Es ist an der Zeit, vor den Traualtar zu treten.

Es wurde Zeit, zu heiraten.

Katrin hatte Glück sie bekam einen Job als Putzfrau in einem Treppenhaus eines noblen Hochhauses in München. Ganz zufällig. Eigentlich hatte sie gar nicht damit gerechnet, genommen zu werden. Sie war nur hingegangen, um sich nach einer Stelle im Nachbarhaus gleich gegenüber vom Studentenwohnheim der Ludwig-Maximilians-Universität zu erkundigen. Da wurde eine Reinigungskraft gesucht. Und plötzlich landete sie hier.

Der Anfang

Den hellen Marmorboden kannte Katrin inzwischen wie ihre Westentasche, mitsamt den kleinen Macken und Kratzern. Die Putzlappen hinterließen Schlieren, ihre Hände schwollen an in dem eiskalten Wasser und überzogen sich mit Blasen, aber nach ein, zwei Tagen wars meist wieder halb so wild. Der Hausmeister, ein grantiger Kerl, ließ sie nicht an den Warmwasserhahn. Selbst schuld, dachte sie sie hatte schließlich anfangs alle vier Treppenhäuser am Stück geputzt, anstatt pro Tag nur eins zu machen. Sie wollte dann lieber ein paar Tage nicht kommen es gab einfach zu viel anderes zu tun. Später beschränkte sie sich aufs Fegen und oberflächliches Wischen, nur einmal pro Woche putzte sie gründlich, bis alles blitzte.

Sie brauchte den Job. Hier war der Stundenlohn sogar besser als in den einfachen Mietskasernen nebendran.

Grüß Gott, danke für Ihre Mühe!, sagte einmal eine Dame mit elegant-zurückhaltender Erscheinung. Sie ging vorsichtig über den frisch gewischten Boden, hinterließ aber trotzdem ein paar schmutzige Spuren im nassen Bereich.

Grüß Gott, brummte Katrin und radierte die Spuren gleich wieder weg.

Wer weiß, vielleicht läuft sie ja selbst eines Tages über frisch gewischte Böden und bedankt sich pflichtschuldig bei der Putzfrau. Ganz bestimmt. Eines Tages. Aber bis dahin …

Sie würde notfalls mit dem Kopf durch die Wand gehen, aber nicht zurück nach Hause fahren. Sie MUSSTE studieren. Mit aufgesprungenen, schmerzenden Händen, ohne sich zu beklagen, aber zur Mutter würde sie nicht zurückkehren. Sie musste da raus, allein, ganz ohne Hilfe. Die Mutter war keine Hilfe. Die hatte selbst genug Ärger am Hals.

Die Mutter hatte ein paar Mal versucht, Katrins Probleme auf ganz ihre Weise zu lösen. Ganz einfach: Sie wollte sie gleich nach dem Abi verheiraten. Katrin hatte es nicht auf Anhieb an die Uni geschafft, war vorläufig nach Hause gezogen, hatte sich als Verkäuferin im Dorfladen angestellt, sich aber geschworen: Ein Jahr bereite ich mich vor, nächstes Jahr klappts garantiert.

Und dann klappte es tatsächlich.

Sie bekam einen Platz im Wohnheim. Fand eine WG-Partnerin Anja. Sie lebten im gleichen Zimmer. Gute Freundin, was die Sache natürlich nicht leichter machte. Gerade, wenn Katrin sich wieder mal Geld leihen musste oder mit aß von dem, was Anjas Eltern ihr schickten.

Und Katrin selbst? Mäntelchen mit Kaninchenfellkragen und Filzstiefel aus Omas Dorf …

Mama, ich weiß, dass du kein Geld hast, aber schick mir bitte Kartoffeln und falls überhaupt etwas Fleisch, schrieb sie im November, als das Geld alle war.

Katrin, komm doch heim. Hör auf, dir das Leben so schwer zu machen! Im Edeka nehmen sie dich. Geld gibts keins, Kartoffeln nehmen wir die Schrumpeligen von Müllers. Fleisch? Daran ist gar nicht zu denken, schrieb die Mutter zurück.

Von ihrem Bafög kaufte sich Katrin Schweineschwänze. Da ist nun wahrlich kein Fleisch dran bloß drei Knochen, einer riesig, zwei Knorpel. Aber wenigstens geben sie Brühe! Sie kochte sie auf der Gemeinschaftsküche des Wohnheims, und der ganze Flur roch nach Gärsuppe und undefinierbaren Aromen.

Im Winter kapierte sie endgültig, dass Bafög allein vorne und hinten nicht reichte. Die gutherzige Anja half, aber gerade das machte Katrin noch fertiger. Sie wollte ihre Armut nicht noch zelebrieren und suchte sich einen Nebenjob.

Du schaffst das doch nie mit dem ganzen Latein!, wandte Anja ein.

Doch, doch.

Katrin schlug ihr Lateinheft in Zeitungspapier ein. Gleich am ersten Arbeitstag wurde ihr klar: Wer das Heft mit nassen, dreckigen Fingern anfasst, kann es hinterher wegschmeißen. Also steckte sie es im Treppenhaus aus der Jackentasche, las ein paar Vokabeln, schwenkte dann wieder den Mopp und murmelte die Wörter leise vor sich hin, um sie auswendig zu lernen. Manchmal vergaß sie über der Arbeit völlig, wo und was sie war. Vor dem inneren Auge liefen die Unigeschichten ab …

Es gab an der Uni auch andere wie sie ständig pleite. Aber auch das Gegenteil.

Katrin, willst du mal in die Vogue reinschauen?

Ein paar Kommilitoninnen drückten sich im Seminarraum ein Stockwerk höher herum. Sie lächelten sich zu, verbargen ihre Lippen hinter schmalen Rouge-Strichen. Die eine mit Lederweste und Karottenhosen, die andere in einem lässigen Jeanskleid, reichte ihr das Magazin großzügig rüber. Auf dem Gesicht der Ausdruck: Wird dir eh nichts helfen, aber guck ruhig, wie Menschen eigentlich aussehen sollten.

Vor solchen hatte Katrin keinen Respekt zu verlieren, aber Anja gegenüber …

Sie magerte ab, ihre Nase lief ununterbrochen, der Hals schmerzte, und trotzdem ging sie mit Fieber zu jeder Vorlesung. Die erste Klausurenphase schrieb sie total krank. Aber immerhin die Note reichte fürs Bafög.

Was ist mit Ihren Händen?, fragte der Professor und schaute auf die rotgerissenen, schwieligen Finger.

Allergie, log sie.

Sie musste jetzt nur noch das erste Jahr durchstehen. Und helfen konnte ihr niemand.

***

***

Sebastian der Namensvetter von jeder dritten bayerischen Geburtsurkunde hatte Ware aus der Fabrik zum Lager am Stadtrand von München gebracht. Er war derjenige, der Inventur machte, und half, obwohl nicht seine Aufgabe, auch immer beim Abladen der Kisten. Das Wetter war grauenvoll: Schneematsch, Dreck, Wasser das perfekte bayerisch-gemütlich.

Plötzlich hörte er seinen Namen. Jemand rief ihn. Er drehte sich um. Im Tor stand ein Mädchen, dünn wie ein Teenager. Grauer Mantel, schmale Beine in Stoffstiefeln, dazu wirres, verstrubbeltes Haar eher Vogelfedern als Frisur, so wie der Wind es gezaust hatte.

Katrin? Er ließ sofort die Kiste fallen und rannte hin. Katrin! Heidanei, wo kommst du denn her? Er vergaß sogar, zu grüßen.

Ach … ich arbeite jetzt hier, winkte sie vage ab.

Sie lächelte. Wahrscheinlich war die Bekanntschaft letztes Jahr im bayerischen Kuhdorf nicht ausnehmend prickelnd verlaufen. Aber wenn man in einer großen Stadt einen trifft, den man von zu Hause kennt, ist das einfach ein Geschenk.

Sebastian lächelte zurück.

Deine Mutter schrieb, du hast es ins Medizinstudium geschafft!

Habe ich, nickte sie. Und es läuft gut, der Nebenjob ist nur zur Abwechslung für die Psyche, quasi.

Das Bild rundete sich, Sebastian erinnerte sich an ihre Lage.

Und, bekommts dir die Mama?

Ihr Blick fiel in den Keller, wurde dunkler. Er bereute sofort, gefragt zu haben, spürte, wie schwierig das Thema für sie war. Doch sie hielt verbissen ihr freundliches Gesicht.

Freilich. Aber sag mal, was machst du hier?

Transport der Ware. Bin eher der Papierkramtyp, aber …

Ach was, du brauchst dich nicht rechtfertigen. Es ist halt schön, einen von daheim zu treffen. Aber jetzt muss ich los! Der Bus wartet nicht. Sie winkte und hüpfte über die Pfützen oder flog, wie ein halb erfrorener Spatz.

Sebastian musste auch noch ins Lager. Als er später aus dem Fenster spähte Katrin war nirgends mehr zu sehen. Spurlos davongeflogen, wie ein Vogel. Ihre schmale Figur, die aschgrauen, verwehten Haare, ihr dünnes, blasses Gesicht, die kalten, roten Hände, all das ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Je mehr Zeit verstrich, desto öfter dachte er an sie. Schon krass, wie stur die war und wirklich das Studium durchgezogen. Aber geholfen scheint die Mutter nicht zu haben. Eher unwahrscheinlich.

Auch bei Sebastian hatte sich einiges getan. Er hatte in diesem Jahr jemanden kennengelernt Franziska. Keine Kandidatin für die große Liebe, aber immerhin. Es war so eine On-Off-Sache ihr Ex war Alkoholiker und Mitarbeiter in seiner Firma, sie stritten sich, versöhnten sich, trennten sich. Eigentlich war alles längst aus. Sebastian wusste das, konnte aber nicht loslassen. Gerade war Franziska wieder zurück zum Ex.

Zwei Tage nach dem Treffen mit Katrin hielt es Sebastian nicht mehr aus am Wochenende zog er los auf die Jagd nach dem Medizinerwohnheim. Eines fand er, aber ach … davon gabs gleich mehrere! Immerhin lagen sie alle nah beieinander. Er fragte sich langsam durch.

Entschuldigen Sie, wohnt hier zufällig eine Katrin Baumgartner?

Die Reaktionen des Empfangpersonals reichten von grantig bis gleichgültig, aber irgendwann hatte er Glück.

Jaja, die wohnt bei uns. Und Sie sind wer?

Wir kommen aus dem gleichen Dorf.

Die Pförtnerin telefonierte, aber es kam nicht Katrin, sondern eine andere Studentin.

Hallo. Katrin ist nicht da, die ist arbeiten.

Arbeiten? Wo denn genau?

Und warum genau möchten Sie das wissen?

Ach, einfach so. Früher, zu Hause, wurde mir mal die Rolle als Bräutigam für sie angedichtet, witzelte Sebastian. Wollte nur hören, wies meiner Rettungsärztin in spe so geht.

Er versuchte, es locker zu sagen, doch bei der Studentin kam das gar nicht an. Sie sah ihm direkt in die Augen. Er wurde nervös.

Sie macht das super. Hat die Prüfungen mit Bravour bestanden einen Punkt besser als ich. Katrin will unbedingt Ärztin werden, das ist ihr erklärtes Ziel!

Sebastian hörte in ihren Worten irgendwie Vorwurf und ein bisschen Stolz.

Freu mich echt für sie. Wissen Sie, wann sie ungefähr wieder im Wohnheim ist?

Keine Ahnung. Das variiert.

Sebastian wurde ehrlich.

Ich weiß, dass ihre Mutter nicht wollte, dass sie studiert. Unterstützt sie überhaupt? Nein, nicht wirklich, was? Er setzte sich auf eine Bank im Flur.

Das Mädchen kam, setzte sich dazu.

Ist tatsächlich hart für Katrin. Am Wochenende jobbt sie. Und dazu ist sie noch krank. Sie sollte eigentlich das Bett hüten! Heute früh ist sie kaum aufgestanden, ich hab sie noch ermahnt, aber … naja, sie nimmt keine Hilfe an. Ich sags ihr, dass Sie da waren. Wie heißen Sie?

Sebastian. Und ich komme auf jeden Fall wieder vorbei. Wissen Sie, wann sie nächste Woche sicher da ist?

Tatsächlich kam er früher zurück. Er ging noch mal einkaufen Brathähnchen, Bonbons, teurere Sachen, und übergab der Studentin Anja eine volle Einkaufstüte.

Das hätten Sie lassen sollen! Sie nimmt nie was von Fremden. Und von mir auch nicht.

Dann sagen Sie, es wurde von jemandem aus dem Dorf überreicht. Ich komm morgen Abend noch mal vorbei.

Aber nur bis neun, sonst lassen die Sie nicht mehr rein.

Am nächsten Tag traf er Katrin dann persönlich. Nur war sie krank wie ein Hund Hals dick eingewickelt, rote Augen, Fieber. Im kalten Flur des Wohnheims blieb keine Zeit für große Reden Sebastian schickte sie sofort zurück ins Bett und raste zur Apotheke. Er kaufte Medizin gleich für ein Drittel seines Gehalts und Honig. Wieder gab er alles an Anja, die sich herzlich bedankte.

Umso überraschter war er, als er zwei Tage später erfuhr, dass Katrin schon wieder bei der Arbeit war.

Meinen Sie, ich hätte sie nicht genügend bequatscht? Ihre Dickköpfigkeit ist legendär! Kaum geht es ihr besser, ist sie wieder los. Sie hat panische Angst, den Job zu verlieren. Anja seufzte. Wie soll sie eigentlich Eimer voll Wasser die Treppen hochtragen, so krank wie sie ist? Plötzlich hielt sie inne, schien etwas zu verraten. Ohje, das sollte ich gar nicht sagen …

Anja, sag jetzt, WO arbeitet sie? Du bist ihre beste Freundin wenn sie sich weiter schindet, ist keinem geholfen!

Also rückte sie mit der Adresse raus. Sebastian sprang sofort zu einem Taxi, murmelte wütend vor sich hin. Dickschädel! Aber was blieb Katrin auch übrig, wenn sie weiter studieren wollte?

Er rannte wie der Blitz von einem Treppenhaus zum nächsten … Im dritten hörte er von unten schon das Wischen. Ganz ruhig ging er hoch wollte sie nicht erschrecken. Die Putzfrau wich ihm routiniert aus, dachte, es wäre ein Mieter, lehnte sich gegen die Wand. Augen halb zu vor lauter Erschöpfung. Er trat näher, sie begann, mit letzter Kraft weiterzuwischen, rot und verschwitzt vor Anstrengung. Von fliegen konnte dieser Spatz längst nicht mehr träumen.

Sebastian griff kurzerhand zur Schrubberbürste.

So, jetzt her damit. Das ist doch alles Schlierensuppe hier! Handschuhe aus, ab auf die Heizung. Und keinen Mucks mehr!

Der Befehlston wirkte Wunder. Katrin blinzelte, strich sich mit der Hand über die Stirn, zog brav die Gummihandschuhe aus. Sebastian schlüpfte hinein, wrang den triefenden Putzlappen in eisigem Wasser aus und machte sich mit Schwung an die Stufen.

Nach fünf Minuten blickte er zu Katrin hinüber. Die saß auf einer Fensterbank, hatte die Augen zu, den Kopf angelehnt, schlief fast im Sitzen ein. Perfekt. Er legte ihr seine Jacke auf die Knie und ging neues Wasser holen.

Warum ist eigentlich der Warmwasserhahn abgedreht?, fragte er einen Bewohner, der an ihm vorbeilief.

Das fragen Sie am besten den alten Herrn in Nummer sechszehn.

Sebastian stapfte in den sechsten Stock. Der Typ stellte sich stur. Wasser aufmachen? Geht gar nicht!

Wer sind Sie eigentlich? Was mischen Sie sich hier überhaupt ein?

Hören Sie, Ihre Putzfrau plagt sich mit Fieber am eiskalten Wasser ab! Draußen ist Winter, und Sie sperren das Warmwasser? Soll sie hier erfrieren? Ich kann Ihnen auch was dafür geben.

Geld nahm der Mann keins, aber Sebastian überzeugte ihn mit Nachdruck. Warmwasser bekam Katrin jedenfalls ab jetzt.

Sebastian, musst du denn ständig den Helden spielen? murrte sie. Ich hab mich genug ausgeruht!

Er war sauer und unerbittlich. Weiter wischen durfte sie nicht. Er putzte die restlichen Treppenhäuser allein fertig. Katrin fehlte sowieso die Kraft für Widerstand.

Mit dem Taxi gings zurück. Er packte sie beinahe mit Gewalt ins Auto.

Katrin, was tust du dir an? Du bist nicht genesen! Anja sagte, du hast die ganze Nacht gehustet. Willst du dich umbringen?

Quatsch. Wirklich, du weißt ja nicht, wie viele sich um diesen Putzjob reißen …

Du bist doch Studentin! Du solltest lernen, nicht Treppenhäuser schrubben. Ist das denn deiner Mutter egal? Er drehte sich weg über andere Mütter schlecht zu reden, war nicht sein Ding.

Katrin schaute verzweifelt.

Ich war eine Zeit lang sauer, Sebastian. Aber am Ende begriff ich: Sie kann einfach nicht helfen. Sie hat sich damals kaum um meine kleinen Brüder gekümmert, wer soll dann Zeit und Kraft für mich aufbringen? Omi hat mich großgezogen, Mama denkt immer, ich komme schon klar. Und irgendwie sieht sie selber in mir diejenige, die helfen muss, nicht umgekehrt.

Und wie lang willst du noch so weiter machen? Du bist im ersten Jahr vier Jahre kommen noch.

Ach was. Das erste Jahr ist das härteste. Im Sommer jobbe ich wie verrückt, und ab dem dritten Semester dürfen wir endlich im Krankenhaus arbeiten. Ich muss einfach nur jetzt über die Runden kommen und wieder gesund werden. Sie hustete mit Pfeifen.

Sebastian zerbrach sich wochenlang den Kopf, wie er helfen könnte. Geld wollte sie keines, Lebensmittel auch nicht. Zum Glück war es ein Medizinstudium wenigstens schieden sie ärztliche KollegInnen nicht aus. Medikamente nahmen die Freunde immerhin an.

Die clevere Lösung: Eine Geheimabmachung mit Anja! Sie rief ihm immer durch, wenn Katrin zur Arbeit aufbrach. Sebastian hatte ohnehin Festnetz und Handy in der Firma und zu Hause also sprintete er dann gleich los. Sie rüsteten sich mit einer zweiten Schrubberbürste aus, arbeiteten jetzt im Team. Er schleppte abwechselnd warmes Wasser. Zusammen ging alles schneller und war sogar lustig sie redeten über Gott und die Welt und fanden zueinander.

Und was sagt dein Arbeitgeber, wenn du einfach verschwindest?

Ich bin Kurierfahrer. Zwei Stündchen fallen kaum auf.

Super. Kurier schrubbt jetzt Böden. Warum tust du dir das an, Sebastian?, fragte Katrin manchmal mit leicht traurigem Blick.

Na, nenn es Nachbarschaftshilfe. Ich helfe eben meiner Landsfrau.

Eines Tages, nach dem gemeinsamen Putzeinsatz, lud Sebastian sie zu sich nach Hause ein. Katrin lehnte erst ab. Also schlug er vor, sie und Anja auf einen gemütlichen Sonntagskaffee einzuladen. Sie kamen auch wirklich vorbei sogar mit einem Kuchen, obwohl in Sebastians Küche längst einer wartete.

Die Stimmung war ausgelassen.

Katrin, weißt du eigentlich, wie Sebastian sich bei unserer ersten Begegnung vorgestellt hat? Hat steif und fest behauptet, er sei dein Verlobter, lachte Anja.

Ja ja, da gibts Geschichten … Katrin grinste. Aber als Braut tauge ich eh nicht viel. Mein einziges Mitgift: gewischte Treppenhäuser!

Und ich nehme dich auch mit so einem Mitgift!, rutschte es Sebastian auf einmal raus.

Alle verstummten. Sebastian wurde etwas steif Mist, jetzt hatte ers ruiniert. Katrin nahm Unabhängigkeit ganz genau. Aber Anja rettete die Situation:

Na dann, ich bin die Hochzeitsmaklerin. Angebot ist da, Katrin willst du es annehmen? Sie grinste, musterte ihre Freundin. Katrin, hörst du?

Katrin seufzte tief, schaute Sebastian an. Er begriff, dass es jetzt wirklich ernst wurde.

Katrin, ergriff er ihre Hand, willst du meine Frau werden? Reichtum kann ich nicht bieten, aber du könntest weiterstudieren, ich verdiene ordentlich, aber das ists nicht. Ich weiß nur … ich träume seit Wochen davon. Ehrlich! Etwas verlegen lächelte er. Und überhaupt, es wird höchste Zeit, dass ich heirate. Meine Mutter würde Luftsprünge machen!

Katrin lächelte.

Echt? Katrin ja?, fragte Anja nach.

Nun ja … ich überlege es mir.

Sebastian war überglücklich. Ein kleiner, aber echter Schritt. Worte waren nicht seine Stärke, aber das Handeln zählte mehr.

Und tatsächlich: Einen Monat später sagte Katrin Ja. Der kleine, zitternde Spatz, so frei und einsam wie er, hatte ein Nest gefunden. So kam es Sebastian vor und er hoffte, dass sie es wie ein richtiges Zuhause annehmen würde. Er liebte Katrin wirklich.

Er malte sich aus, wie sie irgendwann abends in der Küche sitzen, von ihrer gemeinsamen Kindheit im bayerischen Dorf erzählen würden, ihren Kindern davon vorschwärmen und wie sie die Kleinen im Sommer zu den beiden Omas aufs Land bringen könnten.

Du, Katrin, sagte er einmal, ist es nicht verrückt, dass ich wegen dieser Verkuppelung damals in unser Kaff gefahren bin? Wärst du in der Stadt stehengeblieben, hättest du mich ohne das nicht mal angeschaut! Wärst glatt an mir vorbeigelaufen! So …, er zog sie an sich, so verlier ich dich nie wieder.

Ich konnte gestern im Edeka nicht über den frisch gewischten Boden gehen, als die Putzfrau dort arbeitete. Das bleibt wohl für immer.

Was soll’s? du bist eben so. Und ich wollte immer eine Frau, die aus meinem Dorf stammt. Dann war das Verkuppeln doch nicht umsonst. Unsere Mütter hatten recht. Prost, auf die Kupplerinnen!Sebastian grinste. Meinst du, in zwanzig Jahren lachst du über all das?

Katrin lehnte sich an ihn. Ihre Hände, längst wieder glatt, hielten seine. Vielleicht. Aber ich glaube, ich vergesse nie, wie viel Arbeit hinter frischem Glanz steckt. Egal, ob auf Böden oder im Leben.

Draußen läuteten irgendwo Glocken. Frühling lag in der Luft. Sie blickten gemeinsam aus dem Fenster, hinüber zu den Dächern der Stadt, wo das Licht tanzte.

Weißt du, sagte Sebastian leise, ich hab nie gewusst, wie sehr einen ein Ja verändert. Und doch fühlt es sich so an, als hätte ich dich schon immer gesucht.

Manchmal, flüsterte Katrin, muss man mit dem Kopf durch die Wand, damit hinterher eine Tür offensteht.

Sebastian lachte, zog sie näher. Und für alle künftigen Türen gehst du nicht mehr allein hindurch, Katrin.

Sie nickte, lächelte und als draußen ein Kind lachte, die Luft nach Hoffnung roch, beschlossen sie, dass ihr gemeinsames Zuhause schon längst angefangen hatte. Nicht mit der Hochzeit. Nicht mit dem Geld. Sondern mit dem festen Entschluss, miteinander jede Stufe zu nehmen egal wie steil.

Hände verschränkt, Herzen weicher als frisch gewischter Marmor, wussten sie: Manchmal reicht ein doppeltes Ja, damit das Glück sich ungefragt zu ihnen setzt und bleibt.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Es ist an der Zeit, vor den Traualtar zu treten.
Zwei Freundinnen, zwei Schicksale