„Überraschung!“, rief die Verwandtschaft, als sie unangemeldet zu meinem runden Geburtstag erschien. „Ganz meinerseits“, entgegnete ich. – „Überraschungen bezahlt bei uns derjenige, der sie veranstaltet.“

Überraschung!, rief die Verwandtschaft, als sie unangekündigt zu meinem runden Geburtstag erschien. Ganz meinerseits, erwiderte ich ruhig. Die Überraschung bezahlt immer der, der sie macht.

Annegret strich den Träger ihres smaragdgrünen Kleides vor dem Spiegel zurecht, betrachtete ihr Spiegelbild kritisch und war zufrieden mit sich. Vierzig. Für manche eine gewaltige Zahl, für Annegret bedeutete es Freiheit, finanzielle Unabhängigkeit und endlich die Fähigkeit, ein klares Nein auszusprechen.

Anni, das Taxi wartet schon, rief Ralf aus dem Flur, den Blick offen bewundernd auf seine Frau gerichtet. Wirklich niemand eingeladen?

Ralf, das hatten wir doch geklärt, griff Annegret nach ihrer Clutch. Keine Gäste, kein Kochen, kein mach mal noch den Kartoffelsalat und kein wo sind meine Hausschuhe? nur du, ich, ein schickes Restaurant und vollkommene Ruhe. Ich will einfach ein Steak essen, ohne deine Mutter, die mir erklärt, wie man richtig kaut.

Ralf lachte. Er kannte das Verhältnis von Annegret zu Waltraud nur zu gut über Jahre ein stiller Kleinkrieg: eisige Phasen, unterbrochen von Salven ungefragter Ratschläge.

Abgemacht. Dein Tag, deine Regeln, stimmte er zu.

Das Restaurant Zum Goldenen Pfau war mit Bedacht gewählt: edel, stuckverziert, schwere Samtvorhänge und Preise, die jeden Durchschnittsdeutschen ins Schwitzen brachten. Der perfekte Ort, um sich als Königin des Abends zu fühlen.

Sie betraten den Saal, erwarteten einen gemütlichen Tisch am Fenster. Der Oberkellner, mit breitem Lächeln, führte sie jedoch mitten in den Raum nicht ans Fenster.

Ihr Tisch ist bereit, säuselte er und deutete auf die Mitte des Saals.

Annegret erstarrte: Anstelle einer ruhigen Ecke stand eine lange, festlich gedeckte Tafel für zwölf, und sie war alles andere als leer.

Am Kopfende thronte Waltraud, ganz in Lurex gehüllt. Direkt daneben schaufelte Onkel Hubert, ein entfernter Cousin, den sie nur selten sah, Kaviar in den Mund. Auf der anderen Seite tupfte Schwägerin Birgit dem Jüngsten den Mund ab während der siebenjährige Felix mit der Gabel Polster vom antiken Stuhl bearbeitete.

Überraaaaschung!, rief Waltraud, ihre Stimme durch jahrzehntelange Arbeit im Einwohnermeldeamt geschult.

Der ganze Saal blickte auf. Ralf wurde blass und warf seiner Frau einen Blick zu. Annegret schwieg, doch in ihren Augen blitzte jenes eisige Licht, das immer einen stillen Feldzug ankündigte.

Mama? Was macht ihr hier?, murmelte Ralf.

Na was wohl?, breitete Waltraud die Arme aus und verhinderte beinahe, dass der Sektkelch am Tisch blieb. Meine liebste Schwiegertochter hat doch heute Geburtstag! Glaubst du wirklich, wir lassen das arme Ding alleine? Wir sind doch Familie! Setzt euch zu uns, wir haben schon angefangen, als wir gewartet haben.

Annegret trat langsam an die Tafel. Der Tisch bog sich unter Saiblingsfilet, Wurst- und Schinkenspezialitäten, guten Wein- und Cognacflaschen, und Austern, denen Onkel Hubert misstrauisch, aber durchaus interessiert begegnete.

Waltraud, sagte Annegret ruhig, wir hatten für zwei reserviert.

Ach, sei doch kein Muffel!, winkte Birgit ab und schenkte sich Wein nach. Mama hat angerufen und mehr Gäste angemeldet. War zwar ein kleiner Eklat, aber jetzt sitzen wir doch bestens! Sag mal, Anni, muss das Kleid so viel Rücken zeigen? Mit vierzig sollte man nicht mehr alles zeigen, die Haut ist ja nicht mehr wie ein Pfirsich.

Birgit, du hast Mayo am Kinn, bemerkte Annegret mit frostigem Lächeln. Und dein Sohn kippt gerade die Sauce auf den achten Teppich.

Das Scheppern von Porzellan bestätigte ihre Worte. Felix hatte die Vase mit den Blumen vom Tisch gestoßen.

Ach, halb so wild, übertönte Waltraud das Klirren. Scherben bringen Glück! Kellner, noch einen Krabbensalat bitte dann die Hauptgänge!

Annegret setzte sich. Ralf schrumpfte sichtlich auf seinem Stuhl, im Bewusstsein um den messerscharfen Blick seiner Frau.

Ihr habt mir also eine Überraschung organisiert, meinte Annegret ruhig, während sie die Serviette entfaltete.

Natürlich!, griff Waltraud nach dem dritten Stück Saiblingsfilet. Wir wissen, du bist immer sparsam, machst alles selbst. Aber heute, sollst du feiern! Hubert kam extra aus Bielefeld, hat sich freigenommen.

Knochen kaputt vom LKW, brauch echt mal Pause, antwortete Hubert. Der Wein hier ist super, Anni. Nicht wie dein Durcheinander zu Silvester.

Die Dreistigkeit der Gäste steigerte sich. Birgit diskutierte laut, dass Annegret unbedingt noch ein Kind haben sollte die Uhr kuckuckt schon! Karriere ist eh was für Männer, Frauen gehören an den Herd. Waltraud pflichtete eifrig bei und bestellte durchweg die teuersten Gerichte.

Ich nehme Hummer, verkündete Schwiegermutter. Noch nie probiert. Und Birgit auch. Die Kinder kriegen den größten Eisbecher!

Mama, das ist richtig teuer, flüsterte Ralf.

Papperlapapp!, fuhr sie ihn an. Deine Frau hat doch Geburtstag, also sei mal großzügig!

Die Eskalation kam nach einer Stunde. Waltraud, gerötet vom Wein, erhob das Glas, klopfte an:

Annegret, begann sie mit spitzer Stimme, du bist jetzt vierzig. Der Frühling ist vorbei, weißt du. Ich wünsche dir, dass du aufhörst, ständig nur an dich zu denken. Schau dir Birgit an: Drei Kinder, ein Mann, gut, er trinkt, aber er ist da! Aber du? Büros und Fitness? Egoistisch, Annegret. Trotzdem: Wir lieben dich. Großherzig. Auf die Familie!

Prost!, schmetterte Onkel Hubert.

Birgit kicherte. Ralf machte drohend eine geballte Faust, doch Annegret legte ihre Hand auf seine. Dann stand sie bedächtig auf. Der Saal verstummte. Ihr Lächeln ließ selbst den Ober zurückweichen.

Danke, Waltraud, sagte Annegret klar und laut. Jetzt sehe ich endlich klar. Ich war wohl wirklich egoistisch habe geglaubt, mein Geburtstag sei mein Fest. Ihr habt mir gezeigt, was wichtig ist: Familie.

Waltraud nickte zufrieden.

Und wo gerade von Großzügigkeit und Überraschungen die Rede ist, setzte Annegret an. Kellner!

Der junge Mann kam herbei.

Die Rechnung bitte.

Was? Schon?, wundert sich Birgit, löffelt Hummer. Wir haben doch nicht mal Nachtisch!

Macht euch keinen Stress, esst ruhig zu Ende, entgegnet Annegret freundlich.

Der Kellner legte die Mappe mit der Rechnung vor. Annegret schlug sie auf: eine Summe, für die man sich in Bayern einen gebrauchten Kleinwagen hätte kaufen können. Die Verwandtschaft hatte in zwei Stunden wie für ein ganzes Jahr gegessen und getrunken.

Mein lieber Schwan!, pfiff Waltraud durch die Zähne. Ralf, hol deine Karte raus!

Annegret klappte entspannt die Mappe zu, gab sie dem Ober zurück.

Bitte teilen Sie auf: zwei Caesar-Salate, zwei Ribeye-Steaks, Mineralwasser. Das ist unsere Bestellung getrennte Rechnung, wir haben getrennte Konten.

Stille. Eine Fliege summte über dem Sülzeteller.

Wie bitte?, Waltraud wurde rot. Annegret, das ist jetzt ein Witz?

Kein Scherz, sagte Annegret und hielt die Karte an das Gerät. Bezahlt. Biep.

Das kannst du nicht machen!, kreischte Birgit. Das ist DEIN Geburtstag! Du hast uns eingeladen!

Hab ich?, hob Annegret eine Augenbraue. Ihr habt doch gesagt: Überraschung!

Sie stand auf, richtete ihr Kleid und blickte herab.

Ihr seid uneingeladen zu meinem Fest erschienen, habt bestellt, was euch gefiel, mich in meinem Ehrentag beleidigt und beschämt. Schön Überraschungen sind toll. Aber denkt daran: Die Überraschung bezahlt, wer sie macht.

Ralf!, rief Waltraud theatralisch, griff sich ans Herz. Deine Frau ist verrückt geworden! Unternimm was! Mir wird ganz schwach!

Ralf erhob sich, blickte in die Runde. Seine Augen wanderten von Mutter zu Onkel Hubert, der verstohlen die Cognacflasche unter den Tisch schieben wollte, und dann zu Birgit mitsamt den sauberen Kindern, eingesaut in Soßen und Kuchen.

Mama, sagte er ruhig und standfest. Annegret hat recht. Ihr wolltet feiern, ihr habt es bekommen. Genießt den Abend. Wir gehen jetzt, wir haben besseres vor.

Er nahm Annegret sanft am Arm, führte sie hinaus.

Ihr Undankbaren!, schimpfte Waltraud, Herzproblem vergessen. Verflucht sollt ihr sein! Dass ihr nie Geld haben werdet! Birgit, ruf sofort die Polizei!

Ist unnötig, mischte sich der Restaurantleiter ein, ein stattlicher Mann mit Knopf im Ohr, hinter ihm zwei breite Sicherheitsleute. Aber die Rechnung muss beglichen werden. Komplett. Sofort.

Unter lautem Getöse und Gezeter verließen Annegret und Ralf das Lokal.

So viel Geld hab ich nicht!, jammerte Birgit. Hubert zahlt, der hat am meisten gegessen!

Ich?, empörte sich Hubert, rot im Gesicht. Höchstens den Salat probiert! Der ganze Rest war von Waltraud!

Wen nennst du alt?, keifte Waltraud los.

Draußen atmete Annegret tief durch. Erleichterung erfüllte sie.

Alles in Ordnung?, fragte Ralf, den Arm um ihre Schultern.

Weißt du, lächelte Annegret, diesmal ganz leicht. Das war das schönste Geschenk. Als hätte ich einen Rucksack voller Steine abgesetzt, den ich zehn Jahre getragen habe.

Sie werden uns das nie verzeihen, grinste Ralf.

Darauf hoffe ich, schmunzelte Annegret. Jetzt wissen sie: Überraschungen kommen auch mal zurück.

Epilog (eine Woche später)

Waltrauds Nummer war längst blockiert, doch die Neuigkeiten verbreiteten sich über Bekannte. Das Schicksal hatte die Gäste prompt ereilt: Bargeld hatten sie natürlich keines dabei, der Streit zog sich über zwei Stunden durch das Lokal.

Der Leiter blieb hart. Am Ende ließ Hubert seine goldene Taschenuhr zurück ein Erbstück, auf das er immer stolz war und unterschrieb einen Schuldschein. Birgit musste ihren Mann anrufen; der kam wutentbrannt auf den Parkplatz und tobte, als er den Betrag hörte. Das dafür gesparte Geld sollte für Winterreifen und die Autoreparatur sein für Birgit begann nun eine lange Sparphase.

Und Waltraud? Die Schwiegermutter wollte einen Herzinfarkt vortäuschen, doch der alarmierte Notarzt diagnostizierte lediglich Alkoholvergiftung und Völlerei. Sie musste ihre Notfallkasse opfern, mit der sie auf einen neuen Pelzmantel gespart hatte.

Doch die wirkliche Genugtuung: Die Verwandtschaft zerstritt sich. Birgit schimpfte auf die Mutter, diese auf Hubert, Hubert verlangte die Uhr zurück. Die Front gegen Annegret war dahin.

Annegret saß in ihrer Küche, trank Kaffee und las ein Buch. Es war ruhig. Das Telefon blieb stumm. Niemand forderte Geld, niemand gab kluge Ratschläge.

Gerechtigkeit ein Gericht, das man am besten kalt und mit getrennter Rechnung serviert.

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Homy
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