, wie die Spatzen im Hof baden! Richtige Lausbuben, das sind Lausbuben! Margrit grinste, während die kleinen, zerzausten Piepmätze im Pfützenwasser plantschten. Und haben Sie die Krokusse gesehen, beim Edeka?

Hildegard nickte wieder. Schön, dass noch jemand Edeka Konsum nennt, wie früher, als es da die besten Frikadellen gab, die sie ihrem verstorbenen Gatten Willi brät oder zumindest vortäuschte, sie hätte sie selbst gemacht. Vielleicht hat Willi das sowieso gemerkt, aber wenigstens hat er immer so getan!

Und sie respektierte Margrit dafür, dass sie die Zeit der Maidemonstrationen, rote Fähnchen, jubelnde Menschen noch kannte. Daran hielt sie fest!

Ja, Margrit, wunderschön. Aber weißt Du, das Leben IST gefährlich. Es ist zum Fürchten! Hildegard drehte den Kopf schief und seufzte schwer.

Was ist denn los? Margrit setzte sich neben sie auf die Bank, rückte ihr Oma-Tweedjäckchen zurecht. Sie sind ja ganz zittrig, Frau Schulze!

Mir hat wieder einer angerufen. Diesmal hat er nichts gesagt. Hat nur geatmet. So schrecklich geatmet!

Wer denn?

Na, die Betrüger! Egon sagt, die lauern nur auf alte Alleinstehende wie mich. Ich hab doch die Wohnung In Mitte Hildegard zog den Kopf ein, ihre braunen Locken zitterten.

Ach, wissen Sie mir ruft auch oft jemand vom Sozialamt oder von der Reinigung an, dabei hab ich da lang nichts mehr abgeholt. Ich sag höflich tschüss und gut ist! Was machen Sie sich so verrückt?

Man kann gar NIEMANDEM trauen! ÜBERALL Betrüger! Margrit, ich hab einmal aus Versehen JA gesagt am Telefon Egon hat es VERBOTEN, aber ich habs gesagt, wie Willi immer am Telefon war. Weißt du noch? Schulze, hallo! Ach, ich vermisse Willi so! Und jetzt hab ich alles ruiniert!

Ach Quatsch. Margrit streckte die Beine, drehte die Füße in der Luft. Wer wem was glaubt, wird eh überbewertet. Ich werde jedenfalls nicht verrückt dabei!

Aber sie kommen bald, um meine Wohnung zu holen!

Margrit wurde sanft, aber bestimmt. Niemand nimmt Ihnen die Wohnung. Klar, bisschen vorsichtig sollte man gerade heutzutage schon sein Aber Egon übertreibt maßlos.

Hildegard schluchzte: Aber Egon ist mein guter Junge! Er meint es doch nur gut. Heute ist ja alles gefälscht! Sogar die Blutdrucktabletten Ihre kleinen Hände ballten sich zu zarten Fäuschen.

Ach, Ihr Egon will doch nur die Wohnung genau wie seine Frau, die wie hieß sie gleich? Flieder oder so?

Lilie. Heißt sie jetzt. Früher hieß sie Sabine, aber in Berlin ist das jetzt wohl ein Künstlername. So ist das heute!

Lilie war Egons Frau groß, dürr, blond, mit künstlichen Nägeln, die als Notfallwerkzeug durchgehen konnten. Sie wollte unbedingt eine eigene Wohnung in Mitte, möglichst mit Stuck und Balkon, und Egon umkreiste sie wie ein Satellit, kaufte ihr veganen Frischkäse und Massagesessel. Sie hofften, dass die Tante, sobald sie nicht mehr auf dieser Welt weilte, ihnen großzügig die Wohnung hinterlasse. Aber Oma Hildegard weigerte sich standhaft. Mutter sagte immer, das bleibt in der Familie!

Egon, erklärs mir! Warum ist die so stur?, jammerte Lilie.

Wenn Lilie ihre schrägen Freunde in die Untermietswohnung mitbrachte, bedeutete das Ausnahmezustand: Überall leere Flaschen, Zigarettenglut im Blumentopf, abstrakte Maler grinsten über ihre eigenen schlechten Witze und demolierten das Sofa. Lilie tat so, als wäre sie auf einer Vernissage dabei war das Wohnzimmer grad mal 17 Quadratmeter groß.

Eines Abends eröffnete sie vergnügt: Egon, das hat doch keinen Zweck so! Du musst endlich mit der alten Frau klären, dass wir die Wohnung kriegen! Sonst gibts Schimmel im Kühlschrank und Mehltau an der Liebe

Egon verdrehte die Augen, als er im Treppenhaus stand. Unten strengten sich die Nachbarinnen sichtlich an, nicht dem neuesten Klatsch zu lauschen.

Später, als die Party vorbei war, schwor Egon Lilie, dass nächste Woche endlich der Notartermin sei. Ich hab doch fünf Jahre immer nur zugehört da hab ich doch jetzt wohl ein Recht drauf!

Na klar, Egon, mein Goldstück du bist der Einzige, der was verdient hat, murmelte Lilie schläfrig.

Vor dem Notartermin rief Egon bei Hildegard an. Nichts. Sie hob nicht ab. Auch als sie zur Wohnung fuhren Egon, Lilie und Herr Dr. Mayerhofer, der Notar im Rollkragen und Bleistiftmiene keiner kam rein. Die Klingel blieb stumm. Sie ist bestimmt zu Margrit gegangen, grummelte Egon.

Oben angekommen: Komisch, der Schlüssel passt nicht mehr! Was soll das?
Hildegard antwortete durchs Türguckloch: Ich hab das Schloss tauschen lassen. Sie wissen schon, man kann ja nie wissen. Margrit und die anderen Mädels fanden das auch angebracht. Ihre Stimme wurde fest fast stolz.

Hilde! Sei vernünftig, ich bin’s doch, Egon!, flehte er.

Zu spät! Ihr seid Betrüger. Ihr bringt noch den Notar und die Lilie mit und wundert euch? Nein, ich habe jetzt ein Handy! Danke Margrit, danke Bärbel, danke Ilona!

Hildegard hörte den Notar schon in den Flur zurückrudern, Lilie rauschte hinterher und Egon blieb zurück.

Hildegard öffnete die Tür: Na, willst du Suppe? Ist noch genug da dein Notar wird sicher irgendwo in Charlottenburg noch was Anständiges kriegen.

Wortlos schleppte sich Egon zum Küchentisch, starrte auf das Bild von Onkel Willi der immer so kritisch guckte.

Hol den Willi mal vom Flur, hier auf dem Küchentisch sieht er mehr!

Egon gehorchte. Hildegard schöpfte Suppe: Und weißt du was, Egon? Die Wohnung die kriegt jetzt die Jenny! Die Tochter von meiner Cousine Ottilie, weißt du noch, die immer Quarkkuchen gebacken hat. Jenny hat mich im Krankenhaus besucht, als du grad keine Zeit hattest. Nette Frau, wird sich kümmern!

Egon erstarrte: Aber aber das ist doch nicht fair! Ich hab dich doch gewarnt, dass alles Betrüger sind!

Ach, Egonchen. Hildegard lächelt milde. Du hast ja Recht es gibt Betrüger. Aber es gibt eben auch Leute wie Jenny oder Margrit. Die Welt ist nicht nur schlecht.

Das Telefon klingelte Hildegard strahlte: Jenny? Ach hallo, ihr seid gut angekommen? Ihr geht zur Alten Nationalgalerie? Mensch, ich weiß gar nicht, was ich anziehen soll, aber

Während Hildegard plapperte, rutschte Egon vom Stuhl, nickte Onkel Willi zu und verließ die Küche. Die sah wirklich toll aus, groß, mit cremefarbenen Vorhängen. Aber nun sie war eben nicht seine.

Betrüger!, murmelte Egon, ballte die Faust und schlich zur Tür. Vielleicht, ganz vielleicht, war es Onkel Willi, der ihn unsanft hinauskomplimentierte.

Draußen auf der Bank rauchte Lilie verdrießlich. Na Egon, die Wohnungsbesitzerin hat mich eben angerufen raus müssen wir, ab morgen. Nachbarn haben sich beschwert

Egon sog tief durch und seufzte. So ist das mit dem Pech: Es kommt immer im Rudel.

Jetzt müsste er mal durchgehen, ob er noch weitere Seniorenverwandte in Berlin hat. Ideen kamen, Plan B wurde geschmiedet. Denn am Ende sind die Deutschen doch erfinderisch auch, wenn sie über zu viele Betrüger meckern.

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Homy
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