Den Schuldigen ausfindig zu machen, ist gar nicht so einfach. Die Kinder, die voller Eifer an die Isar gerannt sind, haben vergessen, den Papagei in seiner Voliere zu sichern. Als Oma Gertrud schließlich vom Einkaufen zurückkam, riss sie schwungvoll das Fenster auf. Die Konsequenz: Als wir am Abend nach Emil, unserem prachtvollen Amazonenpapagei, sehen wollten, mussten wir feststellen, dass er spurlos verschwunden ist. Drei Tage und drei Nächte haben wir, alles andere stehenlassend, das gesamte Kleingartengebiet in der Nähe von München durchkämmt, um unseren verlorenen Liebling zu finden jedoch vergeblich. Emil blieb wie vom Erdboden verschluckt. Die Kinder weinen bittere Tränen, Oma seufzt unentwegt Ach du meine Güte!, während mein Mann und ich unseren Ärger mal bei den Nachbarn, mal bei den Kindern ablassen.
Unsere eigene Hündin, die Airedale-Terrier-Dame Lotte, lässt sich in diesen Tagen ohnehin nicht auf jemanden hetzen. Lotte ist tieftraurig. Sie reagiert nur noch, wenn es an der Tür klingelt: Sie springt mit lautem Bellen in den Flur, doch nach wenigen Sekunden verstummt sie, schaut verwirrt um sich und trottet mit hängendem Kopf zurück auf ihre Decke. Ganze vier Jahre lang wurden unsere Besucher stets von einem vierstimmigen Chor begrüßt. Emil bellte so täuschend echt, dass es manchmal schien, als könne er es besser als Lotte selbst.
Das Hundegebell war Emils erste Papageiennummer. Als noch ganz junges im wahrsten Sinne des Wortes grünes Küken, hat sich Emil darauf spezialisiert, die Katze Minna zu drangsalieren. Er schlich sich an die zusammengerollte Minna heran und bellte ihr mit voller Kraft ins Ohr. Minna zuckte erschrocken hoch, miaute herzerweichend, woraufhin Lotte mit wütendem Gebell herangeeilt kam und schon war das Chaos perfekt.
Minna tolerierte Emil meistens, wenngleich man manchmal den Eindruck hatte, es koste sie sehr viel Geduld. Lotte dagegen liebte den frechen Vogel ehrlich und aufrichtig. Er saß wortwörtlich auf ihrem Kopf meist, um ihr mit Omas strenger Stimme zu erklären:
Wer isst den Haferbrei noch auf?
Und nach einer dramatischen Pause fügte er im Tonfall der empörten Oma hinzu:
Wir sind doch kein Schweinestall!
Lotte quittierte Emils Ausführungen meist so, wie Kinder auf Großmutter-Rede reagieren: überhaupt nicht. War Emil zu aufdringlich, schüttelte sie ihn kurzerhand ab, oder schob ihn sanft mit ihrer rauen Hundezunge beiseite.
Emils Verschwinden war für alle außer Minna ein Schock. Nach etwa zwei Wochen, als wir uns gerade mit dem Gedanken abgefunden hatten, unseren kleinen Quasselkasper nie wiederzusehen, machten Gerüchte im Dorf die Runde. Die Krähen, die im Obstgarten ihr Unwesen trieben, hätten Zuwachs bekommen: Ein neuer, auffallend grüner Krähenvogel mit knallrotem Kopf sei besonders frech. Nicht nur, dass er laut krächzte er könne regelrecht bellen und sogar in echtem Menschenton schimpfen! Unser Hoffnungsschimmer drohte aber zu zerbrechen: Solche Ausdrücke ja, die kannte unsere Familie auch, aber möglichst fiel so ein Wort niemandem laut heraus, schon gar nicht vor Emil. Doch wir dachten, in der Freiheit lernt auch ein Papagei schnell neue Wörter, so wie Minna Flöhe fängt und suchten neu nach unserem ausgebüxten Genie.
Nach etwa zehn Tagen hatten wir Glück. Ich beugte mich gerade im Gemüsegarten über die Erdbeeren, als mir plötzlich eine vertraute Stimme zuflüsterte:
Na, was gibt’s?
Da saß mein Emil auf dem Kirschbaum, von mehreren schwarzen, krächzenden Freunden umgeben, die sich an den Kirschen gütlich taten.
Emilchen, komm her, mein Junge. Die Mama hat so leckere Sonnenblumenkerne für dich.
Emil legte den Kopf schief, überlegte sichtlich.
Emil, alle vermissen dich: Papa, Klara und Moritz, und natürlich auch Lotte. Komm zu mir, mein Kleiner
Langsam und vorsichtig strecke ich meine Hand zum Ast aus. Gerade als ich beinah soweit bin
Ach, diese Nachbarskinder! krächzte Emil im Ton des Vorsitzenden unseres Schrebergartenvereins und flog mit seinem Gefolge davon.
Emil lebte sein neues, wildes Leben bis zu den ersten Frösten weiter. Er tauchte ab und zu in der Nähe des Hauses auf, ließ sich aber zu nichts überreden. Unsere Lockrufe und Bitten konterte er mit gemäßigtem Krähen und flog wieder davon.
Im späten Herbst sah man Emil immer öfter allein. Er saß traurig und aufgeplustert auf dem Gartenzaun oder in den Bäumen, aber ließ sich nicht einfangen. Da setzten wir die große Nummer ein: Lotte. Was Lotte ihm ins Ohr geflüstert hat, bleibt ihr Geheimnis aber wenig später marschiert Emil mit stolz erhobenem Kopf, auf Lottes Rücken reitend, wieder ins Haus ein.




