Friederike fand einfach nie ihr Glück. Bald würde sie vierzig werden, und immer noch lebte sie allein. Dabei hatte ihr das Leben an Gaben nicht gegeizt: klug, hübsch, mit einem angesehenen Beruf und einer guten Bezahlung nur das Glück als Frau fehlte.
Ihre Eltern, Lieselotte und Heinrich Brenner, machten sich große Sorgen um ihre Tochter. Sie unterstützten sie, mehr seelisch als materiell, denn Friederike hätte selbst sie finanziell unterstützen können, wenn sie wollten. Doch immer lehnten sie dankend ab.
Du, bleib bei uns wohnen, mein Kind, wir haben doch genug Platz! Das Geld kannst du später einmal brauchen wenn du dein Glück gefunden hast, meinte Lieselotte oft, und Heinrich nickte zustimmend.
Jeden Tag taten sie Friederike leid, wenn sie müde von der Arbeit heimkehrte.
Ach, und niemand außer uns beiden bedauert dich, mein armes Mädchen, seufzte die Mutter.
Wenn wir einmal nicht mehr sind, wird es schwer für dich sein. Niemand, dem du dein Herz ausschütten kannst! Du musst dein Glück finden, Tochter!, fügte der Vater hinzu.
Abends saßen sie dann zu dritt vorm Fernseher. So verging Jahr um Jahr, Tag für Tag, auf der Suche nach Glück vor dem Fernseher. Es war so eintönig, dass man schon vom bloßen Gedanken daran gähnen musste.
Ganz besonders seltsam fand Friederike diese Anspielungen vom Vater: Wenn wir mal nicht mehr sind. Immerhin hatten sich Lieselotte und Heinrich jung verliebt und geheiratet, sie waren beide gerade neunzehn, als Friederike geboren wurde. Für solche Abschiedsworte schien es eigentlich zu früh.
Auch Friederike hatte während ihres Studiums jemanden kennengelernt Bernd. Er war groß und etwas tapsig. Ein lustiger Kerl. Wo er auch vorbeiging, schien immer etwas zu Bruch zu gehen Gläser, Blumenvasen, nichts blieb heil.
Lieselotte witzelte über ihn und nannte ihn Bernd, der Scherbenhaufen oder die wandelnde Katastrophe.
Heinrich imitierte stets, wie Bernd mit schrägen Beinen Sachen hinterherrannte, die zu Boden fielen.
Kind, das ist kein Glück! Der bringt nur Pech! Was immer er anfasst, geht kaputt. Das ist nicht der Richtige für dich!, versuchten die Eltern, sie mit freundlichen Worten vom Verlobten abzubringen.
Und nach und nach nagte das an Friederike; je länger sie darauf hörte, desto weniger schien Bernd ihr Glück zu sein.
Aber die Eltern täuschten sich: Nach dem Studium gründete Bernd eine eigene Kanzlei, heiratete eine Frau, die seine Ungeschicklichkeit charmant fand. Sie lebten nun außerhalb der Stadt in einem eigenen Haus, denn Bernd brauchte viel Platz.
Irgendwo läuft Friederikchens Glück noch herum, das musst du finden!, trösteten sich Lieselotte und Heinrich und auch ihre Tochter.
Doch im Grunde war ihre Familie herzlich, voller Zusammenhalt. Vor einigen Monaten reisten sie alle zusammen nach Griechenland das war der große Sommerurlaub. Jetzt schauten sie abends oft gemeinsam die Urlaubsfotos an: Wie sie gebadet hatten, wie sie Sonne und gutes Essen genossen schöne Erinnerungen!
Dort lernte Friederike einen Mann kennen, den sie sympathisch fand Alexander, aus Österreich.
Und auch diesen Verehrer nahmen sich Friederikes Eltern in altbekannter Art zur Brust. Na, so schnell ist uns der Urlaubsliebelei mit Alexander aus Österreich ins Haus geflattert!, scherzte Lieselotte.
Heinrich steckte sich ein Kissen unters Hemd und stapfte im Hotelzimmer herum, als wolle er Alexander als dick und unbeholfen darstellen.
Friederike wurde richtig traurig, denn Alexander war nicht dick: Er war ein massiger, aber sehr gebildeter Mann, und abends am Strand erzählte er gern von Sternen, zeigte ihr am Himmel verschiedene Sternbilder. Trotz der Skepsis der Eltern hinterließ sie Alexander ihre Telefonnummer.
Doch kaum waren sie daheim angekommen und die Eltern hörten, dass Friederike und Alexander noch Kontakt hatten, sagte Lieselotte:
Urlaubsflirts sind nichts für dich! Das hat noch nie in eine ordentliche Beziehung geführt!
Es war egal, dass weder Friederike noch Alexander Familie hatten für ihre Mutter zählte, dass es aus dem Urlaub stammte und dem Untergang geweiht war.
Mach dich weiter auf die Suche nach deinem Glück! Wir helfen dir bei allem, du kannst dich auf uns verlassen, unser liebes Mädchen!, beschwor Heinrich Friederike.
Wenn der Sommer kam, fuhren sie gemeinsam aufs Land in den Schrebergarten. Fluss, Natur, Tee unter dem Apfelbaum, Grillen auf der Terrasse alles selbst gezogen, Gemüse und Obst. Die Garten-Nachbarn kamen zu Besuch, plauderten, lachten.
Eines Tages kamen Nachbarn mit ihrem Sohn Paul vorbei und seinem kleinen Jungen Franz, etwa fünf Jahre alt. Beide hatten helles Haar, blaue Augen, Sommersprossen und abstehende Ohren wie aus einem Guss.
Sie hörten später von den Nachbarn, dass Pauls Frau ihn verlassen und zu einem Geschäftsmann gegangen war. Der Junge war dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten das Kind wollte der neue Mann nicht haben, also blieb Paul mit Franz allein zurück.
Friederike mochte Paul und den kleinen Franz sofort da war etwas Warmes, Rührendes zwischen ihnen. Zwischen Paul und ihr flackerte sofort eine zarte Harmonie, und auch Franz suchte immer wieder ihre Nähe.
Natürlich machte Lieselotte sich wieder scherzend über die Bindung ihrer Tochter lustig: Paul hat das ganze Möhrchen weggefuttert, die letzte ließ er dir! Die wollten ihn doch absichtlich herlotsen, dass du ihn kennenlernst! Wozu brauchst du einen Mann mit Anhängsel?
Auch Heinrich schüttelte den Kopf: Als ob eine Frau einen anständigen Mann mit Kind verlässt! Dem fehlte wohl etwas
Erstmals widersprach Friederike ihrem Vater:
Gerade wenn ein Mann gut ist, hat eine Frau keine Angst, ihm das Kind zu lassen! Sie weiß, er kümmert sich.
Aber Heinrich blieb stur. Das ist nicht dein Glück, Friederike. Wir wollen eigene Enkel haben, keine fremden! Wir möchten kleine Hände halten, kleine Füßchen durch die Wohnung tapsen hören
Danach brach der Kontakt zu den Nachbarn abrupt ab: Lieselotte und Heinrich sagten alles, was sie dachten, ohne Rücksicht und Inhalt der nachbarschaftliche Friede war dahin.
Wieder saßen Lieselotte und Heinrich allein unterm Apfelbaum, klagten über das ausbleibende Glück ihrer Tochter. So verstrich der Sommer in Wehmut.
Doch Friederikes Herz schlug inzwischen für Paul und Franz sie liebte beide innig, ebenso wie ihre Eltern. Sie wollte die beiden nicht enttäuschen und fühlte sich fast schuldig, dass sie sich nicht in den richtigen Mann verliebt hatte, wie es sich Lieselotte und Heinrich vorgestellt hätten. So verließen sie zu dritt den Garten, als der Sommer vorbei war, zurück in ihre Stadtwohnung.
Ihre Eltern liebten Friederike trotzdem, und so wurde im kühlen Herbst niemand mehr erwähnt weder Paul noch Franz.
Eines regnerischen Abends jedoch sah Friederike ein kleines, zitterndes rotgetigertes Kätzchen, das ausgerechnet unter einem Auto Unterschlupf suchte, durchnässt und elend. Es erinnerte sie an Franz ganz allein auf der Welt, im falschen Moment an einem gefährlichen Ort.
Spontan hob Friederike das Kätzchen auf, steckte es unter ihre Jacke, versuchte es zu wärmen. Es war ihr egal, dass es nass und schmutzig war sie wollte es einfach nur beschützen.
Zu Hause rubbelte sie den kleinen Kater trocken, schenkte ihm eine Schale Milch und beobachtete, wie der Kleine mit seinem rosa Zünglein schmatzend trank.
Der arme Kerl, hat sicher Hunger, dachte sie.
Kurz darauf tauchten Lieselotte und Heinrich im Türrahmen der Küche auf. Beide waren eher irritiert als gerührt.
Und was sollen wir nun mit dem Kätzchen machen?, fragte der Vater ratlos.
Das Tierchen hatte nach dem Essen eine Stelle auf dem Küchenboden auserkoren und hinterließ eine kleine Pfütze.
Friederike war kaum dazu gekommen, ein Taschentuch zu holen, da tönte schon Lieselottes empörter Ruf:
Schaff das sofort raus! Das macht uns alles dreckig, zerkratzt die Möbel, zerfetzt die Tapeten! Heinrich, sag auch was! Für so was ist in unserem Haus kein Platz!
Der Vater pflichtete ihr bei: Du weißt doch am Ende riecht alles nach Katze, und die Leute machen einen großen Bogen um uns!
Aber Mama, Papa, seht ihn euch doch an wir bringen ihm das Katzenklo bei, und Platz genug haben wir doch wirklich!, warf Friederike ein.
Doch Lieselotte schlug das Angebot mit einer entschiedenen Geste aus.
Das brauchst du uns nicht! Bring ihn ins Tierheim! Die nehmen alle Streuner auf. Und wenn sie nicht wollen, droh ihnen einen Zeitungsartikel an!, befahl Heinrich, um mit der Zeitung zu wedeln.
Friederike nahm wortlos das Kätzchen, zog sich die Jacke an und schlug die Wohnungstür hinter sich zu.
Ihr Herz war schwer, sie fragte sich, wie es sein konnte, dass sie mit vierzig weder Ehemann noch Kind, nicht einmal ein eigenes Dach über dem Kopf hatte nicht mal einen eigenen kleinen Lebensraum für sich und ein Kätzchen.
Sie wollte ein Zuhause, und sei es nur ein kleines Zimmer! Einen Ort, wo sie sie selbst sein durfte.
Statt zum Tierheim zu fahren, bog Friederike ins nächste Immobilienbüro ab.
Bald hatte sie eine kleine Einzimmerwohnung gefunden ausdrücklich mit dem Vermerk Haustiere erlaubt.
Zum ersten Mal fühlte sie sich wie eine echte Herrin in ihrem eigenen Heim. Zuerst kaufte sie für das Kätzchen alles Nötige. Der Tierarzt stellte fest, es war ein Mädchen, etwa zwei Monate alt Friederike nannte sie Lilli.
Auf einmal war sie zumindest etwas glücklicher als zuvor. Lilli erinnerte sie immer an Franz und Paul; ihr neues Leben begann.
Einige Zeit später klingelte plötzlich das Telefon. Niemals hätte Friederike mit diesem Anruf gerechnet denn Lieselotte und Heinrich hatten sich gründlich mit den Gartennachbarn zerstritten. Doch Paul meldete sich.
Ganz unaufgeregt sagte er: Hallo, wie gehts dir? Franz will dir was sagen!
Friederike lächelte; sie erinnerte sich plötzlich an Franz lustige Sommersprossen.
Friederike! Wir vermissen dich! Besuch uns doch mal!, rief die Kinderstimme.
Ich komme, aber ich bringe das Kätzchen mit, ja?, fragte sie.
Paul lachte in den Hörer: Bring doch den halben Zirkus mit, wenn du magst! Sag einfach, wo du wohnst wir holen dich ab!
So fand Friederike doch noch ihr Glück ganz entgegen aller Erwartungen mit Paul, Franz und ihrer Lilli. Bald schon sollte Franz ein Geschwisterchen bekommen egal ob Junge oder Mädchen.
Ihre Eltern vergaß Friederike trotzdem nie. Sie rief Lieselotte und Heinrich oft an, berichtete, dass es ihr gut gehe, dass sie glücklich sei.
Es war vielleicht nicht das Glück, das sie sich für ihr Kind gewünscht hatten aber es war ihr eigenes.
Vielleicht werden Lieselotte und Heinrich eines Tages verstehen und sich von Herzen für Friederike freuen können. Und vielleicht so Gott will dürfen auch sie noch die kleinen Hände halten und das leise Trappeln von Kinderfüßen durch ihre Wohnung hören.





